Entomologische Erzählungen: „Hochwildjagd“ von Pawlik

Die „leichtere“ Literatur über die Entomologie ist im deutschsprachigen Bereich immer noch recht dünn gesät. Man freut sich deshalb jedesmal, wenn man auf ein Stück stößt, das nicht nur entomologischen Ansprüchen genügt, sondern auch lebhaft und unterhaltsam geschrieben ist. Ein solches stelle ich hier vor. Es stammt von Engelbert Pawlik (1891-1976), der vor dem 2. Weltkrieg Lehrer und Schuldirektor in Aussig an der Elbe (Ùsti nad Labem, Tschechien) war und Insekten verschiedener Ordnungen sammelte. 1929 veröffentlichte er in der Entomologischen Zeitschrift die charmante kleine Erzählung „Hochwildjagd“, in der es um die Waffenfliege Clitellaria ephippium (Fabricius, 1775) geht, die damals noch Ephippiomyia ephippium hieß.


Hochwildjagd  (Dipt.)

Von E. Pawlik, Außig (Elbe)

Als ich  s i e  zum ersten Male sah, war ich erstaunt. „Brasilien?“ fragte ich, todsicher, daß ich nichts Dummes sagte. Der alte Herr, der mir das sonderbare Ding unter die Nase hielt, schüttelte den Kopf.

„Nein, Sebastiansberg im Erzgebirge. Nicht wahr, da staunen Sie. Man findet in der engbegrenzten Heimatfauna immer noch Sachen, die man nicht kennt, die selbst erfahrene Sammler ganz fremdartig anmuten. Übrigens habe ich für das Tierchen keine Verwendung. Nehmen Sie es mit und bestimmen Sie es.“

Richtig, an der Hand der analytischen Tabellen hatte ich sie gleich. „Ephippiomyia ephippium.“ Ein süßer Name! „Sattelfliege.“ Das rotfilzige Rückenschild trägt jederseits einen starken Dorn, die Flügel sind rußbraun, der Hinterleib ist blauschwarz: Also eine Waffenfliege (Stratiomyidae).

So lernte ich  s i e  kennen. Seither hielt ich auf meinen Streifzügen durch Wiese und Wald die Augen offen, ob mir das hübsche Flieglein nicht auch bei uns einmal im Freien begegne. —

Einige Wochen später schrieb  Theophil. Ein grundgelehrtes Haus und Zoologe von Ruf. Er arbeitet augenblicklich an einer „Fliegenfauna des historischen Landes Böhmen.“ „Ich brauche,“ schrieb er, „notwendig genaue Fangdaten von Ephippiomyia ephippium. Verschaffe mir welche!“

Da hatte ich es! Nun war es mit meiner Ruhe vorbei: An jedem taufrischen Sonntagsmorgen rückte ich aus, schwer bewaffnet, um der Spur des edlen Wildes nachzupürschen. Der Schillergrund bei Waldschnitz war ein stummer Zeuge heißen Bemühens. Naß vom Tau troff das Gras der Wiesen, auf den Blättern der Büsche glitzerten tausend Perlen. Der hohe Walddom atmete noch Feuchtigkeit. Irgendwo rief ein Kuckuck. Eine Spitzmaus huschte über den Weg. Mit steigender Sonne erwachte millionenfaches Leben im Tale. Pelzbienen, Gürtelbienen, Erdbienen, fleißige Honigbienlein summten um die sich öffnenden Blumen, dicke, leuchtend bepelzte Hummelmütter trugen eifrig zu Neste.

