Eine Weihnachtsgeschichte

Ein Beitrag von Sybille Przybilla

Es war einer dieser wunderschönen Spätsommertage: Das raschelnde Laub, wie von einem großen Pinsel in warme, bunte Herbstfarben getaucht, hatte etwas Meditatives. Am Himmel schwebte ein Herbstwölkchen und die etwas kühler werdenden Temperaturen ließen erahnen, dass sich die Natur im Wandel befand und sie sich bald in einem neuen Kleid zeigen sollte.

Am Himmel zeichneten Kondensstreifen langgezogene Linien. Ja, war denn der Weihnachtsmann mit seinem Rentierschlitten bereits auf Übungsfahrt für die bald bevorstehenden Auslieferungs-Weihnachtsfahrten?

Ich pustete, immer noch in Gedanken versunken, entspannt eine Haarlocke aus meinem Gesicht, erhob mich vom sonnenerwärmten Wiesenboden, auf welchem ich mich nach einem ausgedehnten Spaziergang niedergelassen hatte und kurz eingenickt war. Weiterlesen

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Buchtip: Rückgang der Nachtfalter-Fauna Baden-Württembergs

Achtung: Ganz unten gibt es Links zu kostenlosen Downloads der Artenlisten und Tabellen aus den Büchern.

Wandel der Nachtfalter-Fauna Baden-Württembergs seit 1970
Von Oliver Karbiener & Robert Trusch
Unter Mitarbeit von Ulrike Eberius, Michael Falkenberg, Axel Hofmann, Karl Hofsäß, Jörg-Uwe Meineke, Ulrich Ratzel, Rudolf Schick & Axel Steiner
Kartierung: Iris Asal-Brunner, Joachim Asal, Walter Bantle, Daniel Bartsch, Petra Birkwald, Ralf Bolz, Armin Dett, Hermann-Josef Falkenhahn, Herbert Fuchs, Stefan Hafner, Karl Hofsäss, Oliver Karbiener, Uwe Knorr, Jörg-Uwe Meineke, Rolf Mörtter, Georg Paulus, Erwin Rennwald, Rudolf Schick & Axel Steiner
Andrias 22, Band I+II, zusammen 808 S., 620 Abb. (895 Einzelabb.), 159 Tab., Fadenheftung, fest gebunden.
ISBN: 978-3-925631-18-4
Preis: € 120,- (zzgl. Porto und Versand)
(Wer wirklich interessiert ist, sollte rasch zugreifen, denn die Bände sind nur in kleiner Auflage erschienen.)
Bestellungen bitte an:
Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe, Bibliothek
c/o Dr. Michael Rauhe (michael.rauhe@smnk.de)
Erbprinzenstraße 13
76133 Karlsruhe

Baden-Württemberg/Karlsruhe. In den vergangenen 50 Jahren nahm der Bestand der Nachtfalter in Baden-Württemberg besorgniserregend ab. Das belegten von der LUBW Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg und dem Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe bereits im Herbst 2021 veröffentlichte Daten eines umfangreichen Monitorings. Vorsichtig interpretiert, wiesen die Daten einen Rückgang von 25 Prozent der Individuen nach. In den letzten Monaten haben die beiden Institutionen die Monitoringdaten wissen­schaftlich ausgewertet und für ausgewählte Faktoren geprüft, welchen Einfluss sie auf den gravierenden Rückgang der Nachtfalter haben. Die Ergebnisse wurden nun veröffentlicht.

Lebensgrundlage Vielfalt
„Nachtfalter sind hochgradig an ihre Lebensräume angepasst. Verschwindet die Vielfalt der Lebensräume, geht auch die Vielfalt der Arten zurück. Genau das ist in Baden-Württemberg in den letzten 50 Jahren passiert“, mit diesen Worten fasst Dr. Ulrich Maurer, Präsident der LUBW Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg, die zahlreichen Einzelbefunde der rund 800-seitigen wissenschaftlichen Auswertungen des Naturkundemuseums zusammen und betont: „Die Entwicklung der Nachtfalterpopulation steht exemplarisch für unsere Insekten in Baden-Württemberg.“

Verlust von Lebensräumen ist eine Ursache für Rückgang
In dem Forschungsbericht wurden insgesamt 868 Nachtfalterarten erfasst. Der Großteil der heimischen Nachtfalter ist hochgradig an bestimmte Lebensräume angepasst. Die Analyse belegt eine Abnahme der Artenzahlen für alle Biotoptypen. Jedoch ist dieser Trend je nach Lebensraum unterschiedlich stark. Besonders deutlich ist die Abnahme in Feuchtgebieten großräumig ebener Lagen. Die geringsten Rückgänge des Artenreichtums wurden für Trockenwälder beobachtet.

Arten nährstoffarmer Standorte des Offenlandes sind am stärksten betroffen
Nährstoffarme Standorte des Offenlands weisen mit minus 15 Prozent einen überdurch­schnittlich hohen Verlust an Nachtfalterarten auf. Zu den nährstoffarmen Lebensräumen zählen trockene Biotope wie Magerrasen, Heiden und Felsfluren, aber auch feuchte Biotope wie Niedermoore, Feuchtgrünland sowie feuchte Gebüsche und Säume. Nachtfalterarten wie das Trockenrasen-Flechtenbärchen (Setina irrorella) oder die Röhricht-Goldeule (Plusia festucae) sind auf genau solche Lebensräume angewiesen und im Beobachtungszeitraum besonders selten geworden.

