Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Die Kleineulen: eine Räuberbande

Im 18. und frühen 19. Jahrhundert gab es bei einigen kleineren Eulenfaltern eine Namenstradition, die von den Theresianern[1] begründet wurde. In ihrer Gruppe V. „Grabraupen, Larvae Furtivae“ oder „Kleine Eulen, Ph.[alaenae] Noctuae Pusillae“ benannten Denis & Schiffermüller die Arten

N. Latruncula = Oligia latruncula ([Denis & Schiffermüller], 1775), „Braune rothschielende E.[ule]“
N. Praeduncula = Oligia strigilis ([Denis & Schiffermüller], 1775), „Braune weißgerandete E.[ule]“
N. Furuncula = Mesoligia furuncula ([Denis & Schiffermüller], 1775), „Braune weißstreifigte E.[ule]“
N. Raptricula = Bryophila raptricula ([Denis & Schiffermüller], 1775), „Braungraue schwarzstrichigte E.[ule]“
N. Spoliatricula = Cryphia algae (Fabricius, 1775), „Nelkenveil E.[ule]“

Ein raptor (lat.) ist ein Räuber, eine raptrix eine Räuberin; raptricula ist der Diminutiv (Verkleinerungsform) und bedeutet die kleine Räuberin.
Latro (lat.) bedeutet Räuber, latruncula ist die weibliche Verkleinerungsform, also eine kleine Räuberin.
Praedo (lat.) heißt Räuber oder auch Seeräuber, eine praeduncula ist demnach eine kleine Räuberin.
Ein spoliator (lat.) ist ein Plünderer, eine spoliatrix eine Plündererin, eine spoliatricula eine kleine Plündererin.
Ein fur (lat.) ist ein Dieb, eine furuncula demnach eine kleine Diebin.

Es fällt schwer, eine Beziehung zwischen den Namen und den Faltern zu finden. Was mögen sich die Autoren dabei gedacht haben? Die Raupen und ihre Biologie waren bis auf die von Noctua spoliatricula (= Cryphia algae) unbekannt: „Die einzige bekannte Raupe ist nackt, weiß und buntscheckigt, hat des Tages ihre Gänge unter der Erde, zur Nachtszeit benagt sie die Pflanzen. Man kann von ihr auf die übrigen schließen, da die Eulen dieser Familie eben nicht selten, und ihre Raupen doch bisher nicht bekannt sind.“ Hat diese Lebensweise – versteckt und nachts zur Nahrungsaufnahme herauskommend, quasi wie ein Dieb in der Nacht – zur Benennung geführt? Wir wissen es nicht. Übrigens ist die Beobachtung wenig zutreffend: Die „Gänge unter der Erde“ sind Gänge unter dem Flechtenbewuchs oder in der Rinde, und an „Nelkenveil“ Cheiranthus incanus – das ist die Levkoje, heute Matthiola incana – dürfte Cryphia algae kaum dauerhaft fressen.

Die Gruppe dieser „Noctuae pusillae“ enthielt drei Halmeulchen und zwei Flechteneulchen, war also nach heutiger Auffassung heterogen. Das lag natürlich auch an den noch nicht entdeckten Raupen und deren unbekannter Lebensweise. Aber die Autoren, die diese Namensmode in den folgenden Jahren und Jahrzehnten aufnahmen, hielten sich daran und beschränkten sich bemerkenswerterweise auf diese zwei Verwandtschaftsgruppen.

 Zwanzig Jahre später[2] nannte Brahm eine kleine Eule, die in die weitere Verwandtschaft von Oligia gehört

Noctua pabulatricula = Pabulatrix pabulatricula (Brahm, 1791)

Ein pabulator (lat.) ist ein Fourier (Furier), ein Unteroffizier, der ursprünglich für die
Beschaffung des Pferdefutters, später generell für die Verpflegung zuständig war. Im
Soldatenjargon wurde aber auch das Plündern euphemistisch als Fourage bezeichnet.
Damit kann die weibliche Diminutivform pabulatricula als kleine Plündererin
übersetzt werden und fügt sich in den Kanon ein.

Im Jahr darauf nahm Borkhausen in seiner „Naturgeschichte der europäischen Schmetterlinge“ kein Blatt vor den Mund:

Phalaena (Noctua) meretricula Borkhausen 1792 = eine Form von Oligia latruncula

Eine meretrix (lat.) ist eine Hetäre, ein Freudenmädchen, heute würde man sagen eine
Prostituierte. Wie die Verkleinerungsform meretricula übersetzt werden sollte, mag
sich jeder selbst ausdenken; das Wörterbuch bietet sowohl „niedliche Dirne“ als auch
„elende Dirne“ an.

