„Der Philipp, die Loni und die Vicki treffen die Atom-Emma“

Wenn Fachleute mit der Sprache spielen  (Teil 1)

Entomologische Anfänger, die sich in die Schmetterlingskunde einarbeiten, versuchen meistens zuerst, die deutschen Namen der Arten zu lernen. Das geht gut, solange man nur ein einziges Buch benutzt. Sobald man mehr Literatur oder das Internet heranzieht, merkt man, daß es für jede Art mehrere (manchmal eine ganze Menge) deutsche Namen gibt. Wer das Hobby Schmetterlinge intensiver verfolgt, geht irgendwann auf die wissenschaftlichen Namen über, weil die – allen Änderungen aufgrund neuer Forschungs-ergebnisse zum Trotz – auf Dauer einfacher zu lernen und leichter zu merken sind als die deutschen.

Dem Fachentomologen wird es oft langweilig, lange Namen auszusprechen und so läßt er im Gespräch gern die Gattungsnamen weg. Nachdem der Gattungsname einmal gefallen ist und der Gesprächspartner weiß, daß es um – sagen wir – Poecilocampa populi geht, dann kann man im weiteren Gespräch kurz populi sagen. Wenn ein Dritter hinzukommt, muß er eine Weile zuhören oder nachfragen, um zu erfahren, ob da von Limenitis populi oder von Laothoe populi oder eben von Poecilocampa populi geredet wird. Immerhin sind viele Artnamen so eindeutig, daß sie auch ohne den Gattungsnamen verständlich sind.

Der nächste Schritt ist dann die Abkürzung oder Verballhornung der Artnamen wie in der Überschrift dieses Beitrags: Da findet man auf einer Blütenwiese Zygaena filipendulae, Zygaena lonicerae und Zygaena viciae mit Ematurga atomaria: eben den Philipp, die Loni, die Vicki und die Atom-Emma…
Derartiger Privatjargon entwickelt sich nur zwischen Leuten, die eng zusammenarbeiten, kann aber bei Exkursionen oder Tagungen auf andere Kollegen übergreifen, auch wenn die oft erstmal nachgrübeln müssen, was gemeint ist. Anfänger sind mit derartigen Sprachspielereien oft überfordert, machen aber gerne mit, sobald sie erkannt haben, worum es geht. Nur Laien bleiben völlig außen vor.

Man kann sich die seltsamen Blicke der vorübergehenden Spaziergänger vorstellen, als zwei Entomologen an einer Stelle sammelten, wo Zygaena filipendulae und Zygaena transalpina flogen und der eine dem anderen quer über den Hang zurief, er sei sich nicht sicher, ob er eben „’nen Philipp oder ’ne Transe“ erwischt habe.

Und nächstesmal erzähle ich Ihnen von der Effi, der Angie und der Lotti, vom RO 80 oder vom Osterhasenfalter.
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Entomo-Bibliophilie

Liebe Leser, wissen Sie, was man unter Bibliophilie versteht? Sie werden es erraten, auch ohne daß Sie das Buch von Nicholas Basbanes gelesen haben, das den Titel trägt „A Gentle Madness. Bibliophiles, Bibliomanes, and the Eternal Passion for Books”.

Ihnen kommt, wenn Sie „Bibliophilie“ hören, Dürers Holzschnitt „Der Büchernarr“ in den Sinn? – Gut.

Es läuft Ihnen kalt über den Rücken, wenn Sie hören, zu welchen Preisen halbgebildete Milliardäre die Manuskripte alter Renaissance-Genies ersteigern? – Sehr gut.

Dann sind Sie prädestiniert, die folgende kleine Erzählung zu verstehen.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Unsere Geschichte beginnt, wie jedes Märchen beginnt: Mit den Worten „Es war einmal …“.

Es war einmal ein Entomologe, der war ein Narr. Ein Büchernarr genau genommen. – Ein Büchernarr ist doch nichts Schlimmes, wenden Sie ein? Es kann nicht schaden, gute Literaturkenntnisse zu haben, sagen Sie? – Ja, im allgemeinen stimmt das. Aber es gibt Situationen, da kann sich zuviel Wissen auch als Fluch erweisen. Von einer solchen Begebenheit soll hier die Rede sein.

An einem sonnigen Oktobernachmittag Mitte der neunziger Jahre befand sich unser bibliophiler Entomologe auf dem Weg vom Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität zur U-Bahn-Station Zinnowitzer Straße. Er war aus der süddeutschen Provinz angereist, um Belegstücke in der Sammlung des Berliner Museums zu studieren. Diese Arbeiten würden noch einige Tage dauern, aber heute hatte er sich schon am Nachmittag vom Binokular losgerissen, um das gute Wetter auszunutzen. Mit einem kleinen Rucksack über der Schulter und einer Liste der Berliner Buchantiquariate in der Tasche begab er sich auf eine entomologisch-bibliophile Exkursion.

Es dämmerte bereits und sein Rucksack war zur Hälfte gefüllt, als unser Büchernarr ein kleines Antiquariat in Schöneberg betrat. Als er die Tür öffnete, drang mit dem Luftzug ein muffig-säuerlicher Geruch aus dem Antiquariatskeller in seine Nase. Er ist das wohlbekannte Anzeichen für Bücher, die zu lange in feuchten Räumen aufbewahrt wurden und von mikroskopischen Pilzen befallen sind. Die weitere Ausbreitung der Pilze kann zwar durch Trocknung gestoppt werden, aber der Geruch und die Pilzhyphen haften dem betreffenden Band meist dauerhaft an. Der Bücherliebhaber meidet im allgemeinen solche Örtlichkeiten, deren Geruch anzeigt, daß man hier mit Büchern nicht sorgsam umzugehen weiß.

So schaute sich unser Büchernarr nur kurz um und wandte sich wieder zum Gehen. Neben der Tür blieb er noch bei der Auslage mit den Druckgrafiken stehen, um kurz die Sparte „Tiere und Pflanzen“ durchzublättern. Da gab es die üblichen Haustiere, Pferde, Orchideen und, siehe da, es gab auch einige Drucke mit Schmetterlingen. Nur halbherzig überflog der Entomologe die in Plastikhüllen eingesteckten Seiten: Einige Drucke aus einer Enzyklopädie des 19. Jahrhunderts, von denen viele im Umlauf waren; ein oder zwei dekorative Blätter aus Reisebeschreibungen. Doch halt, was war das? Eine Tafel mit kleinen Schmetterlingen fiel ihm auf, Zünsler waren es.

Sie waren in Spannstellung abgebildet, aber es war nur eine Flügelhälfte dargestellt, wie es in wissenschaftlichen Werken aus Platz- und Kostengründen nicht nur früher oft unvermeidlich war.

Elektrisiert zog der Entomologe das Blatt aus dem Fach. Es war unterschrieben mit „Horace Knight lith. ad nat.” und “West, Newman imp.” Oh ja, er erkannte dieses Werk. Aber das war doch ein moderner Nachdruck, kein Original. Wie kam es, daß man es hier unter die Originaldrucke gesteckt hatte? Der Entomologe zuckte die Achseln. Manchen Buchhändlern war anscheinend kein Trick zu schmutzig. Dem gewöhnlichen Volk würde der Betrug wahrscheinlich erst zu Hause auffallen, aber jedem Kenner war die Sache bekannt.

Der Großfürst Nikolai Romanoff (1859-1919) war nicht nur ein liberaler Reformer, was man im Zarenhaus gar nicht gerne sah, sondern auch ein Historiker und Naturwissenschaftler von Rang. Er schrieb über Schmetterlinge, baute eine wertvolle Sammlung auf und gab das opulent ausgestattete Werk Mémoires sur les Lépidoptères heraus, das zwischen 1884 und 1901 in neun Bänden erschien. In den meisten Bänden wurden neue Arten aus allen Teilen Rußlands, besonders aus Zentralasien, beschrieben und auf handkolorierten Farbtafeln abgebildet. Band 7 und 8 enthielten die Monographie des Phycitinae et des Galleriinae, das Lebenswerk des französischen Lepidopterologen Émile Ragonot. Da Ragonot 1895 starb, zog sich die Herausgabe von Band 8 länger hin und er erschien erst nach Band 9 im Jahr 1901. Ragonots Witwe hatte sich dafür eingesetzt, das letzte Werk ihres Mannes herauszubringen. Sir George F. Hampson vom Britischen Museum schrieb den Text zuende und der Illustrator Horace Knight schuf die letzten 11 Farbtafeln, die noch fehlten. Schließlich waren Text und Tafeln fertig; das Buch wurde gedruckt, gebunden und lag zur Auslieferung bereit. In dieser Nacht brach im Lager der Druckerei ein Feuer aus und vernichtete die gesamte Auflage. Nur eine Handvoll Exemplare, die man schon vorher entnommen hatte, blieb übrig. Das Natural History Museum in London hat eines. Das Muséum National d’Histoire Naturelle in Paris hat eines. Aber in den meisten Bibliotheken finden sich nur die Bände 1 bis 7 und 9. Um diesem Mangel abzuhelfen wurde in den 1970er Jahren ein ­­Nachdruck von Band 8 herausgegeben, der den Bibliotheken und Entomologen ermöglichte, die Buchreihe zu vervollständigen. Und aus diesem Nachdruck mußten die Blätter wohl stammen. Der Entomologe schaute genauer hin – und stutzte.

Das Papier war von anderer Textur als ein moderner Druck. Der Rand erschien vergilbt; die Tafeln machten einen alten Eindruck, deutlich älter als 20 Jahre.

Er trat unter eine der müde von der Decke herabblinzelnden 80-Watt-Leuchten und hielt das Blatt ins Licht.

Keine Spur von einem Druckraster!

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Rasch zog der Entomologe seine Einschlaglupe aus der Tasche und ließ sie aufschnappen. Gleich darauf fiel sie scheppernd zu Boden und auch die Drucke wären ihm beinahe aus den zitternden Fingern geglitten.

Das konnte nicht sein.

