Lepidopterologische Lyrik, 1. Idylle

Dr. Hermann Moritz Pabst (1833-1908) war Schulprofessor und Konrektor am Realgymnasium in Chemnitz. Ihm wurde nachgesagt, daß er sich aufgrund verdrießlicher Verhältnisse in seiner Ehe zur Ablenkung umso intensiver mit der Entomologie beschäftigte. Neben einer Lokalfauna der Chemnitzer Gegend und zahlreichen weiteren Aufsätzen hat er auch einige Gedichte veröffentlicht. Das folgende beschäftigt sich mit einer Sackträgerart, die heute Canephora hirsuta heißt, zu Pabsts Zeiten aber noch als Psyche unicolor bekannt war, was ihm die Gelegenheit gab, den Amor-und-Psyche-Zusammenhang herzustellen. Die Art zeichnet sich durch tiefschwarze Männchen aus; die Weibchen sind wie bei Psychiden üblich madenförmig, haben aber noch Augen- und Beinrudimente und strecken beim Locken den Kopf- und Brustteil aus dem Sack heraus. Soviel zur Erläuterung.


HERMANN MORITZ PABST
Amor und Psyche unicolor Hufn. – Lepidopterologische Idylle (1886)

Einsam sass in ihrem Sacke
Eine Psyche, flügellos,
Liebeskrank, voll banger Sehnsucht,
Schaute sie ins feuchte Moos.

„Ach! ich weiss,“ sprach sie mit Wehmuth,
„Dass mir Reiz und Anmuth fehlt,
Nimmer hätte je wohl Amor
Solche Psyche sich gewählt;

Nur aus Spott gab man den Namen
Mir, dem unglücksel’gen Wurm,
Hätt ich Flügel, wollt‘ ich Amor‘s
Herz gewinnen wie im Sturm.

Hässlich, stachlich ist die Hülle,
Die den Leib mir schamhaft deckt,
Niemand kommt, um mich zu werben,
Bleib‘ ich so im Sack versteckt.“

Und so schob sie ein Stück weiter
Ihren Kopf zum Sack hinaus,
Doch den flügellosen Körper
Liess sie in dem kleinen Haus.

Sieh! da naht in raschem Fluge
Lüstern Amor‘s Ebenbild,
Lässt sich nieder in dem Grase,
Schaut ihr in das Antlitz mild.

„Meine Psyche,“ spricht er leise,
„Ich bin Amor, der Dich liebt,
Nie sah ich ein schön‘res Wesen,
Das ein solcher Reiz umgiebt.

Lass dich inniglich umarmen,
Sei mein trautes, süsses Weib,
Gieb Dich hin dem treuen Gatten
Liebliche, mit Seel und Leib!“

Psyche konnt‘ es kaum erfassen
Dass so schnell ihr Wunsch erfüllt,
Dass der Schmerz der bangen Sehnsucht
Ward so wonniglich gestillt.

Und sie sprach: „Bist wirklich Amor
Du mit Deiner schwarzen Haut?
Wärst Du nicht so innig, zärtlich,
Hätt‘ ich Dir fast nicht getraut.

Kamerun ist wohl die Heimath,
Die Dich her zu mir gesandt?
Schwarz sei Amor, hört ich sagen,
An des Niger’s heissem Strand.

Sei willkommen hier in Deutschland!
Ja, ich bin und bleibe Dein,
Doch mein Haus kann ich nicht lassen,
Ist es auch nur eng und klein.“ –

Amor, Psyche, zart umschlungen,
Liebten sich gar treu und wahr.
Raum ist in der kleinsten Hütte
Für ein glücklich liebend Paar.


Siehe auch
Lepidopterologische Lyrik, 2
Lepidopterologische Lyrik, 3
Lepidopterologische Lyrik, 4
Lepidopterologische Lyrik, 5
Lepidopterologische Lyrik, 6

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