Artenvielfalt im freien Fall: Flächendeckender Rückgang von Schmetterlingen in Baden-Württemberg

In Scientific Reports stellen die Wissenschaftler Jan Christian Habel, Robert Trusch, Thomas Schmitt, Michael Ochse und Werner Ulrich ihre aktuellen Forschungsergebnisse zum Bestand von Schmetterlingen vor.

 Dabei handelt es sich um die erste flächendeckende Langzeitstudie, die Daten über die tagaktiven Schmetterlinge in Südwestdeutschland bis zurück in das 18. Jahrhundert nutzt. Ihr Ergebnis verfestigt das Bild, das bereits die „Krefeld-Studie“ von 2017 zeichnete: Die Wahrscheinlichkeit, viele Individuen von vielen unterschiedlichen Schmetterlingsarten auf einem Spaziergang zu sehen, hat besonders in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich abgenommen. Ökologische Systeme können bei der Überschreitung eines Grenzwertes leicht kippen. Dies könnte in Baden-Württemberg bereits vor etwa 20 Jahren passiert sein. Die Artenvielfalt befindet sich seitdem in freiem Fall.

Die aktuelle Studie belegt eine flächendeckende Reduktion der Häufigkeit der meisten Arten – ein Trend, der auch vor Naturschutzgebieten und extensiv genutzten Flächen nicht Halt macht, unabhängig von Nutzungsgrad und Nutzungsänderung. Dies sollte äußerst nachdenklich und besorgt stimmen, da sich offensichtlich die Landschaft in einer so schlechten allgemeinen Verfassung befindet, dass überregional Populationen verschwinden. Hier könnte ein Messprogramm für Insektizide, wie es von Wissenschaftlern längst gefordert wurde, helfen, die Vermutungen zum Insektensterben in Gebieten fernab intensiver Landnutzung auf eine sichere Datenbasis zu stellen.

Der hohe Wert historischer Beobachtungen

Die „Krefeld-Studie“ hat mit ihrem erschreckenden Befund den Stein endgültig ins Rollen gebracht: Sie stellte 75 % Biomasseverlust von flugfähigen Wirbellosen innerhalb von weniger als 30 Jahren fest. In der Folge wurde die Studie intensiv diskutiert und teilweise auch (mit mehr oder weniger stichhaltigen Argumenten) kritisiert. Jetzt wurden für das südwestdeutsche Bundesland Baden-Württemberg (mit einer Fläche von 35.751 km²) in einer aktuellen wissenschaftlichen Arbeit Beobachtungen tagaktiver Schmetterlinge über einen Zeitraum von mehr als 200 Jahren zusammengetragen und ausgewertet. Trends der Artenzahlen, der relativen Häufigkeiten der Arten sowie der Artenzusammensetzung wurden landesweit analysiert. Hierfür wurde jede Schmetterlingsart entsprechend ihren ökologischen Ansprüchen eingestuft.

Schmetterlinge in freiem Fall

Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass von den 163 untersuchten Arten bislang nur wenige vollständig aus dem südwestdeutschen Flächenland verschwunden sind. Diese sechs Arten werden schon in der letzten Roten Liste (2005) als verschollen geführt: Rotbindiger Samtfalter Arethusana arethusa seit 1976, Kleiner Alpenbläuling Cupido osiris seit 1929, Braunscheckauge Lasiommata petropolitana seit 1896, zwei Würfel-Dickkopffalterarten, Pyrgus carthami seit 1995 und Pyrgus onopordi seit 1928 sowie das Haarstrang-Widderchen Zygaena cynarae seit 1957.

Diese vergleichsweise geringen Aussterberaten und die somit relative Konstanz hinsichtlich der Artenzahl liegt jedoch daran, dass mit dem gesamten Bundesland eine große Fläche bearbeitet wurde, über die verteilt eine Vielzahl von geschützten und intensiv gepflegten Schutzgebieten existiert. Nur deshalb sind bisher relativ wenige Arten verschwunden. Viele anspruchsvollere Arten überlebten jedoch lediglich in wenigen und dazu sehr kleinen und isolierten Populationen – noch!

Die Häufigkeit der meisten Arten ist stark zurückgegangen. In anderen Worten: Die Wahrscheinlichkeit, viele Individuen von unterschiedlichen Arten zu sehen, hat besonders seit Mitte der 1950er Jahre stark abgenommen. Dieser negative Trend hat sich im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte nochmals drastisch beschleunigt, und das, obwohl in dieser Zeit (bedingt durch die Einführung des Natura 2000 Netzwerks) die Naturschutzanstrengungen der öffentlichen Hand sogar zugenommen haben.