„Das … Das sind Lithos!“ stieß er hervor. „Echte! Echte Lithos!“

Der Buchhändler, ein schmächtiges Kerlchen von wenig vertrauenerweckendem Äußeren, näherte sich langsam. „Ja freilich sind das Lithographien,“ ließ er sich vernehmen. „Stehn ja auch bei den Druckgrafiken, nich wahr?“

Mißtrauisch musterte er den Entomologen. „Is Ihnen nich gut, junger Mann? Sie sehn so blaß aus. Gehn Se lieber raus anne frische Luft, wenn Ihnen schlecht is. Fehlt grad noch, daß Se mir hier im Laden ohnmächtig werden.“

Entgeistert hielt ihm der Entomologe zwei der Tafeln entgegen. „Das ist… Das ist ein Romanoff Band acht! Die Ragonot-Monografie!“

Der Buchhändler wiegte nur den Kopf, als ob er verstünde, wovon dieser seltsame Kunde sprach. In Wirklichkeit hatte er keine Ahnung.

„Wo ist der… der Rest?“

„Na, wo wird er sein? Verkauft wird er sein, junger Mann. Was Sie hier sehn, ist alles, was noch übrig ist. Wird ganz gern gekauft, das alte Zeuch. Sehr dekorativ, nich wahr? Nur 12 D-Mark das Blatt.“

Dem Entomologen wurde schwarz vor Augen. Ein Ragonot-Band, ein echter, ein überlebender Ragonot: Zerschnitten? Verramscht? „Aber das Buch?“ stieß er hervor. „Das Gesamtwerk? Der Text…?“

„Die Textseiten? Je nun, die will ja kein Mensch haben. Sowas kann man ja nich loswerden.“

„Wo – ist – der – Text?“ preßte der Entomologe mühsam beherrscht hervor.

Der Buchhändler kratzte sich am Kopf. „Der Text, tja, der liecht wohl noch im Keller. In der Altpapiertonne neben der Treppe.“

Altpapier! Dem Entomologen schwindelte. Mit einem Satz war er an der Kellertreppe und stieg hastig die Stufen hinab. Das schwächlich beleuchtete Untergeschoß offenbarte engstehende Reihen von Bücherregalen. In der düsteren Ecke neben der Treppe stieg ein unerträglicher Modergeruch aus einer gut meterhohen Tonne auf. Der Entomologe griff hinein – und zuckte zurück. An seinen Fingern hafteten halbverfaulte Papierfetzen. Feuchtigkeit und Vernachlässigung hatten ihr zerstörerisches Werk getan.

„Sagen Se mal, was machen Se denn da?“ Der Buchhändler war ihm in den Keller gefolgt und beäugte ihn von der Seite.

In diesem Moment brannte eine kleine, aber entscheidende Sicherung im Kopf des Entomologen durch. Er fühlte sich zurückversetzt in die Studentenzeit, als er jede Woche zum Rugbyspielen gegangen war. Langsam, ganz langsam, richtete er sich zu seiner vollen Größe auf. Seine Augen funkelten und die Mundwinkel zogen sich verächtlich nach unten. Der Buchhändler sah diese Veränderungen mit Bangen. Zitternd wich er an die Wand zurück und schob sich an ihr entlang, bis die Tonne ihm den Weg versperrte. „Büchermörder“ glaubte er jemanden leise aber nachdrücklich sagen zu hören – war es der Kunde oder war es eine innere Stimme in seinem Kopf?

Der ehemals rugbyspielende Entomologe packte den Buchhändler an den Hüften, riß ihn von den Beinen und stemmte ihn hoch. Gleichzeitig kniete er sich hin, denn der Keller war zu niedrig, um diese Übung im Stehen auszuführen. Der Buchhändler zappelte schwach mit Armen und Beinen, doch er blieb still: Der Schreck hatte ihm die Stimme geraubt. Langsam, fast wie in einem Ritual, fühlte er sich nun mit dem Kopf zuunterst in die Tonne gesteckt, und als er wieder in der Lage gewesen wäre, zu schreien, war er schon in der Brühe aus verrottendem Papierbrei untergetaucht. Schwer atmend trat der Entomologe zurück, um dem gedämpften Geblubber zu lauschen, das hohl aus der Tonne hallte und zu lautem Gegurgel wurde, als es dem Buchhändler allmählich gelang, sich aus seiner mißlichen Lage zu befreien. Nach und nach schob er sich mit den Beinen zuerst aus der Tonne, bis er wieder festen Boden unter sich fühlte. Schließlich kniete er zitternd neben der Tonne und spuckte eine zeitlang Moder und Papierfetzen. Als er sich den Unrat aus den Augen gewischt hatte und wieder sehen konnte, war er allein im Keller.

Der Entomologe hatte nicht gewartet, sondern war gegangen. Später war ihm kaum mehr erinnerlich, wie er den Rückweg zu seiner Pension gefunden hatte. Die beiden Ragonot-Tafeln fand er in seinem Rucksack. Er beschloß, sie nicht zurückzugeben.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Eine Woche nach diesen Ereignissen befand sich unser Büchernarr wieder auf der Heimfahrt. Die Arbeiten am Museum waren abgeschlossen und nach den Tagen in der Großstadt freute er sich auf sein kleines Heimatdörfchen. Die Wartezeit am Bahnhof war kurz gewesen, denn die Durchsage, daß der Zug 20 Minuten Verspätung haben würde, kam nur 15 Minuten nach der planmäßigen Abfahrtszeit, so daß man sich für Deutsche-Bahn-Verhältnisse gut informiert fühlen konnte. Im Zug hatte er dann eine Sitzbank für sich allein. Eine Berliner Tageszeitung lag auf dem Nebensitz. Gelangweilt schlug er das Blatt auf und überflog die Meldungen. Im Lokalteil auf einer Seite mit Kleinanzeigen blieb sein Blick an einem Straßennamen und einer Hausnummer in Schöneberg hängen, an einer Adresse, die er kannte; eine Adresse, die sich vergangene Woche in sein Gedächtnis eingeprägt hatte.

„60 m2 Ladenräume wegen Geschäftsaufgabe zu verkaufen.“

Der Entomologe ließ die Zeitung sinken und blickte sinnend nach draußen, wo die Sonne begann, durch die Wolken zu brechen. Auf seinem Gesicht zeichnete sich der Ansatz eines grimmigen Lächelns ab.

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Die Flöhe des Herrn Suteminn

Umfangreiche Nachschlagewerke wie Lexika und Enzyklopädien enthalten gelegentlich den einen oder anderen fiktiven Artikel. In Karten, Atlanten und Stadtplänen finden sich manch­mal nicht existierende Straßen. Grund dafür ist meistens der Schutz vor Plagiarismus: Durch solche Details kann man Urheberrechtsverletzungen leicht nachweisen. Umgekehrt scheint es den Autoren solcher trockenen Nachschlagewerke manchmal Spaß zu machen, Leser und Kollegen durch erfundene Artikel an der Nase herumzuführen.

Eines der populärsten Beispiele ist der Eintrag zur Steinlaus (Petrophaga lorioti) im Pschy­rembel Klinisches Wörterbuch; er geht auf einen Sketch zurück, in dem Loriot als Prof. Grzimek seinem Publikum die „Steinlaus“ vorstellte. Ein unter Altertums-wissenschaftlern gut bekanntes Beispiel ist das Stichwort Apopudobalia in Der neue Pauly, Enzyklopädie der Antike, das mit dem Literaturhinweis auf eine „Festschrift M. Sammer“ einen fiktiven Vorläufer des Fußballspiels im Altertum beschreibt.

Berühmt wurde Horace Miners Aufsatz „Body ritual among the Nacirema“, der 1956 im American Anthropologist erschien und auf den ersten Blick von der merkwürdigen Körper­kultur handelt, die üblich sei bei einem nordamerikanischen Stamm „living in the territory be­tween the Canadian Cree, the Yaqui and Tarahumare of Mexico, and the Carib and Arawak of the Antilles“. Von der privaten Kosmetik und Körperpflege bis zu den Praktiken der Scha­manen und Medizinmänner wurde hier in streng anthropologischem Wissenschaftsjargon be­richtet. Natürlich hielt Miner seinen Landsleuten ironisch einen Spiegel vor (schauen Sie sich das genannte Territorium auf einer Karte an oder lesen Sie „Naci­rema“ rückwärts), aber der Artikel wurde von der Zeitschriftenredaktion ohne Weiteres angenommen, begutachtet und ver­öffentlicht.

Auch in der Entomologie gab es Nonsens-Veröffentlichungen und auch hier nicht ohne Sinn und Zweck. 1969 erschien in der Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft österreichischer Entomologen ein kurzer, nur eineinhalb Seiten langer Aufsatz von einem „Dr. Otto Suteminn, Regionalmuseum Kosiče, ČSSR“ mit dem Titel „Ergebnisse der zoologischen Forschungen von Dr. Z. Loew in Nepal: 17. Zwei neue Siphonaptera (Insecta)“. Darin wurden zwei neue, aller­dings komplett erfundene Floharten aus Nepal beschrieben: Ctenophthalmus nepalensis n. sp. und Amalareus fossoris n. sp. Der erstere soll an der Waldmaus-Art Apodemus roseus Tbl. leben. Die Gattung Apodemus (Waldmäuse) gibt es, die Art roseus ist erfunden. Die zweite Art ist nach ihrem angeblichen Wirt, Canis fossor L., benannt. Auch eine Art fossor existiert in der Gattung Canis (Hunde) nicht – aber darauf werden wir gleich noch zurückkommen.