Schatzkästchen „nährstoffarme Lebensräume“
„Nährstoffarme Lebensräume sind die Schatzkästchen der Natur. Hier ist eine große Vielfalt an Arten zu finden“ erläutert Maurer und ergänzt: „Früher waren es noch Schatzkisten, doch diese Lebensräume wurden in den letzten Jahrzehnten immer weniger.“  Solche Lebens­räume sind vor allem durch Stickstoffeinträge gefährdet. Nimmt die Stickstoffbelastung zu, führt dies zu verstärktem Aufwuchs einer kleineren Zahl von Pflanzenarten, der Verdrängung niedrigwüchsiger Kräuter und der Veränderung des Mikroklimas. Arten magerer Standorte wird dadurch ihre Lebensgrundlage entzogen.

Arten der Hochlagen zeigen stärkste Verluste
Aufgrund der Spezialisierung der Arten auf bestimmte Lebensräume und klimatische Verhält­nisse weisen viele Nachtfalter eine spezifische Höhenverbreitung auf. Besonders stark zeigt sich der Artenverlust in den Hochlagen. Während die Verluste seit der Jahrtausendwende bei den Arten der Ebene minus 9 Prozent betrugen, lagen diese bei Arten der montanen und hochmontanen Bereiche im Durchschnitt bei minus 16 Prozent beziehungsweise minus 19 Prozent. Arten mit einer Anpassung an kühlfeuchte Lebensräume, wie beispielsweise die Mondfleckglucke (Cosmotriche lobulina), ziehen sich also in die Hochlagen zurück oder sterben lokal aus, wenn keine Ausweichmöglichkeiten mehr gegeben sind.

Kontinentale Arten gehen zurück, mediterrane Arten nehmen zu
Der mediterrane Anteil der Nachtfalterarten des Landes ist seit dem Jahr 2000 um 7 Prozent gestiegen. Kontinentale Arten sind um 15 Prozent zurückgegangen. 73 Prozent der Arten zählen in Baden-Württemberg zu den kontinentalen Arten, das bedeutet, die überwiegende Zahl der Arten sind von einem deutlichen Rückgang betroffen.

Veränderung wurde für einen 50-jährigen Zeitraum nachvollzogen
Deutschlandweit einmalig war bei diesem Forschungsprojekt die Möglichkeit, einen Zeitraum von 50 Jahren für ein ganzes Bundesland zu untersuchen. Monitoringdaten der LUBW kombiniert mit historischen Angaben aus dem Karlsruher Naturkundemuseum ermöglichten einen Vergleich von zwei Zeitfenstern, welche die vergangenen 50 Jahre abdecken. Rund 130.000 Datensätze flossen in die Analyse für 25 Gebiete ein.

Ergebnisse veröffentlicht in „Wandel der Nachtfalterfauna Baden-Württembergs seit 1970“
Die von der LUBW beauftragte Studie liegt als rund 800 Seiten starke Publikation in der vom Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe herausgegebenen wissenschaftlichen Reihe „Andrias“ vor.

„Die nun vorgelegte wissenschaftliche Veröffentlichung zeigt präzise den Umfang des Faunenwandels und wie wichtig das Forschen nach seinen Ursachen ist“, betont Dr. Robert Trusch, Kurator Lepidoptera am Staatlichen Naturkundemuseum Karlsruhe und einer der Verfasser der umfangreichen Untersuchung. Maurer ergänzt: „Die deutlichen Veränderungen bei dieser kleinen, aber im ökologischen Gefüge wichtigen Artengruppe bestätigt, dass sich die Natur in Baden-Württemberg durch unsere Nutzung der Landschaft, aber auch durch den Klimawandel bereits stark verändert hat.“


Eine Kurzfassung der Studie gibt es HIER.


Pressemitteilung der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg


Kostenlose Daten-Downloads gibt es hier: https://www.nachtfalter-bw.de/daten.html

  • Die umfangreiche Anhang-Tabelle des Werks verzeichnet alle Art-Nachweise in den 25 untersuchten Quadranten für die verschiedenen Zeiträume und gibt Auskunft über resultierende Trends, ökologische Daten zu Habitattypen, Höhenstufen und Arealtypen.
  • Die Artenlisten aller untersuchten Quadranten wurden im Text aus Platzgründen nur verkürzt abgedruckt (nur Rote Liste-Arten). Auf der Webseite können die vollständigen Artenlisten als Tabellen im Excel-Format heruntergeladen werden.
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Rote Zitronenfalter

Because thou prizest things that are
Curious and unfamiliar.
Robert Herrick (1591–1674), Oberon’s Feast

Anfang des 20. Jahrhunderts war es eine Spezialität des entomologischen Vereins in Pforzheim, Gästen ein Exemplar der roten Form des Zitronenfalters (Gonepteryx rhamni) zu verehren. Allerdings waren diese Falter nicht so aus der Puppe geschlüpft, sie waren erst später durch menschliche Manipulation rot geworden.

Rote Citronenfalter.
Von C. Dietrich, Pforzheim.   [Entomologische Zeitschrift, 21: 212-213.]