Dieser beobachtete Rückgang kann kein Artefakt sein, das auf mangelnder Kartierung beruht, da das Monitoring über diesen Zeitraum hinweg sogar verstärkt durchgeführt wurde. Die Ergebnisse der neuen Studie, dass zahlreiche lokale Populationen vieler Arten verschwunden oder nur noch mit wenigen Individuen anzutreffen sind, untermauern somit das Bild, das die Krefeld-Studie schon angedeutet hatte. Und mit diesem Rückgang reduziert sich parallel auch die gesamte Biomasse, was dramatisch negative Auswirkungen auf die Nahrungsnetze und somit auf höhere trophische Ebenen wie Vogel- und Fledermausbestände hat.

Verlust von Lebensraum und Lebensraumqualität

Die Ursachen, die zu diesen Trends geführt haben, sind vielfältig und beeinflussen sich oftmals gegenseitig. Da jede Art entsprechend ihren ökologischen Ansprüchen und ihrem Verhalten unterschiedlich reagiert, sind die Zusammenhänge komplex und die Wirkungsweisen multikausal. Über eine ökologische Kategorisierung der untersuchten Arten war es jedoch in der aktuellen Arbeit möglich, Zusammenhänge zwischen Umweltveränderung und Artenrückgang nachzuweisen.

So sind besonders jene Arten von Populationsverlusten betroffen, die ganz spezifische Lebensraumansprüche haben und somit über eine geringe Umweltplastizität verfügen, also nicht flexibel auf Umweltveränderungen reagieren können. Beispiel hierfür sind die Arten der Magerrasen, Feuchtwiesen und Moore. Diese Lebensräume finden sich in unseren intensiv genutzten Landschaften kaum noch. Darüber hinaus hat sich auch die Qualität der verbleibenden Resthabitate in den meisten Fällen verschlechtert, vor allem durch atmosphärische Düngung (Ammoniak, Stickoxide) sowie durch den Eintrag schädlicher Stoffe (Pestizide) aus angrenzenden Flächen.

Arten, die nur in stickstoffarmen Ökosystemen leben, sind besonders stark von den atmosphärischen Stickstoffeinträgen und den damit einhergehenden Veränderungen der Pflanzengesellschaften und Habitatstrukturen betroffen. Auch standorttreue Arten, also solche mit geringem Ausbreitungsverhalten, leiden vorrangig unter der immer weiter voranschreitenden Habitatverinselung und den immer stärker werdenden Barrieren zwischen ihren Lebensstätten. Diese werden in erster Linie durch immer intensiver genutzte landwirtschaftliche Flächen, aber auch durch Straßen, Siedlungen oder Industriegebiete, verursacht. Ebenfalls problematisch sind durch Monokulturen geprägte Wälder, die dunkel und dadurch lebensfeindlich für fast alle Tagfalter sind und deshalb zu ihrem Schwund beitragen.

Präzisionslandwirtschaft und Energielandschaften

Die neuen landwirtschaftlichen Methoden und die Energiewende stellen den Natur- und Artenschutz ebenfalls vor neue Herausforderungen. Präzisionslandwirtschaft optimiert die operationalen Prozesse und kann zu einer Reduktion von Pestizidapplikationen führen. Aber gleichzeitig wird die Fläche noch „akkurater“ bewirtschaftet. Dadurch verschwinden letzte Kleinstlebensräume aus der Landschaft. Ebenfalls steigt der Bedarf an Energiepflanzen stetig. Auch deshalb werden Felder zusammengelegt, auf denen dann auf riesigen Flächen Raps und Mais angebaut werden. Das führt zu einem weiteren Verlust von Landschaftsheterogenität und damit zu einer Verringerung der Artenvielfalt.

(Jan Christian Habel, Robert Trusch und Thomas Schmitt)

Publikation und Link:

Habel JC, Trusch R, Schmitt T, Ochse M, Ulrich W (2019) Long-term large-scale decline in relative abundances of butterfly and burnet moth species across south-western Germany. Scientific Reports, DOI 10.1038/s41598-019-51424-1.

