Schlechtwetterfalter

Schlechte Nacht zum Fliegen ist die deutsche Übersetzung von Jack Ritchies amüsanter Kurzgeschichte The Cardula Detective Agency. Ritchies sonnenscheuer Privatdetektiv Cardula, der von Transsylvanien in die USA auswandern und sich einen Job suchen mußte (Sie erkennen das Anagramm?), hat eine Abneigung dagegen, in Nächten mit Gewitter und Starkregen zu fliegen. Die meisten Nachtfalter halten es ebenso.

Aber es gibt Arten, die in so unwirtlichen Lebensräumen vorkommen, daß sie auch bei schlechtem Wetter fliegen, Nahrung aufnehmen und sich fortpflanzen müssen: Arten in Feuchtgebieten und Hochmooren, Gebirgsarten, subarktische Arten beispielsweise. Und Arten, die im Spätherbst oder Vorfrühling fliegen, oder im Winter. Die können sich das Wetter gewöhnlich nicht aussuchen. Natürlich sind sie auch – oder sogar vorzugsweise – bei besserem Wetter aktiv, wenn es denn besseres Wetter gibt. Agrotis cinerea ist so eine Art, und in den Alpen Agrotis simplonia.
Einige Arten trifft man tatsächlich oft bei Wetter an, das viele Entomologen für den Nachtfang als ungünstig bis hoffnungslos einstufen würden, wärend sie in „günstigen“ Nächten seltener sind.

Gewöhnlich geht man bei – aus menschlicher Sicht – schlechtem Wetter gar nicht raus, aber in Lichtfallen erhält man manchmal entsprechende Arten. Oder man muß Schlechtwetternächte nutzen, weil man gerade an Ort und Stelle ist und nur die Alternative hat, zu leuchten oder nicht zu leuchten.

Als ob sie sich Nacht und Nebel anpassen wollte, ist Athetis pallustris auch noch unscheinbar gefärbt. Eine graue Maus für graues Wetter.

Ein klassischer Schlechtwetter- und Kälteflieger ist nach meinen Erfahrungen die unscheinbare Eule Athetis pallustris („Wiesen-Staubeule“). Die kenne ich ganz überwiegend von kalten oder naßkalten Nächten, etwa in den Hochalpen: Wenn sonst kaum etwas oder tatsächlich gar nichts fliegt, können immer noch ein paar Athetis pallustris auf dem durchgefeuchteten Tuch landen.

Wer im Herbst in Gewässernähe fliegt, muß an unwirtliche Umweltbedingungen angepaßt sein. Rhizedra lutosa, die „Schilfrohr-Wurzeleule“, fliegt auch noch in kühlfeuchten Nächten im Oktober und November, wenn sich der Nebel in den Bachtälern ausgebreitet hat und kein vernünftiger Lepidopterologe dort mit Anflug rechnet – außer eben mit Rhizedra lutosa. Sie ist aber auch in wärmeren Nächten aktiv.

Wie die meisten Schilf- und Rohrbewohner ist Rhizedra lutosa mit entsprechender Zeichnung und Färbung versehen: reduzierte Querlinien, angepaßte Farben.

Wenn es in Gebirgsnächten so weit abgekühlt ist, daß man seinen Atem sehen kann und man sich ärgert, daß man keine wärmere Jacke angezogen hat, gibt es manchmal immer noch Nachtfalteranflug. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Geschichte der Schmetterlingsforschung, Lepidoptera | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Sitting Bull und der Monarchfalter

„Haben Prärieindianer Schmetterlinge gesammelt?“ fragte ich mich, als ich mit 13 oder 14 Jahren in einem Buch Sitting Bulls Bild sah. Es war das bekannte Portraitfoto, das ihn mit einem Hut zeigt, und vorne am Hut ist ein zwar etwas lädierter aber unverkennbarer Falter befestigt: ein Monarch (Danaus plexippus).