"Suteminn" (1969)

„Suteminn“ (1969)

Die Zeitschrift hat diesen Aufsatz anstandslos und offenbar ohne Begutachtung (peer review) oder Nachfrage beim Autor veröffentlicht. Wie spätere Nachforschungen von Floh-Experten er­gaben, gibt es in Košice (so lautet die richtige Schreibweise des Orts; die falsche ist der Redaktion offenbar nicht aufgefallen) weder ein Regionalmuseum noch einen Dr. Sute­minn. Otto Suteminn ist eine Figur in einem der weniger bekannten frühen Romane von Karl May. Die Beschreibungen – wenngleich in der Diktion normaler biologischer Artbeschrei­bungen gehalten – sind blanker Unsinn, die im Aufsatz genannten Fundorte, mit Ausnahme von Kat­mandu, existieren nicht, und auch einige der genannten Wirtsarten gibt es nicht. Allerdings lassen sich manche der Ortsnamen ganz gut lesen, wenn man sie als österreichischen Dialekt inter­pretiert:

  • Holotypus: 1♂, Khanshnid Khaib = Kann’s nit gaib(e) = kann es nicht geben
  • Samashtir = samma Stier = sind wir Stier (Dialektausdruck für pleite sein)
  • Bhalari Satep = Bhalar is a Depp

Und natürlich läßt sich der in

  • leg. Z. Minař

steckende Vulgärausdruck unschwer deuten, wenn man weiß, daß das tschechische ř mit dem Hatschek als Kombination aus einem gerollten R mit einem stimmhaften SCH ausgesprochen wird.

In dem mit Bedacht gewählten Namen Canis fossor liegt der Schlüssel zum ganzen Scherz. Das lateinische fossor bedeutet Gräber, Bergmann. Somit kann man diese Hundeart als „Grubenhund“ auffassen, und mit diesem wohlbekannten Begriff aus dem österreichischen Zeitungsmilieu klärt sich die Motivation des Stücks: Ein Grubenhund ist ein Leserbeitrag in einer Zeitung oder Zeitschrift, der in anscheinend unverfänglichem Stil Unmöglichkeiten oder Erfundenes darstellt. Der Absender gibt sich als seriöser Fachmann, Kenner oder Insider aus, und der Text ist so geschickt abgefaßt, daß er einer oberflächlichen Prüfung durch Nichtfachleute standhält und veröffentlicht wird. Die Aktion dient dazu, den Journalisten nachlässige Arbeit, mangelnde Recherche und Leichtgläubigkeit gegenüber akademischen Rängen oder Adelstiteln nachzuweisen. In Wirklichkeit ist der Grubenhund ein unter Tage verwendeter Förderwagen im Bergbau. Als Erfinder des journalistischen Grubenhunds gilt der Ingenieur Arthur Schütz, der unter dem Pseudonym Dr. Ing. Erich Ritter von Winkler einen Leserbrief über das Erdbeben vom November 1911 an die Neue Freie Presse schrieb, in dem neben verschiedenen technisch klingenden Fragwürdigkeiten der Satz vorkam: „Völlig unerklärlich ist jedoch die Erscheinung, daß mein im Laboratorium schlafender Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen größter Unruhe gab.“

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Noch ein weiterer Hinweis in dieser Richtung versteckt sich in Suteminns Text. Während einige der erwähnten Flohnamen fiktiv sind, sind andere echt, allerdings mit absichtlichen Schreibfehlern versehen. Eine der erwähnten Arten ist „A. pencilliger“. Richtig geschrieben und mit Autor und Jahr versehen lautet dieser Artname Amalaraeus penicilliger (Grube, 1851). Man kann sich vorstellen, daß dieser Autorenname und die schöne Möglichkeit, einen Canis fossor alias „Grubenhund“ als Wirtsorganismus zu instrumentalisieren, den Ausschlag dafür gegeben hat, die Ordnung Siphonaptera für diesen Scherz zu benutzen. Ein weiterer Grund war sicher der geringe Bekanntheitsgrad der Flöhe: Es gab weltweit nur wenige Bearbeiter der Gruppe und die Kompetenz von Zeitschriftenredaktionen war entsprechend schwach.

Die Ursache für diesen Scherz-Artikel liegt in der Historie der Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft österreichischer Entomologen begründet. Unter Mitgliedern des Vereinsvorstands und der Redaktion herrschten in den 1960er Jahren unterschiedliche Ansichten über den wissenschaftlichen Gehalt und Anspruch des Blattes: Manche hätten gern das Niveau gehoben, scheiterten aber am Widerstand der Mehrheit. Im Zuge dieser Unstimmigkeiten mußte ein Redakteur seinen Posten räumen und hat daraufhin die Kompetenz der neuen Schriftleitung in dieser originellen Weise getestet. Die Einbindung in die kulturhistorische Tradition des Grubenhundes ist späteren Kommentatoren dieses Scherzes offenbar nicht aufgefallen (Schaeflein 1993, Smit 1974).

Smit (1974)

Smit (1974)

Mittlerweile ist die Identität des Verfassers in österreichischen Entomologenkreisen kein Geheimnis mehr. Er hat sich in späteren Jahren indirekt dazu bekannt, indem er eine tropische Art aus seinem eigentlichen Fachbereich augenzwinkernd unter dem Artnamen „suteminn“ beschrieb – natürlich ohne eine derivatio nominis anzugeben. Durch seinen Streich von 1969 hatte der Verfasser den prak­tischen Beweis geführt, daß man den Redakteuren des Blatts damals eine Arbeit unterjubeln konnte, die fiktive Arten – sogar erfundene Säugetiere –, hanebüchene Beschreibungen und nicht existierende Fundorte enthält, und die von einem nicht existierenden Autor an einem nicht existierenden Museum stammt. Vielleicht hat er selber nicht damit gerechnet, daß seine Persiflage anstandslos veröffentlicht werden würde. Wir dagegen dürfen dankbar sein, daß dieses kleine Juwel eines Grubenhundes zum Druck gelangt ist. Wer es bewundern oder sich an weiteren Interpretationen versuchen möchte (vielleicht das Kryptonym Bhalar lösen), findet die Arbeit heute online.

 

Literatur

Autorenkollektiv (1990): Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch mit klinischen Syndromen und Nomina Anatomica. Bearbeitet von der Wörterbuchredaktion des Verlages Walter de Gruyter. 256. Auflage. Berlin / New York (De Gruyter). S. 1583.

Cancik, H. & Schneider, H. (Hrsg.) (1996): Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Altertum Bd. I. Stuttgart (Metzler). Sp. 895.

Miner, H. (1956): Body ritual among the Nacirema. – American Anthropologist, 58: 503-507.

Schaeflein, H. (1993): Entomologische Detektivarbeit. Gravierende Fehler in der entomologischen Literatur. – Nachrichtenblatt der bayerischen Entomologen, 42: 86-89. (http://www.landesmuseum.at/pdf_frei_remote/NachBlBayEnt_042_0086-0089.pdf)

Schütz, A. (1931): Der Grubenhund. Eine Kultursatire. – Wien (Jahoda & Siegel). 76 + [4] S., 2 Taf.

Schütz, A. (1953): Der Grubenhund. 2. Auflage. Mit einer Einführung von Friedrich Torberg. – Wien (Frick). 95 S.

Schütz, A. (1996): Der Grubenhund. Experimente mit der Wahrheit. 3. Auflage. Herausgegegeben von W. Hömberg, mit Beitrag von H. Wagner. – München (Reinhard Fischer). 192 + [4] S.

Smit, F. G. A. M. (1974): Notes on two fictitious fleas from Nepal. – Entomologisches Nachrichtenblatt, 19: 130. (http://www.landesmuseum.at/pdf_frei_remote/ZAOE_24_0130.pdf)

„Suteminn, O.“ (1969): Ergebnisse der zoologischen Forschungen von Dr. Z. Loew in Nepal: 17. Zwei neue Siphonaptera (Insecta). – Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft österreichischer Entomologen, 21: 75-76. (http://www.landesmuseum.at/pdf_frei_remote/ZAOE_21_0075-0076.pdf)


Die Entstehungsgeschichte des ersten journalistischen Grubenhunds:
„Der Grubenhund ist das Kind einer Wette. Am 17. November 1911 saß ich mit einigen befreundeten Ingenieuren in einem Wiener Hotel beim Mittagessen. Wir besprachen die unerhörte Schmockerei der Erdbeben-Zeitungsberichte im allgemeinen und die der „Neuen Freien Presse“ im besonderen. Ein wilder Wunsch trieb mich plötzlich in das Schreibzimmer des Hotels. Dort schrieb ich unter dem Zwange eines mir selbst unbegreiflichen Impulses in einem Zuge, wie im Fieber, den haarsträubendsten technischen Unsinn, der mir gerade einfiel, in der Form eines Erdbebenberichtes an die ‚Neue Freie Presse‘ nieder. Alles an diesem Berichte war Spott und Hohn, und nichts als ein Höllenwirbel hirnrissiger Verkupplung aller technischen Begriffe. Es war der Angsttraum eines schlafenden Grubenhundes! Dann las ich meinen Freunden diese wilde Ausgeburt lachender Empörung vor…
Der Oberkellner bat diskret, uns entweder gesitteter zu betragen oder das Lokal zu verlassen. Zwei meiner Freunde, reife Ingenieure, wanden sich in Lachkrämpfen. Ein anderer, der Klügste, blieb ernst. Er sagte, das sei gar kein Witz, denn so einen idiotischen Stumpfsinn könne kein Blatt bringen und nur der Absender sei der Blamierte. Voll Gottvertrauen und voll Zuversicht in die „Neue Freie Presse“ erwiderte ich, daß der Inhalt der Notiz gleichgültig sei. Auf den Ton käme es an! Sobald ein Bericht im Gewande der Wissenschaft schillere und von einem gut klingenden Namen gezeichnet sei, so wie er den ausgefahrenen Gedankenbahnen des Publikums und der Mentalität des Blattes entspreche, werde er aufgenommen und Dr. Erich Ritter von Winkler ist ein guter, sogar ein sehr gut klingender Name. Nach den damaligen Denkgesetzen der Fichtegasse (Redaktion der „Neuen Freien Presse“) war die Wahrscheinlichkeit für die Aufnahme eines Berichtes direkt proportional der Bedeutung der wahren oder vorgetäuschten Stellung des Einsenders, wobei der Wert des Inhaltes als praktisch belanglos außer acht blieb.
Ich wettete, daß der Grubenhund erscheinen werde, und gewann die Wette.“
(Schütz 1931: 11; Schütz 1996: 38)

Nachbemerkung: Hier ging es zwar nicht um Lepidopteren sondern um vermeintliche Siphonapteren, aber ich finde die Geschichte so bemerkenswert, daß sie auch für Schmetterlingsleute interessant sein und überhaupt weitere Verbreitung verdienen dürfte.

