Ohrenfalter

Sie kennen das: Manchmal hört man einen Song, eine Melodie, und dann bekommt man sie den ganzen Tag lang nicht mehr aus dem Kopf; sie kommt immer wieder. Wird auch als Ohrwurm bezeichnet, obwohl keine Verwandtschaft mit Dermapteren besteht. Ist aber eine sehr harmlose Sache, verglichen mit einem Insekt im Ohr. Das kann viel unangenehmer sein und sogar einen Arztbesuch nötig machen.

Eine Ohrenfreundin der besonderen Art: die hübsche Lateroligia ophiogramma

Beim Lichtfang, wenn man oft in einer Wolke von Insekten steht, krabbeln die Viecher fast überall hin, wo es zugänglich ist, unters T-Shirt oder die Hosenbeine hoch; das kann Flecken geben, wenn man’s nicht gemerkt hat und sich hinsetzt. Ab und zu fliegt einem mal ein Kleinfalter in den Mund und ich habe gelernt, daß es dann oft genauso gut ist, schnell zu schlucken und mit Wasser nachzuspülen anstatt zu versuchen, den Übeltäter auszuspucken, denn das führt manchmal zu Quetschung und unerwünschten Absonderungen, die man lieber nicht im Mund hat. Rasch heruntergeschluckt bleibt meistens nur ein trocken-staubiger Geschmackseindruck von den Schuppen im Mund. Harmlos. Allerdings habe ich meines Wissens noch keine Arctiide geschluckt und werde in dieser Hinsicht auch keinen Selbstversuch starten. Bei Zygaenen mit ihrer Blausäure könnte es sogar richtig gefährlich werden (Mords-Idee für Krimi-Autoren?). Weiterlesen

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Die Idiotie der führenden Nullen (Sprachkritik)

(nicht-entomologisches Thema)

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts – es muß in den 80er Jahren gewesen sein – verbreitete sich ein absurder Anglizismus in der deutschen Sprache, der wohl von Journalisten erfunden wurde, die weder des Englischen noch ihrer deutschen Muttersprache vollständig mächtig waren. Die Älteren unter uns werden sich daran erinnern. Es handelt sich um das Wortungetüm „einmal mehr“ – ein Übersetzungsfehler ersten Ranges. Er entstand dadurch, daß in der bekannten Wendung „once more“ (zu deutsch „noch einmal“) beide Bestandteile des zusammengehörenden Begriffs als separat aufgefaßt und auch separat übersetzt wurden: Die absurde Zusammensetzung „einmal mehr“ war geboren. Weiterlesen

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Synonyme, die die Welt nicht braucht: Phlogophora lamii

“What a good thing it would be if every scientific man was to die when sixty years old, as afterwards he would be sure to oppose all new doctrines” [Was wäre es für eine gute Sache, wenn jeder Wissenschaftler mit sechzig Jahren sterben würde, denn danach wird er sich mit Sicherheit allen neuen Lehrmeinungen widersetzen] hat Charles Darwin, nur teilweise scherzhaft gemeint, in seiner Autobiographie vermerkt. Man mag ihm zustimmen oder nicht; wir alle kennen wohl Fälle von Fehleinschätzungen und Realitätsverweigerungen bei älteren Herrschaften. Erinnern Sie sich nur an Fred Hoyles peinlichen Ausflug in die Paläontologie mit der absurden These, die Archaeopteryx-Fossilien seien allesamt gefälscht.

Es ist bedauerlich, wenn solche Alterstorheiten zu übereilten Publikationen führen, die das ansonsten wertvolle Lebenswerk eines Autors verdunkeln. Gerhard Schadewald (1917-1992) war ein sehr verdienstvoller und von allen Kollegen hochgeschätzter Lepidopterologe, aber im Alter hat er sich in einige fixe Ideen verrannt. Er spaltete Phlogophora meticulosa in zwei Arten auf und Autographa gamma sogar in drei. Die sehr kurz gefaßten Beschreibungen erschienen kurz nach seinem Tode; man hat sie – vielleicht aus Pietät gegenüber dem Verstorbenen – offensichtlich keinem peer review unterzogen sondern sofort zum Druck gebracht. Es dauerte nur wenige Monate, bis die vermeintlichen neuen Arten allesamt und völlig zu Recht in die Synonymie verwiesen wurden.