Veröffentlicht unter Allgemein, Faunistik, Lepidoptera | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Dufthaarorgane von männlichen Schmetterlingen am Beispiel von Mamestra brassicae

Die männlichen Dufthaarorgane an der Abdomenbasis bei manchen Noctuiden sind noch gar nicht so lange bekannt (Birch 1970) und ihre Funktion war anfangs unklar. Inzwischen ist nachgewiesen, daß sie bei der Paarung eingesetzt werden (Poppy & Birch 1994).

Eine Drüse im 2. Abdominalsegment produziert eine Vorstufe des Duftstoffs, die auf einen Haarpinsel abgesondert wird, auf dem innerhalb von 24 Stunden das Pheromon ensteht. Dieser Haarpinsel liegt in einer seitlichen Hauttasche, die vom 2. bis 4. Abdominalsegment reicht und normalerweise gut verschlossen ist. Er sitzt auf einem sklerotisierten Arm (in der englischen Literatur: lever = Hebel), der bei der Paarung ausgeschwenkt wird, wobei sich der Haarpinsel auffächert und das Pheromon in Richtung des Weibchens ausduftet. Das Organ ist paarig, also rechts und links vorhanden, kann aber einzeln eingesetzt werden.

Da das Ausfächern der Haarpinsel nur ganz kurz stattfindet, gibt es wenig Fotos oder Videos dieses Vorgangs. Bei Mamestra brassicae dauert das Ausfahren des Arms und das Ausfächern der Haare 80 Millisekunden; der Haarpinsel wird 100 ± 20 Millisekunden lang geöffnet gehalten und dann wieder zusammengelegt (Daten aus Poppy & Birch 1994). Bis der zusammengelegte Haarpinsel wieder in seiner Tasche verstaut wird, kann es Minuten oder sogar Stunden dauern, weshalb man einen oder beide Haarpinsel gelegentlich bei männlichen Noctuiden zu sehen bekommt.

Ein Mamestra brassicae-Männchen, das ich zum Bestimmen kurz betäubt hatte, hat dabei einen seiner Dufthaarpinsel ausgefahren und längere Zeit aufgefächert gehalten, so daß mir Zeit für ein paar Fotos blieb.

Oben: Der ausgestülpte Haarfächer. (Der schwarze Fleck unterhalb des Zentrums des Haarfächers ist das Kniegelenk des linken Hinterbeins.) Weiterlesen

Veröffentlicht unter Lepidoptera | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Die rechtsblockierte Hecatera dysodea  –  Wie eine Online-Enzyklopädie die Welt veräppelt

Zum zehnjährigen Jubiläum eines Scherzeintrags

Manchmal fragt man sich, ob die kleineren Wikipedia-Artikel überhaupt jemals gelesen werden, zum Beispiel die Artikel über einzelne Arten. Darin wird hin und wieder soviel Mißverständliches und sogar Falsches erzählt, daß gewiß noch kein Fachmann hineingeschaut haben kann – oder wegen der bedauerlichen Arbeitsbedingungen in der Wikipedia auf den Versuch einer Richtigstellung verzichtet hat.

Ein besonderes Wikipedia-Schmankerl findet sich in dem kurzen Artikel über Hecatera dysodea; ich habe die Stelle gelb markiert:

Tja. Die Wikipedia eben. Und das wird im Internet zwanzigfach geklont, selbst im Begleittext zu einem YouTube-Video.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Ungelöste faunistische Rätsel – Menophra nycthemeraria in Deutschland

Manche zweifelhaften älteren Angaben lassen sich leicht widerlegen oder wenigstens mit guten Argumenten als höchstwahrscheinlich falsch ad faunistica acta legen. Schwieriger wird es, wenn sicher bestimmte Belegstücke vorhanden sind, die auch noch von namhaften und seriösen, über allem Zweifel stehenden Fachleuten gesammelt wurden. So ist es im Fall der süd- und südwesteuropäisch verbreiteten Menophra nycthemeraria (Geyer, 1831). Die Nordgrenze ihrer Verbreitung reicht in Frankreich bis Yonne, Côte-d’Or und Saône-et-Loire, aber alte Angaben gibt es bis Loiret, Essonne, Seine-et-Marne und auch im Haut-Rhin.

Menophra nycthemeraria, ein Männchen aus Südfrankreich. In Mitteleuropa ist die Art unverwechselbar.

Aus Deutschland sind drei Nachweise bekannt, die allesamt in Thüringen erbracht wurden. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Faunistik, Lepidoptera | Kommentar hinterlassen

Pinien und Kiefern

Zum einjährigen Jubiläum eines Wikipädie-Fehleintrags.