In der grossartigen Sammlung meines Freundes, des Herrn Baumeisters M. Daub in Karlsruhe, steckt schon viele Jahre ein Stück Gonepteryx rhamni, das ähnlich der von Herrn Gillmer beschriebenen Aberration rubescens (rosea von Linstow) aussieht und, wenn ich mich recht entsinne, auch aus Schleswig mit anderen Sachen erworben wurde. Die Echtheit dieses Farbenspieles wurde bisher sowohl von meinem Freund D. als auch von mir angezweifelt. Vor einigen Jahren nun kam uns ein ähnliches Stück zu Gesicht, dasselbe hatte ein kleiner Sammler von hier im Besitz, der aber ehrlich genug war, dessen Entstehung zu verraten. Er verständigte uns, dass er vor einigen Jahren nach Amerika ging und seine wenigen Sammelutensilien mit nach dorten nahm, um sie bei passender Gelegenheit benutzen zu können; er fand im Lande des Glücks das gesuchte Wohlergehen nicht, kehrte nach ½ – ¾ Jahren wieder nach seiner Heimat zurück und begann neben seinem Berufe das Sammeln von Faltern wieder. Wie erstaunt war er, als er sein Giftglas zum ersten Male wieder zur Hand nahm! Es befand sich darin noch ein rhamni-Falter, der also mindestens ¾ Jahre darin verbracht hatte und dieser war während der Zeit fast vollständig rot geworden, etwa wie oben erwähnte Aberration rosea oder rubescens. Das Tier wurde alsdann der Kuriosität wegen präpariert im Entomologen-Club vorgezeigt. Seitdem fabrizieren unsere Mitglieder diese Aberration spasseshalber in Menge und verschenken diese bei Gelegenheit eines Tausches an Mitglieder des Intern. Entomol. Vereins. So hat auch mein Freund Daub einige dieser Stücke von unserm Mitglied Herrn J. Aug. Seyfried (Mtgl. 169), hier, erhalten, damit sein einziges Stück nicht mehr allein sei. Wir neigen nun zu der Ueberzeugung, dass sein früher erworbenes Stück auch auf diese Weise entstanden ist, obwohl dafür kein Beweis erbracht ist.
Anlässlich des 15jährigen Bestehens des hiesigen Entomologen-Clubs hatten wir hier eine Ausstellung und waren dortselbst in der Vereinssammlung ca. 6–8 Stück dieses Kunstproduktes zu sehen. Auch Herr M. Korb und F. Dannehl bekamen anlässlich ihres Hierseins im vergangenen Spätjahr einige Stücke von Herrn Seyfried dediziert, vielleicht haben verschiedene Mitglieder des Intern. Vereins auf der letzten Reise jener Herren in Deutschland Gelegenheit gehabt, diese zu sehen und ich glaube, wer sich dafür interessiert, kann heute noch, natürlich gegen Ersatz der Unkosten, von genanntem Mitglied unseres Clubs solche Stücke gratis erhalten. Sonst steht es ja frei, Versuche selbst zu machen. Das Cyanglas muss aber feucht sein; im trockenen Glas reagiert rhamni nicht. Jeder hat es in der Hand, die Farbe von hellrot bis dunkelrot in allen möglichen Schattierungen zu fabrizieren, auf der ganzen Flügelfläche oder Teilen dieser, je nachdem er den Falter länger oder kürzer in dem Giftglase belässt. Soviel ich weiss, zeigt sich die Farbe schon nach 2–3 Wochen; auch Colias palaeno-Falter reagieren auf dieselbe Art im Giftglas.
Wenn ich nun den Beweis, es handelt sich in dem Falle Gillmer um eine solche Kunstfärbung, nicht erbringen kann, so kann ich mich eines solchen Verdachtes nicht erwehren. Jedenfalls mögen diese Zeilen unbefangene Raritäten-Liebhaber davor schützen, von einem Schönfärber oder durch dritte Hand wissentlich oder unwissentlich geschädigt oder getäuscht zu werden.

Nun sind ganz oder teilweise rote Zitronenfalter in verschiedenen Werken abgebildet; besonders in der angelsächsischen Literatur. Ob sie alle auf die gleiche Weise entstanden sind, künstlich hergestellt? Oder ob es auch in der Natur unter bestimmten Bedingungen zu einer Rotfärbung kommen kann? Die entscheidende Frage ist: Hat schon mal jemand einen roten Zitronenfalter im Freiland gefangen?

Ein unsymmetrisch roter Gonepteryx rhamni mit den mageren Daten „Dorking. 1.8.1937. Dr H. King. ex Bolton Coll. (B.M.N.H., Watson coll.)“, gezeichnet von A. D. A. Russwurm (1978)

Die in der Literatur und im Internet gezeigten „roten“ Zitronenfalter sind alle nur teilweise rot und sehen meistens so aus, als ob da tatsächlich die lokale Einwirkung einer Flüssigkeit oder Farbe am Werk gewesen wäre, das heißt sie wirken künstlich. Diese hier beispielsweise:

http://www.britishbutterflyaberrations.co.uk/images/uploads/main/main/75EWavKI3A6KrPB.jpeg
http://www.britishbutterflyaberrations.co.uk/images/uploads/main/main/MzMb9axyN2eehsx.jpeg
http://www.britishbutterflyaberrations.co.uk/images/uploads/main/main/nNY9i4GaInGh5h6.jpeg

Die Frage muß wohl offenbleiben, bis mal jemand einen wilden roten Zitronenfalter im Freiland fotografiert.