Schauen wir uns mal den Fall von Phlogophora lamii an. Diese angebliche neue Art wurde 1992 in der Zeitschrift Atalanta beschrieben, und zwar unter dem Titel „Eine zweite Art der Gattung Phlogophora Treitschke, 1825: Phlogophora lamii spec. nov.“ (Sie können den Aufsatz hier lesen). Weiterlesen

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Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Beziehungen, die verlorengingen: Melitaea parthenoides

Die Endungen –ides, -odes und -oides bezeichnen Ähnlichkeit und können, wenn man sie im Deutschen wiedergeben möchte, etwa mit den Endungen -ähnlich oder -artig ausgedrückt werden. Solche Namen beziehen sich also auf ähnlich aussehende Arten

  • Pyrgus malvoides ähnelt Pyrgus malvae
  • Phalera bucephaloides ähnelt Phalera bucephala
  • Orgyia antiquoides ähnelt Orgyia antiqua

oder auf ähnliche Gattungen:

  • Rhyparioides ähnelt Rhyparia
  • Chilodes ähnelt Chilo
  • Cleorodes ähnelt Cleora
  • Hypenodes ähnelt Hypena

Schwer zu deuten sind heute Namen, die sich auf eine Vergleichsart beziehen, die mittlerweile einen anderen Namen trägt als damals. So ein Name läßt sich nur interpretieren, wenn man über die historischen Namensänderungen Bescheid weiß.

Melitaea parthenoides Keferstein, 1851 bezieht sich auf die Ähnlichkeit zu Melitaea parthenie. Heute gibt es aber keine Melitaea mehr, die parthenie heißt. Früher gab es gleich zwei davon. Wie kam das? Weiterlesen

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„Genitalitär“

Gibt es das Wort „genitalitär“? Sie merken wahrscheinlich schon an der Fragestellung und den Anführungszeichen, daß die Antwort „nein“ lautet. Trotzdem liest man dieses Wort immer wieder mal, selbst ab und zu in der Fachliteratur. Und man hört es hier und da gesprochen; mit falscher Betonung, nämlich auf dem ä, wie bei anderen eingedeutschten Worten, die auf -är enden (populär, primär, sekundär, autoritär, regulär, solitär, vulgär usw.).

Und da liegt das Mißverständnis, denn all diese -är-Worte sind Adjektive. Das Nicht-Wort „genitalitär“ ist dagegen ein Adverb. Richtig geschrieben lautet es genitaliter und wird auf dem a betont, mit kurzem zweitem e: genitaliter.

Auch die wenigen anderen  lateinischen Adverbien, die auf -iter enden, werden so betont und geschrieben. Ins Deutsche haben es nur wenige von ihnen geschafft; am ehesten hört man noch realiter (in Wirklichkeit, tatsächlich), verbaliter (wörtlich) oder personaliter (persönlich, selbst).

Vermutlich sind es vor allem Nicht-Lateiner, die die falsche Schreibweise und Aussprache „genitalitär“ benutzen, obwohl sie den Begriff adverbial verwenden (was ihnen eigentlich zu denken geben sollte). Tante Gugel findet die falsche Schreibung 33mal – das ist so gut wie nichts gegenüber der richtigen Schreibweise (knapp 4.200 Treffer).
Das Wort genitaliter führt natürlich ein Nischendasein und wird offenbar vor allem in der Entomologie benutzt. Es kann sehr hilfreich sein, wenn man Konstruktionen wie „anhand der Genitalien“, „mit Hilfe der Genitalmorphologie“ oder „durch Genitaluntersuchung“ kürzer und prägnanter ausdrücken möchte.

Also, liebe Schriftleiter, Editoren und Korrekturleser: Wenn euch das nächste mal in einem Manuskript das Wörtchen „genitalitär“ begegnet: ä → e und alles ist in Ordnung.