In unnachahmlicher Eleganz stieg die  K ö n i g i n  d e s  d e u t s c h e n  W a l d e s,  die schlanke große  L a n g b o h r w e s p e  (Rhyssa persuasoria) den alten Fichtenstamm auf und nieder. Langbeinige Schnaken tanzten den Hochzeitsreigen; auf den ersten, weißen Dolden raufte sich loses Fliegengesindel. Schweber standen stolz über duftenden Blüten. Bunte Falter gaukelten trunken über die Wiese im engen Tale, Grashüpfer turnten an schlanken Halmen, Zikaden erzeugten Schaumrollen, goldgepanzerte Caraben machten am Wege einen Stafettenlauf. Ach — die göttliche Stille! Hie und da lockte ein Vogel im Gezweige, raschelte ein aufgescheuchtes Reh im Buschwerk, huschte ein beim Sonnenbade gestörtes Eidechslein ins Gras. Und der Tschernischkenbach murmelte. Man trinkt die würzige Waldluft, weidet das Auge an dem farbenfrohen Bilde der Waldwiese, läßt sich die Sonne auf den Nacken brennen und hat außerdem noch seine besondere Freude an den Tausenden kleiner Lebewesen, die einen umschwirren, umsummen, umkrabbeln. Das unterscheidet den Entomologen vom gewöhnlichen Spaziergänger. Ich hatte mein großes Netz entfaltet, an den Spazierstock geschraubt und schöpfte aus dem Vollen. Das meiste von dem zappelnden Getier setzte ich wohl nach jedem Zuge wieder in Freiheit. Gute, alte Bekannte. — Nur was mir zweifelhaft schien oder unbekannt war aus den bevorzugten Familien, Fliegen und Hautflügler, wanderte ins Giftglas. Scharf paßte ich auf Dipteren. Doch die Sattelfliege ließ sich nicht sehen. Den Weg herauf kam ein Pärchen Homo sapiens. Arm in Arm. Ich sehe sie nicht gerne in meinem Jagdrevier. Wie jeder rechte Jäger. Darum hüte ich mich, Sonntag nachmittags meinem stillen Vergnügen nachzugehen. Richtig traf mich ein mitleidiger Blick aus schönen Augen. „Du“, hörte ich das hübsche Mädel im Weitergehen sagen, „der Kerl sieht doch gar nich’ so dämlich aus und läuft doch noch wie ’nen Schulbub mit ’nem Schmetterlingsnetze in der Wiese ’rum.“ Der Begleiter zuckte nachsichtig die Achseln. —

Jetzt stand ich wie angewurzelt bei einem Haselstrauche. Den umflog etwas. Es war ein stattlicher Zweiflügler, das erkannte ich am Fluge. Aber wie das Tier flog!  N o c h  n i e  hatte ich etwas so flüchtiges, unstetes, Scheues gesehen. Es war  u n m ö g l i c h, das Tier zu erkennen,  g e s c h w e i g e  denn zu  f a n g e n. Blitzschnell flitzte es in wunderschönen Bogen ganz nahe an mir vorbei, immer den Strauch umkreisend. Dieser kühne Flieger war mir fremd. „Wer bist Du? Ich muß es wissen!“ Jetzt setzte sich das Tier, drei Schritte von mir entfernt, auf ein Blatt des Strauches. „Ephippiomyia ephippium“, die Sattelfliege! Theophil, wir haben sie! Schreibe in deine Fliegenfauna des historischen Landes Böhmen: „Schillergrund bei Waldschnitz!“ Vorsichtig holte ich mit dem Netze aus — mich hatte das Jagdfieber erfaßt, richtiges Jagdfieber — ein wuchtiger, wohlgezielter Schlag — einige Blätter tanzten zur Erde — das Netz war leer.

Ich biß mir die Lippen blutig. D a s  war Pech! Ich wartete eine halbe Stunde, dann noch eine. Die Fliege kam nicht wieder, das Wild war vergrämt. Irgendwo läutete die Mittagsglocke. Als guterzogener Ehemann wollte ich mein Frauchen bei Tische nicht warten lassen. Ärgerlich, sehr ärgerlich machte ich mich auf den Heimweg. Als ich über das Brücklein schritt, das den Tschernischkenbach in kühner Wölbung überspannt, sah ich jemand in der Wiese stehen und wie wild mit einem lächerlich kleinen Schmetterlingsnetze um sich schlagen. „Siehe da, ein Kollege,“ dachte ich. Barfuß und barhaupt stand ein Knirpslein am schmalen Wiesenpfade, fast schlugen die Gräser über dem leuchtenden Flachskopfe zusammen. Unter dem Näschen glitzerte es feucht, und das Höschen war an bestimmter Stelle zum raschen Öffnen eingerichtet.

