Die rechtsblockierte Hecatera dysodea  –  Wie eine Online-Enzyklopädie die Welt veräppelt

Zum zehnjährigen Jubiläum eines Scherzeintrags

Manchmal fragt man sich, ob die kleineren Wikipedia-Artikel überhaupt jemals gelesen werden, zum Beispiel die Artikel über einzelne Arten. Darin wird hin und wieder soviel Mißverständliches und sogar Falsches erzählt, daß gewiß noch kein Fachmann hineingeschaut haben kann – oder wegen der bedauerlichen Arbeitsbedingungen in der Wikipedia auf den Versuch einer Richtigstellung verzichtet hat.

Ein besonderes Wikipedia-Schmankerl findet sich in dem kurzen Artikel über Hecatera dysodea; ich habe die Stelle gelb markiert:

Tja. Die Wikipedia eben. Und das wird im Internet zwanzigfach geklont, selbst im Begleittext zu einem YouTube-Video.

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Ungelöste faunistische Rätsel – Menophra nycthemeraria in Deutschland

Manche zweifelhaften älteren Angaben lassen sich leicht widerlegen oder wenigstens mit guten Argumenten als höchstwahrscheinlich falsch ad faunistica acta legen. Schwieriger wird es, wenn sicher bestimmte Belegstücke vorhanden sind, die auch noch von namhaften und seriösen, über allem Zweifel stehenden Fachleuten gesammelt wurden. So ist es im Fall der süd- und südwesteuropäisch verbreiteten Menophra nycthemeraria (Geyer, 1831). Die Nordgrenze ihrer Verbreitung reicht in Frankreich bis Yonne, Côte-d’Or und Saône-et-Loire, aber alte Angaben gibt es bis Loiret, Essonne, Seine-et-Marne und auch im Haut-Rhin.

Menophra nycthemeraria, ein Männchen aus Südfrankreich. In Mitteleuropa ist die Art unverwechselbar.

Aus Deutschland sind drei Nachweise bekannt, die allesamt in Thüringen erbracht wurden. Weiterlesen

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Pinien und Kiefern

Zum einjährigen Jubiläum eines Wikipädie-Fehleintrags.

Der Schauspieler Kiefer Sutherland soll sich halb totgelacht haben, als ihm Fans einmal erklärten, welche Bedeutungen sein Vorname in deutscher Sprache hat. Aber immerhin wurde er informiert.

Dagegen scheinen bei uns Deutschsprachigen – sofern wir nicht Botaniker sind – immer noch große Verständnisschwierigkeiten zu bestehen, wenn es um die Pflanzengattung der Kiefern geht. Der botanische Gattungsname Pinus und der englische Gattungsname pine bezeichnen eine große Anzahl von Kiefernarten. Eine davon ist die Pinie, die auf botanisch Pinus pinea heißt und rund ums Mittelmeer herum verbreitet ist. Alle anderen Arten gehören zwar auch zu Pinus (Kiefer), sind aber keine pinea (Pinie).

Das englische Wort pine gibt besonders oft Anlaß zu Fehlübersetzungen ins Deutsche: Es wird häufig als „Pinie“ wiedergegeben. Vielleicht ist es der ähnliche Wortanfang, der die Deutschsprachigen hier fehlleitet (Stichwort: falscher Freund); wahrscheinlich spielt eine Kombination aus Unkenntnis der englischen und der eigenen Muttersprache und der Botanik eine Rolle. Jedenfalls findet man allenthalben, wo Leute unlektoriert[1] schreiben, insbesondere im Internet, Kiefern als „Pinien“ bezeichnet. Weiterlesen

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Falterbeobachtung beim Ballonflug, 2

Zum Thema Schmetterlingsbeobachtungen vom Ballon aus bin ich auf zwei weitere Berichte gestoßen. Johannes Poeschel (1855–1943) war nicht nur Philologe und Schuldirektor sondern auch ein Luftfahrtpionier. In dem Buch Luftreisen berichtete er 1907 von einer seiner Ballonfahrten über dem damaligen Russisch-Polen:

Rypin liegt um 100 m hoch, die Falter befanden sich demnach 1900-2150 m über dem Erdboden. Weiterlesen

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Entomologische Anekdoten: Entlausung durch Formica fusca

Berichtet 1918 von Marie Rühl in der Societas entomologica, 33: 24.