Der Schauspieler Kiefer Sutherland soll sich halb totgelacht haben, als ihm Fans einmal erklärten, welche Bedeutungen sein Vorname in deutscher Sprache hat. Aber immerhin wurde er informiert.

Dagegen scheinen bei uns Deutschsprachigen – sofern wir nicht Botaniker sind – immer noch große Verständnisschwierigkeiten zu bestehen, wenn es um die Pflanzengattung der Kiefern geht. Der botanische Gattungsname Pinus und der englische Gattungsname pine bezeichnen eine große Anzahl von Kiefernarten. Eine davon ist die Pinie, die auf botanisch Pinus pinea heißt und rund ums Mittelmeer herum verbreitet ist. Alle anderen Arten gehören zwar auch zu Pinus (Kiefer), sind aber keine pinea (Pinie).

Das englische Wort pine gibt besonders oft Anlaß zu Fehlübersetzungen ins Deutsche: Es wird häufig als „Pinie“ wiedergegeben. Vielleicht ist es der ähnliche Wortanfang, der die Deutschsprachigen hier fehlleitet (Stichwort: falscher Freund); wahrscheinlich spielt eine Kombination aus Unkenntnis der englischen und der eigenen Muttersprache und der Botanik eine Rolle. Jedenfalls findet man allenthalben, wo Leute unlektoriert[1] schreiben, insbesondere im Internet, Kiefern als „Pinien“ bezeichnet. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Sprachliches | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Falterbeobachtung beim Ballonflug, 2

Zum Thema Schmetterlingsbeobachtungen vom Ballon aus bin ich auf zwei weitere Berichte gestoßen. Johannes Poeschel (1855–1943) war nicht nur Philologe und Schuldirektor sondern auch ein Luftfahrtpionier. In dem Buch Luftreisen berichtete er 1907 von einer seiner Ballonfahrten über dem damaligen Russisch-Polen:

Rypin liegt um 100 m hoch, die Falter befanden sich demnach 1900-2150 m über dem Erdboden. Weiterlesen

Kurzmitteilung | Veröffentlicht am von | Kommentar hinterlassen

Entomologische Anekdoten: Entlausung durch Formica fusca

Berichtet 1918 von Marie Rühl in der Societas entomologica, 33: 24.

Kurzmitteilung | Veröffentlicht am von | 2 Kommentare

Dürre Erbsen, kranke Eier und valeriansaures Amyloxyd: Praktisches und Skurriles aus alten Köderrezepten

Cunning are my recipes, brewed with practised skill.
Pungent subtle odours waft from out the kitchen „still“.
(Aus: Lament of a Treacler von Richard L. E. Ford, 1948)

Im Gegensatz zum Lichtfang, bei dem die technischen Aspekte relativ standardisiert sind, gewährt der Köderfang der individuellen Kreativität viel breiteren Spielraum – vor allem beim Köderkochen.

Die heutigen Köderrezepte beschränken sich meistens auf Rotwein-Zucker- oder Bier-Zuckerrübensirup-Mischungen, je nach Geschmack mit überreifem oder gärendem Obst oder mit Honig kombiniert. Früher gab es eine größere Vielfalt, weil mangels weltumspannender Medien weniger Austausch stattfand und dadurch regionale und individuelle Gepflogenheiten stärker zum Tragen kamen. Nicht zuletzt wurden Köderrezepte manchmal geheimgehalten, weil die Ausbeute insbesondere von seltenen Arten eine nicht unbeträchtliche Einnahmequelle für Sammler wie Händler darstellte. J. Peter Maassen wollte in den 1870er Jahren einen Aufsatz über den Köderfang veröffentlichen, worauf ein Kollege[1] ihm nahelegte, „es sei eigentlich nicht rathsam, das Geheimniss des Bierköders an die grosse, gedruckte Glocke zu schlagen – das sei jährlich unter Brüdern 30, geschrieben dreissig, Thaler werth!“ (Maassen 1871).

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Fundstücke aus der älteren Literatur, Geschichte der Schmetterlingsforschung, Lepidoptera | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

„Umnebelnd Himmelsglut“

Dies ist ein entomo-etymologischer Essay über die Spanischen Fahnen. „Warum der Plural?“ wird hier mancher fragen. Weil es nämlich – das wissen Sie wahrscheinlich – nicht nur eine Art gibt, die so heißt; weil es – das mag überraschen – nicht nur zwei Arten gibt, die so heißen, sondern – passen Sie auf – weil es drei Arten gibt, die so heißen. Wie das kam, erzählt der folgende Beitrag. Ich bin mir nicht sicher, ob er in die literarische Gattung der Komödie oder des Trauerspiels einzuordnen ist; vielleicht ist es doch eher eine Groteske. Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung.

