Buchtip: Walpergen

Es gibt Bücher, die muß man einfach kaufen, wenn sie einem zufällig in einer Buchhandlung oder einem Antiquariat über den Weg laufen, Bücher, die einen unmittelbar faszinieren, sei es durch den Text oder, wie hier, durch die fantastischen, naturgetreuen, lebensechten, mit großer Sorgfalt ausgeführten Aquarelle.

Wechssler, S. (1992): Blumen und Schmetterlinge. Studien nach der Natur von Peter Friedrich de Walpergen. Bearbeitung von Karlheinz Senghas, Eva M. Maier, Rainer Drös. – Heidelberg (Guderjahn). 115 S., 50 Farbtafeln. Gebunden, 30 x 22 cm. 9,90 €.

Aus einer protestantischen Antwerpener Familie stammend, die im 16. Jahrhundert nach Deutschland emigrieren mußte, war Walpergens Vater nach Heidelberg gelangt, wo 1730 sein taubstummer Sohn Peter Friedrich geboren wurde. Zwar wird er im Sterberegister als Geometer geführt, hat aber den Beruf eines Landvermessers wegen seiner Behinderung wohl nur in beschränktem Umfang ausüben können. Sein Zeichentalent wurde aber offenbar gefördert und es existiert eine Reihe von Zeichnungen und Aquarellen (vorwiegend Heidelberger Ansichten) von seiner Hand. Wertvoller ist seine entomologische Hinterlassenschaft: Weiterlesen

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Über die ausufernde Namensflut für kleine und kleinste Abänderungen (Aberrationen), die besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts skurrile Blüten trieb, haben sich die ernsthaften Biologen schon immer geärgert. Oder sich dezent darüber lustig gemacht, so wie dies A. Reuß 1921 in der von Fritz Rühl herausgegebenen Societas entomologica, Band 36, S. 24, tat. Weiterlesen

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Fröliches Autorenwechseln

Lästigerweise ändern sich gelegentlich wissenschaftliche Namen, etwa wenn eine Art in eine andere Gattung gestellt wird. Dahinter stehen in der Regel handfeste taxonomische Gründe, die auf Verwandtschaftsanalysen basieren. Viel seltener kommt es vor, daß sich der Autorname ändert, der zum wissenschaftlichen Artnamen gehört. Das kann passieren, wenn eine Veröffentlichung von mehreren Autoren stammt, von denen aber nur einer für eine bestimmte Artbeschreibung verantwortlich war. Heute wird so etwas eindeutig gekennzeichnet, aber im 18. und 19. Jahrhundert war das nicht immer der Fall, so daß man den Kontext genau studieren muß und dann manchmal zu einer Neubewertung der Autorschaft kommt.

Ein kurioser Autorenwechsel betrifft eine Reihe von Wicklerarten, die 1828 aus Süddeutschland beschrieben wurden. In diesem Jahr wurde an der Universität Tübingen eine Dissertation eingereicht, die sich mit den Tortriciden des Königreichs Württemberg befaßte: Enumeratio Tortricum Würtembergiae [Aufzählung der Wickler von Württemberg]. Mit dieser Arbeit wurde Franz Anton Gottfried Frölich (1805-1878) aus Ellwangen zum Doktor der Medizin promoviert. (Damals gab es noch keinen Dr. rer. nat.; mit naturwissenschaftlichen Themen wurde man meist Dr. med.). Weiterlesen

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Weltrekordler und Strandräuber

Diese Geschichte darf man sich von einem jüngeren Lepidopterologen erzählt denken, der auch – aber nicht nur – taxonomisch gearbeitet und ab und zu einen über den Durst getrunken hat.
Toren und gescheite Leute sind gleich unschädlich;
nur die Halbnarren und Halbweisen, das sind die gefährlichsten.
Johann Wolfgang von Goethe

„Ooouuuuhh!“ stöhnte ich laut.