Ähnliche Schicksale? Sitting Bull ist tot; viele Indianerstämme sind ausgerottet. Der Monarchfalter ist vom Aussterben bedroht.

Über Ort und Zeitpunkt der Aufnahme besteht keine Einigkeit (eine Diskussion darüber können Sie hier nachlesen). Das Foto könnte im Mai 1883 von Robert L. Kelly in Pierre aufgenommen worden sein. Oder von George W. Scott im Mai 1883 in Fort Yates. Oder von D. W. Gill oder einem Mr. Gibbon. Das Bild wurde aber auch von anderen Fotografen verbreitet. Ein Autor glaubt, der Hut war ein Geschenk von „Buffalo Bill“ William F. Cody im Oktober 1885, nach dem Ende seiner Wildwestshow, an der Sitting Bull teilgenommen hatte. Ein Abzug des Fotos (ein reprint) trägt den Vermerk, es sei im November 1889 aufgenommen worden.

Wie dem auch sei; der Monarchfalter befindet sich nicht zufällig im Hutband des Häuptlings. Der Schmetterling war eine von Sitting Bulls Medizinen. Er findet sich in stark geometrisch abstrahierten Formen als Glasperlen-Stickereien auf drei Paar Mokassins, die Sitting Bull gehörten und die sich heute im Canadian Museum of History befinden. Hier, hier und hier kann man sie sehen und hier und hier Detailaufnahmen der Symbole, die einen Schmetterling darstellen könnten.

Nach der Schlacht am Little Big Horn hatte sich Sitting Bull mit fünftausend Stammesangehörigen nach Kanada zurückgezogen, wo sie unter Aufsicht der North West Mounted Police von 1876 bis 1881 bleiben durften. „During his stay in Canada several members of the North West Mounted Police, who were assigned to accompany Sitting Bull, acquired moccasins and other memorabilia from this famous medicine man and war leader.“  „To aquire“ ist ein schönes neutrales Verb und läßt sich im Deutschen mit dem ebenfalls schön neutralen „erwerben“ wiedergeben. Die Mounties haben den Indianern diese Memorabilien wohl abgekauft oder vielmehr im Tausch erhalten, etwa gegen Lebensmittel, Decken, Tabak oder Werkzeug.

Daß sich das Schmetterlingssymbol auf allen drei der Sitting Bull gehörenden Mokassins befindet, ist ein Indiz für seine besondere Bedeutung. Der Schmetterling am Hut bestätigt das. Wie es dazu kam, daß der Schmetterling eine von Sitting Bulls Medizinen wurde, ist sicher nicht zu klären, denn in Dingen, die so persönliche Sachen wie ihre Medizin betrafen, waren die Indianer nicht sehr mitteilsam.
Tiere spielen bei Naturvölkern oft eine große Rolle in Glaube, Tradition und Überlieferung und es ist interessant, zu sehen, daß auch Kleintiere, die weder für die Ernährung noch für die Gewinnung von Fellen, Häuten und anderem Gebrauchsmaterial eine Rolle spielten, beobachtet und auf Keramik, Kleidungsdekorationen und Felszeichnungen dargestellt wurden. Den Indianern als guten Naturbeobachtern sind vielleicht sogar die Wanderungen der Monarchfalter aufgefallen.

Jedenfalls kann man nicht behaupten, daß Indianer mit Schmetterlingen nichts am Hut hatten.


