Ritter Kunos Kampf gegen die grünen Baumwürmlein

Bald ist es wieder soweit. Es naht die Jahreszeit, in der an windstillen Tagen der Raupenfraß im Wald hörbar wird. An günstigen Stellen sind die ersten Frostspannerraupen bereits fast erwachsen. Da man auch heute noch nicht viel gegen sie unternehmen kann – sofern man nicht Gifte oder Bt einsetzt – ist leicht vorstellbar, wie hilflos die Menschen in früherer Zeit dieser Situation gegenübergestanden haben müssen und welche merkwürdigen Mittel sie in ihrer Not ergriffen haben mögen. Insektenprozesse sind aus dem späten Mittelalter gut belegt; sie dienten wohl in gleichem Maß der rhetorischen Übung der beteiligten Kleriker wie der Beruhigung der Bevölkerung. Die Geistlichen wußten, daß die meisten Schadinsekten nur kurze Zeit in Erscheinung traten und früher oder später mit dem Abklingen jeder Massenvermehrung zu rechnen war. Aus heutiger Sicht wirken Akte wie die Exkommunizierung von Maikäfern oder der Bannfluch gegen Fliegen allerdings drollig absurd.

IMG_7277-m1_200KB

Ritter Kunos Kampf gegen die grünen Baumwürmlein

„Hundsföttisches Gezücht!“ fluchte Ritter Kuno und reckte die behandschuhte Faust zum Blätterdach des Waldes – eine wirkungslose Geste, wie er sehr wohl wußte, aber er hatte das Bedürfnis, seinem Zorn Luft zu verschaffen.

Um ihn herum fiel der Regen. So hörte es sich jedenfalls an. Ein leises Rieseln, unaufhörlich, wie winzige Regentröpfchen, die mit einem stetigen dim–dim–dimdim–dim auf seinen Helm träufelten. Streckte man aber die Hand aus, dann füllte sie sich nicht mit Regenwasser, sondern mit kleinen schwarzen Kotbällchen, den Ausscheidungen der vermaledeiten Kreaturen, die in den Baumkronen lebten. Hellgrüne Würmchen waren es, gerade so lang wie das letzte Glied von Kunos kleinem Finger, aber sie waren so zahlreich wie die Gestirne am Himmelszelt.

Die 20 Morgen Laubwaldungen und Obstwiesen, die Kuno für den Markgrafen verwaltete, waren in den letzten Jahren immer wieder von diesen Würmern heimgesucht worden. In zwei Jahren war die Apfel- und Birnenernte fast ganz ausgeblieben. Sämtliche Leibeigene hatte er in die Obstgärten geschickt, um die Würmer abzusammeln und zu vernichten, aber mit nur geringem Erfolg. Wenn die Würmer noch klein waren, wurden sie kaum gefunden und wenn sie größer waren, war der Schaden schon angerichtet. Kuno stöhnte vor ohnmächtiger Wut.

Nicht einmal auf Gott war Verlaß – jedenfalls nicht auf seine Diener. Im vorletzten Jahr hatte der Bischof einen Pfaffen gesandt, der stellte sich auf einen Hügel bei den Obstwiesen, verlas den grünen Baumwürmern eine Verwarnung der Kirche und forderte sie auf, von dannen zu ziehen und sich woandershin zu begeben. Jedoch das Getier hatte nicht darauf reagiert. Im vergangenen Jahr war der Pfaffe erneut gekommen und hatte diesmal den Bannfluch der Kirche über das unreine Gewürm ausgesprochen – ebenfalls ohne ersichtliches Ergebnis. Zähneknirschend dachte der Ritter an die Zuwendungen, die der Bischof für seine Dienste im voraus eingesteckt hatte. Ein weiteres Mal würde Kuno die unwirksame Hilfe der Kirche nicht anfordern.

Stattdessen hatte er bei Plinius dem Älteren Rat gesucht, dessen „Naturalis historia“ er sich von einem Lateinkundigen übersetzen ließ. Als Mittel gegen die schädlichen Raup-Tiere wurde da empfohlen, in einer Vollmondnacht eine Jungfrau dreimal um das befallene Gebiet herumwandeln und dabei gewisse magische Beschwörungsformeln singen zu lassen. Nun gut; der nächste Vollmond nahte mit kalendarischer Gewißheit und die Obstwiesen dürften sich in einer Nacht ohne Schwierigkeit dreimal umrunden lassen. Schwieriger war es gewesen, eine Jungfrau aufzutreiben. Da Kuno ein gewisser Ruf als Lebemann vorausging, waren die Dörfler nicht geneigt, ihm eine ihrer Töchter für die Nacht zu überlassen – so sehr er auch bat, drohte und fluchte. Schließlich hatte er seinen Stolz hinunterschlucken müssen und war beim nahen Nonnenkloster vorstellig geworden. Die scharfsinnige Mutter Oberin hatte Kunos Zwangslage rasch erkannt und wortreich auf die schon lange anstehenden Reparaturarbeiten hingewiesen, für die das verarmte Kloster nicht selbst aufkommen konnte. Resigniert zog der Ritter einen Lederbeutel aus der Tasche und warf klirrend einige Goldmünzen auf den Tisch. Er war schon auf so etwas gefaßt gewesen. Dafür versicherte ihm die Oberin, daß die lateinischen Worte für die beleseneren unter den Ordensschwestern kein Problem sein würden, auch wenn es ja ein ganz besonderes Entgegenkommen sei, ein heidnisches Unterfangen dieser Art nicht nur zuzulassen – vielsagend hoben sich ihre Augenbrauen – sondern sich auch noch daran zu beteiligen. Kuno nickte nur ausdruckslos und fügte weitere Münzen hinzu, bis sich ihr Glanz im Antlitz der Mutter Oberin spiegelte.