 

„Umnebelnd Himmelsglut“

Russische Bären, Spanische Fahnen, weißgefleckte Afterbärenphalänen
und andere Sternstunden deutscher Namenserfindungswut


Einleitung

Das „Spanische-Fahne-Problem“ bietet eine hervorragende Einführung in die Vielschichtigkeit und Komplexität der Verwendung landessprachlicher Namen für Insekten. Zumindest würden es manche Euphemistiker als Vielschichtigkeit und Komplexität bezeichnen; ich nenne es schlicht das übliche Chaos: Chaos deshalb, weil es für jeden Außenstehenden einfach ein undurchschaubares Chaos ist und üblich, weil es eher den Regelfall als eine Ausnahme darstellt.  Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Geschichte der Schmetterlingsforschung, Lepidoptera, Nomenklatur, Sprachliches | 2 Kommentare

Der Kleine Feuerfalter, der Schlangenknöterich und die Wikipädie

(Was die Wikipedia nicht weiß, Folge 266)

Die zahlreichen Webseiten, deren Betreiber nichts Besseres zu tun haben, als die Wikipedia zu kopieren, vervielfältigen dadurch nicht nur die zuverlässigen Inhalte der Wikipedia sondern auch die darin enthaltenen unzuverlässigen und fehlerhaften Stellen, und davon gibt es immer noch recht viele. Zu viele.

Wenn man als nicht Web-affiner Nutzer ein und dieselbe Information an mehreren Stellen im Internet findet und nicht erkennt, daß alles ursprünglich aus einer einzigen, fehlerhaften Quelle stammt, könnte man auf die Idee kommen, diese Information für wahr zu halten. Das ist die Gefahr.

Neulich stieß meine Frau auf einer Webseite, die sich Deutschlands Natur, Der Naturführer für Deutschland nennt, unter Lycaena phlaeas auf folgende Angabe:

„In Baden-Württemberg scheint Schlangen-Knöterich (Bistorta officinalis) die einzige bekannte Futterpflanze zu sein.“

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit | 3 Kommentare

Schmetterlingskunde für Anfänger – „abgeflogene“ Falter

Was bedeutet „abgeflogen“ und warum ist es wichtig, diesen Zustand zu erkennen?

Der Spezialist vergißt gern, daß Begriffe, die er alltäglich und ohne nachzudenken benutzt, für den Nichtfachmann unverständlich oder doch zumindest sehr mißverständlich sein können. Dazu gehören nicht nur die aus dem Lateinischen und Griechischen stammenden Fachbegriffe, sondern auch einige deutsche Wörter, die im entomologischen Fachjargon eine ganz besondere Bedeutung angenommen haben.

Unter einem „abgeflogenen“ Falter könnte man sich einen vorstellen, der gerade gestartet ist, oder einen, der dem Entomologen weggeflogen ist. Tatsächlich bedeutet „abgeflogen“ in Bezug auf einen Schmetterling ein Exemplar, das durch vieles Herumfliegen bereits mehr oder weniger stark beschädigt ist. Beim Fliegen – wie auch beim Kriechen durch die Vegetation oder durch die Einwirkung von Wind und Regen – gehen nämlich die Flügelschuppen allmählich verloren. Ein abgeflogener Falter ist also einer, der schon viele Schuppen verloren hat, der sich bereits abgeflattert hat.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Lepidoptera, Schmetterlingskunde für Anfänger | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Lepidopterologische Lyrik, 6. Köderfang 2

Aus dem Œuvre des Entomo-Lyrikers Max Fingerling (1844-1904) habe ich schon zwei Werke vorgestellt, darunter auch den ersten Teil des „Äpfellieds.“ Der zweite Teil ist nicht weniger attraktiv. Fingerling vergleicht die Falter mit einer Hochzeitsgesellschaft. Sehr passend: Ordensbänder sind die Hochzeiter (lat. sponsa = Braut, Verlobte; lat. nupta = Braut). Wurde das Sammeln im ersten Äpfellied nur indirekt angesprochen („vom schlauen Jäger dargebracht“) so wird es hier konkreter und nach dem hochzeitsfrohen Beginn schlägt die Stimmung am Ende in angemessen tragische und nachdenkliche Töne um.


