Raben und Elstern (Teil 4)

Es gibt nicht viele Entomologen, bei denen die Anzahl der von ihnen entdeckten oder beschriebenen Taxa und ihr persönlicher Leumund einen so schroffen Gegensatz bilden wie bei A. H. Fassl. Hunderte von neuentdeckten Arten und Unterarten aus Südamerika verdankt ihm die Wissenschaft. Viele davon sind nach ihm benannt; der Artname fassli begegnet uns in Tag- und Nachtfalterfamilien und auch in anderen Insektengruppen. Fassl selbst hat hauptsächlich Tagfalterarten, -unterarten und -formen beschrieben.

Wer war dieser Mann, der in Deutschland zeitweise per Haftbefehl gesucht wurde?

Fassl, Anton Hermann (1876-1922)-m1

Anton Heinrich Hermann Fassl jun. wurde 1876 in Komotau in Böhmen geboren und starb 1922 am Amazonas. Er war der Sohn eines gut bekannten Antiquitäten- und Naturalienhändlers. Abgesehen von diesen nüchternen Daten wußte ich über Fassls Leben und Wirken lange Zeit nichts, weil südamerikanische Tagfalter nicht mein Arbeitsgebiet sind. Irgendwann stieß ich auf zwei Kommentare von Camillo Schaufuss aus dem Jahr 1906, in denen es um eine Gerichtsverhandlung gegen Fassl wegen Diebstahl und Unterschlagung ging. Weitere Recherchen förderten einige Zeitungsberichte zutage – wie schön, daß heute so viel Gedrucktes auch online zu finden ist. Hier sind die Fakten, wie sie die Zeitgenossen im Jahr 1906 lesen konnten. Weiterlesen

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Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Wer kennt Papilio linkia?

Alte Lokalfaunen sind nicht nur deshalb deprimierend, weil man sieht, wie viele Arten – und ihre Lebensräume – mittlerweile verschwunden sind. Sie stellen den Faunisten auch vor Verständnisprobleme, denn die Nomenklatur des 19. Jahrhunderts unterschied sich zum Teil beträchtlich von der, die wir heute benutzen. Papilio machaon ist natürlich immer Papilio machaon gewesen – sofern er nicht mal sphyrus hieß. Aber was ist von Melitaea artemis zu halten? Das war im frühen 19. Jh. oft die erste Art im System – meistens begann man damals mit den Nymphaliden, nicht mit den Papilioniden.

Melitaea artemis ist Euphydryas aurinia. Weiterlesen

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Zu tief ins Ei geschaut … mit tödlichem Ende

Im Internet kursieren allerlei Fotos von Katzen, die ihren Kopf in Flaschen oder andere Behälter gesteckt haben. Daran fühlte ich mich erinnert, als bei uns einige Laothoe populi-Räupchen aus den Eiern schlüpften. Eine von ihnen hat ungünstigerweise ihre Kopfkapsel wieder in die Eihülle gesteckt und bekam sie dann nicht mehr heraus. Weiterlesen

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Lepidopterologische Lyrik, 5. Apollofalter-Seelenwanderung, mit Historie dahinter

Christian Wagner (1835-1918) ist ein heute wenig bekannter Dichter, der aber seinerzeit von Hermann Hesse, Kurt Tucholsky, Karl Kraus und vielen anderen hochgeschätzt wurde. Er war der Sohn eines Bauern und literarisch ein Autodidakt. In seiner Jugend hat er Schmetterlinge gesammelt und seine entomologischen Kenntnisse und Vorlieben auch in seinen Werken eingesetzt.

In dem Gedicht Auf der Burgruine verarbeitet Wagner das Schicksal des Nicodemus Frischlin (1547-1590). Frischlin, humanistischer Dichter, Dramatiker und Philologe, Professor der Poetik und Geschichte, war ein sehr begabter Mensch, der teils durch unglückliche Umstände und teils durch sein eigenes undiplomatisches Verhalten ins Unglück geriet. Im März 1590 wurde er auf der Festung Hohenurach bei Urach am Nordrand der Schwäbischen Alb eingekerkert. In der Nacht vom 29. zum 30. November desselben Jahres stürzte er bei einem Fluchtversuch ab und brach sich das Genick. (Wer mehr über ihn erfahren will: Tante Gugel kennt ihn.) Weiterlesen

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Faunistische Frag(würdigkeit)en – Der Eichenschwärmer Marumba quercus in Deutschland

„Schau mir in die Augen, Kleines…

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… und sag mir, ob du wirklich daran glaubst, daß ich jemals in Deutschland vorgekommen bin.“


Schon bald nachdem Marumba quercus 1775 aus der Gegend von Wien beschrieben worden war – mit farbiger Abbildung von Falter und Raupe – setzten auch Meldungen aus Deutschland ein. Esper besprach den Eichenschwärmer im Jahr 1780. Sein Exemplar stammte aus Wien, und er bemerkte dazu, die Raupen seien auch in Franken gefunden worden, aber zugrunde gegangen.

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Mysteriöse Arten – Was ist Neocomia satinea? (Noctuidae)

Viele alte und sehr alte Artbeschreibungen sind nicht sicher identifizierbar, besonders wenn sie mit einem unkenntlichen Bild oder ganz ohne Abbildung veröffentlicht wurden. Wenn ein Belegexemplar existierte, hatten spätere Forscher die Chance, durch Genitaluntersuchung (oder heute durch DNS-Analyse) weitere Bestimmungsversuche zu unternehmen. So konnten viele unsichere Taxa, die im 18. und 19. Jahrhundert unzulänglich beschrieben worden waren, letztendlich identifiziert werden. Gibt es aber kein Belegstück mehr, dann bleibt so ein Taxon rätselhaft oder zumindest fraglich.