Literatur
Dietrich, C. (1907): Rote Citronenfalter. – Entomologische Zeitschrift, 21: 212-213.
Russwurm, A. D. A. (1978): Aberrations of British Butterflies. – Faringdon (E. W. Classey Ltd). 151 S. 40 Farbtaf.  

Schaufuß, C. (1908): Rundschau. – Entomologisches Wochenblatt (Insekten-Börse), 25: 5. [Kurzzusammenfassung von Dietrichs Aufsatz]
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Schmetterlingspraxis für Fortgeschrittene – Datumsangabe bei Nachtfängen nach Mitternacht

Es gibt einige Konventionen, die leider zu den ungeschriebenen Regeln zählen und deshalb Anfängern oft unklar bleiben. Dazu gehört die Behandlung des Datums, wenn sich ein Nachtfang über die Datumsgrenze um Mitternacht hinzieht. Das betrifft ja fast alle Lichtfangbeobachtungen, jedenfalls alle üblichen Lichtfalleneinsätze, bei denen die Lichtfalle am Abend ausgebracht und am Morgen ausgewertet wird.

In allen Projekten, die ich kenne, wird das so gelöst, daß man nur das Kalenderdatum der ersten Nachthälfte angibt bzw. eingibt, egal wie lange sich die Beobachtungen noch nach Mitternacht ins folgende Datum hin erstrecken. Das ist die praktische und sinnvolle Lösung. Die Nacht wird also durch ihren Anfang definiert. Weiterlesen

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Faunistische Frag(würdigkeit)en – Plusidia cheiranthi in Deutschland?

Diese Frage müßten wir ohne wenn und aber verneinen, wenn sie lautete „Gibt es Plusidia cheiranthi in Deutschland?“ Im Präteritum ist es aber nicht so einfach.

Die ehemaligen deutschen Ostgebiete sind nicht nur für Ausländer ein Problem. Wer sich in der älteren Literatur, vom 19. Jahrhundert bis zum 2. Weltkrieg, umsieht, findet Arten wie
Eulithis pyropata
Odontosia sieversii
Plusidia cheiranthi
Blepharita amica
Catocala pacta
für „Deutschland“ vermerkt. Wenn man Glück hat, stößt man auf eine genauere Angabe, die die Verbreitung etwas klarer macht, etwa Pommern, Hinterpommern, Posen, Schlesien, Westpreußen oder Ostpreußen, und dann weiß man Bescheid. Weiterlesen

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Idaea moniliata als Sammlungsschädling

Die Idaea-Raupen sind bekanntlich Welklaubfresser und entsprechend sind ihre Nahrungssubstrate schlecht dokumentiert. Die in unseren Breiten fast nur als „Haustier“ auftretende Idaea inquinata hieß früher herbariata; ein Hinweis darauf, daß die Raupen an getrockneten Kräutern, an Tee und in Pflanzenherbarien gefunden wurden. Aber auch tierisches Material – getrocknet versteht sich – kann zumindest in Notfällen als Nahrung dienen, wie der hier dokumentierte Fall aus der Zeit des ersten Weltkriegs dokumentiert.

Mueller, A. (1919): Schmetterlingsraupe als Sammlungsschädling. [In: Kleinere Original-Beiträge] – Zeitschrift für wissenschaftliche Insektenbiologie, 15: 265.
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Vom Ei zum Falter in 30 Jahren

Yuccamotten: Die längste Dormanzperiode im Insektenreich

Wer Henry David Thoreaus Walden; or Life in the Woods gelesen hat, den Klassiker aller Aussteigerliteratur, erinnert sich vielleicht an den Schluß des Buchs. Auf der letzten Seite erzählt Thoreau von einem Käfer, der aus einem Tisch aus Apfelbaumholz geschlüpft sei, nachdem dieser Tisch sechzig Jahre lang, erst in Massachusetts, dann in Connecticut, in der Küche eines Farmers gestanden habe. Vor dem Schlupf habe man den Käfer wochenlang nagen gehört; sein Ei sei vielleicht durch die Hitze eines Teekessels „ausgebrütet“ worden. Thoreau braucht diese Geschichte als Aufhänger für seine Schlußbemerkung, in der er einen Bogen zur menschlichen Gesellschaft schlägt und Auferstehung und Unsterblichkeit bemüht. Man muß ihm zugestehen, daß er die Käfergeschichte als anekdotisch kennzeichnet, denn er beginnt sie mit den Worten: „Every one has heard the story which has gone the rounds of New England …“[1]. Offensichtlich hat sich die Anzahl der Jahre, die der Tisch in der Küche des Farmers stand, beim Herumerzählen vervielfacht. Bockkäfer (Cerambycidae) können aus verarbeitetem Holz schlüpfen, weil sie eine Larvenzeit von ein bis vier Jahren haben; beim Hausbock wurden ausnahmsweise auch mal Entwicklungszeiten bis zu zehn Jahren dokumentiert, aber das wars auch schon.

Sehr auffallend und deshalb gut bekannt sind die periodischen Zikaden (Magicicada) in den USA, die je nach Art einen 13- oder 17-jährigen Entwicklungszyklus haben und dann synchronisiert in Massen schlüpfen – immer wieder ein gefundenes Fressen für die Presse, oder heutzutage für die Internetmedien.