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Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Schwärmerische Schweinereien

Viele Leute schwärmen für Schwärmer. Verständlich: das sind meist große, oft recht bunte und auffallend schnittige Falter mit interessanten Raupen.

Als Anfänger dachte ich, die Weinschwärmer seien nach ihrer Farbe benannt – sicher nicht nach dem dunklen Rotwein, den ich ab und zu aus dem Weinregal meines Vaters stibitzte und mit Honig, Zucker und zermatschten Bananen zu schmackhaftem Köder verrührte, aber ein Rosé würde farblich schon passen. Stattdessen liegt dem Namen eine – gelegentliche – Nahrungspflanze zugrunde: Die Raupen des Mittleren Weinschwärmers werden ab und zu an Weinrebe gefunden, die des sogenannten „Großen“ Weinschwärmers[1] auch. Wein ist zwar für keine von beiden Arten eine der Haupt-Nahrungspflanzen, aber als Kulturpflanze fiel der Raupenbefall hier wohl besonders auf. Bereits Maria Sibylla Merian hat die Deilephila-elpenor-Raupe auf Vitis abgebildet – und lateinisch kommentiert. Den deutschen Namen prägte wahrscheinlich Johann Leonhard Frisch (1736): Er hatte die D.-elpenor-Raupe ebenfalls „auf dem Weinlaub“ gefunden, bildete Raupe, Puppe und Falter ab und schrieb „von der grünen Weinblat=Raupe und dem Rosenfarbigen Papilion, so daraus wird.“ Rösel, der 1744 gute farbige Abbildungen aller Stadien brachte, nannte die Art aufgrund der Nahrungsangaben von Merian und Frisch „Die grose geschwänzte und gespiegelte Wein=Raupe“, obwohl er selbst die Raupen nur „auf dem grosen, rothen Weiderich, so bey uns in Wäldern wächst“ (Weidenröschen) gefunden hatte.
Der Kleine Weinschwärmer lebt ausschließlich an Labkraut und hat mit Wein nichts zu tun. Der deutsche Gattungsname – so eingängig er klingt – ist also nicht gut begründet.

Der wissenschaftliche Gattungsname Deilephila bedeutet soviel wie abendliebend, wegen der in der Dämmerung beginnenden Aktivitätsperiode der Arten – was allerdings auf praktisch alle der nachtaktiven Schwärmer zutrifft und somit ebenfalls kein besonders treffendes Merkmal bezeichnet.
Früher aber standen die Deilephila-Arten in der Gattung Choerocampa und dieser Name paßt ganz hervorragend zu einem Elpenor und einem porcellus.

Choerocampa ist aus gr. χοῖρος (choiros = Ferkel, Schwein) und κάμπη (kampe = Raupe) gebildet[2], heißt also soviel wie Schweinsraupe.
Porcellus, die Verkleinerungsform von lat. porcus (= Schwein), bedeutet Ferkel oder Schweinchen.
Elpenor ist eine literarische Figur aus der Odyssee. Er war einer von Odysseus‘ Gefährten, die von Kirke (Circe) in Tiere verwandelt wurden. Sie erinnern sich, in welche Tiere? Genau: in Schweine.

Woher kommen all diese schweinischen Namen? Für uns beginnt die zoologische Nomenklatur mit der zehnten Auflage von Linnés Systema naturae im Jahr 1758 und für nomenklatorische Belange reicht es aus, bis 1758 zurückzugehen. Aber Linné stand natürlich in einer damals schon langen naturwissenschaftlichen Tradition, die letztlich bis Aristoteles und Theophrast zurückreicht. Er kannte die Werke seiner Vorläufer gut und hat viel von ihnen übernommen, auch manche Namen, die – damals noch in nicht-binärer Form – in Umlauf waren. Für jede Art zitierte er die Abbildungen und Erwähnungen in älteren Werken. Bei den Schmetterlingen etwa finden sich Literaturhinweise zu Merian, Mouffet, Petiver, Frisch, Ray, Rösel und anderen Werken.

Und es zeigt sich: Den Namen porcellus hat nicht Linné erfunden; er hat ihn aus dem Werk von Mouffet übernommen (ebenso wie den Namen vinula für den Großen Gabelschwanz). Dies sind die dazugehörigen Holzschnitte von anno 1634:

Mouffet 1634 Deilephila 2


Porcellus Eruca dictus
– diese Raupe wird Schweinchen genannt.
Der Name bezieht sich auf die Ähnlichkeit des kleinen Vorderkörpers der Raupen mit einer Schweineschnauze. Wenn die Deilephila-Raupen herumtasten hat das wohl manche Beobachter an einen schnüffelnden Schweinerüssel erinnert. Das gilt für beide Arten. Die größere repräsentierte also für Linné das Schwein und die kleinere Art wurde entsprechend das Ferkel genannt.
Die Analogie zu einem Rüssel findet sich auch in den englischen Namen der  Weinschwärmer: „Large Elephant Hawk-moth“ und „Small Elephant Hawk-moth“.

Auch Otto Staudinger war für Ferkeleien zu haben: Die blassere vorderasiatische Form des Kleinen Weinschwärmers hat er suellus genannt. Das ist die Verkleinerungsform von lat. sus (Schwein, Sau, Eber). Unser Wildschwein heißt wissenschaftlich Sus scrofa.

Sein Enkel Otto Bang-Haas leistete sich ein halbes Jahrhundert später noch einmal einen Ausflug in die Ursprünge der Weinschwärmernamen. 1927 beschrieb er zwei Unterarten, eine von porcellus und eine von der zweitweise als eigene Art angesehenen suellus: Pergesa porcellus porca und Pergesa suellus sus. Er führte damit sozusagen beide Arten von der Verkleinerungsform wieder zu den erwachsenen Sauen bzw. Schweinen zurück.

In Zukunft können Sie also, wenn Sie eine Weinschwärmerraupe gefunden oder einen -falter gesehen haben, mit einer gewissen Berechtigung sagen: „Schwein gehabt.“

 

Literatur

Frisch, J. L. (1736): Beschreibung von allerley Insecten in Teutschland, nebst nützlichen Anmerckungen und nöthigen Abbildungen von diesem kriechenden und fliegenden inländischen Gewürme, zur Bestätigung und Fortsetzung der gründlichen Entdeckung, so einige von der Natur dieser Creaturen heraus gegeben, und zur Ergäntzung und Verbesserung der andern. Zwölfter Theil. Samt einer Nachricht in der Vorrede von Thomas Moufets Schrift, die er von den Insecten heraus gegeben. – Berlin (Nicolai). [7] + 44, 3 Taf.

Homer: Odyssee, X: 552.

Merian, M. S. [1717]: Erucarum ortus, alimentum et paradoxa metamorphosis, in qua origo, pabulum, transformatio, nec non tempus, locus & proprietates erucarum, vermium, papilionum, phalænarum, muscarum, aliorumque hujusmodi exsanguium animalculorum exhibentur in favorem, ataque insectorum, herbarum, florum, & plantarum amatorum, tùm etiam pictorum, limbolariorum, aliorumque commodum exactè inquisita, ad vivam delineata, typis excusa, compendiosèque descripta. – Amstelædami (Oosterwyk). [9] + 64 S., Taf. [A], 1-50, I-L, 1-50.

Mouffet, T. (1634): Insectorvm sive minimorum animalium theatrvm: Olim ab Edoardo Wottono. Conrado Gesnero. Thomaque Pennio. Et ad vivum expressis iconibus suprà quingentis illustratum. – Londini (T. Cotes). [19] + 326 S., 4 Taf.

Rösel, A. J. (1744-1746): Der monatlich-herausgegebenen Insecten-Belustigung erster Theil, die in sechs Classen eingetheilte Papilionen mit ihrem Ursprung, Verwandlung und allen wunderbaren Eigenschafften, aus eigener Erfahrung beschrieben, und in sauber illuminirten Kupfern, nach dem Leben abgebildet, vorgestellet werden. Nebst einer Vorrede, in welcher von dem Nutzen der Insecten gehandelt, was sie seyen gezeiget, und von der Eintheilung dererselben Nachricht gegeben wird. Theil 1. – Nürnberg (Fleischmann). [51] + 64 + [11] + 60 + [7] + 64 + [7] + 312 + [7] + 48 + 48 + [24] S., Taf. [1], I-X, I-X, I-VIII, I-LXIII, I-XIII, I-XVII.


 

[1] Das „groß“ im Namen des Großen Weinschwärmers sollte man in Anführungszeichen setzen, denn die Falter sind meistens kleiner als die des Mittleren Weinschwärmers; sie sind auch schmalflügeliger und haben einen schlankeren Körper. Eigentlich sollten die beiden Arten ihre deutschen Namen tauschen. Überdies gehört der „Große“ Weinschwärmer Hippotion celerio zu einer anderen Gattung als der Kleine und der Mittlere.

[2] Gelegentlich wurde die falsche Schreibweise Chaerocampa verwendet. Der Name ist aber nicht von gr. χαίρωο (sich freuen, froh sein) abgeleitet.

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Fundorträtsel: Wo liegt Nemora an der Save?

Leider gab es nie eine allgemein anerkannte Etiketten-Etikette. Fundortangaben wurden – nicht nur auf Etiketten sondern auch in der Literatur – so geschrieben, wie es dem Schreiber gerade paßte. Gelegentliche Veröffentlichungen mit Richtlinien für geordnete, verständliche und vollständige Fundortangaben hatten wenig Wirkung, weil – wie immer in vergleichbaren Situationen – Aufrufe zur Besserung nie von den Leuten gelesen oder befolgt werden, die es am nötigsten haben.