Hörte das denn gar nicht mehr auf? Ich faßte mir an den Kopf, ohne daß die Schmerzen im geringsten nachließen. Dabei war ich entschieden der Meinung, jetzt genug gelitten zu haben. Ich fühlte mich, als ob ich schwebte. Diese verdammten Daiquiris. Mehr als sechs konnten es doch nicht gewesen sein. Allerdings war mir der Rest des Abends nicht mehr in Erinnerung; ich wußte nur, daß vor meinem Blackout auch noch andere Flaschen auf dem Tisch gestanden hatten. Womöglich hatte ich unvernünftigerweise zwei oder mehr Dinge zusammengemischt, die man besser nicht vermischen sollte. Jedenfalls nicht in meinem Magen.

„Ooouuuuhh!“

Die düstere Ahnung, daß da etwas sehr schief gelaufen war, verstärkte sich, als ich immer mehr an Höhe gewann. Die Wolken, anfangs noch massig und wie graue Watte aussehend, wurden zusehends dünner, der Himmel verdunkelte sich von bläulichgrau zu tief blauschwarz. Im Hinterkopf regte sich eine schwache Besorgnis und sagte mir, daß ich Angst haben sollte, aber ich hatte keine. Eigentlich müßte die Luft hier dünner werden und man müßte erfrieren. Ich fror aber nicht, und zum Atmen hatte ich keinerlei Bedürfnis. Mein Magen und die verdammten Kopfschmerzen machten mir mehr Sorgen als der Anblick dieses riesigen blauweißen Planeten da unter meinen Füßen. Weiterlesen

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„Widerlich Homburg“ und Scan-Pest – Warum ebay nicht mehr ist, was es mal war

Ebay war mal eine wirklich tolle Idee. Aber das ist Jahre her. Mittlerweile macht es keinen Spaß mehr, dort zu stöbern und zu suchen. Daß man die Auktionen zugunsten von Festpreisen oder Preisvorschlägen aufgegeben hat, ist zu verschmerzen: Gerade am Ende der Auktionen immer dabeizusein, zu manchmal unpassenden Tages- oder Nachtzeiten, war auf Dauer ungünstig. Die Biet-Assistenten, die man sich installieren konnte, haben auch nicht viel gebracht. Wirkliche Schnäppchen waren schon lange nicht mehr möglich.

Aber wirklich von Ebay entfremdet hat mich diese Entwicklung: Neuerdings werden anstelle von antiquarischen Büchern moderne Nachdrucke angeboten, die auf mehr oder weniger schlechten oder unvollständigen Scans dieser Bücher beruhen. Inzwischen sind ja viele der alten Werke digitalisiert und können im Internet heruntergeladen werden. Das tun manche Anbieter und stellen das Zeug dann bei Ebay ein. Ich weiß nicht, ob es wirklich einen Käuferkreis für solche Ausdrucke gibt – schließlich kann man sich die kostenlosen Scans ja leicht im Internet ergugeln. Leider sind es nur allzu oft alte Scans der ersten Stunde, die fehlerhaft sind: schlecht gescannt, manchmal kaum leserlich, Farbtafeln im Schwarzweiß-Grafikmodus gescannt, so daß sich nur eine schwarze Kleckserei ergibt, fehlende Seiten, fehlende Tafeln, unvollständige Bücher, und natürlich der auch heute noch weitverbreitete Dauerbrenner: gefaltete Tafeln werden nicht auseinandergefaltet sondern im zusammengefalteten Zustand gescannt!
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Ohrenfalter

Sie kennen das: Manchmal hört man einen Song, eine Melodie, und dann bekommt man sie den ganzen Tag lang nicht mehr aus dem Kopf; sie kommt immer wieder. Wird auch als Ohrwurm bezeichnet, obwohl keine Verwandtschaft mit Dermapteren besteht. Ist aber eine sehr harmlose Sache, verglichen mit einem Insekt im Ohr. Das kann viel unangenehmer sein und sogar einen Arztbesuch nötig machen.