Allen diesen Arten ist gemeinsam, daß ihre Larvalentwicklung einfach nur sehr langsam abläuft. Anders ist es bei Insekten in Diapause. Die sind nicht mehr in Entwicklung begriffen, sondern die Entwicklung wird unterbrochen – sei es durch eine Überwinterung, eine Übersommerung oder eine Überbrückung anderer ungünstiger Zeiträume. Jeder Züchter kennt das Phänomen des „Überliegens“ von Puppen. Das heißt, aus einer überwinternden Puppe schlüpft der Falter nicht im folgenden Jahr, sondern erst im nächsten – oder im übernächsten oder überübernächsten. Das kann zwei Ursachen haben: Entweder der zur Einleitung der Falterentwicklung notwendige Reiz hat gefehlt (z.B. eine gewisse Anzahl Kältetage oder eine bestimmte Kältesumme) oder aber es ist genetisch verankert, daß ein Teil der Population überliegt, um den Schlupf sicherheitshalber auf mehrere Jahre zu verteilen. Weiterlesen

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Schlechtwetterfalter

Schlechte Nacht zum Fliegen ist die deutsche Übersetzung von Jack Ritchies amüsanter Kurzgeschichte The Cardula Detective Agency. Ritchies sonnenscheuer Privatdetektiv Cardula, der von Transsylvanien in die USA auswandern und sich einen Job suchen mußte (Sie erkennen das Anagramm?), hat eine Abneigung dagegen, in Nächten mit Gewitter und Starkregen zu fliegen. Die meisten Nachtfalter halten es ebenso.

Aber es gibt Arten, die in so unwirtlichen Lebensräumen vorkommen, daß sie auch bei schlechtem Wetter fliegen, Nahrung aufnehmen und sich fortpflanzen müssen: Arten in Feuchtgebieten und Hochmooren, Gebirgsarten, subarktische Arten beispielsweise. Und Arten, die im Spätherbst oder Vorfrühling fliegen, oder im Winter. Die können sich das Wetter gewöhnlich nicht aussuchen. Natürlich sind sie auch – oder sogar vorzugsweise – bei besserem Wetter aktiv, wenn es denn besseres Wetter gibt. Agrotis cinerea ist so eine Art, und in den Alpen Agrotis simplonia.
Einige Arten trifft man tatsächlich oft bei Wetter an, das viele Entomologen für den Nachtfang als ungünstig bis hoffnungslos einstufen würden, wärend sie in „günstigen“ Nächten seltener sind.

Gewöhnlich geht man bei – aus menschlicher Sicht – schlechtem Wetter gar nicht raus, aber in Lichtfallen erhält man manchmal entsprechende Arten. Oder man muß Schlechtwetternächte nutzen, weil man gerade an Ort und Stelle ist und nur die Alternative hat, zu leuchten oder nicht zu leuchten.

Als ob sie sich Nacht und Nebel anpassen wollte, ist Athetis pallustris auch noch unscheinbar gefärbt. Eine graue Maus für graues Wetter.

Ein klassischer Schlechtwetter- und Kälteflieger ist nach meinen Erfahrungen die unscheinbare Eule Athetis pallustris („Wiesen-Staubeule“). Die kenne ich ganz überwiegend von kalten oder naßkalten Nächten, etwa in den Hochalpen: Wenn sonst kaum etwas oder tatsächlich gar nichts fliegt, können immer noch ein paar Athetis pallustris auf dem durchgefeuchteten Tuch landen.

Wer im Herbst in Gewässernähe fliegt, muß an unwirtliche Umweltbedingungen angepaßt sein. Rhizedra lutosa, die „Schilfrohr-Wurzeleule“, fliegt auch noch in kühlfeuchten Nächten im Oktober und November, wenn sich der Nebel in den Bachtälern ausgebreitet hat und kein vernünftiger Lepidopterologe dort mit Anflug rechnet – außer eben mit Rhizedra lutosa. Sie ist aber auch in wärmeren Nächten aktiv.

Wie die meisten Schilf- und Rohrbewohner ist Rhizedra lutosa mit entsprechender Zeichnung und Färbung versehen: reduzierte Querlinien, angepaßte Farben.

Wenn es in Gebirgsnächten so weit abgekühlt ist, daß man seinen Atem sehen kann und man sich ärgert, daß man keine wärmere Jacke angezogen hat, gibt es manchmal immer noch Nachtfalteranflug. Weiterlesen

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Sitting Bull und der Monarchfalter

„Haben Prärieindianer Schmetterlinge gesammelt?“ fragte ich mich, als ich mit 13 oder 14 Jahren in einem Buch Sitting Bulls Bild sah. Es war das bekannte Portraitfoto, das ihn mit einem Hut zeigt, und vorne am Hut ist ein zwar etwas lädierter aber unverkennbarer Falter befestigt: ein Monarch (Danaus plexippus).

Ähnliche Schicksale? Sitting Bull ist tot; viele Indianerstämme sind ausgerottet. Der Monarchfalter ist vom Aussterben bedroht.

Über Ort und Zeitpunkt der Aufnahme besteht keine Einigkeit (eine Diskussion darüber können Sie hier nachlesen). Das Foto könnte im Mai 1883 von Robert L. Kelly in Pierre aufgenommen worden sein. Oder von George W. Scott im Mai 1883 in Fort Yates. Oder von D. W. Gill oder einem Mr. Gibbon. Das Bild wurde aber auch von anderen Fotografen verbreitet. Ein Autor glaubt, der Hut war ein Geschenk von „Buffalo Bill“ William F. Cody im Oktober 1885, nach dem Ende seiner Wildwestshow, an der Sitting Bull teilgenommen hatte. Ein Abzug des Fotos (ein reprint) trägt den Vermerk, es sei im November 1889 aufgenommen worden.