„Was machst Du, Kleiner? Fängst wohl Schmetterlinge?“
„Nein, Fliegen.“
„O, ein Dipterologe! Wozu fängst Du denn die Fliegen?“
„Für’n Vater. Der geht nachmittag fischen.“
„Hast Du schon welche erwischt? Zeig mal her!“

Der Kleine zeigte mir ein Fläschchen, in das er seine Beute stopfte. In dem schmutzig trüben Glase krabbelte und wirrlte ein dunkler Knäuel durcheinander, dicke Brummer, lange Fleischfliegen, bepelzte Schlammfliegen. Halt, da leuchtete auch etwas rotfilzig! Zwei mächtige Dornen ragten rechts und links. —

„Bub, Du bist ein Glückspilz! Diese  e i n e  Fliege da gibst Du mir, ich klopfe sie vorsichtig aus der Flasche heraus, daß keine andere entkommt. Ich schenke Dir eine Krone, da kaufst Du dir was Gutes.“
Das Büblein strahlte. Ich nicht weniger.
„Theophil, nun sollst Du auch das Belegstück erhalten.“


Pawlik, E. (1929): Hochwildjagd (Dipt.). – Entomologische Zeitschrift, 42: 305-307.
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OT: Putins Krieg

Auferre trucidare rapere falsis nominibus imperium, atque ubi solitudinem faciunt, pacem appellant.
[Plündern, morden, rauben nennen sie mit falschem Namen ‚Imperium‘, und wo sie eine Einöde schaffen (d.h. ein Gebiet entvölkert haben), nennen sie es Frieden.]
Der Britannierführer Calgacus vor der Schlacht am Mons Graupius (83/84) an seine Krieger, überliefert von Tacitus (Agricola, 30, 5).

Vor weit über einem Jahrhundert, im Oktober 1898, erschien in der New York Tribune ein Gedicht von Rudyard Kipling, das nur auf den ersten Blick von einem Jäger in Kaschmir handelt, der von einem Bären zerfleischt worden ist. Gedichte und Kurzgeschichten waren für Kipling häufig ein Mittel, seine politischen und weltanschaulichen Ansichten in verschleierter Form auszudrücken. So auch hier. Kipling, Imperialist der er war, hegte ein tiefes Mißtrauen gegenüber Rußland. Adam-zad, der „Bär, der geht wie ein Mensch“, der sich verstellt und mit dem kein truce, kein Waffenstillstand möglich ist, ist ein leicht durchschaubares Sinnbild für Rußland, das ja oft als Bär dargestellt wurde. Erstaunlich welche Aktualität diese 120 Jahre alte Parabel jetzt wieder gewonnen hat.

The Truce of the Bear

Yearly, with tent and rifle, our careless white men go
By the Pass called Muttianee, to shoot in the vale below.
Yearly by Muttianee he follows our white men in—
Matun, the old blind beggar, bandaged from brow to chin.

Eyeless, noseless, and lipless – toothless, broken of speech,
Seeking a dole at the doorway he mumbles his tale to each;
Over and over the story, ending as he began:
„Make ye no truce with Adam-zad – the Bear that walks like a Man!

„There was a flint in my musket – pricked and primed was the pan,
When I went hunting Adam-zad – the Bear that stands like a Man.
I looked my last on the timber, I looked my last on the snow,
When I went hunting Adam-zad fifty summers ago!

„I knew his times and his seasons, as he knew mine, that fed
By night in the ripened maizefield and robbed my house of bread.
I knew his strength and cunning, as he knew mine, that crept
At dawn to the crowded goat-pens and plundered while I slept. Weiterlesen

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Ein Prinz und sein Apollofalter

What is history all about if not the exquisite delight of
knowing the details, and not only the abstract patterns.
Stephen Jay Gould

Es ist der 15. August 1897, früh am Morgen. Im Bois de Maréchaux bei Vaucresson hängt der Tau noch an den Gräsern, als mehrere Kutschen aus dem nahen Paris eintreffen. Die förmlich-elegant gekleideten Männer, die ihnen entsteigen, bilden zwei Gruppen. Mehrere von ihnen treffen sich in der Mitte und wechseln gemessene Worte. Währenddessen entledigen sich zwei junge Männer ihrer Fracks und erhalten Degen ausgehändigt. Die Sekundanten beenden die Vorbereitungen und die beiden Männer nehmen Aufstellung. Die ehrwürdigen alten Eichen, die die Lichtung einrahmen, nehmen keine Notiz davon. Sie haben schon viele Duelle erlebt.

Aber dieses ist kein ganz gewöhnliches Duell, denn beide Duellanten sind Prinzen. Der eine ist Franzose und ein Urenkel von König Louis-Philippe I. Der andere, sein Herausforderer, ist Italiener und ein Enkel von König Viktor Emanuel II. Er verschmäht Pistolen, die er gerade mal bei betrogenen Ehemännern für angemessen hält und besteht auf Degen als Waffen der Wahl für Prinzen von königlichem Geblüt. Schließlich geht es um nichts weniger als die Ehre des italienischen Volkes und der italienischen Armee.

