„Umnebelnd Himmelsglut“

Dies ist ein entomo-etymologischer Essay über die Spanischen Fahnen. „Warum der Plural?“ wird hier mancher fragen. Weil es nämlich – das wissen Sie wahrscheinlich – nicht nur eine Art gibt, die so heißt; weil es – das mag überraschen – nicht nur zwei Arten gibt, die so heißen, sondern – passen Sie auf – weil es drei Arten gibt, die so heißen. Wie das kam, erzählt der folgende Beitrag. Ich bin mir nicht sicher, ob er in die literarische Gattung der Komödie oder des Trauerspiels einzuordnen ist; vielleicht ist es doch eher eine Groteske. Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung.

 

„Umnebelnd Himmelsglut“

Russische Bären, Spanische Fahnen, weißgefleckte Afterbärenphalänen
und andere Sternstunden deutscher Namenserfindungswut


Einleitung

Das „Spanische-Fahne-Problem“ bietet eine hervorragende Einführung in die Vielschichtigkeit und Komplexität der Verwendung landessprachlicher Namen für Insekten. Zumindest würden es manche Euphemistiker als Vielschichtigkeit und Komplexität bezeichnen; ich nenne es schlicht das übliche Chaos: Chaos deshalb, weil es für jeden Außenstehenden einfach ein undurchschaubares Chaos ist und üblich, weil es eher den Regelfall als eine Ausnahme darstellt.  Weiterlesen

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Der Kleine Feuerfalter, der Schlangenknöterich und die Wikipädie

(Was die Wikipedia nicht weiß, Folge 266)

Die zahlreichen Webseiten, deren Betreiber nichts Besseres zu tun haben, als die Wikipedia zu kopieren, vervielfältigen dadurch nicht nur die zuverlässigen Inhalte der Wikipedia sondern auch die darin enthaltenen unzuverlässigen und fehlerhaften Stellen, und davon gibt es immer noch recht viele. Zu viele.

Wenn man als nicht Web-affiner Nutzer ein und dieselbe Information an mehreren Stellen im Internet findet und nicht erkennt, daß alles ursprünglich aus einer einzigen, fehlerhaften Quelle stammt, könnte man auf die Idee kommen, diese Information für wahr zu halten. Das ist die Gefahr.

Neulich stieß meine Frau auf einer Webseite, die sich Deutschlands Natur, Der Naturführer für Deutschland nennt, unter Lycaena phlaeas auf folgende Angabe:

„In Baden-Württemberg scheint Schlangen-Knöterich (Bistorta officinalis) die einzige bekannte Futterpflanze zu sein.“

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Schmetterlingskunde für Anfänger – „abgeflogene“ Falter

Was bedeutet „abgeflogen“ und warum ist es wichtig, diesen Zustand zu erkennen?

Der Spezialist vergißt gern, daß Begriffe, die er alltäglich und ohne nachzudenken benutzt, für den Nichtfachmann unverständlich oder doch zumindest sehr mißverständlich sein können. Dazu gehören nicht nur die aus dem Lateinischen und Griechischen stammenden Fachbegriffe, sondern auch einige deutsche Wörter, die im entomologischen Fachjargon eine ganz besondere Bedeutung angenommen haben.

Unter einem „abgeflogenen“ Falter könnte man sich einen vorstellen, der gerade gestartet ist, oder einen, der dem Entomologen weggeflogen ist. Tatsächlich bedeutet „abgeflogen“ in Bezug auf einen Schmetterling ein Exemplar, das durch vieles Herumfliegen bereits mehr oder weniger stark beschädigt ist. Beim Fliegen – wie auch beim Kriechen durch die Vegetation oder durch die Einwirkung von Wind und Regen – gehen nämlich die Flügelschuppen allmählich verloren. Ein abgeflogener Falter ist also einer, der schon viele Schuppen verloren hat, der sich bereits abgeflattert hat.