Als ich mich für Falter zu interessieren begann, galten die dicken und teuren Wälzer von Forster & Wohlfahrt („Die Schmetterlinge Mitteleuropas“) als Standardwerke. Wie das so ist, schaut man sich mit fortschreitender Kenntnis vor allem die selteneren Arten an. Da Forster & Wohlfahrt sinnvollerweise keine vagen Durchschnittstypen sondern konkrete Belegexemplare mitsamt deren Fundorten abbildeten, konnte man sich über potentielle Fangplätze informieren. Für die östlich-kontinentale Art Plusidia cheiranthi findet man da den Fundort „Krain, Nemora (Save)“.

Forster & Wohlfahrt ()

Forster & Wohlfahrt (1971): Die Schmetterlinge Mitteleuropas. Band 4, Taf. 27

Die Save oder Sava ist ein Fluß in Krain, aber ich habe es damals trotz vieler Bemühungen nicht geschafft, in irgendeinem Atlas oder Lexikon einen Ort namens Nemora zu finden, der an der Save oder in deren Nähe liegt. Es gibt und gab in Krain keinen Ort dieses Namens oder auch nur mit einem ähnlichen Namen, weder heute noch in historischer Zeit.

Jahre später und manche entomo-historische Erfahrung reicher stieß ich in einer Museumssammlung auf Belegstücke, gesammelt in den 1920er Jahren von Ivan Hafner, mit der Etikette „Carniolia, Nemora ad Savum“. Auf ein derartig bezetteltes Tier geht die Angabe bei Forster & Wohlfahrt zurück. Und angesichts des Fundortetiketts klärte sich sofort das Forster-Wohlfahrt’sche Mißverständnis auf: Carniolia ist der lateinische Name für Krain und ad Savum bedeutet an der Save. Diese beiden Angaben hatten Forster & Wohlfahrt ins Deutsche übersetzt, nicht aber das Wort Nemora. Offenbar hatten sie nicht erkannt, daß Hafner das gesamte Fundortetikett in Latein geschrieben hatte. Nemora ist schlicht und einfach der Nominativ Plural von lat. nemus, Genitiv nemoris, n. (von griech. νέμος) = Wald, Gehölz. Die Fundortangabe bedeutet also „Krain, Wälder an der Save“. Durch die unvollständige Übersetzung bin damals wahrscheinlich nicht nur ich irritiert worden.

Einige von Hafners Etiketten tragen den Fundort „Carniolia, Nemora ad Savum, prope Labacum“, was die Sache leichter erkennbar macht: Krain, Wälder an der Save nahe Laibach/Ljubljana. Genau genommen ist das sogar ein vorbildliches Etikett, weil es das Land, den nächstgelegenen Ort und – cum grano salis – die Fundstelle (hier eher den Lebensraum) enthält. Der Museumsentomologe ist weit Schlimmeres gewohnt.

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Redensarten und Sprichwörter aus dem entomologischen Wortschatz

(leicht veränderte Fassung eines Kurzvortrags bei der Akademie für Analytische Irrelevanz am 1. April 2015)

Guten Abend, meine Damen und Herren,

Als im 17. und 18. Jahrhundert die Naturwissenschaften einen gewaltigen Aufschwung erlebten, verbreitete sich die Beschäftigung mit Physik, Chemie, Geologie, Mineralogie, Meteorologie, Botanik und Zoologie als Freizeitbetätigung nicht nur unter dem begüterten Adel sondern auch bei der gebildeten Bürgerschaft und war sozial einigermaßen anerkannt – das heißt, wenn man mit einem Schmetterlingsnetz in der Wiese herumlief, wurde man zwar noch belächelt, aber nicht mehr als geisteskrank eingesperrt. Seit dieser Zeit gelangten auch manche Ausdrücke aus dem damaligen entomologischen Fachvokabular in die Alltagssprache. Bisher hat noch niemand den Versuch unternommen, diese Phraseologismen zusammenzustellen. Ich will hiermit einen bescheidenen Anfang machen.

In der Zeit bevor der Köderfang erfunden wurde und der Lichtfang noch nicht so effektiv war wie im Zeitalter der Elektrizität, war die bevorzugte Sammelmethode für Nachtfalter und auch für manche Tagfalter die Raupensuche. Die quantitativ erfolgreichste Technik bestand darin, die an Baumästen, Büschen oder Stauden sitzenden Raupen mit Hilfe eines kräftigen Stockschlags gegen Ast oder Stengel in ein daruntergehaltenes Gefäß, in einen aufgespannten Schirm oder auf ein ausgebreitetes Tuch zu klopfen. Dies war das sogenannte Raupenklopfen, das in derselben Weise heute noch ausgeübt wird und das die Grundlage für den bekannten Ausdruck auf den Busch klopfen gewesen ist. Fiel eine Raupe daneben, dann war sie, besonders in hohem Gras, oft nicht mehr aufzufinden. Handelte es sich dort auch noch um stechende Halme wie etwa die von Binsen (Juncus), war die Nachsuche nicht nur mühsam sondern unangenehm und meist vergeblich. Von daher stammt der Ausdruck in die Binsen gehen für „verlorengehen, verschwinden, mißlingen“.
War es ein Schmetterling, der dem Sammler fliegend entkam, dann nannte man das die Flatter machen, ein Begriff, der sich in der Umgangssprache für „verschwinden, entkommen“ bis heute gehalten hat.

Übrigens scheint der „Klopfschirm“ neuerdings eine Renaissance zu erleben. Früher gab es im entomologischen Fachhandel spezielle Ausführungen mit innenliegender Bespannung (damit die Raupen nicht in die Speichen gerieten) und einem Kniegelenk am Stock zur leichteren Handhabung; heute benutzt man ausrangierte Regenschirme. Immerhin wird das Schirmklopfen wieder öfter angewendet, so daß sich die Redensart etwas auf dem Schirm haben im Sinne von „auf etwas aufmerksam werden“ in letzter Zeit häufiger antreffen läßt.

Wurde eine Raupe gestört und ließ sich fallen, dann hing sie prekär am seidenen Faden. Der erfahrene Entomologe wußte Raupen anhand ihres Spinnfadens zu verfolgen, doch wenn man den Faden verloren hatte, war die Raupe nicht mehr zu finden.

Eine weitere, immer noch gebräuchliche Redewendung geht auf eine nahezu vergessene Sammelmethode zurück. Im kleinräumigen Mitteleuropa ist sie wohl nie ausgeübt worden, weil hier die weiten, offenen Landschaften fehlen. Sie wurde in den südrussischen Steppengebieten entwickelt und beispielsweise von den Entomologen aus der Herrnhuter Brüdergemeinde ausgeübt, die sich 1765 in Sarepta (heute Stadtteil von Wolgograd) angesiedelt hatte. Hugo Christoph (1831-1894), der zahlreiche neue Arten beschrieb, ist der bedeutendste von ihnen gewesen. Die Methode war so einfach wie wirkungsvoll: Die Enden eines langen Seils wurden von zwei Pferden langsam über die endlosen Weiten der Steppe gezogen. Hinter dem Seil gingen die Sammler und fingen mit ihren Netzen die aufgescheuchten Falter, vor allem Eulen, Spanner und diverse Kleinschmetterlinge. Das einfache Volk konnte sich diese Tätigkeit nicht erklären und sah nur, daß die Pferdeführer mit der Leine sich von den Siedlungen entfernten, woraus sich das bekannte Wort Leine ziehen für „weggehen, verschwinden, abhauen“ entwickelt hat.

Wie der Entomologe weiß, gibt es baumbewohnende Raupen, die kaum ihre Position wechseln und im Freiland ihre gesamte Raupenentwicklung auf ein und demselben Ast durchlaufen können, beispielsweise manche Zahnspinner. Unter Zuchtbedingungen ist es oft sehr mühsam, solche Raupen dazu zu bringen, von einem vertrockneten Zweig auf einen frischen mit grünen Blättern überzuwechseln. Manche Raupen sind nur mit geduldiger Nachhilfe seitens des Züchters zu bewegen, auf einen grünen Zweig zu kommen, wo sie neues Futter finden, so daß ihre Entwicklung bis zum fertigen Falter ablaufen kann. Von daher ist die Redensart „auf einen grünen Zweig kommen“ für „Erfolg haben“ in die Alltagssprache gelangt.

Aus dem französischen entomologischen Sprachgebrauch ist der bekannte Aufruf „Cherchez la femme“ (Sucht das Weibchen) in viele andere Sprachen übergegangen. Er läßt sich schon in vorlinnéischer Zeit bei Réaumur (1683-1757) nachweisen. Zum einen steht er ganz allgemein für den Wunsch des Sammlers, die bei vielen Arten inaktiveren und damit seltener als die Männchen erbeuteten Weibchen zu finden. Gleichzeitig ist es eine Anregung zur Erforschung und besseren Kenntnis der Entwicklungsstadien, denn mit einem Weibchen konnte man eine Eiablage erzielen, die Art züchten und die Raupe und Puppe kennenlernen.

Spannbretter, früher gelegentlich auch als Präparationsbank bezeichnet (Treitschke 1844), waren von jeher aus Holz, mit einer Rinne in der Mitte, in die Körper und Nadel eingesteckt wurden. Zum Fixieren der Flügel verwendete man im 18./19. Jahrhundert Pappstücke oder festes Papier; die mehr oder weniger durchsichtigen Spannstreifen aus Pergamin kamen erst später auf. Befanden sich die Falter auf dem Spannbrett, dann waren sie damit dem Blick und der Begutachtung entzogen, sie waren also auf die lange Bank geschoben, solange der Trocknungsprozeß dauerte.