Der Illustrator ist sicher nicht dabeigewesen, aber so ähnlich wie hier dargestellt wird man sich das Duell vorstellen dürfen – so wie viele der von Henri ausgefochtenen Ehrenhändel.

Der Anlaß zu diesem Duell sind einige Artikel im Figaro gewesen. Darin hat Prinz Henri Philippe Marie d’Orléans, Urenkel von Louis-Philippe I., sich abfällig über das Verhalten der italienischen Soldaten geäußert, die im Ersten Italienisch-Äthiopischen Krieg in Gefangenschaft geraten sind. Prinz Vittorio Emanuele von Savoyen-Aosta, Graf von Turin, Enkel von Viktor Emanuel II., fordert ihn daraufhin zum Duell. Der Schlagabtausch beginnt pünktlich um 5:00 Uhr und dauert 26 Minuten (faszinierend, wie penibel das damals aufgezeichnet wurde). Beide Kombattanten werden verwundet; Prinz Henri erhält eine ernsthafte Wunde „im rechten Abdominalbereich“ und wird von den Ärzten beider Parteien für unterlegen erklärt. Den Grafen von Turin macht dieses Duell weltberühmt. (Damals war es etwas schwieriger als heute, berühmt zu werden. Es gab weder Dschungelcamp noch Promi Big Brother noch bestand die Möglichkeit, sich als Influencer für Mode, Kosmetik oder Lifestyle zu prostituieren.) Weiterlesen

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Don’t fear the Rippert

Auch wenn Goethes Faust der Ansicht war, Namen seien Schall und Rauch: Wir brauchen sie zur Verständigung und wenn es sich um wissenschaftliche Tier- oder Pflanzennamen handelt, ist es wichtig, daß sie einheitlich und gleichlautend sind. Das wird zum Ärgernis, wenn ein wissenschaftlicher Name falsch gebildet worden ist. Den darf man nämlich nicht so einfach korrigieren, wenn er erst einmal veröffentlicht ist, denn die Internationalen Regeln für die zoologische Nomenklatur besagen, daß nur dann eine nachträgliche Korrektur (im Taxonomen-Jargon: eine Emendation) erlaubt ist, wenn aus der ursprünglichen Publikation selbst hervorgeht, daß eine andere Schreibweise beabsichtigt war (ICZN, Artikel 32.5). Weiterlesen

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Die Schlange der Versuchung, der heilige Franziskus und Nepticula-Minen am Rosenstrauche

Welche Neptikel miniert im Anio-Tal bei Subiaco an Rosa?

Diese Frage stellte sich selbst und anderen der Entomologe August Hoffmann in einem Artikel in der Stettiner entomologischen Zeitung im Jahr 1893. Hoffmann ist nicht selber dort gewesen sondern war durch einen Reisebericht von Joseph Victor von Scheffel, dem Autor des Ekkehard und des Trompeters von Säckingen, auf das Thema aufmerksam geworden.

Der Überlieferung nach hat der heilige Benedikt[1], wenn er in seiner Einsiedelei bei Subiaco von der fleischlichen Lust allzu sehr geplagt wurde, um selbige zu unterdrücken sich nackt in Dornensträuchern und Nesseln gewälzt. Na ja. Kann man so machen, muß man aber nicht. Immerhin hat es bei Benedikt die erwünschte Wirkung gehabt. Weiterlesen

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Lepidopterologische Lyrik, 8. Hymne auf den Köderfang (Köderfang 3)

Philip Allan (1884-1973) war ein Multitalent: Schriftsteller, Verleger und Entomologe. Sie haben ihn schon im Beitrag über die heiligen Präputien kennengelernt. Er schrieb unter anderem Jugend- und Abenteuerbücher und war langjähriger Herausgeber des „Entomologist‘s Record“, einer der renommiertesten britischen entomologischen Zeitschriften. Literarisch und historisch beschlagen verfasste er gelegentlich ernste bis humoristische Texte, darunter auch Gedichte, als kurze Lückenfüller für den Record. Aufsätze, die zu lang, zu humoristisch oder thematisch abschweifend waren, veröffentlichte er in mehreren Büchern, die zum Köstlichsten gehören, was je über Schmetterlinge publiziert worden ist. Wer trockenen britischen Humor zu schätzen weiß, kommt hier auf seine Kosten und findet auch viel Interessantes in historischer, faunistischer und ökologischer Hinsicht.