Eine Ohrenfreundin der besonderen Art: die hübsche Lateroligia ophiogramma

Beim Lichtfang, wenn man oft in einer Wolke von Insekten steht, krabbeln die Viecher fast überall hin, wo es zugänglich ist, unters T-Shirt oder die Hosenbeine hoch; das kann Flecken geben, wenn man’s nicht gemerkt hat und sich hinsetzt. Ab und zu fliegt einem mal ein Kleinfalter in den Mund und ich habe gelernt, daß es dann oft genauso gut ist, schnell zu schlucken und mit Wasser nachzuspülen anstatt zu versuchen, den Übeltäter auszuspucken, denn das führt manchmal zu Quetschung und unerwünschten Absonderungen, die man lieber nicht im Mund hat. Rasch heruntergeschluckt bleibt meistens nur ein trocken-staubiger Geschmackseindruck von den Schuppen im Mund. Harmlos. Allerdings habe ich meines Wissens noch keine Arctiide geschluckt und werde in dieser Hinsicht auch keinen Selbstversuch starten. Bei Zygaenen mit ihrer Blausäure könnte es sogar richtig gefährlich werden (Mords-Idee für Krimi-Autoren?). Weiterlesen

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Die Idiotie der führenden Nullen (Sprachkritik)

(nicht-entomologisches Thema)

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts – es muß in den 80er Jahren gewesen sein – verbreitete sich ein absurder Anglizismus in der deutschen Sprache, der wohl von Journalisten erfunden wurde, die weder des Englischen noch ihrer deutschen Muttersprache vollständig mächtig waren. Die Älteren unter uns werden sich daran erinnern. Es handelt sich um das Wortungetüm „einmal mehr“ – ein Übersetzungsfehler ersten Ranges. Er entstand dadurch, daß in der bekannten Wendung „once more“ (zu deutsch „noch einmal“) beide Bestandteile des zusammengehörenden Begriffs als separat aufgefaßt und auch separat übersetzt wurden: Die absurde Zusammensetzung „einmal mehr“ war geboren. Weiterlesen

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Synonyme, die die Welt nicht braucht: Phlogophora lamii

“What a good thing it would be if every scientific man was to die when sixty years old, as afterwards he would be sure to oppose all new doctrines” [Was wäre es für eine gute Sache, wenn jeder Wissenschaftler mit sechzig Jahren sterben würde, denn danach wird er sich mit Sicherheit allen neuen Lehrmeinungen widersetzen] hat Charles Darwin, nur teilweise scherzhaft gemeint, in seiner Autobiographie vermerkt. Man mag ihm zustimmen oder nicht; wir alle kennen wohl Fälle von Fehleinschätzungen und Realitätsverweigerungen bei älteren Herrschaften. Erinnern Sie sich nur an Fred Hoyles peinlichen Ausflug in die Paläontologie mit der absurden These, die Archaeopteryx-Fossilien seien allesamt gefälscht.

Es ist bedauerlich, wenn solche Alterstorheiten zu übereilten Publikationen führen, die das ansonsten wertvolle Lebenswerk eines Autors verdunkeln. Gerhard Schadewald (1917-1992) war ein sehr verdienstvoller und von allen Kollegen hochgeschätzter Lepidopterologe, aber im Alter hat er sich in einige fixe Ideen verrannt. Er spaltete Phlogophora meticulosa in zwei Arten auf und Autographa gamma sogar in drei. Die sehr kurz gefaßten Beschreibungen erschienen kurz nach seinem Tode; man hat sie – vielleicht aus Pietät gegenüber dem Verstorbenen – offensichtlich keinem peer review unterzogen sondern sofort zum Druck gebracht. Es dauerte nur wenige Monate, bis die vermeintlichen neuen Arten allesamt und völlig zu Recht in die Synonymie verwiesen wurden.

Schauen wir uns mal den Fall von Phlogophora lamii an. Diese angebliche neue Art wurde 1992 in der Zeitschrift Atalanta beschrieben, und zwar unter dem Titel „Eine zweite Art der Gattung Phlogophora Treitschke, 1825: Phlogophora lamii spec. nov.“ (Sie können den Aufsatz hier lesen). Weiterlesen

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Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Beziehungen, die verlorengingen: Melitaea parthenoides

Die Endungen –ides, -odes und -oides bezeichnen Ähnlichkeit und können, wenn man sie im Deutschen wiedergeben möchte, etwa mit den Endungen -ähnlich oder -artig ausgedrückt werden. Solche Namen beziehen sich also auf ähnlich aussehende Arten

  • Pyrgus malvoides ähnelt Pyrgus malvae
  • Phalera bucephaloides ähnelt Phalera bucephala
  • Orgyia antiquoides ähnelt Orgyia antiqua

oder auf ähnliche Gattungen:

  • Rhyparioides ähnelt Rhyparia
  • Chilodes ähnelt Chilo
  • Cleorodes ähnelt Cleora
  • Hypenodes ähnelt Hypena

Schwer zu deuten sind heute Namen, die sich auf eine Vergleichsart beziehen, die mittlerweile einen anderen Namen trägt als damals. So ein Name läßt sich nur interpretieren, wenn man über die historischen Namensänderungen Bescheid weiß.