Die Anziehungskraft des Lichts auf nachtaktive Insekten war allen Kulturen, die das Feuer kannten, geläufig. Schon in der Antike hat man erste einfache Konstruktionen entwickelt, die man nach heutigen Maßstäben als Lichtfallen bezeichnen muß. Mehrere der römischen Schriftsteller, darunter Plinius der Ältere (23/24 – 79 n. Chr.) und Columella († um 70 n. Chr.) beschreiben diese Geräte, die allerdings nur zur Schädlingsbekämpfung in der Bienenzucht eingesetzt wurden. Man hatte den Entwicklungszyklus der Wachsmotten vom Ei zum Falter beobachtet und man wußte um die Anlockungswirkung des Lichts. Also stellte man zur Flugzeit der Wachsmotten nachts eherne Gefäße mit einem Licht (Öllampe, Kerze) darin zwischen die Bienenstöcke. Die dort hineinfliegenden Falter wurden entweder durch die Flamme oder die sich entwickelnde Hitze getötet. Es handelte sich also um automatische Tötungsfallen (Details siehe Bodenheimer 1928, Morge 1973). Aus dieser Frühzeit des „Lichtfangs“, aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., stammt das biblische Wort, man solle sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Jesus hat es in der Bergpredigt in übertragenem Sinne verwendet (Mt. 5, 15). [„Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter“ (Lutherbibel 1984). „Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter“ (Einheitsübersetzung).] Die ursprüngliche Bedeutung ist natürlich die, daß eine Lichtfalle, die von einem darübergestülpten, umgedrehten Gefäß (ein Scheffel ist ein Hohlmaß) bedeckt ist, zwar vor Wind und Regen geschützt wird, aber nicht effektiv funktionieren kann, weil nicht mehr genügend Licht nach außen dringt.

Literatur

Bodenheimer, F. S. (1928): Materialien zur Geschichte der Entomologie bis Linné. Band 1. – Berlin, Junk, 498 S.

Morge, G. (1973): Entomology in the western world in antiquity and in medieval times. In: Smith, R.F., Mittler, T.E. & Smith, C.N. (Hrsg.): History of entomology: 37-80. – Palo Alto, Annual Reviews Inc.

Réaumur, R. A. F. de (1734-1742): Mémoires pour servir à l’histoire des insectes. Band 1-6. – Paris (Imprimerie Royale).

Steiner, A. (1991): Der Einsatz von Lichtfallen bei der Schädlingsbekämpfung in der römischen Kaiserzeit, 1. Jahrhundert v. Chr. – 4. Jahrhundert n. Chr. (Insecta, Lepidoptera, Pyralidae). – Beiträge zur Entomologie, 41: 405-410.

Treitschke, F. (1844): Hülfsbuch für Schmetterlingssammler. Systematische Stellung, Naturgeschichte, Jagd, künstliche Zucht und Aufbewahrung der Schmetterlinge, Beschreibendes Verzeichnis der meisten deutschen, und kürzere Erwähnung der fremden Arten. – Wien. (J. B. Wallishausser). Neue, wohlfeilere Ausgabe. XVI, 412 S., 4 kolorierte Kupfertafeln.

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Und nun, nachdem Sie meinen Ausführungen bis hierher so geduldig gefolgt sind, darf ich Ihnen gestehen, daß ich Ihnen nicht nur einen oder zwei Rhyparioides metelkana, sondern einen ganzen Kasten voller Arctiiden aufgebunden habe: Sämtliche erklärten Wortherkünfte sind natürlich frei erfunden und haben mit entomologischen Aktivitäten nichts zu tun. Dagegen sind alle anderen entomologischen Details wahr, der Falterfang mit Seilen in der südrussischen Steppe ebenso wie die Wachsmottenbekämpfung mit „Lichtfallen“ bei den alten Römern. Alle Literaturangaben stimmen und alle genannten Personen sind historisch. Die Zeit, die ich Ihnen mit diesen Geschichten gestohlen habe, war also nicht vollständig vergeudet …

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Gestempelte Zitronen

„Der verstorbene Herr H. Wernicke fing bei Blasewitz ein Stück von Gon.[epteryx] rhamni, das auf allen Flügeln den Geschäfts-stempel eines Blasewitzer Uhrmachers trug; ich habe dieses Stück gesehen.“
Röber, J. (1930): Kl. Mitteilungen. – Entomologische Zeitschrift, 44: 105.

Da hat der Uhrmacher – ob bewußt oder unbewußt – eine sehr vernünftige Wahl getroffen, denn Gonepteryx rhamni ist eine der im Imaginalstadium langlebigsten Schmetterlingsarten. Der Werbeträger ist 8 Monate lang unterwegs und legt nur im Winter eine Pause ein. Im Frühling kommt er schon bald heraus und ist dann besonders auffällig. Hoffentlich war die Stempelfarbe witterungsbeständig.

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Raben und Elstern (Teil 3)

An einem heißen Herbsttag des Jahres 1888 beugte sich ein durstiger Jäger über die Wasser des Kara-Balta in Kirgistan, trank aus dem Fluß und besiegelte damit ohne es zu ahnen sein Todesurteil. Der Mann war der russische General Nikolai Przewalski [1], ein Forschungsreisender, Entdecker, Geograph und Naturforscher, der sich durch die Erforschung und Kartierung unbekannter Gebiete Zentralasiens einen Namen gemacht hatte. Aber er war auch ein Nationalist, der die Asiaten als führungsbedürftige Unzivilisierte ansah, ein Imperialist, der die Annexion von chinesischen Territorien befürwortete und als solcher einer der Spieler im sogenannten „Great Game“, in den geopolitischen Rivalitäten der Großmächte um die Vorherrschaft in Asien. Naturfreunden und Pferdeliebhabern ist sein Name vor allem durch das von ihm entdeckte Przewalskipferd vertraut.

Nikolai Przewalski (1839-1888)

Nikolai Przewalski (1839-1888)

Im Alter von 49 Jahren befand sich Przewalski auf der Höhe seines Ruhms. Er war mit seiner Mannschaft über Samarkand angereist und bereitete seine fünfte Expedition nach Innerasien vor. Nach dem Jagdausflug im typhus-verseuchten Kara-Balta-Tal zog die Gruppe weiter ostwärts und bald erkrankte Przewalski schwer. Am 1. November 1888 erlag er in Karakol am Ostufer des Issyk-kul dem Typhus. Wegen des harten Bodens benötigten seine Kosaken zwei ganze Tage, um sein Grab auszuheben. Die Stelle am Hang über dem Seeufer, wo er bestattet zu werden wünschte, hatte er noch vor seinem Tod selbst ausgesucht. Ob er auch sein Leben und seine Reisen noch einmal Revue passieren ließ? Ob er bedauert hat, daß er in Tibet nicht bis Lhasa gekommen war? Immerhin gab es vieles, auf das er stolz sein konnte, vor allem seine geographischen und natur-wissenschaftlichen Entdeckungen. Mehr als 80 Pflanzenarten und eine -gattung sind nach ihm benannt. Bei den Tieren sieht es ähnlich aus: Das Przewalskipferd und die Przewalskigazelle waren nur die größten unter vielen neuen Arten. Unbekannte Klein-säuger, Vögel, Reptilien, Fische und zahlreiche Wirbellose waren das Ergebnis seiner Expeditionen. Ob er sich in seinen letzten Tagen auch an eine Apollofalterart erinnert hat, die ein Expeditionsmitglied (oder vielleicht er selbst?) am 2. Juli 1884 im Burchan-Buddha-Gebirge in Tibet in drei Exemplaren gesammelt hatte? Diese Falter waren ans Museum in Sankt Petersburg gelangt und Sergej Alphéraky hatte sie 1887 unter dem Namen Parnassius przewalskii als neue Art beschrieben und in die Wissenschaft eingeführt.

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An einem heißen Herbsttag des Jahres 1981 beugte sich ein Museumskurator über einen Insektenkasten im Museum Alexander Koenig in Bonn und der Schweiß brach ihm aus. Wo war der Parnassius przewalskii geblieben, der hier seit Jahrzehnten residiert hatte? Es war eines von den drei Exemplaren, die weltweit existierten: zwei im Zoologischen Museum in Sankt Petersburg und eines, das in den 1940er Jahren von Hermann Höne [2] von dort erworben worden war und mit der Sammlung Höne ans Museum Koenig kam.

Parnassius acco

Parnassius acco przewalskii Alphéraky, 1887. Das Exemplar im Zoologischen Forschungsinstitut und Museum Alexander Koenig, Bonn.  (© ZFMK Bonn)

Heute gilt Parnassius przewalskii nicht mehr als eigene Art sondern wird von den meisten Spezialisten nur als eine Unterart von Parnassius acco aufgefaßt: Parnassius acco przewalskii Alphéraky, 1887.

Wie sich zeigte war das Verschwinden dieses Falters kein Einzelfall sondern nur die Spitze eines Eisbergs. Ein entomologischer Langfinger – nennen wir ihn mal Dr. Greif – hatte in den Landessammlungen für Naturkunde in Karlsruhe und im Museum Alexander Koenig in Bonn gearbeitet. In beiden Häusern wurde nach seinem Weggang festgestellt, daß seltene Belegstücke fehlten, aber da man ja nicht wöchentlich oder monatlich seine Sammlungsbestände überprüft, fällt so etwas erst nach einiger Zeit auf. Außerdem hatte Herr Greif seine Aktivitäten geschickt verschleiert, indem er Exemplare von ähnlichen, aber häufigeren Arten an die Stelle der entwendeten steckte, so daß es eine Weile dauerte, bis man das Ausmaß seiner Raubzüge überschauen konnte.

Im Museum Koenig vermißte man seit 1981 ungefähr 100 seltene Falter im Verkaufswert von damals etwa 60.000 DM. Begüterte Spezialsammler, die es besonders in Japan gibt, sind bereit, hohe Beträge für seltene oder einzigartige Falter der Gattung Parnassius zu zahlen. Und der Bonner Parnassius przewalskii war praktisch einzigartig, da die beiden Falter im Museum in St. Petersburg damals für westliche Besucher unerreichbar waren.

Die Kuratoren im Museum Koenig waren sich ebenso wie ihre Kollegen in Karlsruhe sicher, daß Herr Greif der Übeltäter war, aber sie hatten nur einen starken Verdacht, keine konkreten Beweise.