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Blakes kranke Rose und die Nachtfalterraupe

William Blake (1757-1827), Dichter, Maler, Grafiker und religiöser Visionär, war zu seinen Lebzeiten wenig bekannt und nach seinem Tod praktisch vergessen, bis ihn die Präraffaeliten im 19. Jahrhundert wiederentdeckten. Heute gilt er als einer der originellsten – und schwierigsten – englischen Dichter und seine Einflüsse reichen bis hin zu Jim Morrison, Allen Ginsberg und Bob Dylan.

Weit bekannt ist sein Tyger, tyger, burning bright. Für die, die ihn noch nicht kennen:

The Tyger

Tyger Tyger, burning bright,
In the forests of the night;
What immortal hand or eye,
Could frame thy fearful symmetry? Weiterlesen

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OT: „Der salzige Geschmack des Seewassers“ – Kommentar zur Coronavirus-Pandemie

Wir leben in herrlichen Zeiten. Die Wirtschaft boomt, Arbeitsplätze und Renten sind sicher, die Kriminalität geht weiter zurück, die Umwelt wird respektiert und geschützt, in den großen Weltmächten sind verantwortungsvolle und vernünftige Staatsmänner am Ruder und politische Weitsicht gewährleistet eine medizinische Versorgung und Behandlung für die gesamte Weltbevölkerung …

So sehen Utopien aus. Oder Märchen, die man sich vielleicht in ferner Zukunft über die 2010er und 2020er Jahre erzählen wird.

Ich bin zwar kein Anhänger von Lovelocks Gaia-Hypothese, aber manchmal hat man schon den Eindruck, als ob der Planet versucht, sich des gefährlichsten Schädlings zu entledigen, den die Evolution jemals hervorgebracht hat: des Homo sapiens.

Eines der Argumente, die für die Gaia-Hypothese vorgebracht wurden, war die Aufrechterhaltung eines konstanten Salzgehalts in den Ozeanen der Erde über Jahrmillionen hinweg. Das ist kritisch diskutiert worden und wird heute soweit ich weiß als wenigstens teilweise widerlegt angesehen. Auch in anderen Punkten gibt es Kritik, aber die Vorstellung unserer Erde[1] als Gesamtorganismus hat schon etwas Anziehendes. Leider auch für Esoteriker jeder Couleur, die die Hypothese in ihren Details gar nicht richtig kennen oder verstehen, aber das Konzept gerne aufgreifen, weil es in ihr Weltbild paßt.

Nachdem nun einer unserer kleinen – winzigkleinen – Mitbewohner dieses Planeten begonnen hat, sich als Schädlingsbekämpfer zu betätigen, liest und hört man allenthalben nur noch über das Coronavirus – oder über den Coronavirus?
Das Virus?  Der Virus?  Da lohnt es sich, mal nachzuschlagen.
Ich hatte noch das Glück – andere würden es als Pech auffassen – in der Schule Latein lernen zu dürfen, eine rundherum interessante Sprache, die nicht nur eine hervorragende Basis für alle anderen romanischen Sprachen ist, sondern sich auch für das Verständnis der wissenschaftlichen Tier- und Pflanzennamen als ungemein nützlich erweist. Auch für das Kronenvirus (corona = Krone).
Seit Jahrzehnten steht mein abgegriffenes altes Langenscheidt-Taschenwörterbuch Latein neben mir am Arbeitsplatz. Das große Handwörterbuch steht ein Stockwerk höher irgendwo tief hinten im Regal. Also der Blick ins Taschenwörterbuch; und der bringt Klärung über das grammatikalische Geschlecht: Neutrum.

Lateinische Wörter haben oft eine erstaunliche Vielzahl von unterschiedlichen Bedeutungen, weshalb man immer den Kontext beachten muß. Hier hat die Bedeutung 2 („Gift“) für die moderne Verwendung des Wortes Pate gestanden. Bedeutung 1 („Schleim“) paßt auch gut ins Bild. Aber die dritte Definition kam für mich unerwartet: „Der salzige Geschmack des Seewassers“? Hmm. Ob die Römer Gifte hatten, die so schmeckten? Jedenfalls rief mir diese Bedeutung die Gaia-Hypothese in Erinnerung.