Melitaea parthenoides Keferstein, 1851 bezieht sich auf die Ähnlichkeit zu Melitaea parthenie. Heute gibt es aber keine Melitaea mehr, die parthenie heißt. Früher gab es gleich zwei davon. Wie kam das? Weiterlesen

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Gibt es das Wort „genitalitär“? Sie merken wahrscheinlich schon an der Fragestellung und den Anführungszeichen, daß die Antwort „nein“ lautet. Trotzdem liest man dieses Wort immer wieder mal, selbst ab und zu in der Fachliteratur. Und man hört es hier und da gesprochen; mit falscher Betonung, nämlich auf dem ä, wie bei anderen eingedeutschten Worten, die auf -är enden (populär, primär, sekundär, autoritär, regulär, solitär, vulgär usw.).

Und da liegt das Mißverständnis, denn all diese -är-Worte sind Adjektive. Das Nicht-Wort „genitalitär“ ist dagegen ein Adverb. Richtig geschrieben lautet es genitaliter und wird auf dem a betont, mit kurzem zweitem e: genitaliter.

Auch die wenigen anderen  lateinischen Adverbien, die auf -iter enden, werden so betont und geschrieben. Ins Deutsche haben es nur wenige von ihnen geschafft; am ehesten hört man noch realiter (in Wirklichkeit, tatsächlich), verbaliter (wörtlich) oder personaliter (persönlich, selbst).

Vermutlich sind es vor allem Nicht-Lateiner, die die falsche Schreibweise und Aussprache „genitalitär“ benutzen, obwohl sie den Begriff adverbial verwenden (was ihnen eigentlich zu denken geben sollte). Tante Gugel findet die falsche Schreibung 33mal – das ist so gut wie nichts gegenüber der richtigen Schreibweise (knapp 4.200 Treffer).
Das Wort genitaliter führt natürlich ein Nischendasein und wird offenbar vor allem in der Entomologie benutzt. Es kann sehr hilfreich sein, wenn man Konstruktionen wie „anhand der Genitalien“, „mit Hilfe der Genitalmorphologie“ oder „durch Genitaluntersuchung“ kürzer und prägnanter ausdrücken möchte.

Also, liebe Schriftleiter, Editoren und Korrekturleser: Wenn euch das nächste mal in einem Manuskript das Wörtchen „genitalitär“ begegnet: ä → e und alles ist in Ordnung.

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Blakes kranke Rose und die Nachtfalterraupe

William Blake (1757-1827), Dichter, Maler, Grafiker und religiöser Visionär, war zu seinen Lebzeiten wenig bekannt und nach seinem Tod praktisch vergessen, bis ihn die Präraffaeliten im 19. Jahrhundert wiederentdeckten. Heute gilt er als einer der originellsten – und schwierigsten – englischen Dichter und seine Einflüsse reichen bis hin zu Jim Morrison, Allen Ginsberg und Bob Dylan.

Weit bekannt ist sein Tyger, tyger, burning bright.
Für die, die ihn noch nicht kennen:

The Tyger

Tyger Tyger, burning bright,
In the forests of the night;
What immortal hand or eye,
Could frame thy fearful symmetry? Weiterlesen

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OT: „Der salzige Geschmack des Seewassers“ – Kommentar zur Coronavirus-Pandemie

Wir leben in herrlichen Zeiten. Die Wirtschaft boomt, Arbeitsplätze und Renten sind sicher, die Kriminalität geht weiter zurück, die Umwelt wird respektiert und geschützt, in den großen Weltmächten sind verantwortungsvolle und vernünftige Staatsmänner am Ruder und politische Weitsicht gewährleistet eine medizinische Versorgung und Behandlung für die gesamte Weltbevölkerung …

So sehen Utopien aus. Oder Märchen, die man sich vielleicht in ferner Zukunft über die 2010er und 2020er Jahre erzählen wird.