Zur Vermarktung geeignet: „Sitting Bull’s Butterfly Blanket“ wird von mindestens drei verschiedenen Native American Websites vermarktet, von denen eine behauptet, sie sei „exclusively available“ bei ihnen, hat sie aber als ausverkauft markiert. Der Preis liegt zwischen 329 und 530 Dollar, es ist aber dieselbe Decke; die Webseiten zeigen sogar das identische Foto. Auf der Decke sind zwei Monarchfalter in derselben Stellung wie auf dem Hut zu sehen, und jeweils ohne Fühler.
Veröffentlicht unter Allgemein, Lepidoptera, Schmetterlinge in Kunst und Kultur | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Lepidopterologische Lyrik, 9. Die möglicherweise dünnste Raupe der Welt

2003 wurde in Neuseeland eine spezialisierte Batrachedridae-Art entdeckt und 2006 unter dem Namen Houdinia flexilissima beschrieben. Diese fadenartigen Raupen minieren im Halm des endemischen binsenartigen Sporadanthus ferrugineus, einer stark gefährdeten Hochmoorpflanze. Sie erreichen bis zu 3 cm Länge bei einem Durchmesser von 0,5 bis 0,9 Millimetern, sind also „sehr dünn“ nur in Relation zu ihrer Länge. Die Kopfkapsel besitzt eine Falte, die als Gelenk dient, um der Raupe in dem engen Stengel überhaupt Freßbewegungen zu ermöglichen (im Gedicht als hinge bezeichnet). Eine Abbildung der Raupe und ein kurzes Video, in dem Robert Hoare über die Art und ihre Entdeckung erzählt, findet sich hier.
Die wissenschaftliche Beschreibung der Art ist auch online zu finden.
Fotos lebender Falter gibt es hier (nach rechts weiterblättern, da kommen noch drei Fotos).

Robert Hoare ist aber nicht nur Lepidopterologe, sondern er verfaßt auch entomologische Lyrik. In seinem Gedichtband „Six-legged Things and Scaly Wings. An anthology of New Zealand insect verse (mostly about moths)“ findet sich ein Gedicht über diese Raupe, die er „Fred the thread“ nennt. Und hier kann man ihn das Gedicht vortragen hören (und sehen). Da er an einigen Stellen recht schnell spricht, empfiehlt es sich, gleichzeitig den Text mitzulesen und zu diesem Zweck gebe ich ihn hier wieder. Viel Vergnügen. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Lepidoptera, Lyrik | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

OT: Erfundene Naturwissenschaftler

Ab und zu werde ich mir erlauben, Beiträge zu veröffentlichen, die nur randlich oder auch gar nicht mit Entomologie zu tun haben. Hier ist einer davon.

Es ist schon fast ein kleiner Krimi. Der New Yorker Appleton-Verlag veröffentlichte von 1887 bis 1889 die sechsbändige „Appletons’ Cyclopædia of American Biography“, ein monumentales Werk, in dem Kurzbiographien von über 20.000 Personen vorgestellt wurden, die als Entdecker, Erforscher, Politiker, Lehrer, Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller, Militärs, Kirchenleute usw. eine Bedeutung für die Geschichte Amerikas hatten. 30 Jahre lang galt die Cyclopædia als Standard-Nachschlagewerk, bis erste Zweifel aufkamen. Der Botaniker John H. Barnhart erkannte: Mindestens 14 der in dem Werk genannten Botaniker waren offenbar frei erfunden (Barnhart 1919). Es dauerte einige Zeit, bis auch andere Fachwissenschaftler sich dem Werk mit kritischem Blick näherten. 1937 hat Margaret C. Schindler bei der systematischen Durchsicht der Anfangsbuchstaben H und V weitere erfundene Personen identifiziert, fast immer mit Bezug zu Mittel- und Südamerika und meistens aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert. Insgesamt waren das 47 Phantombiographien. Mittlerweile steht die Anzahl der erwiesenermaßen gefälschten oder im Verdacht der Fälschung stehenden Biographien bei über 200.