Wie dem auch sei; der Monarchfalter befindet sich nicht zufällig im Hutband des Häuptlings. Der Schmetterling war eine von Sitting Bulls Medizinen. Er findet sich in stark geometrisch abstrahierten Formen als Glasperlen-Stickereien auf drei Paar Mokassins, die Sitting Bull gehörten und die sich heute im Canadian Museum of History befinden. Hier, hier und hier kann man sie sehen und hier und hier Detailaufnahmen der Symbole, die einen Schmetterling darstellen könnten.

Nach der Schlacht am Little Big Horn hatte sich Sitting Bull mit fünftausend Stammesangehörigen nach Kanada zurückgezogen, wo sie unter Aufsicht der North West Mounted Police von 1876 bis 1881 bleiben durften. „During his stay in Canada several members of the North West Mounted Police, who were assigned to accompany Sitting Bull, acquired moccasins and other memorabilia from this famous medicine man and war leader.“  „To aquire“ ist ein schönes neutrales Verb und läßt sich im Deutschen mit dem ebenfalls schön neutralen „erwerben“ wiedergeben. Die Mounties haben den Indianern diese Memorabilien wohl abgekauft oder vielmehr im Tausch erhalten, etwa gegen Lebensmittel, Decken, Tabak oder Werkzeug.

Daß sich das Schmetterlingssymbol auf allen drei der Sitting Bull gehörenden Mokassins befindet, ist ein Indiz für seine besondere Bedeutung. Der Schmetterling am Hut bestätigt das. Wie es dazu kam, daß der Schmetterling eine von Sitting Bulls Medizinen wurde, ist sicher nicht zu klären, denn in Dingen, die so persönliche Sachen wie ihre Medizin betrafen, waren die Indianer nicht sehr mitteilsam.
Tiere spielen bei Naturvölkern oft eine große Rolle in Glaube, Tradition und Überlieferung und es ist interessant, zu sehen, daß auch Kleintiere, die weder für die Ernährung noch für die Gewinnung von Fellen, Häuten und anderem Gebrauchsmaterial eine Rolle spielten, beobachtet und auf Keramik, Kleidungsdekorationen und Felszeichnungen dargestellt wurden. Den Indianern als guten Naturbeobachtern sind vielleicht sogar die Wanderungen der Monarchfalter aufgefallen.

Jedenfalls kann man nicht behaupten, daß Indianer mit Schmetterlingen nichts am Hut hatten.


Zur Vermarktung geeignet: „Sitting Bull’s Butterfly Blanket“ wird von mindestens drei verschiedenen Native American Websites vermarktet, von denen eine behauptet, sie sei „exclusively available“ bei ihnen, hat sie aber als ausverkauft markiert. Der Preis liegt zwischen 329 und 530 Dollar, es ist aber dieselbe Decke; die Webseiten zeigen sogar das identische Foto. Auf der Decke sind zwei Monarchfalter in derselben Stellung wie auf dem Hut zu sehen, und jeweils ohne Fühler.
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Lepidopterologische Lyrik, 9. Die möglicherweise dünnste Raupe der Welt

2003 wurde in Neuseeland eine spezialisierte Batrachedridae-Art entdeckt und 2006 unter dem Namen Houdinia flexilissima beschrieben. Diese fadenartigen Raupen minieren im Halm des endemischen binsenartigen Sporadanthus ferrugineus, einer stark gefährdeten Hochmoorpflanze. Sie erreichen bis zu 3 cm Länge bei einem Durchmesser von 0,5 bis 0,9 Millimetern, sind also „sehr dünn“ nur in Relation zu ihrer Länge. Die Kopfkapsel besitzt eine Falte, die als Gelenk dient, um der Raupe in dem engen Stengel überhaupt Freßbewegungen zu ermöglichen (im Gedicht als hinge bezeichnet). Eine Abbildung der Raupe und ein kurzes Video, in dem Robert Hoare über die Art und ihre Entdeckung erzählt, findet sich hier.
Die wissenschaftliche Beschreibung der Art ist auch online zu finden.
Fotos lebender Falter gibt es hier (nach rechts weiterblättern, da kommen noch drei Fotos).

Robert Hoare ist aber nicht nur Lepidopterologe, sondern er verfaßt auch entomologische Lyrik. In seinem Gedichtband „Six-legged Things and Scaly Wings. An anthology of New Zealand insect verse (mostly about moths)“ findet sich ein Gedicht über diese Raupe, die er „Fred the thread“ nennt. Und hier kann man ihn das Gedicht vortragen hören (und sehen). Da er an einigen Stellen recht schnell spricht, empfiehlt es sich, gleichzeitig den Text mitzulesen und zu diesem Zweck gebe ich ihn hier wieder. Viel Vergnügen. Weiterlesen

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OT: Erfundene Naturwissenschaftler

Ab und zu werde ich mir erlauben, Beiträge zu veröffentlichen, die nur randlich oder auch gar nicht mit Entomologie zu tun haben. Hier ist einer davon.