Ich bin zwar kein Anhänger von Lovelocks Gaia-Hypothese, aber manchmal hat man schon den Eindruck, als ob der Planet versucht, sich des gefährlichsten Schädlings zu entledigen, den die Evolution jemals hervorgebracht hat: des Homo sapiens.

Eines der Argumente, die für die Gaia-Hypothese vorgebracht wurden, war die Aufrechterhaltung eines konstanten Salzgehalts in den Ozeanen der Erde über Jahrmillionen hinweg. Das ist kritisch diskutiert worden und wird heute soweit ich weiß als wenigstens teilweise widerlegt angesehen. Auch in anderen Punkten gibt es Kritik, aber die Vorstellung unserer Erde[1] als Gesamtorganismus hat schon etwas Anziehendes. Leider auch für Esoteriker jeder Couleur, die die Hypothese in ihren Details gar nicht richtig kennen oder verstehen, aber das Konzept gerne aufgreifen, weil es in ihr Weltbild paßt.

Nachdem nun einer unserer kleinen – winzigkleinen – Mitbewohner dieses Planeten begonnen hat, sich als Schädlingsbekämpfer zu betätigen, liest und hört man allenthalben nur noch über das Coronavirus – oder über den Coronavirus?
Das Virus?  Der Virus?  Da lohnt es sich, mal nachzuschlagen.
Ich hatte noch das Glück – andere würden es als Pech auffassen – in der Schule Latein lernen zu dürfen, eine rundherum interessante Sprache, die nicht nur eine hervorragende Basis für alle anderen romanischen Sprachen ist, sondern sich auch für das Verständnis der wissenschaftlichen Tier- und Pflanzennamen als ungemein nützlich erweist. Auch für das Kronenvirus (corona = Krone).
Seit Jahrzehnten steht mein abgegriffenes altes Langenscheidt-Taschenwörterbuch Latein neben mir am Arbeitsplatz. Das große Handwörterbuch steht ein Stockwerk höher irgendwo tief hinten im Regal. Also der Blick ins Taschenwörterbuch; und der bringt Klärung über das grammatikalische Geschlecht: Neutrum.

Lateinische Wörter haben oft eine erstaunliche Vielzahl von unterschiedlichen Bedeutungen, weshalb man immer den Kontext beachten muß. Hier hat die Bedeutung 2 („Gift“) für die moderne Verwendung des Wortes Pate gestanden. Bedeutung 1 („Schleim“) paßt auch gut ins Bild. Aber die dritte Definition kam für mich unerwartet: „Der salzige Geschmack des Seewassers“? Hmm. Ob die Römer Gifte hatten, die so schmeckten? Jedenfalls rief mir diese Bedeutung die Gaia-Hypothese in Erinnerung.

Eins scheint jetzt schon festzustehen: Es werden genug von uns übrigbleiben, um die Zerstörung dieses Planeten fortzusetzen. Nice try, Gaia. Better luck next time.


[1] Gaia ist die personifizierte Erde in der griechischen Mythologie.
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Eine Ergänzung zu den hieb- und stichwaffentragenden Bläulingen

In einem früheren Beitrag habe ich über die Geschichte des Bläulingsnamens Polyommatus damon berichtet und darauf hingewiesen, daß die Assoziation Damon – Dolchstich, die eine so anschauliche Eselsbrücke zum Namenmerken bildet, nicht auf Denis & Schiffermüller zurückgeht, die dem Bläuling den Namen damon gaben, sondern erst viel später von einem Entomologen geschaffen wurde, der den Namen „Weißdolchbläuling“ einführte.

Die Assoziation des weißen Hinterflügelstreifs mit einer Hieb- oder Stichverletzung – oder mit der Waffe selbst – muß Entomologen aber schon im 19. Jahrhundert öfters in den Sinn gekommen sein. Wie anders ist es zu erklären, daß Herrich-Schäffer einen Bläuling aus der damon-Verwandtschaft mit dem Namen

Polyommatus (Agrodiaetus) damocles (Herrich-Schäffer, 1844)

belegte?