The writer (or writers) of these articles must have had some scientific training, for most of the creations were scientists, and sufficient linguistic knowledge to have invented or adapted titles in six languages. He was certainly familiar with the history and geography of South America. Most of the places visited by his characters are real places, and most of the historical events in which they participated are genuine. However, he sometimes made mistakes by which his fraudulent work can be detected. (Schindler 1937)
Der Verfasser dieser Artikel muß eine gewisse wissenschaftliche Ausbildung gehabt haben, denn die meisten seiner Erfindungen waren Wissenschaftler. Er muß über genügend linguistische Kenntnisse verfügt haben, um Titel in sechs verschiedenen Sprachen zu erfinden oder abzuändern. Er war auf jeden Fall mit der Geschichte und Geografie Südamerikas gut vertraut. Die meisten Orte, die seine Protagonisten besucht haben, sind reale Orte und die meisten historischen Ereignisse, an denen sie teilnahmen, sind echt. Aber er machte manchmal Fehler, durch die sein betrügerisches Werk erkannt werden kann. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, nicht-entomologische Themen, Off-Topic | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Entomologische Erzählungen: „Hochwildjagd“ von Pawlik

Die „leichtere“ Literatur über die Entomologie ist im deutschsprachigen Bereich immer noch recht dünn gesät. Man freut sich deshalb jedesmal, wenn man auf ein Stück stößt, das nicht nur entomologischen Ansprüchen genügt, sondern auch lebhaft und unterhaltsam geschrieben ist. Ein solches stelle ich hier vor. Es stammt von Engelbert Pawlik (1891-1976), der vor dem 2. Weltkrieg Lehrer und Schuldirektor in Aussig an der Elbe (Ùsti nad Labem, Tschechien) war und Insekten verschiedener Ordnungen sammelte. 1929 veröffentlichte er in der Entomologischen Zeitschrift die charmante kleine Erzählung „Hochwildjagd“, in der es um die Waffenfliege Clitellaria ephippium (Fabricius, 1775) geht, die damals noch Ephippiomyia ephippium hieß.


Hochwildjagd  (Dipt.)

Von E. Pawlik, Außig (Elbe)

Als ich  s i e  zum ersten Male sah, war ich erstaunt. „Brasilien?“ fragte ich, todsicher, daß ich nichts Dummes sagte. Der alte Herr, der mir das sonderbare Ding unter die Nase hielt, schüttelte den Kopf.

„Nein, Sebastiansberg im Erzgebirge. Nicht wahr, da staunen Sie. Man findet in der engbegrenzten Heimatfauna immer noch Sachen, die man nicht kennt, die selbst erfahrene Sammler ganz fremdartig anmuten. Übrigens habe ich für das Tierchen keine Verwendung. Nehmen Sie es mit und bestimmen Sie es.“

Richtig, an der Hand der analytischen Tabellen hatte ich sie gleich. „Ephippiomyia ephippium.“ Ein süßer Name! „Sattelfliege.“ Das rotfilzige Rückenschild trägt jederseits einen starken Dorn, die Flügel sind rußbraun, der Hinterleib ist blauschwarz: Also eine Waffenfliege (Stratiomyidae).

So lernte ich  s i e  kennen. Seither hielt ich auf meinen Streifzügen durch Wiese und Wald die Augen offen, ob mir das hübsche Flieglein nicht auch bei uns einmal im Freien begegne. — Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Diptera, Fundstücke aus der älteren Literatur | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

OT: Putins Krieg

Auferre trucidare rapere falsis nominibus imperium, atque ubi solitudinem faciunt, pacem appellant.
[Plündern, morden, rauben nennen sie mit falschem Namen ‚Imperium‘, und wo sie eine Einöde schaffen (d.h. ein Gebiet entvölkert haben), nennen sie es Frieden.]
Der Britannierführer Calgacus vor der Schlacht gegen die Römer am Mons Graupius (83/84) an seine Krieger, überliefert von Tacitus (Agricola, 30, 5).