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Dürre Erbsen, kranke Eier und valeriansaures Amyloxyd: Praktisches und Skurriles aus alten Köderrezepten

Cunning are my recipes, brewed with practised skill.
Pungent subtle odours waft from out the kitchen „still“.
(Aus: Lament of a Treacler von Richard L. E. Ford, 1948)

Im Gegensatz zum Lichtfang, bei dem die technischen Aspekte relativ standardisiert sind, gewährt der Köderfang der individuellen Kreativität viel breiteren Spielraum – vor allem beim Köderkochen.

Die heutigen Köderrezepte beschränken sich meistens auf Rotwein-Zucker- oder Bier-Zuckerrübensirup-Mischungen, je nach Geschmack mit überreifem oder gärendem Obst oder mit Honig kombiniert. Früher gab es eine größere Vielfalt, weil mangels weltumspannender Medien weniger Austausch stattfand und dadurch regionale und individuelle Gepflogenheiten stärker zum Tragen kamen. Nicht zuletzt wurden Köderrezepte manchmal geheimgehalten, weil die Ausbeute insbesondere von seltenen Arten eine nicht unbeträchtliche Einnahmequelle für Sammler wie Händler darstellte. J. Peter Maassen wollte in den 1870er Jahren einen Aufsatz über den Köderfang veröffentlichen, worauf ein Kollege[1] ihm nahelegte, „es sei eigentlich nicht rathsam, das Geheimniss des Bierköders an die grosse, gedruckte Glocke zu schlagen – das sei jährlich unter Brüdern 30, geschrieben dreissig, Thaler werth!“ (Maassen 1871).

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„Umnebelnd Himmelsglut“

Dies ist ein entomo-etymologischer Essay über die Spanischen Fahnen. „Warum der Plural?“ wird hier mancher fragen. Weil es nämlich – das wissen Sie wahrscheinlich – nicht nur eine Art gibt, die so heißt; weil es – das mag überraschen – nicht nur zwei Arten gibt, die so heißen, sondern – passen Sie auf – weil es drei Arten gibt, die so heißen. Wie das kam, erzählt der folgende Beitrag. Ich bin mir nicht sicher, ob er in die literarische Gattung der Komödie oder des Trauerspiels einzuordnen ist; vielleicht ist es doch eher eine Groteske. Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung.

 

„Umnebelnd Himmelsglut“

Russische Bären, Spanische Fahnen, weißgefleckte Afterbärenphalänen
und andere Sternstunden deutscher Namenserfindungswut


Einleitung

Das „Spanische-Fahne-Problem“ bietet eine hervorragende Einführung in die Vielschichtigkeit und Komplexität der Verwendung landessprachlicher Namen für Insekten. Zumindest würden es manche Euphemistiker als Vielschichtigkeit und Komplexität bezeichnen; ich nenne es schlicht das übliche Chaos: Chaos deshalb, weil es für jeden Außenstehenden einfach ein undurchschaubares Chaos ist und üblich, weil es eher den Regelfall als eine Ausnahme darstellt.  Weiterlesen

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Der Kleine Feuerfalter, der Schlangenknöterich und die Wikipädie

(Was die Wikipedia nicht weiß, Folge 266)

Die zahlreichen Webseiten, deren Betreiber nichts Besseres zu tun haben, als die Wikipedia zu kopieren, vervielfältigen dadurch nicht nur die zuverlässigen Inhalte der Wikipedia sondern auch die darin enthaltenen unzuverlässigen und fehlerhaften Stellen, und davon gibt es immer noch recht viele. Zu viele.

Wenn man als nicht Web-affiner Nutzer ein und dieselbe Information an mehreren Stellen im Internet findet und nicht erkennt, daß alles ursprünglich aus einer einzigen, fehlerhaften Quelle stammt, könnte man auf die Idee kommen, diese Information für wahr zu halten. Das ist die Gefahr.

Neulich stieß meine Frau auf einer Webseite, die sich Deutschlands Natur, Der Naturführer für Deutschland nennt, unter Lycaena phlaeas auf folgende Angabe:

„In Baden-Württemberg scheint Schlangen-Knöterich (Bistorta officinalis) die einzige bekannte Futterpflanze zu sein.“

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Schmetterlingskunde für Anfänger – „abgeflogene“ Falter

Was bedeutet „abgeflogen“ und warum ist es wichtig, diesen Zustand zu erkennen?

Der Spezialist vergißt gern, daß Begriffe, die er alltäglich und ohne nachzudenken benutzt, für den Nichtfachmann unverständlich oder doch zumindest sehr mißverständlich sein können. Dazu gehören nicht nur die aus dem Lateinischen und Griechischen stammenden Fachbegriffe, sondern auch einige deutsche Wörter, die im entomologischen Fachjargon eine ganz besondere Bedeutung angenommen haben.