Es ist schon fast ein kleiner Krimi. Der New Yorker Appleton-Verlag veröffentlichte von 1887 bis 1889 die sechsbändige „Appletons’ Cyclopædia of American Biography“, ein monumentales Werk, in dem Kurzbiographien von über 20.000 Personen vorgestellt wurden, die als Entdecker, Erforscher, Politiker, Lehrer, Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller, Militärs, Kirchenleute usw. eine Bedeutung für die Geschichte Amerikas hatten. 30 Jahre lang galt die Cyclopædia als Standard-Nachschlagewerk, bis erste Zweifel aufkamen. Der Botaniker John H. Barnhart erkannte: Mindestens 14 der in dem Werk genannten Botaniker waren offenbar frei erfunden (Barnhart 1919). Es dauerte einige Zeit, bis auch andere Fachwissenschaftler sich dem Werk mit kritischem Blick näherten. 1937 hat Margaret C. Schindler bei der systematischen Durchsicht der Anfangsbuchstaben H und V weitere erfundene Personen identifiziert, fast immer mit Bezug zu Mittel- und Südamerika und meistens aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert. Insgesamt waren das 47 Phantombiographien. Mittlerweile steht die Anzahl der erwiesenermaßen gefälschten oder im Verdacht der Fälschung stehenden Biographien bei über 200.

The writer (or writers) of these articles must have had some scientific training, for most of the creations were scientists, and sufficient linguistic knowledge to have invented or adapted titles in six languages. He was certainly familiar with the history and geography of South America. Most of the places visited by his characters are real places, and most of the historical events in which they participated are genuine. However, he sometimes made mistakes by which his fraudulent work can be detected. (Schindler 1937)
Der Verfasser dieser Artikel muß eine gewisse wissenschaftliche Ausbildung gehabt haben, denn die meisten seiner Erfindungen waren Wissenschaftler. Er muß über genügend linguistische Kenntnisse verfügt haben, um Titel in sechs verschiedenen Sprachen zu erfinden oder abzuändern. Er war auf jeden Fall mit der Geschichte und Geografie Südamerikas gut vertraut. Die meisten Orte, die seine Protagonisten besucht haben, sind reale Orte und die meisten historischen Ereignisse, an denen sie teilnahmen, sind echt. Aber er machte manchmal Fehler, durch die sein betrügerisches Werk erkannt werden kann. Weiterlesen

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Entomologische Erzählungen: „Hochwildjagd“ von Pawlik

Die „leichtere“ Literatur über die Entomologie ist im deutschsprachigen Bereich immer noch recht dünn gesät. Man freut sich deshalb jedesmal, wenn man auf ein Stück stößt, das nicht nur entomologischen Ansprüchen genügt, sondern auch lebhaft und unterhaltsam geschrieben ist. Ein solches stelle ich hier vor. Es stammt von Engelbert Pawlik (1891-1976), der vor dem 2. Weltkrieg Lehrer und Schuldirektor in Aussig an der Elbe (Ùsti nad Labem, Tschechien) war und Insekten verschiedener Ordnungen sammelte. 1929 veröffentlichte er in der Entomologischen Zeitschrift die charmante kleine Erzählung „Hochwildjagd“, in der es um die Waffenfliege Clitellaria ephippium (Fabricius, 1775) geht, die damals noch Ephippiomyia ephippium hieß.


Hochwildjagd  (Dipt.)

Von E. Pawlik, Außig (Elbe)

Als ich  s i e  zum ersten Male sah, war ich erstaunt. „Brasilien?“ fragte ich, todsicher, daß ich nichts Dummes sagte. Der alte Herr, der mir das sonderbare Ding unter die Nase hielt, schüttelte den Kopf.

„Nein, Sebastiansberg im Erzgebirge. Nicht wahr, da staunen Sie. Man findet in der engbegrenzten Heimatfauna immer noch Sachen, die man nicht kennt, die selbst erfahrene Sammler ganz fremdartig anmuten. Übrigens habe ich für das Tierchen keine Verwendung. Nehmen Sie es mit und bestimmen Sie es.“

Richtig, an der Hand der analytischen Tabellen hatte ich sie gleich. „Ephippiomyia ephippium.“ Ein süßer Name! „Sattelfliege.“ Das rotfilzige Rückenschild trägt jederseits einen starken Dorn, die Flügel sind rußbraun, der Hinterleib ist blauschwarz: Also eine Waffenfliege (Stratiomyidae).

So lernte ich  s i e  kennen. Seither hielt ich auf meinen Streifzügen durch Wiese und Wald die Augen offen, ob mir das hübsche Flieglein nicht auch bei uns einmal im Freien begegne. — Weiterlesen

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OT: Putins Krieg

Auferre trucidare rapere falsis nominibus imperium, atque ubi solitudinem faciunt, pacem appellant.
[Plündern, morden, rauben nennen sie mit falschem Namen ‚Imperium‘, und wo sie eine Einöde schaffen (d.h. ein Gebiet entvölkert haben), nennen sie es Frieden.]
Der Britannierführer Calgacus vor der Schlacht gegen die Römer am Mons Graupius (83/84) an seine Krieger, überliefert von Tacitus (Agricola, 30, 5).