Vor weit über einem Jahrhundert, im Oktober 1898, erschien in der New York Tribune ein Gedicht von Rudyard Kipling, das nur auf den ersten Blick von einem Jäger in Kaschmir handelt, der von einem Bären zerfleischt worden ist. Gedichte und Kurzgeschichten waren für Kipling häufig ein Mittel, seine politischen und weltanschaulichen Ansichten in verschleierter Form auszudrücken. So auch hier. Kipling, Imperialist der er war, hegte ein tiefes Mißtrauen gegenüber Rußland. Adam-zad, der „Bär, der geht wie ein Mensch“, der sich verstellt und mit dem kein truce, kein Waffenstillstand möglich ist, ist ein leicht durchschaubares Sinnbild für Rußland, das ja oft als Bär dargestellt wurde. Erstaunlich welche Aktualität diese 120 Jahre alte Parabel jetzt wieder gewonnen hat.

The Truce of the Bear

Yearly, with tent and rifle, our careless white men go
By the Pass called Muttianee, to shoot in the vale below.
Yearly by Muttianee he follows our white men in—
Matun, the old blind beggar, bandaged from brow to chin.

Eyeless, noseless, and lipless – toothless, broken of speech,
Seeking a dole at the doorway he mumbles his tale to each;
Over and over the story, ending as he began:
„Make ye no truce with Adam-zad – the Bear that walks like a Man!

„There was a flint in my musket – pricked and primed was the pan,
When I went hunting Adam-zad – the Bear that stands like a Man.
I looked my last on the timber, I looked my last on the snow,
When I went hunting Adam-zad fifty summers ago!

„I knew his times and his seasons, as he knew mine, that fed
By night in the ripened maizefield and robbed my house of bread.
I knew his strength and cunning, as he knew mine, that crept
At dawn to the crowded goat-pens and plundered while I slept. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Ein Prinz und sein Apollofalter

What is history all about if not the exquisite delight of
knowing the details, and not only the abstract patterns.
Stephen Jay Gould

Es ist der 15. August 1897, früh am Morgen. Im Bois de Maréchaux bei Vaucresson hängt der Tau noch an den Gräsern, als mehrere Kutschen aus dem nahen Paris eintreffen. Die förmlich-elegant gekleideten Männer, die ihnen entsteigen, bilden zwei Gruppen. Mehrere von ihnen treffen sich in der Mitte und wechseln gemessene Worte. Währenddessen entledigen sich zwei junge Männer ihrer Fracks und erhalten Degen ausgehändigt. Die Sekundanten beenden die Vorbereitungen und die beiden Männer nehmen Aufstellung. Die ehrwürdigen alten Eichen, die die Lichtung einrahmen, nehmen keine Notiz davon. Sie haben schon viele Duelle erlebt.

Aber dieses ist kein ganz gewöhnliches Duell, denn beide Duellanten sind Prinzen. Der eine ist Franzose und ein Urenkel von König Louis-Philippe I. Der andere, sein Herausforderer, ist Italiener und ein Enkel von König Viktor Emanuel II. Er verschmäht Pistolen, die er gerade mal bei betrogenen Ehemännern für angemessen hält und besteht auf Degen als Waffen der Wahl für Prinzen von königlichem Geblüt. Schließlich geht es um nichts weniger als die Ehre des italienischen Volkes und der italienischen Armee.

Der Illustrator ist sicher nicht dabeigewesen, aber so ähnlich wie hier dargestellt wird man sich das Duell vorstellen dürfen – so wie viele der von Henri ausgefochtenen Ehrenhändel.

Der Anlaß zu diesem Duell sind einige Artikel im Figaro gewesen. Darin hat Prinz Henri Philippe Marie d’Orléans, Urenkel von Louis-Philippe I., sich abfällig über das Verhalten der italienischen Soldaten geäußert, die im Ersten Italienisch-Äthiopischen Krieg in Gefangenschaft geraten sind. Prinz Vittorio Emanuele von Savoyen-Aosta, Graf von Turin, Enkel von Viktor Emanuel II., fordert ihn daraufhin zum Duell. Der Schlagabtausch beginnt pünktlich um 5:00 Uhr und dauert 26 Minuten (faszinierend, wie penibel das damals aufgezeichnet wurde). Beide Kombattanten werden verwundet; Prinz Henri erhält eine ernsthafte Wunde „im rechten Abdominalbereich“ und wird von den Ärzten beider Parteien für unterlegen erklärt. Den Grafen von Turin macht dieses Duell weltberühmt. (Damals war es etwas schwieriger als heute, berühmt zu werden. Es gab weder Dschungelcamp noch Promi Big Brother noch bestand die Möglichkeit, sich als Influencer für Mode, Kosmetik oder Lifestyle zu prostituieren.) Weiterlesen