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Lepidopterologische Lyrik, 6. Köderfang 2

Aus dem Œuvre des Entomo-Lyrikers Max Fingerling (1844-1904) habe ich schon zwei Werke vorgestellt, darunter auch den ersten Teil des „Äpfellieds.“ Der zweite Teil ist nicht weniger attraktiv. Fingerling vergleicht die Falter mit einer Hochzeitsgesellschaft. Sehr passend: Ordensbänder sind die Hochzeiter (lat. sponsa = Braut, Verlobte; lat. nupta = Braut). Wurde das Sammeln im ersten Äpfellied nur indirekt angesprochen („vom schlauen Jäger dargebracht“) so wird es hier konkreter und nach dem hochzeitsfrohen Beginn schlägt die Stimmung am Ende in angemessen tragische und nachdenkliche Töne um.


Äpfellied II

Es ist erfüllt mein stolzes Hoffen,
Es rauschte schon, – da kommen sie,
Schon sind die Kleinen eingetroffen
Und auch die schöne Fraxini, –

Das blaue Ordensband, das breiter
Nie eines Königs Brust geschmückt,
Schon hat die Aspe es aus weiter
Entfernung zu mir abgeschickt!

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Butterflies – Es gibt keine englischen Schmetterlinge

(Was die Wikipedia nicht weiß, Folge 265)

Immer wieder behauptete Unwahrheiten werden nicht zu Wahrheiten,
sondern, was schlimmer ist, zu Gewohnheiten.
Oliver Hassencamp (1921-1988)

„Na schön,“ werden Sie sagen, „es gibt jede Menge Dinge, die in der Wikipedia entweder gar nicht oder falsch oder mißverständlich drinstehen.“ Hier aber versagen außer der Wikipädie auch eine ganze Menge weiterer Nachschlagewerke, nicht nur Online-Quellen sondern sogar ehrwürdige gedruckte Werke.

Schlägt man in der deutschsprachigen Wikipedia das Stichwort „Butterfly“ nach, dann liest man im ersten Satz:

          „Butterfly (englisch Schmetterling) … … …“

Und so steht es leider immer noch in den meisten Wörterbüchern.

Ist das denn falsch? – Ja, das ist falsch. Weiterlesen

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Raben und Elstern (Teil 4)

Es gibt nicht viele Entomologen, bei denen die Anzahl der von ihnen entdeckten oder beschriebenen Taxa und ihr persönlicher Leumund einen so schroffen Gegensatz bilden wie bei A. H. Fassl. Hunderte von neuentdeckten Arten und Unterarten aus Südamerika verdankt ihm die Wissenschaft. Viele davon sind nach ihm benannt; der Artname fassli begegnet uns in Tag- und Nachtfalterfamilien und auch in anderen Insektengruppen. Fassl selbst hat hauptsächlich Tagfalterarten, -unterarten und -formen beschrieben.

Wer war dieser Mann, der in Deutschland zeitweise per Haftbefehl gesucht wurde?

Fassl, Anton Hermann (1876-1922)-m1

Anton Heinrich Hermann Fassl jun. wurde 1876 in Komotau in Böhmen geboren und starb 1922 am Amazonas. Er war der Sohn eines gut bekannten Antiquitäten- und Naturalienhändlers. Abgesehen von diesen nüchternen Daten wußte ich über Fassls Leben und Wirken lange Zeit nichts, weil südamerikanische Tagfalter nicht mein Arbeitsgebiet sind. Irgendwann stieß ich auf zwei Kommentare von Camillo Schaufuss aus dem Jahr 1906, in denen es um eine Gerichtsverhandlung gegen Fassl wegen Diebstahl und Unterschlagung ging. Weitere Recherchen förderten einige Zeitungsberichte zutage – wie schön, daß heute so viel Gedrucktes auch online zu finden ist. Hier sind die Fakten, wie sie die Zeitgenossen im Jahr 1906 lesen konnten. Weiterlesen

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Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Wer kennt Papilio linkia?

Alte Lokalfaunen sind nicht nur deshalb deprimierend, weil man sieht, wie viele Arten – und ihre Lebensräume – mittlerweile verschwunden sind. Sie stellen den Faunisten auch vor Verständnisprobleme, denn die Nomenklatur des 19. Jahrhunderts unterschied sich zum Teil beträchtlich von der, die wir heute benutzen. Papilio machaon ist natürlich immer Papilio machaon gewesen – sofern er nicht mal sphyrus hieß. Aber was ist von Melitaea artemis zu halten? Das war im frühen 19. Jh. oft die erste Art im System – meistens begann man damals mit den Nymphaliden, nicht mit den Papilioniden.