Da wir wieder mitten in der die Köderzeit sind, bringe ich zunächst ein Gedicht über den Köderfang (englisch: sugaring). Weitere zu anderen Themen folgen später.


PHILIP ALLAN
The Song of the Sugarer   (1943)

 


Erläuterungen:
Blandina ist Erebia aethiops.
Edusa ist Colias crocea.
Bei den übrigen Art-Epitheta ist lediglich die Gattung zu ergänzen.
The Breck: Das Breckland ist ein trockenes Sandheidegebiet in Norfolk und Suffolk, wo bis in die 1960er Jahre das einzige Vorkommen von Hadena irregularis im UK bestand. Heute ist sie dort ausgestorben.

Allan, P. B. M. (1943): Talking of Moths. – Newtown (The Montgomery Press). XII + 340 S.

Siehe auch
Lepidopterologische Lyrik, 1
Lepidopterologische Lyrik, 2
Lepidopterologische Lyrik, 3
Lepidopterologische Lyrik, 4
Lepidopterologische Lyrik, 5
Lepidopterologische Lyrik, 6
Lepidopterologische Lyrik, 7

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„To the real James Bond“ – Mehr interessante Widmungen

Ab und zu werde ich mir erlauben, Beiträge zu veröffentlichen, die nur randlich oder auch gar nicht mit Entomologie zu tun haben. Hier ist einer davon.

In einem früheren Beitrag habe ich über Widmungen von Büchern geschrieben. Hier gibt es noch ein paar davon.

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Eine sehr ehrliche Widmung oder vielleicht eine humorvoll gemeinte, wahrscheinlich aber beides:

To my wife Marganit
and my children Ella Rose and Daniel Adam
without whom this book would have
been published two years earlier
Joseph J. Rotman: An Introduction to Algebraic Topology (1988)

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Rotman war natürlich nicht der erste mit dieser Art von Widmung.

To my daughter Leonora without whose never-failing sympathy and encouragement this book would have been finished in half the time.
P. G. Wodehouse: The Heart of a Goof (1926)

Und sicherlich gibt es noch frühere Beispiele dieser Art. Es ist eine sehr naheliegende Widmung, weil sie so oft die Realität abbildet.

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Ein berühmter Kosmologe an seine Frau, so kosmologisch wie charmant:

For Ann Druyan; In the vastness of space and the immensity of time, it is my joy to share a planet and an epoch with Annie.
Carl Sagan: Cosmos (1980)

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Und noch etwas Kryptisches:

Für IA 47 407
Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm (1931)

Ist mittlerweile von den Literaturhistorikern und Biographen entschlüsselt worden. Es handelte sich um das Berliner Autokennzeichen von Tucholskys damaliger Freundin Lisa Matthias, die ihn gebeten hatte, ihren Namen nicht zu nennen.

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Die heiligen Präputien

oder
Die wundersame Vermehrung

Die weltt die will betrogen syn.
Sebastian Brant, Das Narrenschiff (1494)

Was haben die Liebfrauenkathedrale in Antwerpen, die Abtei von Charroux bei Poitiers, die Kirche Santi Cornelio e Cipriano in Calcata sowie 16 weitere Kirchen in Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland gemeinsam?
Sie haben es schon dem Titel dieses Essays entnommen? Dann kennen Sie sich in der christlichen Reliquientradition gut aus. Richtig: Alle diese Kirchen sind (oder waren einmal) die Hüter ganz besonderer Reliquien: der Vorhäute Christi.