Vor weit über einem Jahrhundert, im Oktober 1898, erschien in der New York Tribune ein Gedicht von Rudyard Kipling, das nur auf den ersten Blick von einem Jäger in Kaschmir handelt, der von einem Bären zerfleischt worden ist. Gedichte und Kurzgeschichten waren für Kipling häufig ein Mittel, seine politischen und weltanschaulichen Ansichten in verschleierter Form auszudrücken. So auch hier. Kipling, Imperialist der er war, hegte ein tiefes Mißtrauen gegenüber Rußland. Adam-zad, der „Bär, der geht wie ein Mensch“, der sich verstellt und mit dem kein truce, kein Waffenstillstand möglich ist, ist ein leicht durchschaubares Sinnbild für Rußland, das ja oft als Bär dargestellt wurde. Erstaunlich welche Aktualität diese 120 Jahre alte Parabel jetzt wieder gewonnen hat.

The Truce of the Bear

Yearly, with tent and rifle, our careless white men go
By the Pass called Muttianee, to shoot in the vale below.
Yearly by Muttianee he follows our white men in—
Matun, the old blind beggar, bandaged from brow to chin.

Eyeless, noseless, and lipless – toothless, broken of speech,
Seeking a dole at the doorway he mumbles his tale to each;
Over and over the story, ending as he began:
„Make ye no truce with Adam-zad – the Bear that walks like a Man!

„There was a flint in my musket – pricked and primed was the pan,
When I went hunting Adam-zad – the Bear that stands like a Man.
I looked my last on the timber, I looked my last on the snow,
When I went hunting Adam-zad fifty summers ago!

„I knew his times and his seasons, as he knew mine, that fed
By night in the ripened maizefield and robbed my house of bread.
I knew his strength and cunning, as he knew mine, that crept
At dawn to the crowded goat-pens and plundered while I slept. Weiterlesen

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Ein Prinz und sein Apollofalter

What is history all about if not the exquisite delight of
knowing the details, and not only the abstract patterns.
Stephen Jay Gould

Es ist der 15. August 1897, früh am Morgen. Im Bois de Maréchaux bei Vaucresson hängt der Tau noch an den Gräsern, als mehrere Kutschen aus dem nahen Paris eintreffen. Die förmlich-elegant gekleideten Männer, die ihnen entsteigen, bilden zwei Gruppen. Mehrere von ihnen treffen sich in der Mitte und wechseln gemessene Worte. Währenddessen entledigen sich zwei junge Männer ihrer Fracks und erhalten Degen ausgehändigt. Die Sekundanten beenden die Vorbereitungen und die beiden Männer nehmen Aufstellung. Die ehrwürdigen alten Eichen, die die Lichtung einrahmen, nehmen keine Notiz davon. Sie haben schon viele Duelle erlebt.

Aber dieses ist kein ganz gewöhnliches Duell, denn beide Duellanten sind Prinzen. Der eine ist Franzose und ein Urenkel von König Louis-Philippe I. Der andere, sein Herausforderer, ist Italiener und ein Enkel von König Viktor Emanuel II. Er verschmäht Pistolen, die er gerade mal bei betrogenen Ehemännern für angemessen hält und besteht auf Degen als Waffen der Wahl für Prinzen von königlichem Geblüt. Schließlich geht es um nichts weniger als die Ehre des italienischen Volkes und der italienischen Armee.

Der Illustrator ist sicher nicht dabeigewesen, aber so ähnlich wie hier dargestellt wird man sich das Duell vorstellen dürfen – so wie viele der von Henri ausgefochtenen Ehrenhändel.

Der Anlaß zu diesem Duell sind einige Artikel im Figaro gewesen. Darin hat Prinz Henri Philippe Marie d’Orléans, Urenkel von Louis-Philippe I., sich abfällig über das Verhalten der italienischen Soldaten geäußert, die im Ersten Italienisch-Äthiopischen Krieg in Gefangenschaft geraten sind. Prinz Vittorio Emanuele von Savoyen-Aosta, Graf von Turin, Enkel von Viktor Emanuel II., fordert ihn daraufhin zum Duell. Der Schlagabtausch beginnt pünktlich um 5:00 Uhr und dauert 26 Minuten (faszinierend, wie penibel das damals aufgezeichnet wurde). Beide Kombattanten werden verwundet; Prinz Henri erhält eine ernsthafte Wunde „im rechten Abdominalbereich“ und wird von den Ärzten beider Parteien für unterlegen erklärt. Den Grafen von Turin macht dieses Duell weltberühmt. (Damals war es etwas schwieriger als heute, berühmt zu werden. Es gab weder Dschungelcamp noch Promi Big Brother noch bestand die Möglichkeit, sich als Influencer für Mode, Kosmetik oder Lifestyle zu prostituieren.) Weiterlesen

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Don’t fear the Rippert

Auch wenn Goethes Faust der Ansicht war, Namen seien Schall und Rauch: Wir brauchen sie zur Verständigung und wenn es sich um wissenschaftliche Tier- oder Pflanzennamen handelt, ist es wichtig, daß sie einheitlich und gleichlautend sind. Das wird zum Ärgernis, wenn ein wissenschaftlicher Name falsch gebildet worden ist. Den darf man nämlich nicht so einfach korrigieren, wenn er erst einmal veröffentlicht ist, denn die Internationalen Regeln für die zoologische Nomenklatur besagen, daß nur dann eine nachträgliche Korrektur (im Taxonomen-Jargon: eine Emendation) erlaubt ist, wenn aus der ursprünglichen Publikation selbst hervorgeht, daß eine andere Schreibweise beabsichtigt war (ICZN, Artikel 32.5). Weiterlesen

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