Eins scheint jetzt schon festzustehen: Es werden genug von uns übrigbleiben, um die Zerstörung dieses Planeten fortzusetzen. Nice try, Gaia. Better luck next time.


[1] Gaia ist die personifizierte Erde in der griechischen Mythologie.
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Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Namen als Gedächtnisstützen – Damokles

Eine Ergänzung zu den hieb- und stichwaffentragenden Bläulingen

In einem früheren Beitrag habe ich über die Geschichte des Bläulingsnamens Polyommatus damon berichtet und darauf hingewiesen, daß die Assoziation Damon – Dolchstich, die eine so anschauliche Eselsbrücke zum Namenmerken bildet, nicht auf Denis & Schiffermüller zurückgeht, die dem Bläuling den Namen damon gaben, sondern erst viel später von einem Entomologen geschaffen wurde, der den Namen „Weißdolchbläuling“ einführte.

Die Assoziation des weißen Hinterflügelstreifs mit einer Hieb- oder Stichverletzung – oder mit der Waffe selbst – muß Entomologen aber schon im 19. Jahrhundert öfters in den Sinn gekommen sein. Wie anders ist es zu erklären, daß Herrich-Schäffer einen Bläuling aus der damon-Verwandtschaft mit dem Namen

Polyommatus (Agrodiaetus) damocles (Herrich-Schäffer, 1844)

belegte?

(Scans aus Herrich-Schäffers Werk von Jürgen Rodeland / Lepiforum.)

Übrigens wurde der Artname nicht von Herrich-Schäffer selbst geprägt sondern von Gerichtsrat Adolf Keferstein aus Erfurt. Herrich-Schäffer hatte die Belegstücke unter diesem Namen von Keferstein erhalten und nennt ihn in der Artbeschreibung als Autor („Kef.“), wie das in solchen Fällen damals üblich war. Aber nach heutiger Auffassung gilt derjenige als Autor, der einen Namen zuerst im Druck veröffentlichte und eine Bescheibung dazu verfasste, egal wer sich den Namen ausgedacht und vielleicht Belegstücke unter diesem Namen weitergegeben hatte (so sehen es die Internationalen Regeln für Zoologische Nomenklatur vor).

Vielleicht gibt es doch schon im 19. Jahrhundert irgendwo in der Literatur einen „Weißdolchbläuling“? Momentan ist die früheste Erwähnung, die ich kenne, der „Weißdolch“ in Stresemanns Exkursionsfauna von 1969.


Siehe auch
Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Namen als Gedächtnisstützen – Damon

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Der Nacktschneckenartige Ohnfuß

Wenn Fachleute mit der Sprache spielen  (Teil 2)

Aufgrund der merkwürdigen, in ihrer Fortbewegung schneckenähnlichen Raupe ist der Schnecken- oder Asselspinner Apoda limacodes nach der Nacktschneckengattung Limax benannt worden. Die Endung –odes oder –oides bezeichnet Ähnlichkeit.

Sogar eine Schleimspur ahmt die Ohnfußraupe nach

A-poda ist eine griechische Zusammensetzung aus einem Alpha privativum, dem „beraubenden Alpha“, das eine Abwesenheit oder Verneinung bezeichnet, und aus pous, podos, was Fuß bedeutet. Auf deutsch heißt A-poda also etwa „fußlos“, „ohne Fuß“. Überträgt man Artnamen im Stil des 18. Jahrhunderts ins Deutsche, dann können sich schnurrige Wortbildungen ergeben; hier etwa „Nacktschneckenartiger Ohnfuß“. Mit klassisch gebildeten Kollegen kann man sich in falterarmen Leuchtnächten damit trefflich die Zeit vertreiben. Weiterlesen

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Schmetterlingskunde für Anfänger: Falter mit „rotem Rücken“

Schmetterlinge sind beschuppt und – vor allem am Körper – behaart. Schuppen wie Haare können verlorengehen, wenn der Falter fliegt, wenn er sich in der Vegetation versteckt, wenn er Feindberührung hat (Vögel, Fledermäuse usw.), wenn er in Pfützen oder an feuchte Oberflächen gerät. Man bezeichnet solche Tiere dann als „abgeflogen“.