1983 berichtete ein Sammler in einer japanischen entomologischen Zeitschrift, er habe einen Parnassius przewalskii in Manila von einem deutschen Händler erworben. Sobald dies in Bonn bekannt geworden war, schaltete das Museum Koenig Interpol ein, jedoch ohne Erfolg.

Man erfuhr immerhin, daß das Tier weiterverkauft wurde. Es gelangte für – je nach Quelle – 2,8 oder 2,5 Millionen Yen (ca. 28.000 DM) in die Sammlung eines reichen Privatmanns, der sich äußerst bedeckt hielt und das Exemplar niemandem zeigte. Und natürlich dachte er gar nicht daran, mit der europäischen Polizei zu kooperieren, denn er fühlte sich als Käufer im Recht.

Dieser Status quo dauerte an und wurde in japanischen Entomologenkreisen allmählich als eine Art nationaler Schande empfunden. Schließlich nahm sich Professor Keiichi Omoto der Angelegenheit an. Omoto ist Genetiker an der Universität Osaka, hat in Heidelberg studiert, pflegt gute Kontakte nach Deutschland und eines seiner Forschungs-gebiete ist die Gattung Parnassius. Er war betrübt über die Verwicklung eines japanischen Sammlers in diesen Kriminalfall und nahm es auf sich, die Bekanntschaft des Mannes zu suchen, der den Parnassius przewalskii besaß. Es dauerte ein Jahr, bis es ihm durch die Vermittlung eines Freundes gelang, mit dem sammelnden Millionär ein Treffen zum Abendessen zu arrangieren. Damit war der Kontakt hergestellt und konnte auch weiter aufrechterhalten werden. Nach einiger Zeit durfte Omoto sogar die Privatsammlung besichtigen und konnte anhand von Fotos, die er aus Bonn erhalten hatte, feststellen, daß es sich zweifelsfrei um das aus dem Museum König verschwundene Stück handelte. Nachdem sich der Sammler zwanzig Jahre lang beharrlich geweigert hatte, den Falter zurückzugeben, gelang es Omotos diplomatischem Geschick endlich doch, ihn umzustimmen. Im April 2003 wurde das Parnassius-przewalskii-Belegstück von Professor Omoto in einer Feierstunde im Museum Koenig übergeben. „Er darf ein gutes Gewissen haben“, sagte Omoto über den Sammler. „Er hat das Geld verloren, aber etwas Gutes getan.“

Im Museum Koenig verwahrt man heute den Parnassius acco przewalskii zusammen mit einigen anderen Raritäten in einem wohlverschlossenen Stahlschrank. Es ist zwar unwahrscheinlich, daß ein derartiger Diebstahl ein zweites Mal geschieht, aber man möchte niemanden in Versuchung führen. Wie gesagt gilt das Taxon przewalskii heute „nur noch“ als Unterart von Parnassius acco, aber – die beiden Exemplare im Museum in St. Petersburg sind inzwischen auch gestohlen worden…

Die Identität von „Dr. Greif“ ist natürlich allen Beteiligten bekannt. In der europäischen Entomologen-Community spielte er lange Zeit kaum noch eine Rolle, aber in den letzten Jahren veröffentlichen einige Zeitschriften wieder seine Arbeiten. Ob er seine Erfahrungen einmal unter einem passenden Titel preisgeben wird, etwa Eroberungszüge in tibet…ischem Sammlungsmaterial?  Hmm…  Eher unwahrscheinlich.

Ob das ?

Ob das Dr. Greif ist? Oder vielleicht doch nicht?

Literatur

Alphéraky, S. (1887): Diagnoses de quelques lépidoptères inédits du Thibet. – Mémoires sur les Lépidoptères, 3: 403-406.

Tagespresse und Internet

Agthe, T. (2003): Die späte Heimkehr des Apollofalters. – Kölner Stadt-Anzeiger, 2.4.2003
Heine, S. (2003): Nach 22 Jahren: Rückkehr eines der seltensten Schmetterlinge ans Bonner Museum Koenig. – https://idw-online.de/en/news61427
Pichler, W. (2003): Happy End im Schmetterlings-Krimi. – Bonner General-Anzeiger, 7.4.2003
Für Auskünfte und Hintergrundinformationen bin ich Günter Ebert (ehemals Staatliches Museum für Naturkunde, Karlsruhe) und Dieter Stüning (ehemals Zoologisches Forschungsinstitut und Museum Alexander Koenig, Bonn) sehr zu Dank verpflichtet.

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[1] Die Variationen in der Schreibweise des Namens sind nahezu endlos: Prževal’skij, Prschewalski, Prschewalski, Prževal’skij, Prschewalski, Przevalski, Przewalsky, Przevalsky, Prschewalski, Prejevalsky, Prejevalsky, Przewalsky.
[2] Der Kaufmann und Lepidopterologe Hermann Höne (1883-1963) arbeitete von 1918 bis zum 2. Weltkrieg als technischer Leiter von AGFA in China. In seiner Freizeit bildete er Einheimische zu Schmetterlingssammlern aus und schickte sie in entlegene Gebirge. Ursprünglich hatten er und seine Helfer über eine Million Exemplare gesammelt, doch wurde ein großer Teil davon (Tibet- und Mien-Shan-Ausbeuten!) von chinesischen Soldaten zerstört. 50.000 Falter, die sich zur Bearbeitung bei M. Draudt in Darmstadt befanden, fielen einem alliierten Bombenangriff zum Opfer. Mehrere 10.000 Falter wurden als Dubletten an andere Sammlungen und an die Bearbeiter abgegeben. Heute umfaßt die Sammlung Höne ca. 400.000 Exemplare mit Hunderten von Typusexemplaren neuer Arten und ist noch immer die wichtigste China-Sammlung außerhalb Chinas (wahrscheinlich sogar weltweit einschließlich Chinas).

Siehe auch
Raben und Elstern, Teil 1
Raben und Elstern, Teil 2

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Mysteriöse Arten – Euclemensia woodiella (Curtis, 1830) (Cosmopterigidae)

Eu woodiella - 2

Der Amateurentomologe Robert Cribb aus Manchester hat der Welt und speziell den britischen Lepidopterologen ein handfestes Rätsel hinterlassen, das bisher noch niemand gelöst hat. Es betrifft die nur in drei Exemplaren bekannte Euclemensia woodiella aus der Familie der Prachtmotten (Cosmopterigidae). Diese Art wurde in den 1820er Jahren von Robert Cribb bei Manchester entdeckt. Er fing sie in Anzahl auf Kersal Moor und schenkte seinem Bekannten Samuel Carter ein Pärchen und ein weiteres Tier George Crozier, beides Mitglieder des Manchester Natural History Club. Ein weiteres Exemplar gab er R. Wood, der es an John Curtis weiterleiten sollte, um die Art zu beschreiben. Curtis gegenüber gab Wood die Art aber als seine eigene Entdeckung aus und Curtis nannte sie daraufhin Pancalia woodiella, „taken on Kersall-moor the middle of last June by Mr. R. Wood, of Manchester, to whom I have the pleasure of dedicating it“.  –  Cribb war tödlich beleidigt. Er brach den Kontakt zu Wood ab und behielt alle übrigen Exemplare für sich. Er besaß eine große Serie von 50 bis 60 sauber präparierten Faltern in einer Schachtel, die er gelegentlich Carter und anderen Entomologen zeigte, aber um nichts auf der Welt war er bereit, auch nur einen davon herzugeben. Der Fundort auf Kersal Moor, den Cribb früher schon Crozier gezeigt hatte, war ein alter, verrotteter Baum, wahrscheinlich eine Erle. Er wurde später öfters von Carter, Crozier, Ashworth[1] und anderen aufgesucht, ohne daß es jemandem gelang, weitere Exemplare der Art zu finden. Es kamen Gerüchte auf, daß woodiella vielleicht eine ausländische Art sei, worüber Cribb – der nie im Ausland gewesen war – schließlich so verbitterte, daß er die Entomologie ganz aufgab. Samuel Carter, ein geschäftstüchtiger Mann, bemühte sich mehrfach, wenn Cribb nicht mehr ganz nüchtern war, ihm seine Pancalia-woodiella-Serie abzunehmen, doch stets ohne Erfolg. Eines Tages war Cribb wohl besonders knapp bei Kasse und akzeptierte ein Angebot von 10 Shilling für die Schachtel: „Na schön, Sie können die Viecher haben. Ich hab sie für 5 Shilling in einer Kneipe in der Oldham Road verpfändet. Geben Sie mir 5 Shilling, dann löse ich die Schachtel aus, und bei der Übergabe zahlen Sie mir dann die restlichen 5 Shilling.“ Carter zahlte, aber er sah zunächst weder die Schachtel noch seine 5 Shilling wieder, denn Cribb ging ihm wochenlang beständig aus dem Weg. Schließlich trafen sie sich an einer Stelle, wo Cribb nicht ausweichen konnte. Nach einer hitzigen Debatte erklärte sich Carter schließlich bereit, für die Falter 10 Shilling zu zahlen und obendrein noch Cribbs Schulden in der Kneipe zu begleichen. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg in die Oldham Road – Carter wollte Cribb jetzt nicht mehr aus den Augen lassen. Als sie das Lokal betraten, empfing die Wirtin Cribb mit den Worten: „Ach, Sie wollen Ihre Schachtel mit den Motten? Sie sind ja nie gekommen, um Ihre Schulden zu bezahlen, da hab ich die Schachtel im Ofen verfeuert.“

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Cribb hatte vier Exemplare abgegeben. Der Verbleib des an Crozier gegangenen Stücks ist unbekannt. Die Sammlung John Curtis ging 1865 ans National Museum in Melbourne, Australien. Die Sammlung Samuel Carter (mit zwei Exemplaren woodiella) blieb im Lande und kam ans Manchester Museum of Natural History. Eines dieser Exemplare wurde im 20. Jahrhundert ans Natural History Museum London weitergegeben.