Solch ein Rätsel ist Neocomia satinea.

Neocomia satinea Rougemont, 1901 kl
Diese Art – wenn es denn eine Art sein sollte – ist in mehrfacher Hinsicht von Geheimnissen umgeben. Weiterlesen

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Eulenraupen contra Wikinger – 1 : 0

Sieht sie nicht harmlos aus, die Raupe von Eurois occulta? Kaum zu glauben, daß diese Tierchen die Wikinger auf Grönland ausgerottet haben. Nein, Sie haben sich nicht verlesen: die Eulenraupen haben die Wikingerkultur vernichtet und nicht umgekehrt.

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Faunistische Frag(würdigkeit)en – Odontosia sieversii in Niedersachsen

Augustus Radcliffe Grote (1841-1903) war offensichtlich eine schillernde Persönlichkeit. Durch seine Beiträge zur nordamerikanischen Lepidopterologie ist er ebenso bekannt wie durch seine Dauerfehden mit Herman Strecker und C. V. Riley. Tutt bezeichnete ihn in einem Nachruf als “the best loved and best hated lepidopterist in America” (Tutt 1903). Neben mindestens 600 entomologischen Publikationen veröffentlichte er Gedichtbände, komponierte Opern und Musikstücke, schrieb über das Verhältnis von Religion und Wissenschaft und vieles mehr. Die Wechselfälle des Lebens brachten ihn 1886 nach Deutschland (sein Vater stammte aus Danzig) und 1895 wurde er ehrenamtlicher Kurator am Roemer-Museum in Hildesheim, dessen Schmetterlings- und Käfersammlung er aufstellte und dessen entomologische Abteilung er verwaltete. Er publizierte lepidopterologische Arbeiten in den Mitteilungen des Roemer-Museums und hat auch in der Umgebung von Hildesheim Schmetterlinge gesammelt.

1907 erschien Wilhelm Bodes „Schmetterlingsfauna von Hildesheim“. Darin findet sich der Eintrag:

Odontosia sieversi: Mai. Galgenberg (Grote). Sieversi ist in der Jordanschen Fauna noch nicht erwähnt.

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Lepidopterologische Lyrik, 4. Äpfellied 1

Gleich zweimal hat Max Fingerling, den ich in einem früheren Beitrag vorgestellt habe, den Köderfang besungen. Er nannte diese Werke „Äpfellied“ 1 und 2. Nach meinem Geschmack seine besten Gedichte überhaupt, und das nicht etwa nur, weil sie vom Köderfang und von Eulen handeln. Das erste ist das heiterere der beiden; es weckt bei mir Erinnerungen an erste Köderfänge im Alter von dreizehn und vierzehn Jahren, und damals habe ich tatsächlich nachts von den Faltern geträumt.


MAX FINGERLING
Äpfellied I

Hier will ich euch die Sprenkel stellen,
Es weht der Wind vom Walde frisch,
Herbei, beflügelte Gesellen,
Hier lad‘ ich gastlich euch zu Tisch!

Fallstricken gleich von Baum zu Baume
Hab‘ ich die Schnuren aufgehängt,
Die ich mit zartem Apfelschaume
Und würz’gem Äther euch getränkt!

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Mit al-Qazwînî zum Lichtfang im 13. Jahrhundert

Nach dem Untergang des Römischen Reichs in den Wirren der Völkerwanderungszeit und dem Aufschwung des Christentums geriet in weiten Teilen Europas das aristotelische Wissen in Vergessenheit. Philosophie und Naturwissenschaft – sofern man überhaupt von einer solchen sprechen kann – wurden stark von der Theologie beeinflußt. Schriftliche Quellen über Insekten fehlen aus dieser Zeit weitgehend, abgesehen von der Erwähnung land- und forstwirtschaftlicher Schäden, zum Beispiel durch die verheerenden Heuschreckenzüge, die immer wieder weite Landstriche nicht nur Afrikas und Vorderasiens sondern auch Süd- und Mitteleuropas verwüsteten. Ohne konkrete naturwissenschaftliche Kenntnisse standen die Menschen solchen Schädlingen meist völlig hilflos gegenüber, was zu allerlei Auswüchsen in Mystik und Aberglauben führte. Die Kirche tat sich durch geistige Kurzschlußhandlungen wie Insektenprozesse und die Exkommunizierung von Maikäfern hervor. Scholastik, Dogmatik und Mystizismus ließen wenig eigenständige Forschungsarbeit zu. Zwar ist der Topos vom „finsteren Mittelalter“ so allgemein gesagt falsch, aber in naturwissenschaftlicher Hinsicht war das christlich geprägte Mittelalter eine ungünstige Zeit für freie Forschung. Nur wenige Menschen vermochten sich aus der sie umgebenden geistigen Umklammerung zu befreien und eigenständige wissenschaftliche Leistungen zu erbringen.

Die damals geistig noch etwas freiere islamische Kultur hatte das Wissen der Antike bewahrt und selbst weiter darauf aufgebaut. Aus diesem Kulturkreis liegen manche Zeugnisse für Aufgeschlossenheit und Beobachtungsfreude vor. So berichtet der arabische Gelehrte Zakariyyâ ibn Muhammad ibn Mahmûd Abu Yahyâ al-Qazwînî (um 1203–1283) in seiner Kosmographie „Adscha’ib al-machluqat wa gara’ib al-maudschudat“ (Die Seltsamkeiten unter den Geschöpfen und die Wunder der Schöpfung) über eine Lichtfangnacht in Bagdad im späten 9. Jahrhundert. Mu’tad’id bi’llah war der 16. Kalif der Abbasiden und regierte von 892 bis 902. Weiterlesen

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