Tritt man ohne es zu bemerken auf einen Falter – wenn er in der Vegetation sitzt, die den Druck abfedert – dann kann es vorkommen, daß vor allem die Thorax(Rücken)behaarung leidet, weil die an der dicksten Stelle des Körpers sitzt. Das kann auch passieren, wenn sich ein Falter hinter Baumrinde oder an anderen engen Stellen versteckt oder sich irgendwo hindurchzwängt. Jedenfalls ist es ein häufiges Ereignis bei allen Arten, die nicht wie die Tagfalter mit über dem Rücken hochgestellten sondern flach ausgebreiteten bzw. dachförmig über den Körper gelegten Flügeln ruhen.

Das Ergebnis ist der entschuppte bzw. enthaarte Rücken, der den Blick auf das glatte, meist rotbraune, glänzende Exoskelett freigibt. Auf einem guten Foto oder mit einer Lupe ist ohne weiteres zu erkennen, daß hier die Beschuppung fehlt – man muß nur genau hinschauen.

Von Leuten, die nicht genau hinschauen oder unscharfe Fotos machen, kommen oft Fragen nach einem „roten“ oder „braunen Fleck“ auf dem Rücken des Falters. Sie wissen es jetzt besser.

Euxoa aquilina mit fehlender Thoraxbeschuppung


Siehe auch
Schmetterlingskunde für Anfänger – „abgeflogene“ Falter

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Entomo-Jargon

Wir Biologen machen uns meist gar keine Gedanken darüber, welche Wirkung ganz normale, harmlose entomologische Gespräche auf Außenstehende haben können. Stellen Sie sich zwei Entomologen in einer vollbesetzten U-Bahn vor:

„Dienstagnacht habe ich bei Hintertupfingen ein interessantes Spannerweibchen gefunden.“

Die Köpfe der Mitfahrenden – jedenfalls derer, die keine Ohrhörer tragen – heben sich geringfügig von ihren Smartphones.

„So? was war’s denn für eine?“
„Stell dir vor: Es war ein Peribatodes perversaria-Weib.“

Eine ältere Dame starrt uns über den Rand ihrer Brille hinweg entgeistert an.

Weiterlesen

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„River deep, mountain high“ – Interessante Widmungen

Ab und zu werde ich mir erlauben, Beiträge zu veröffentlichen, die nur randlich oder auch gar nicht mit Entomologie zu tun haben. Hier ist einer davon.

Eine literarische Sparte, die im deutschen Sprachraum wenig Beachtung findet, sind Widmungen von Büchern. Natürlich gibt es bei uns solche Widmungen, aber in geringerer Zahl als in der englischsprachigen Literatur. Und dort sind diese Dedikationen manchmal recht eindrucksvoll, innovativ, kurios, aufschlußreich, kreativ – oder auch unverständlich, weil nur durch Zusatzkenntnisse über das Leben des Autors/der Autorin verständlich. Weiterlesen

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Artenvielfalt im freien Fall: Flächendeckender Rückgang von Schmetterlingen in Baden-Württemberg

In Scientific Reports stellen die Wissenschaftler Jan Christian Habel, Robert Trusch, Thomas Schmitt, Michael Ochse und Werner Ulrich ihre aktuellen Forschungsergebnisse zum Bestand von Schmetterlingen vor.

 Dabei handelt es sich um die erste flächendeckende Langzeitstudie, die Daten über die tagaktiven Schmetterlinge in Südwestdeutschland bis zurück in das 18. Jahrhundert nutzt. Ihr Ergebnis verfestigt das Bild, das bereits die „Krefeld-Studie“ von 2017 zeichnete: Die Wahrscheinlichkeit, viele Individuen von vielen unterschiedlichen Schmetterlingsarten auf einem Spaziergang zu sehen, hat besonders in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich abgenommen. Ökologische Systeme können bei der Überschreitung eines Grenzwertes leicht kippen. Dies könnte in Baden-Württemberg bereits vor etwa 20 Jahren passiert sein. Die Artenvielfalt befindet sich seitdem in freiem Fall.