Veröffentlicht unter Geschichte der Schmetterlingsforschung, Lepidoptera | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Don’t fear the Rippert

Auch wenn Goethes Faust der Ansicht war, Namen seien Schall und Rauch: Wir brauchen sie zur Verständigung und wenn es sich um wissenschaftliche Tier- oder Pflanzennamen handelt, ist es wichtig, daß sie einheitlich und gleichlautend sind. Das wird zum Ärgernis, wenn ein wissenschaftlicher Name falsch gebildet worden ist. Den darf man nämlich nicht so einfach korrigieren, wenn er erst einmal veröffentlicht ist, denn die Internationalen Regeln für die zoologische Nomenklatur besagen, daß nur dann eine nachträgliche Korrektur (im Taxonomen-Jargon: eine Emendation) erlaubt ist, wenn aus der ursprünglichen Publikation selbst hervorgeht, daß eine andere Schreibweise beabsichtigt war (ICZN, Artikel 32.5). Weiterlesen

Veröffentlicht unter Geschichte der Schmetterlingsforschung, Lepidoptera, Nomenklatur | Verschlagwortet mit , , , | 3 Kommentare

Die Schlange der Versuchung, der heilige Franziskus und Nepticula-Minen am Rosenstrauche

Welche Neptikel miniert im Anio-Tal bei Subiaco an Rosa?

Diese Frage stellte sich selbst und anderen der Entomologe August Hoffmann in einem Artikel in der Stettiner entomologischen Zeitung im Jahr 1893. Hoffmann ist nicht selber dort gewesen sondern war durch einen Reisebericht von Joseph Victor von Scheffel, dem Autor des Ekkehard und des Trompeters von Säckingen, auf das Thema aufmerksam geworden.

Der Überlieferung nach hat der heilige Benedikt[1], wenn er in seiner Einsiedelei bei Subiaco von der fleischlichen Lust allzu sehr geplagt wurde, um selbige zu unterdrücken sich nackt in Dornensträuchern und Nesseln gewälzt. Na ja. Kann man so machen, muß man aber nicht. Immerhin hat es bei Benedikt die erwünschte Wirkung gehabt. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Fundstücke aus der älteren Literatur, Lepidoptera, Schmetterlinge in Kunst und Kultur | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Lepidopterologische Lyrik, 8. Hymne auf den Köderfang (Köderfang 3)

Philip Allan (1884-1973) war ein Multitalent: Schriftsteller, Verleger und Entomologe. Sie haben ihn schon im Beitrag über die heiligen Präputien kennengelernt. Er schrieb unter anderem Jugend- und Abenteuerbücher und war langjähriger Herausgeber des „Entomologist‘s Record“, einer der renommiertesten britischen entomologischen Zeitschriften. Literarisch und historisch beschlagen verfasste er gelegentlich ernste bis humoristische Texte, darunter auch Gedichte, als kurze Lückenfüller für den Record. Aufsätze, die zu lang, zu humoristisch oder thematisch abschweifend waren, veröffentlichte er in mehreren Büchern, die zum Köstlichsten gehören, was je über Schmetterlinge publiziert worden ist. Wer trockenen britischen Humor zu schätzen weiß, kommt hier auf seine Kosten und findet auch viel Interessantes in historischer, faunistischer und ökologischer Hinsicht.