Unter einem „abgeflogenen“ Falter könnte man sich einen vorstellen, der gerade gestartet ist, oder einen, der dem Entomologen weggeflogen ist. Tatsächlich bedeutet „abgeflogen“ in Bezug auf einen Schmetterling ein Exemplar, das durch vieles Herumfliegen bereits mehr oder weniger stark beschädigt ist. Beim Fliegen – wie auch beim Kriechen durch die Vegetation oder durch die Einwirkung von Wind und Regen – gehen nämlich die Flügelschuppen allmählich verloren. Ein abgeflogener Falter ist also einer, der schon viele Schuppen verloren hat, der sich bereits abgeflattert hat.

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Lepidopterologische Lyrik, 6. Köderfang 2

Aus dem Œuvre des Entomo-Lyrikers Max Fingerling (1844-1904) habe ich schon zwei Werke vorgestellt, darunter auch den ersten Teil des „Äpfellieds.“ Der zweite Teil ist nicht weniger attraktiv. Fingerling vergleicht die Falter mit einer Hochzeitsgesellschaft. Sehr passend: Ordensbänder sind die Hochzeiter (lat. sponsa = Braut, Verlobte; lat. nupta = Braut). Wurde das Sammeln im ersten Äpfellied nur indirekt angesprochen („vom schlauen Jäger dargebracht“) so wird es hier konkreter und nach dem hochzeitsfrohen Beginn schlägt die Stimmung am Ende in angemessen tragische und nachdenkliche Töne um.


Äpfellied II

Es ist erfüllt mein stolzes Hoffen,
Es rauschte schon, – da kommen sie,
Schon sind die Kleinen eingetroffen
Und auch die schöne Fraxini, –

Das blaue Ordensband, das breiter
Nie eines Königs Brust geschmückt,
Schon hat die Aspe es aus weiter
Entfernung zu mir abgeschickt!

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Butterflies – Es gibt keine englischen Schmetterlinge

(Was die Wikipedia nicht weiß, Folge 265)
Immer wieder behauptete Unwahrheiten werden nicht zu Wahrheiten,
sondern, was schlimmer ist, zu Gewohnheiten.
Oliver Hassencamp (1921-1988)

„Na schön,“ werden Sie sagen, „es gibt jede Menge Dinge, die in der Wikipedia entweder gar nicht oder falsch oder mißverständlich drinstehen.“ Hier aber versagen außer der Wikipädie auch eine ganze Menge weiterer Nachschlagewerke, nicht nur Online-Quellen sondern sogar ehrwürdige gedruckte Werke.

Schlägt man in der deutschsprachigen Wikipedia das Stichwort „Butterfly“ nach, dann liest man im ersten Satz:

          „Butterfly (englisch Schmetterling) … … …“

Und so steht es leider immer noch in den meisten Wörterbüchern.

Ist das denn falsch? – Ja, das ist falsch. Weiterlesen

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Raben und Elstern (Teil 4)

Es gibt nicht viele Entomologen, bei denen die Anzahl der von ihnen entdeckten oder beschriebenen Taxa und ihr persönlicher Leumund einen so schroffen Gegensatz bilden wie bei A. H. Fassl. Hunderte von neuentdeckten Arten und Unterarten aus Südamerika verdankt ihm die Wissenschaft. Viele davon sind nach ihm benannt; der Artname fassli begegnet uns in Tag- und Nachtfalterfamilien und auch in anderen Insektengruppen. Fassl selbst hat hauptsächlich Tagfalterarten, -unterarten und -formen beschrieben.

Wer war dieser Mann, der in Deutschland zeitweise per Haftbefehl gesucht wurde?

Fassl, Anton Hermann (1876-1922)-m1

Anton Heinrich Hermann Fassl jun. wurde 1876 in Komotau in Böhmen geboren und starb 1922 am Amazonas. Er war der Sohn eines gut bekannten Antiquitäten- und Naturalienhändlers. Abgesehen von diesen nüchternen Daten wußte ich über Fassls Leben und Wirken lange Zeit nichts, weil südamerikanische Tagfalter nicht mein Arbeitsgebiet sind. Irgendwann stieß ich auf zwei Kommentare von Camillo Schaufuss aus dem Jahr 1906, in denen es um eine Gerichtsverhandlung gegen Fassl wegen Diebstahl und Unterschlagung ging. Weitere Recherchen förderten einige Zeitungsberichte zutage – wie schön, daß heute so viel Gedrucktes auch online zu finden ist. Hier sind die Fakten, wie sie die Zeitgenossen im Jahr 1906 lesen konnten. Weiterlesen

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