(Scans aus Herrich-Schäffers Werk von Jürgen Rodeland / Lepiforum.)

Übrigens wurde der Artname nicht von Herrich-Schäffer selbst geprägt sondern von Gerichtsrat Adolf Keferstein aus Erfurt. Herrich-Schäffer hatte die Belegstücke unter diesem Namen von Keferstein erhalten und nennt ihn in der Artbeschreibung als Autor („Kef.“), wie das in solchen Fällen damals üblich war. Aber nach heutiger Auffassung gilt derjenige als Autor, der einen Namen zuerst im Druck veröffentlichte und eine Bescheibung dazu verfasste, egal wer sich den Namen ausgedacht und vielleicht Belegstücke unter diesem Namen weitergegeben hatte (so sehen es die Internationalen Regeln für Zoologische Nomenklatur vor).

Vielleicht gibt es doch schon im 19. Jahrhundert irgendwo in der Literatur einen „Weißdolchbläuling“? Momentan ist die früheste Erwähnung, die ich kenne, der „Weißdolch“ in Stresemanns Exkursionsfauna von 1969.


Siehe auch
Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Namen als Gedächtnisstützen – Damon

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Der Nacktschneckenartige Ohnfuß

Wenn Fachleute mit der Sprache spielen  (Teil 2)

Aufgrund der merkwürdigen, in ihrer Fortbewegung schneckenähnlichen Raupe ist der Schnecken- oder Asselspinner Apoda limacodes nach der Nacktschneckengattung Limax benannt worden. Die Endung –odes oder –oides bezeichnet Ähnlichkeit.

Sogar eine Schleimspur ahmt die Ohnfußraupe nach

A-poda ist eine griechische Zusammensetzung aus einem Alpha privativum, dem „beraubenden Alpha“, das eine Abwesenheit oder Verneinung bezeichnet, und aus pous, podos, was Fuß bedeutet. Auf deutsch heißt A-poda also etwa „fußlos“, „ohne Fuß“. Überträgt man Artnamen im Stil des 18. Jahrhunderts ins Deutsche, dann können sich schnurrige Wortbildungen ergeben; hier etwa „Nacktschneckenartiger Ohnfuß“. Mit klassisch gebildeten Kollegen kann man sich in falterarmen Leuchtnächten damit trefflich die Zeit vertreiben. Weiterlesen

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Schmetterlingskunde für Anfänger: Falter mit „rotem Rücken“

Schmetterlinge sind beschuppt und – vor allem am Körper – behaart. Schuppen wie Haare können verlorengehen, wenn der Falter fliegt, wenn er sich in der Vegetation versteckt, wenn er Feindberührung hat (Vögel, Fledermäuse usw.), wenn er in Pfützen oder an feuchte Oberflächen gerät. Man bezeichnet solche Tiere dann als „abgeflogen“.

Tritt man ohne es zu bemerken auf einen Falter – wenn er in der Vegetation sitzt, die den Druck abfedert – dann kann es vorkommen, daß vor allem die Thorax(Rücken)behaarung leidet, weil die an der dicksten Stelle des Körpers sitzt. Das kann auch passieren, wenn sich ein Falter hinter Baumrinde oder an anderen engen Stellen versteckt oder sich irgendwo hindurchzwängt. Jedenfalls ist es ein häufiges Ereignis bei allen Arten, die nicht wie die Tagfalter mit über dem Rücken hochgestellten sondern flach ausgebreiteten bzw. dachförmig über den Körper gelegten Flügeln ruhen.

Das Ergebnis ist der entschuppte bzw. enthaarte Rücken, der den Blick auf das glatte, meist rotbraune, glänzende Exoskelett freigibt. Auf einem guten Foto oder mit einer Lupe ist ohne weiteres zu erkennen, daß hier die Beschuppung fehlt – man muß nur genau hinschauen.

Von Leuten, die nicht genau hinschauen oder unscharfe Fotos machen, kommen oft Fragen nach einem „roten“ oder „braunen Fleck“ auf dem Rücken des Falters. Sie wissen es jetzt besser.

Euxoa aquilina mit fehlender Thoraxbeschuppung


Siehe auch
Schmetterlingskunde für Anfänger – „abgeflogene“ Falter

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