Lepidopterologische Lyrik, 2. Polychloros

Dieses zur Jahreszeit passende Gedicht hat mich ehrlich gesagt ein wenig enttäuscht, weil Treitschke hier das Weibchen des Großen Fuchses als Puppe überwintern und erst im Frühjahr schlüpfen läßt. Nur um des passenden Plots für seine Liebesgeschichte willen ignoriert er die lepidopterologischen Realität. Und daß er sie ignoriert, daran besteht kein Zweifel: Treitschke war ein zu guter Kenner, um in so einer Sache einen Fehler zu machen. Anderes ist gut wiedergegeben, etwa das gregäre Zusammenleben der Raupen (Ach, da wohnten mit ihm Brüder In geschloss’nen engen Reih’n) oder die modifizierten Vorderbeine der Nymphaliden (Putzt die Aeuglein mit den Füßen); das sind Stellen, die den Nichtfachmann ohne Erklärung merkwürdig anmuten müssen.

Friedrich Treitschke (1776-1842) ist den Entomologen vor allem durch die Buchserie „Die Schmetterlinge von Europa“ (10 Bände, 1807-1835) bekannt, die er nach Ferdinand Ochsenheimers Tod 1822 allein fortführte und beendete und in der zahlreiche neue Arten beschrieben sind.

Weniger bekannt ist, daß er zu Lebzeiten als Theaterregisseur und Bühnenautor berühmt war. Er hat unter anderem das Libretto zu Beethovens Oper „Fidelio“ geschrieben, und zwar die dritte Fassung. Die erste Version, 1805 von Joseph Sonnleithner verfaßt, war nicht erfolgreich, ebensowenig die zweite von Stephan von Breuning (1806). Erst Treitschkes Bearbeitung von 1814 machte daraus einen Erfolg. Darüber hinaus schrieb er Artikel über Theater und Musik in Zeitschriften und in der Tagespresse und veröffentlichte einen Gedichtband, der auch lepidopterologische Gedichte enthält. Dies ist eines davon.


GEORG FRIEDRICH TREITSCHKE
Polychloros
*)

I.

Heute, wo der Spätherbst scheidet,
Spärlich nur die Sonne lacht,
Bricht in’s Leben Polychloros
Aus der Chrysalide Nacht.

Fliegt hinab, hinan, durch Auen,
Ueber Wiesen, Wald und Flur;
Aber reizlos, gelblich trauernd
Starret ringsum die Natur.

Matt vom irren langen Wandern
Weilt er auf entlaubtem Baum,
Putzt die Aeuglein mit den Füßen,
Möchte deuten dunklen Traum.

Ist ihm doch: als and’res Wesen
Einst, in einer andern Welt
War ihm, was er jetzt vermisset,
Reich und herrlich beigesellt.

Damals sah er grün die Bäume,
Blumen viel, die nicht mehr sind,
Und die Sonne schien weit wärmer,
Und die Lüfte wehten lind.

Damals hatt‘ er keine Flügel,
Doch auch keiner Wünsche Qual;
Wenige verschlung’ne Zweige
Galten ihm für Berg und Thal.

Ach, da wohnten mit ihm Brüder
In geschloss’nen engen Reih’n;
Jetzt, auf ungemessner Weite
Ist er einsam und allein.

Also blickt die Sehnsucht düster
Den entfloh’nen Freuden nach.
Pfeifend warnt der Sturm aus Norden:
„Suche schnell ein schirmend Dach!“

„Nicht verschwende Zeit und Kräfte
Kämpfend gegen dein Geschick;
Was du schlummernd einst verloren,
Kehrt im Schlummer dir zurück!“ –

Dort, der Kirchhofmauer Spalte
Nimmt den armen Pilger auf.
Ungestörte stille Ruhe
Folget freudeleerem Lauf.

II.

Winter ist dahin gegangen,
Frühling nahet schmuckbekränzt;
Knospen schwellen voll Verlangen,
Primeln stehen; Glocken hangen
Und das Heer der Tulpen glänzt.

Alles lebt und webet wieder,
Käfer, Bienen summen schon,
Fische schwimmen auf und nieder,
Vöglein üben neu die Lieder,
Die mit ihnen weit entfloh’n.

Auch zu Polychloros Zelle
Dringt des Zaubers starke Macht:
Sanft durchwärmt vom Lebensquelle
Küßt ihn eines Zephyr’s Welle,
Und er regt sich, – dehnt sich, – wacht!

Schlüpfet taumelnd vor in’s Freie,
Sieht die theu’re Kinderwelt:
Grüne Bäume, Himmelsbläue,
Bunte Blüth‘- und Blumenreihe, –
Alles festlich aufgestellt.

Fliegt hinab, hinan, durch Auen,
Ueber Wiesen, Wald und Flur;
Schaut, und kann nicht satt sich schauen,
Mag sich Eines kaum vertrauen:
Seines Gleichen fehl‘ ihm nur!

„Wem gehört die dunkle Hülle,
Die sich ungeduldig rührt?
Lauschen will ich, leis‘ und stille,
Welchen Zweck sie wohl erfülle,
Ob sie auch den Frühling spürt?“

Jetzt! O jetzt! Die Schale spaltet, –
Polychloros sieht sein Bild,
Das sich regsam rasch entfaltet,
Mit den Schwingen wogt und waltet,
Ihn begrüßend freundlich mild.

Wechselworte schnell entbrennen:
„Liebchen, sprich, wie kenn‘ ich dich?“ –
„Lieber, dich auch soll ich kennen!“ –
Mein möcht‘ ich dich fortan nennen!“ –
„Dein; so nenne fortan mich!“

Und noch vor dem Mittagsstrahle
Hat er sich die Braut errafft;
Tanzt mit ihr im gold’nen Saale,
Ißt und trinkt zum Feiermahle
Zuckerstaub und Honigsaft.

Wie sie küssen, flattern, ringen, –
Nehmen, was Natur gebot!
Höher kann nicht Wonne dringen! –
Abends, wenn Cicaden singen,
Sind die Engverbund’nen todt.

 


*) Papilio Polychloros (Rüsternfalter), ein bekannter Tagschmetterling, der zuweilen noch spät im Herbste die Puppe verläßt, schlafend überwintert, und erst im folgenden Frühjahre den Zweck der letzten Verwandlung erfüllt.


Siehe auch
Lepidopterologische Lyrik, 1
Lepidopterologische Lyrik, 3
Lepidopterologische Lyrik, 4
Lepidopterologische Lyrik, 5
Lepidopterologische Lyrik, 6

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