Führend war hier natürlich Rom. Als Papst Leo III. im Dezember 800 Karl den Großen zum Kaiser krönte, hat Karl ihm die heilige Vorhaut zum Geschenk gemacht, die von da an in der Papstkapelle Sancta Sanctorum im Lateranpalast aufbewahrt wurde. Wie Karl zu der Reliquie gekommen war? Ganz einfach, er bekam sie von einem Engel geschenkt, als er im Heiligen Land am Heiligen Grab betete. Zwar ist Karl nie im Heiligen Land gewesen, aber das tut der Legende ja keinen Abbruch. Wir wissen spätestens seit John Fords The Man who Shot Liberty Valance: „When the legend becomes fact, print the legend.“ Was für die Legenden des alten Westens galt, war erst recht von Bedeutung in einer Weltreligion, in der die Himmelfahrt des Gründers eine Verehrung seiner sterblichen Überreste unmöglich gemacht hatte. Weiterlesen

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Lepidopterologische Lyrik, 7. Der Geruch des Weidenbohrers

Im Englischen wird der Weidenbohrer Cossus cossus als „Goat moth“ bezeichnet. Dieser Name bezieht sich auf den als unangenehm empfundenen Geruch der Raupe, der mit dem eines Ziegenbocks (he-goat) verglichen worden ist.

In den dreißiger Jahren haben die renommierten Hymenopterenspezialisten Ernest Arthur Elliott und Claude Morley ein kleines Büchlein mit entomologischen Gedichten veröffentlicht. Es erschien mit der Autorenangabe „Bard Ellnest Eriott and Bardlet Maude Clorley“ und trägt den Titel The beatific babblings of bugland’s bard. Es enthält auf 117 Seiten Gedichte mit entomologischen Inhalten. Vielfach sind es Pastiches bekannter Werke, so etwa „The Hunting of the Moth“ als Anspielung auf Lewis Carrolls „The Hunting of the Snark“. Die lyrische Qualität des Werks ist eher bescheiden; ein Antiquariatskatalog beschreibt es so: „A series of humorous poems about insects, often with a Suffolk theme. Many are parodies, all are bad!“

Das Büchlein ist selten, weil die Auflage nur bei 100 Stück lag und 50 davon später von Morley vernichtet wurden – er war wohl im Nachhinein mit dem Ergebnis unzufrieden. Immerhin ist es bemerkenswert als eines der wenigen ausschließlich der Entomologie gewidmeten Gedichtswerke in Buchform, hübsch in dunkelgrünes Leinen gebunden mit Goldprägung. Weiterlesen

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Phänologisches und Phäno-Unlogisches

Die nordamerikanische Lithophane antennata, eine Wintereule (nach Seitz)

Flugzeitdiagramme können auf unterschiedliche Weise dargestellt werden, aber in der Regel sind sie einigermaßen intuitiv zu lesen und zu verstehen. Ein wenig nachdenken sollte man allerdings, bevor man allzu voreilige Interpretationen von Flugzeitdiagrammen veröffentlicht – und mit veröffentlicht meine ich auch die Öffentlichmachung im Internet, beispielsweise in einer Online-Enzyklopädie.

So belehrt uns die  deutschsprachige Wikipedia, daß die amerikanische Eulenfalterart Lithophane antennata zwei Generationen habe:

„Die Falter fliegen in zwei Generationen im Jahr, schwerpunktmäßig von März bis Mai und wieder von September bis November.“

was bedeuten würde, daß sich die Raupen der Frühjahrsgeneration von Dezember bis Februar entwickeln müssen. Wovon mögen sie sich da wohl ernähren? Wikipedia verrät es uns:

„Die Raupen ernähren sich von einer Vielzahl verschiedener Laubbäume.“

Aha. Da müssen sie im Winter wohl die Rinde fressen… Weiterlesen

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Peanuts © Charles M. Schultz

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Buchtip: Walpergen

Es gibt Bücher, die muß man einfach kaufen, wenn sie einem zufällig in einer Buchhandlung oder einem Antiquariat über den Weg laufen, Bücher, die einen unmittelbar faszinieren, sei es durch den Text oder, wie hier, durch die fantastischen, naturgetreuen, lebensechten, mit großer Sorgfalt ausgeführten Aquarelle.

Wechssler, S. (1992): Blumen und Schmetterlinge. Studien nach der Natur von Peter Friedrich de Walpergen. Bearbeitung von Karlheinz Senghas, Eva M. Maier, Rainer Drös. – Heidelberg (Guderjahn). 115 S., 50 Farbtafeln. Gebunden, 30 x 22 cm. 9,90 €.