Da wir wieder mitten in der die Köderzeit sind, bringe ich zunächst ein Gedicht über den Köderfang (englisch: sugaring). Weitere zu anderen Themen folgen später.


PHILIP ALLAN
The Song of the Sugarer   (1943)

 


Erläuterungen:
Blandina ist Erebia aethiops.
Edusa ist Colias crocea.
Bei den übrigen Art-Epitheta ist lediglich die Gattung zu ergänzen.
The Breck: Das Breckland ist ein trockenes Sandheidegebiet in Norfolk und Suffolk, wo bis in die 1960er Jahre das einzige Vorkommen von Hadena irregularis im UK bestand. Heute ist sie dort ausgestorben.

Allan, P. B. M. (1943): Talking of Moths. – Newtown (The Montgomery Press). XII + 340 S.

Siehe auch
Lepidopterologische Lyrik, 1
Lepidopterologische Lyrik, 2
Lepidopterologische Lyrik, 3
Lepidopterologische Lyrik, 4
Lepidopterologische Lyrik, 5
Lepidopterologische Lyrik, 6
Lepidopterologische Lyrik, 7

Veröffentlicht unter Lepidoptera, Lyrik | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

„To the real James Bond“ – Mehr interessante Widmungen

Ab und zu werde ich mir erlauben, Beiträge zu veröffentlichen, die nur randlich oder auch gar nicht mit Entomologie zu tun haben. Hier ist einer davon.

In einem früheren Beitrag habe ich über Widmungen von Büchern geschrieben. Hier gibt es noch ein paar davon.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Eine sehr ehrliche Widmung oder vielleicht eine humorvoll gemeinte, wahrscheinlich aber beides:

To my wife Marganit
and my children Ella Rose and Daniel Adam
without whom this book would have
been published two years earlier
Joseph J. Rotman: An Introduction to Algebraic Topology (1988)

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Rotman war natürlich nicht der erste mit dieser Art von Widmung.

To my daughter Leonora without whose never-failing sympathy and encouragement this book would have been finished in half the time.
P. G. Wodehouse: The Heart of a Goof (1926)

Und sicherlich gibt es noch frühere Beispiele dieser Art. Es ist eine sehr naheliegende Widmung, weil sie so oft die Realität abbildet.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Ein berühmter Kosmologe an seine Frau, so kosmologisch wie charmant:

For Ann Druyan; In the vastness of space and the immensity of time, it is my joy to share a planet and an epoch with Annie.
Carl Sagan: Cosmos (1980)

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Und noch etwas Kryptisches:

Für IA 47 407
Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm (1931)

Ist mittlerweile von den Literaturhistorikern und Biographen entschlüsselt worden. Es handelte sich um das Berliner Autokennzeichen von Tucholskys damaliger Freundin Lisa Matthias, die ihn gebeten hatte, ihren Namen nicht zu nennen.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Weiterlesen

Veröffentlicht unter nicht-entomologische Themen, Off-Topic | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare

Die heiligen Präputien

oder
Die wundersame Vermehrung

Die weltt die will betrogen syn.
Sebastian Brant, Das Narrenschiff (1494)

Was haben die Liebfrauenkathedrale in Antwerpen, die Abtei von Charroux bei Poitiers, die Kirche Santi Cornelio e Cipriano in Calcata sowie 16 weitere Kirchen in Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland gemeinsam?
Sie haben es schon dem Titel dieses Essays entnommen? Dann kennen Sie sich in der christlichen Reliquientradition gut aus. Richtig: Alle diese Kirchen sind (oder waren einmal) die Hüter ganz besonderer Reliquien: der Vorhäute Christi.