Euclemensia woodiella, wie die Art heute heißt, ist weder in Großbritannien noch in einem anderen Land der Welt jemals wieder gefunden worden. Sie gilt als verschollen. In der letzten Zusammenstellung der Lepidopteren Großbritanniens heißt es lakonisch: „No record since 1829“. Über die Lebensweise der Art ist nichts bekannt. Es wurde vermutet, daß die Raupen, wie die beiden in Nordamerika beheimateten verwandten Arten, an Schildläusen der Gattung Kermes parasitieren. (Koster & Sinev 2003).

Diese ganze Geschichte ist sehr merkwürdig. Da haben wir eine Art, die an ihrem Fundort nur von einem einzigen Sammler gefunden wird, obwohl genügend andere Entomologen dort gezielt nach ihr suchen. Eine Art aus einer Gattung mit amerikanischen Arten, in der sie die einzige europäische Art ist. Das ganze spielt sich im entomologisch gut durch-forschten Großbritannien ab. Ob Cribb nicht doch Kontakte ins Ausland gehabt hat? Oder, wenn wir ihm nicht zu nahe treten wollen, ob die Art vielleicht mit Totholz oder Pflanzenimporten eingeschleppt worden ist? Auf Kersal Moor ist das allerdings höchst unwahrscheinlich. Hat Cribb die Falter vielleicht im Stadtgebiet von Manchester gefunden und seine Kollegen mit einem falschen Fundort abgespeist? Er zeigte Crozier aber den Fundort schon bevor die Art benannt war und sein Zerwürfnis mit Wood und den anderen Entomologen seinen Anfang nahm. Aus biogeographischer Sicht ist eine endemische Art in Mittelengland nicht plausibel. Wenn sie aber weiter verbreitet wäre, warum ist sie sonst nirgendwo gefunden worden, nicht in England, nicht in Skandinavien, nicht in Mitteleuropa? Spricht das nicht für eine nur einmal eingeschleppte tropische oder subtropische Art (die in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet durchaus noch unentdeckt sein könnte)? Aber kann sie dann gleich in einer Anzahl von 60 Tieren aufgetreten sein? … Oder kann es sein, daß die Art sooo heimlich und versteckt lebt, daß nur Cribb die richtige Suchmethode herausfand? …  –  Nein, nein, meine Freunde! Die wahre Erklärung ist, daß ein Fluch auf ihr lastet. Ein Fluch, ausgelöst durch das unkollegiale Verhalten von Wood, zementiert durch die Namensgebung des in dieser Sache ganz arglosen Curtis, aufrechterhalten durch die Verdächtigungen gegenüber Cribb und besiegelt durch die Feuerbestattung der Topotypenserie. Dieser Fluch kann erst aufgehoben werden, wenn die Art ihren gebührenden Namen Euclemensia cribbiella erhält. Und da das nach den Nomenklaturregeln unmöglich ist, wird der Fluch ewig fortdauern und die Art niemals wieder auftauchen …

Literatur

Koster, J. C. & Sinev, S. Yu (2003): Momphidae, Batrachedridae, Stathmopodidae, Agonoxenidae, Cosmopterigidae, Chrysopeleiidae. – In: Huemer, P., Karsholt, O., & Lyneborg, L. (Hrsg.): Microlepidoptera of Europe. Band 5. – Stenstrup (Apollo Books).

Sidebotham, J. (1884): The story of Oecophora woodiella. – Entomologist, 17: 52-54.


[1] Das war jener Joseph Ashworth, der in Nordwales die Noctuide Xestia ashworthii entdeckt hat.

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Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Beziehungen, die verlorengingen: Phlogophora

Haben Sie sich manchmal über den Namen Phlogophora gewundert? Abgeleitet von φλόξ, φλογός (phlox, phlogos, griech. Flamme) und φορειν (phorein, griech. tragen) bedeutet es soviel wie „Flammenträgerin“. Was hat das mit Phlogophora meticulosa oder Phlogophora scita zu tun, oder mit einer der anderen Arten, die heute in dieser Gattung stehen? Anscheinend wenig oder nichts, sind Sie versucht zu antworten, und da haben Sie recht.

Smaragd ja, Flamme nein: Phlogophora scitaSmaragdgrün ja, flammenfarbig nein: Phlogophora scita

Trotzdem dürfen Sie davon ausgehen, daß Friedrich Treitschke, der Schöpfer dieses Namens, sich dabei etwas gedacht hat.

Dazu müssen wir ein wenig in die Namensgeschichte einsteigen und vorher einen Blick in die Nomenklaturvorschriften werfen, die heute die Namensgebung regeln. Im 18. und frühen 19. Jahrhundert war es noch nicht üblich, Typusexemplare für neue Arten und Unterarten festzulegen. Erst mit der Fortentwicklung der biologischen Wissenschaft wurde die Notwendigkeit immer deutlicher, ein konkretes Belegstück quasi als „Urmeter“ [1] für jede Art festzulegen, auf das man zurückgreifen konnte, wenn weitere, ähnliche Arten bekannt wurden und Merkmale untersucht und verglichen werden mußten, die in der Erstbeschreibung noch nicht erwähnt worden waren.

Und in ähnlicher Weise mußte für jede Gattung eine Art als „Typusart“ festgelegt werden, an der dieser Gattungsname dann für alle Zeiten festhängt. Je mehr Arten entdeckt und beschrieben wurden, umso größer und unübersichtlicher waren viele Gattungen geworden und mußten weiter aufgespalten werden. Linné war noch mit 9 Gattungen für die Schmetterlinge ausgekommen: Bei ihm standen alle Tagfalter in der Gattung Papilio, die Schwärmer, Widderchen und Glasflügler in der Gattung Sphinx, die Spinnerähnlichen in Bombyx, die Eulen in Noctua, die Spanner in Geometra undsoweiter. Sehr bald erhob sich die Frage: Wenn Gattungen aufgespalten werden, bei welcher der ursprünglich enthaltenen Arten verbleibt der ursprüngliche Gattungsname? Zunächst herrschte dabei eine gewisse Regellosigkeit: Jeder Autor grenzte Gattungen nach Gutdünken ab, manchmal sogar so, daß keine der vom Gattungsbeschreiber in diese Gattung gestellten Arten mehr darin erhalten war. Die Lösung war, für jede Gattung eine Typusart zu definieren. Das konnte für die alten Gattungen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts durch eine nachträgliche Festlegung erfolgen. So hat man für die Gattung Papilio die Art machaon, für die Gattung Sphinx die Art ligustri und für die Gattung Noctua die Art pronuba als Typusarten festgelegt. Die wichtigste Regel dabei: Die betreffende Art mußte bei der Beschreibung der Gattung ausdrücklich in dieser Gattung genannt worden sein. Einfachster Fall: War bei der Gattungsbeschreibung nur eine einzige Art in die Gattung gestellt worden, so wurde die automatisch zur Typusart (die Nomenklatur-Freaks nennen das „Typusart durch Monotypie“).

Mit dieser trockenen theoretischen Grundlage schauen wir uns einmal an, welche Arten Treitschke anno 1825 in seine neubeschriebene Gattung Phlogophora gestellt hat. Es waren der Reihenfolge nach:
adulatrix (heute in der Gattung Eutelia), scita, meticulosa, lucipara (heute Euplexia), fovea (heute Rileyiana) und empyrea (heute Trigonophora flammea).
Während adulatrix ganz aus der Reihe fällt und scita und meticulosa sehr wenig zu dem Gattungsnamen passen, sind lucipara, fovea und flammea in der Tat Flammenträger par excellence, mit hellen, gelblichen Makeln, die auf dunklem Grund stehen. Zwei von ihnen sind nach diesem Merkmal benannt:
lux, lucis (lat. Licht), pario (lat. erzeugen, hervorbringen), luciparens (lat. lichtbringend, Licht gebärend)
flammea (lat. Flamme) bzw. ihr Synonym empyrea von ἔμπυρος (empyros, griech. brennend, glühend)

IMG_4145_kl-m1… wie ein Licht, das im Dunkeln leuchtet: Euplexia lucipara

Auf diese drei letzten Arten trifft der Gattungsname genau zu und deshalb empfinde ich es als unbefriedigend, daß Duponchel, als er 1829 eine Typusart für die Gattung Phlogophora festgelegt hat, nicht eine von ihnen sondern die weniger passende meticulosa ausgewählt hat.

Aber manchmal gibt es erstaunliche nachträgliche Bestätigungen. Ein Vertreter der Gattung Phlogophora hat vor Urzeiten die makaronesische Inselwelt [2] besiedelt und sich dann auf den einzelnen Inseln bzw. Inselgruppen weiter differenziert. Die meisten dieser Arten ähneln dem bekannten Phlogophora-Typ, aber auf der Azoreninsel São Miguel ist eine bizarr aussehende Art entstanden, die erst 1969 von Rudolf Pinker entdeckt wurde: Phlogophora furnasi Pinker, 1971, ein irres Tier, das die Bezeichnung Flammenträgerin verdient – nur Blitzträgerin wäre vielleicht noch passender. Dieses beeindruckende Foto von Wolfgang Losert, wohl das erste Lebendfoto der Art, vermittelt einen guten Eindruck von ihrem ungewöhnlichen Habitus.

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[1] Die Engländer bezeichnen das Typusexemplar auch als „name-bearer“ (Namensträger), was dessen Funktion unterstreicht.

[2] Makaronesien ist die biogeographische Bezeichnung für die im östlichen Zentralatlantik liegenden vulkanischen Inselgruppen: Kanarische Inseln, Madeira, Azoren und Kapverden. Der Begriff leitet sich von der alten griechischen Bezeichnung μακάρων νῆσοι (makaron nesoi, Inseln der Glückseligen) ab, wird aus Unkenntnis gelegentlich zu „Makronesien“ verballhornt.


Siehe auch
Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Namen als Gedächtnisstützen: Damon
Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Die Kleineulen: eine Räuberbande

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