Äpfellied II

Es ist erfüllt mein stolzes Hoffen,
Es rauschte schon, – da kommen sie,
Schon sind die Kleinen eingetroffen
Und auch die schöne Fraxini, –

Das blaue Ordensband, das breiter
Nie eines Königs Brust geschmückt,
Schon hat die Aspe es aus weiter
Entfernung zu mir abgeschickt!

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Lepidoptera, Lyrik | Kommentar hinterlassen

Butterflies – Es gibt keine englischen Schmetterlinge

(Was die Wikipedia nicht weiß, Folge 265)
Immer wieder behauptete Unwahrheiten werden nicht zu Wahrheiten,
sondern, was schlimmer ist, zu Gewohnheiten.
Oliver Hassencamp (1921-1988)

„Na schön,“ werden Sie sagen, „es gibt jede Menge Dinge, die in der Wikipedia entweder gar nicht oder falsch oder mißverständlich drinstehen.“ Hier aber versagen außer der Wikipädie auch eine ganze Menge weiterer Nachschlagewerke, nicht nur Online-Quellen sondern sogar ehrwürdige gedruckte Werke.

Schlägt man in der deutschsprachigen Wikipedia das Stichwort „Butterfly“ nach, dann liest man im ersten Satz:

          „Butterfly (englisch Schmetterling) … … …“

Und so steht es leider immer noch in den meisten Wörterbüchern.

Ist das denn falsch? – Ja, das ist falsch. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Lepidoptera, Sprachliches | Verschlagwortet mit , | 3 Kommentare

Raben und Elstern (Teil 4)

Es gibt nicht viele Entomologen, bei denen die Anzahl der von ihnen entdeckten oder beschriebenen Taxa und ihr persönlicher Leumund einen so schroffen Gegensatz bilden wie bei A. H. Fassl. Hunderte von neuentdeckten Arten und Unterarten aus Südamerika verdankt ihm die Wissenschaft. Viele davon sind nach ihm benannt; der Artname fassli begegnet uns in Tag- und Nachtfalterfamilien und auch in anderen Insektengruppen. Fassl selbst hat hauptsächlich Tagfalterarten, -unterarten und -formen beschrieben.

Wer war dieser Mann, der in Deutschland zeitweise per Haftbefehl gesucht wurde?

Fassl, Anton Hermann (1876-1922)-m1

Anton Heinrich Hermann Fassl jun. wurde 1876 in Komotau in Böhmen geboren und starb 1922 am Amazonas. Er war der Sohn eines gut bekannten Antiquitäten- und Naturalienhändlers. Abgesehen von diesen nüchternen Daten wußte ich über Fassls Leben und Wirken lange Zeit nichts, weil südamerikanische Tagfalter nicht mein Arbeitsgebiet sind. Irgendwann stieß ich auf zwei Kommentare von Camillo Schaufuss aus dem Jahr 1906, in denen es um eine Gerichtsverhandlung gegen Fassl wegen Diebstahl und Unterschlagung ging. Weitere Recherchen förderten einige Zeitungsberichte zutage – wie schön, daß heute so viel Gedrucktes auch online zu finden ist. Hier sind die Fakten, wie sie die Zeitgenossen im Jahr 1906 lesen konnten. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, entomologischer Diebstahl, Geschichte der Schmetterlingsforschung, Lepidoptera | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Wer kennt Papilio linkia?

Alte Lokalfaunen sind nicht nur deshalb deprimierend, weil man sieht, wie viele Arten – und ihre Lebensräume – mittlerweile verschwunden sind. Sie stellen den Faunisten auch vor Verständnisprobleme, denn die Nomenklatur des 19. Jahrhunderts unterschied sich zum Teil beträchtlich von der, die wir heute benutzen. Papilio machaon ist natürlich immer Papilio machaon gewesen – sofern er nicht mal sphyrus hieß. Aber was ist von Melitaea artemis zu halten? Das war im frühen 19. Jh. oft die erste Art im System – meistens begann man damals mit den Nymphaliden, nicht mit den Papilioniden.

Melitaea artemis ist Euphydryas aurinia. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Faunistik, Geschichte der Schmetterlingsforschung, Lepidoptera, Nomenklatur | Verschlagwortet mit , , | 1 Kommentar