Führend war hier natürlich Rom. Als Papst Leo III. im Dezember 800 Karl den Großen zum Kaiser krönte, hat Karl ihm die heilige Vorhaut zum Geschenk gemacht, die von da an in der Papstkapelle Sancta Sanctorum im Lateranpalast aufbewahrt wurde. Wie Karl zu der Reliquie gekommen war? Ganz einfach, er bekam sie von einem Engel geschenkt, als er im Heiligen Land am Heiligen Grab betete. Zwar ist Karl nie im Heiligen Land gewesen, aber das tut der Legende ja keinen Abbruch. Wir wissen spätestens seit John Fords The Man who Shot Liberty Valance: „When the legend becomes fact, print the legend.“ Was für die Legenden des alten Westens galt, war erst recht von Bedeutung in einer Weltreligion, in der die Himmelfahrt des Gründers eine Verehrung seiner sterblichen Überreste unmöglich gemacht hatte. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, entomologischer Betrug, Faunistik, Geschichte der Schmetterlingsforschung, Lepidoptera | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | 1 Kommentar

Lepidopterologische Lyrik, 7. Der Geruch des Weidenbohrers

Im Englischen wird der Weidenbohrer Cossus cossus als „Goat moth“ bezeichnet. Dieser Name bezieht sich auf den als unangenehm empfundenen Geruch der Raupe, der mit dem eines Ziegenbocks (he-goat) verglichen worden ist.

In den dreißiger Jahren haben die renommierten Hymenopterenspezialisten Ernest Arthur Elliott und Claude Morley ein kleines Büchlein mit entomologischen Gedichten veröffentlicht. Es erschien mit der Autorenangabe „Bard Ellnest Eriott and Bardlet Maude Clorley“ und trägt den Titel The beatific babblings of bugland’s bard. Es enthält auf 117 Seiten Gedichte mit entomologischen Inhalten. Vielfach sind es Pastiches bekannter Werke, so etwa „The Hunting of the Moth“ als Anspielung auf Lewis Carrolls „The Hunting of the Snark“. Die lyrische Qualität des Werks ist eher bescheiden; ein Antiquariatskatalog beschreibt es so: „A series of humorous poems about insects, often with a Suffolk theme. Many are parodies, all are bad!“

Das Büchlein ist selten, weil die Auflage nur bei 100 Stück lag und 50 davon später von Morley vernichtet wurden – er war wohl im Nachhinein mit dem Ergebnis unzufrieden. Immerhin ist es bemerkenswert als eines der wenigen ausschließlich der Entomologie gewidmeten Gedichtswerke in Buchform, hübsch in dunkelgrünes Leinen gebunden mit Goldprägung. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Buchbesprechung, Lepidoptera, Lyrik | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Phänologisches und Phäno-Unlogisches

Die nordamerikanische Lithophane antennata, eine Wintereule (nach Seitz)

Flugzeitdiagramme können auf unterschiedliche Weise dargestellt werden, aber in der Regel sind sie einigermaßen intuitiv zu lesen und zu verstehen. Ein wenig nachdenken sollte man allerdings, bevor man allzu voreilige Interpretationen von Flugzeitdiagrammen veröffentlicht – und mit veröffentlicht meine ich auch die Öffentlichmachung im Internet, beispielsweise in einer Online-Enzyklopädie.

So belehrt uns die  deutschsprachige Wikipedia, daß die amerikanische Eulenfalterart Lithophane antennata zwei Generationen habe:

„Die Falter fliegen in zwei Generationen im Jahr, schwerpunktmäßig von März bis Mai und wieder von September bis November.“

was bedeuten würde, daß sich die Raupen der Frühjahrsgeneration von Dezember bis Februar entwickeln müssen. Wovon mögen sie sich da wohl ernähren? Wikipedia verrät es uns:

„Die Raupen ernähren sich von einer Vielzahl verschiedener Laubbäume.“

Aha. Da müssen sie im Winter wohl die Rinde fressen… Weiterlesen

Veröffentlicht unter Lepidoptera | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Peanuts © Charles M. Schultz

Erstellt am von Axel Steiner | Kommentar hinterlassen