Die aktuelle Studie belegt eine flächendeckende Reduktion der Häufigkeit der meisten Arten – ein Trend, der auch vor Naturschutzgebieten und extensiv genutzten Flächen nicht Halt macht, unabhängig von Nutzungsgrad und Nutzungsänderung. Dies sollte äußerst nachdenklich und besorgt stimmen, da sich offensichtlich die Landschaft in einer so schlechten allgemeinen Verfassung befindet, dass überregional Populationen verschwinden. Hier könnte ein Messprogramm für Insektizide, wie es von Wissenschaftlern längst gefordert wurde, helfen, die Vermutungen zum Insektensterben in Gebieten fernab intensiver Landnutzung auf eine sichere Datenbasis zu stellen. Weiterlesen

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Dufthaarorgane von männlichen Schmetterlingen am Beispiel von Mamestra brassicae

Die männlichen Dufthaarorgane an der Abdomenbasis bei manchen Noctuiden sind noch gar nicht so lange bekannt (Birch 1970) und ihre Funktion war anfangs unklar. Inzwischen ist nachgewiesen, daß sie bei der Paarung eingesetzt werden (Poppy & Birch 1994).

Eine Drüse im 2. Abdominalsegment produziert eine Vorstufe des Duftstoffs, die auf einen Haarpinsel abgesondert wird, auf dem innerhalb von 24 Stunden das Pheromon ensteht. Dieser Haarpinsel liegt in einer seitlichen Hauttasche, die vom 2. bis 4. Abdominalsegment reicht und normalerweise gut verschlossen ist. Er sitzt auf einem sklerotisierten Arm (in der englischen Literatur: lever = Hebel), der bei der Paarung ausgeschwenkt wird, wobei sich der Haarpinsel auffächert und das Pheromon in Richtung des Weibchens ausduftet. Das Organ ist paarig, also rechts und links vorhanden, kann aber einzeln eingesetzt werden.

Da das Ausfächern der Haarpinsel nur ganz kurz stattfindet, gibt es wenig Fotos oder Videos dieses Vorgangs. Bei Mamestra brassicae dauert das Ausfahren des Arms und das Ausfächern der Haare 80 Millisekunden; der Haarpinsel wird 100 ± 20 Millisekunden lang geöffnet gehalten und dann wieder zusammengelegt (Daten aus Poppy & Birch 1994). Bis der zusammengelegte Haarpinsel wieder in seiner Tasche verstaut wird, kann es Minuten oder sogar Stunden dauern, weshalb man einen oder beide Haarpinsel gelegentlich bei männlichen Noctuiden zu sehen bekommt.

Ein Mamestra brassicae-Männchen, das ich zum Bestimmen kurz betäubt hatte, hat dabei einen seiner Dufthaarpinsel ausgefahren und längere Zeit aufgefächert gehalten, so daß mir Zeit für ein paar Fotos blieb.

Oben: Der ausgestülpte Haarfächer. (Der schwarze Fleck unterhalb des Zentrums des Haarfächers ist das Kniegelenk des linken Hinterbeins.) Weiterlesen

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Die rechtsblockierte Hecatera dysodea  –  Wie eine Online-Enzyklopädie die Welt veräppelt

Zum zehnjährigen Jubiläum eines Scherzeintrags

Manchmal fragt man sich, ob die kleineren Wikipedia-Artikel überhaupt jemals gelesen werden, zum Beispiel die Artikel über einzelne Arten. Darin wird hin und wieder soviel Mißverständliches und sogar Falsches erzählt, daß gewiß noch kein Fachmann hineingeschaut haben kann – oder wegen der bedauerlichen Arbeitsbedingungen in der Wikipedia auf den Versuch einer Richtigstellung verzichtet hat.

Ein besonderes Wikipedia-Schmankerl findet sich in dem kurzen Artikel über Hecatera dysodea; ich habe die Stelle gelb markiert:

Tja. Die Wikipedia eben. Und das wird im Internet zwanzigfach geklont, selbst im Begleittext zu einem YouTube-Video.

Weiterlesen

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