Melitaea artemis ist Euphydryas aurinia. Weiterlesen

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Zu tief ins Ei geschaut … mit tödlichem Ende

Im Internet kursieren allerlei Fotos von Katzen, die ihren Kopf in Flaschen oder andere Behälter gesteckt haben. Daran fühlte ich mich erinnert, als bei uns einige Laothoe populi-Räupchen aus den Eiern schlüpften. Eine von ihnen hat ungünstigerweise ihre Kopfkapsel wieder in die Eihülle gesteckt und bekam sie dann nicht mehr heraus. Weiterlesen

Kurzmitteilung | Veröffentlicht am von | 1 Kommentar

Lepidopterologische Lyrik, 5. Apollofalter-Seelenwanderung, mit Historie dahinter

Christian Wagner (1835-1918) ist ein heute wenig bekannter Dichter, der aber seinerzeit von Hermann Hesse, Kurt Tucholsky, Karl Kraus und vielen anderen hochgeschätzt wurde. Er war der Sohn eines Bauern und literarisch ein Autodidakt. In seiner Jugend hat er Schmetterlinge gesammelt und seine entomologischen Kenntnisse und Vorlieben auch in seinen Werken eingesetzt.

In dem Gedicht Auf der Burgruine verarbeitet Wagner das Schicksal des Nicodemus Frischlin (1547-1590). Frischlin, humanistischer Dichter, Dramatiker und Philologe, Professor der Poetik und Geschichte, war ein sehr begabter Mensch, der teils durch unglückliche Umstände und teils durch sein eigenes undiplomatisches Verhalten ins Unglück geriet. Im März 1590 wurde er auf der Festung Hohenurach bei Urach am Nordrand der Schwäbischen Alb eingekerkert. In der Nacht vom 29. zum 30. November desselben Jahres stürzte er bei einem Fluchtversuch ab und brach sich das Genick. (Wer mehr über ihn erfahren will: Tante Gugel kennt ihn.) Weiterlesen

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Faunistische Frag(würdigkeit)en – Der Eichenschwärmer Marumba quercus in Deutschland

„Schau mir in die Augen, Kleines…

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… und sag mir, ob du wirklich daran glaubst, daß ich jemals in Deutschland vorgekommen bin.“


Schon bald nachdem Marumba quercus 1775 aus der Gegend von Wien beschrieben worden war – mit farbiger Abbildung von Falter und Raupe – setzten auch Meldungen aus Deutschland ein. Esper besprach den Eichenschwärmer im Jahr 1780. Sein Exemplar stammte aus Wien, und er bemerkte dazu, die Raupen seien auch in Franken gefunden worden, aber zugrunde gegangen.

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Mysteriöse Arten – Was ist Neocomia satinea? (Noctuidae)

Viele alte und sehr alte Artbeschreibungen sind nicht sicher identifizierbar, besonders wenn sie mit einem unkenntlichen Bild oder ganz ohne Abbildung veröffentlicht wurden. Wenn ein Belegexemplar existierte, hatten spätere Forscher die Chance, durch Genitaluntersuchung (oder heute durch DNS-Analyse) weitere Bestimmungsversuche zu unternehmen. So konnten viele unsichere Taxa, die im 18. und 19. Jahrhundert unzulänglich beschrieben worden waren, letztendlich identifiziert werden. Gibt es aber kein Belegstück mehr, dann bleibt so ein Taxon rätselhaft oder zumindest fraglich.

Solch ein Rätsel ist Neocomia satinea.

Neocomia satinea Rougemont, 1901 kl
Diese Art – wenn es denn eine Art sein sollte – ist in mehrfacher Hinsicht von Geheimnissen umgeben. Weiterlesen

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Eulenraupen contra Wikinger – 1 : 0

Sieht sie nicht harmlos aus, die Raupe von Eurois occulta? Kaum zu glauben, daß diese Tierchen die Wikinger auf Grönland ausgerottet haben. Nein, Sie haben sich nicht verlesen: die Eulenraupen haben die Wikingerkultur vernichtet und nicht umgekehrt.

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