Aus einer protestantischen Antwerpener Familie stammend, die im 16. Jahrhundert nach Deutschland emigrieren mußte, war Walpergens Vater nach Heidelberg gelangt, wo 1730 sein taubstummer Sohn Peter Friedrich geboren wurde. Zwar wird er im Sterberegister als Geometer geführt, hat aber den Beruf eines Landvermessers wegen seiner Behinderung wohl nur in beschränktem Umfang ausüben können. Sein Zeichentalent wurde aber offenbar gefördert und es existiert eine Reihe von Zeichnungen und Aquarellen (vorwiegend Heidelberger Ansichten) von seiner Hand. Wertvoller ist seine entomologische Hinterlassenschaft: Weiterlesen

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Über die ausufernde Namensflut für kleine und kleinste Abänderungen (Aberrationen), die besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts skurrile Blüten trieb, haben sich die ernsthaften Biologen schon immer geärgert. Oder sich dezent darüber lustig gemacht, so wie dies A. Reuß 1921 in der von Fritz Rühl herausgegebenen Societas entomologica, Band 36, S. 24, tat. Weiterlesen

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Fröliches Autorenwechseln

Lästigerweise ändern sich gelegentlich wissenschaftliche Namen, etwa wenn eine Art in eine andere Gattung gestellt wird. Dahinter stehen in der Regel handfeste taxonomische Gründe, die auf Verwandtschaftsanalysen basieren. Viel seltener kommt es vor, daß sich der Autorname ändert, der zum wissenschaftlichen Artnamen gehört. Das kann passieren, wenn eine Veröffentlichung von mehreren Autoren stammt, von denen aber nur einer für eine bestimmte Artbeschreibung verantwortlich war. Heute wird so etwas eindeutig gekennzeichnet, aber im 18. und 19. Jahrhundert war das nicht immer der Fall, so daß man den Kontext genau studieren muß und dann manchmal zu einer Neubewertung der Autorschaft kommt.

Ein kurioser Autorenwechsel betrifft eine Reihe von Wicklerarten, die 1828 aus Süddeutschland beschrieben wurden. In diesem Jahr wurde an der Universität Tübingen eine Dissertation eingereicht, die sich mit den Tortriciden des Königreichs Württemberg befaßte: Enumeratio Tortricum Würtembergiae [Aufzählung der Wickler von Württemberg]. Mit dieser Arbeit wurde Franz Anton Gottfried Frölich (1805-1878) aus Ellwangen zum Doktor der Medizin promoviert. (Damals gab es noch keinen Dr. rer. nat.; mit naturwissenschaftlichen Themen wurde man meist Dr. med.). Weiterlesen

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Weltrekordler und Strandräuber

Diese Geschichte darf man sich von einem jüngeren Lepidopterologen erzählt denken, der auch – aber nicht nur – taxonomisch gearbeitet und ab und zu einen über den Durst getrunken hat.
Toren und gescheite Leute sind gleich unschädlich;
nur die Halbnarren und Halbweisen, das sind die gefährlichsten.
Johann Wolfgang von Goethe

„Ooouuuuhh!“ stöhnte ich laut.

Hörte das denn gar nicht mehr auf? Ich faßte mir an den Kopf, ohne daß die Schmerzen im geringsten nachließen. Dabei war ich entschieden der Meinung, jetzt genug gelitten zu haben. Ich fühlte mich, als ob ich schwebte. Diese verdammten Daiquiris. Mehr als sechs konnten es doch nicht gewesen sein. Allerdings war mir der Rest des Abends nicht mehr in Erinnerung; ich wußte nur, daß vor meinem Blackout auch noch andere Flaschen auf dem Tisch gestanden hatten. Womöglich hatte ich unvernünftigerweise zwei oder mehr Dinge zusammengemischt, die man besser nicht vermischen sollte. Jedenfalls nicht in meinem Magen.

„Ooouuuuhh!“

Die düstere Ahnung, daß da etwas sehr schief gelaufen war, verstärkte sich, als ich immer mehr an Höhe gewann. Die Wolken, anfangs noch massig und wie graue Watte aussehend, wurden zusehends dünner, der Himmel verdunkelte sich von bläulichgrau zu tief blauschwarz. Im Hinterkopf regte sich eine schwache Besorgnis und sagte mir, daß ich Angst haben sollte, aber ich hatte keine. Eigentlich müßte die Luft hier dünner werden und man müßte erfrieren. Ich fror aber nicht, und zum Atmen hatte ich keinerlei Bedürfnis. Mein Magen und die verdammten Kopfschmerzen machten mir mehr Sorgen als der Anblick dieses riesigen blauweißen Planeten da unter meinen Füßen. Weiterlesen

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