Das Ritual in der Vollmondnacht wurde durchgeführt wie geplant. Bereits tags zuvor hatte die ausgewählte Nonne mit Kuno die Obstgärten zu Pferd umrundet, damit sie den Weg kannte. Kuno selbst fühlte sich zu müde (und zu alt) für die nächtliche Wanderung und gab der Nonne einen seiner Knappen als Schutz und Begleitung mit. Dem Knappen schärfte er ein, den richtigen Weg einzuhalten und der jungen Nonne, ohne Unterlaß die magischen Formeln zu rezitieren. An einer bequemen Stelle band er sein Pferd an und setzte sich ins Moos, um die Rückkehr der beiden zu erwarten. Im blassen Licht des Vollmonds entfernten sich die leise singende Nonne und der etwas gelangweilt dreinblickende Knappe, bis sie an einer Wegbiegung hinter den Apfelbäumen verschwanden. Kuno gähnte. Zum Zeitvertreib hatte er einen gut gefüllten Weinschlauch mitgebracht, dem er nun zusprach. Eine Stunde mochte vergangen sein – Kuno war sich nicht sicher, weil er ein wenig eingenickt war – da ertönte wieder der Gesang und das Pärchen erschien von der anderen Seite her. Der Ritter machte sich nicht die Mühe, aufzustehen, winkte nur den Knappen kurz heran und fragte, ob alles in Ordnung sei. – „Ja, Herr. Keine besonderen Vorkommnisse,“ erhielt er zur Antwort. So ließ sich Kuno beruhigt wieder ins Moos sinken. Irgendwann war der Weinschlauch leer, und den zweiten Umlauf des Pärchens bekam Kuno nur nebelhaft mit. Als sie schließlich die dritte Runde beendet hatten, mußten sie ihn wachrütteln. Im Traum hatte Kuno wie ein kleiner Junge unter den Apfelbäumen getanzt, von denen in hellen Scharen die sterbenden grünen Würmer fielen.

Und nun, eine Woche später, ritt Kuno durch die Obstgärten und den Wald und mußte sich noch immer von dem elenden Gewürm mit Kot berieseln lassen. Gut daß er daran gedacht hatte, seinen Helm aufzusetzen. Soviel also zum alten Plinius und seinen Zaubermitteln. Gelegentlich jedoch stahl sich ein Zweifel in Kunos Gedankengänge. Die Nonne war jung und hübsch gewesen. Sein Knappe war übermütig. Als sie ihn geweckt hatten, nach der dritten Runde, war da der Mond nicht eine viel weitere Strecke vorgerückt gewesen als bei den ersten Umgängen? Waren die Gewänder der beiden nicht feucht gewesen, als sie ihn gestreift hatten, feucht wie vom Tau, der im Grase hing? War ihr Atem nicht schneller gegangen als es nach einem Spaziergang der Fall hätte sein müssen? Hatten sie sich nicht mit verstohlenen Blicken angeschaut? Nun verwünschte der Ritter den Weinschlauch und sein vernebeltes Hirn und fragte sich allen Ernstes, ob diese Jungfrau bis zum Ende der dritten Runde eine solche geblieben war.

Eine Befragung war wohl zwecklos – beide würden leugnen. Aber in einigen Monaten würde Kuno sich bei der Mutter Oberin angelegentlich nach dem Zustand des Mädchens erkundigen. Sollte es dann Anzeichen für eine wundersame Empfängnis geben – dann Gnade Gott seinem Knappen! Und von der Mutter Oberin würde er seine Golddukaten zurückfordern – jedenfalls alle, die sie bis dahin noch nicht ausgegeben hatte.

Leise rieselt der Kot,
Blätter, Blüten in Not,
Obstbäume blattlos und wüst:
Operophtera grüßt.

Leise rieselt der Kot,
Blätter, Blüten in Not,
Kahl stehn die Wälder und trist:
Operophtera frißt.

Dieser Beitrag wurde unter abstruses Geschreibsel, Lepidoptera, Satirisches abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Ritter Kunos Kampf gegen die grünen Baumwürmlein

  1. spoerkelnbruch schreibt:

    hier noch was aus der Mottenkiste
    http://www.volksfreund.de/nachrichten/region/mosel/aktuell/Heute-in-der-Mosel-Zeitung-Mit-der-Plaetsch-auf-Mottenfang;art671,4224250
    der weinberg auf dem Bild liegt hinter meinem Elternhaus,
    vg Armin

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.