Der junge Jakob Hübner hatte Schiffermüller in den späten 1780er Jahren besucht, in seiner Sammlung gearbeitet und auch seine Raupenzeichnungen übernommen, um sie zu veröffentlichen. Er führte die Namenstradition fort, und zwar nur bei den Flechteneulchen:

Noctua receptricula = Cryphia receptricula (Hübner, [1803])
Noctua fraudatricula = Cryphia fraudatricula (Hübner, [1803])
Noctua deceptricula Hübner, [1803] = eine Form von Bryophila raptricula
Noctua mendacula
Hübner, [1813] = eine Form von Cryphia algae

Receptricula ist der Diminutiv Femininum von receptor (lat.) Hehler, bedeutet also soviel
wie kleine Hehlerin.
Fraudatricula ist der Diminutiv Femininum von fraudator (lat.) Betrüger, also soviel wie
kleine Betrügerin, Täuscherin, ein Name, den man vielleicht auf täuschende
Tarntracht beziehen könnte.
Aus deceptor (lat.) Täuscher ergibt deceptricula ebenfalls eine kleine Täuscherin.
Ein mendax (lat.) ist ein Lügner oder Betrüger, mendacula also eine kleine
Lügnerin/Betrügerin.

Immerhin haben wir hier die ersten beiden Namen dieses Typs, die tatsächlich einen Bezug zum Aussehen der Falter haben könnten: Täuscher im Sinne von täuschend gut getarnten Faltern.

Haworth benutzte zwar eine Diminutivform für den Namen eines Halmeulchens, nahm aber nicht das Räubermotiv auf:

Noctua fasciuncula = Oligia fasciuncula (Haworth, 1809)

Fascia (lat.) heißt Binde, Band und dieser Name bezieht sich vermutlich auf das meistens
etwas dunkler abgesetzte Mittelfeld der Art.

Friedrich Treitschke kannte sich nicht nur in der Literatur hervorragend aus sondern war sich als Wahl-Wiener natürlich der Schiffermüllerschen Tradition bewußt. Er schuf je einen Namen für ein Halmeulchen und für ein Flechteneulchen:

Apamea captiuncula = Photedes captiuncula (Treitschke, 1825)

Abgeleitet von captio (lat.) Täuschung, Schaden, Verfängliches bedeutet captiuncula
soviel wie kleine Täuschung, kleine Verfänglichkeit.

Bryophila ereptricula Treitschke, 1825

Ereptricula ist der Diminutiv Femininum von ereptor (lat.) Räuber, heißt also soviel wie
kleine Räuberin.

Auch Donzel hat sich mit einem Diminutivnamen in der Gattung Oligia verewigt, aber in etwas ungrammatikalischer Weise und auf einem Farbadjektiv beruhend (lat. rubeus = rot.)

Apamea rubeuncula Donzel, 1838 = ein Synonym von Oligia fasciuncula (Haworth, 1809)

Der Name soll vermutlich soviel wie „die kleine Rötliche“ bedeuten.

Dafür hat Guenée noch nach der Jahrhundertmitte einen schönen Namen im Hübner- schen Stil geschaffen:

Bryophila simulatricula = Cryphia simulatricula (Guenée, 1852)

Ein simulator (lat.) ist ein Heuchler, Nachahmer, eine simulatrix eine Heuchlerin und
eine simulatricula eine kleine Heuchlerin. Vielleicht war auch hier eine Anspielung auf
die Tarntracht beabsichtigt.

Den spätesten Nachklang zur Schiffermüllerschen Namenstradition – aber nur äußerlich – lieferte ein Flechteneulchen von der Arabischen Halbinsel, das als

Cryphia arabtricula Hacker, 2002

beschrieben wurde. Der Name ist aus arab– für das Verbreitungsgebiet und der hier bedeutungslosen –tricula-Endung zusammengesetzt und als Wortspiel auf raptricula gemünzt.

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[1] Das Buch „Ankündung eines systematischen Werkes von den Schmetterlingen der Wienergegend herausgegeben von einigen Lehrern am k. k. Theresianum“ ist 1775 in Wien anonym erschienen. Die Hauptautoren waren Ignaz Schiffermüller und Michael Denis; darüber hinaus waren noch weitere ungenannte Lehrer des Theresianums mehr oder weniger stark beteiligt. Heute werden gewöhnlich „Denis & Schiffermüller“ als Autoren genannt; früher wurden die Namen auch mit dem Zusatz „W.V.“ für „Wiener Verzeichnis“ oder „S.V.“ für „Schiffermüllers Verzeichnis“ zitiert. In den zeitgenössischen Quellen und Besprechungen werden meist Schiffermüller und Denis gemeinsam als Autoren genannt. Schiffermüllers Anteil war vielleicht der größere oder der länger nachwirkende: er verwahrte die Sammlung; er sandte ein Exemplar des Buchs an Linné und erklärte im Begleitschreiben, daß die Autoren ihre Namen aus Bescheidenheit nicht auf den Titel hatten drucken lassen; er empfing den jungen Jakob Hübner und gewährte ihm Einblick in die Sammlung.

[2] Obwohl das „Wiener Verzeichnis“ erst 1775 und 1776 im Druck erschien, war der Text schon länger fertiggestellt: Das Vorwort datiert vom März 1771 und berichtet, daß sich die Autoren seit ungefähr 7 Jahren, also seit etwa 1764, mit Schmetterlingen beschäftigten.


Siehe auch
Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Namen als Gedächtnisstützen: Damon
Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Beziehungen, die verlorengingen: Phlogophora

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