Mysteriöse Arten – Euclemensia woodiella (Curtis, 1830) (Cosmopterigidae)

Eu woodiella - 2

Der Amateurentomologe Robert Cribb aus Manchester hat der Welt und speziell den britischen Lepidopterologen ein handfestes Rätsel hinterlassen, das bisher noch niemand gelöst hat. Es betrifft die nur in drei Exemplaren bekannte Euclemensia woodiella aus der Familie der Prachtmotten (Cosmopterigidae). Diese Art wurde in den 1820er Jahren von Robert Cribb bei Manchester entdeckt. Er fing sie in Anzahl auf Kersal Moor und schenkte seinem Bekannten, dem Möbeltischler Samuel Carter ein Pärchen und ein weiteres Tier dem Sattler George Crozier, beides Mitglieder des Manchester Natural History Club. Ein weiteres Exemplar gab er R. Wood, der es an John Curtis weiterleiten sollte, um die Art zu beschreiben. Curtis gegenüber gab Wood die Art aber als seine eigene Entdeckung aus und Curtis nannte sie daraufhin Pancalia woodiella, „taken on Kersall-Moor the middle of last June by Mr. R. Wood, of Manchester, to whom I have the pleasure of dedicating it“.  –  Cribb war tödlich beleidigt. Er brach den Kontakt zu Wood ab und behielt alle übrigen Exemplare für sich. Er besaß eine große Serie von 50 bis 60 sauber präparierten Faltern in einer Schachtel, die er gelegentlich Carter und anderen Entomologen zeigte, aber um nichts auf der Welt war er bereit, auch nur einen davon herzugeben. Der Fundort auf Kersal Moor, den Cribb früher schon Crozier gezeigt hatte, war ein alter, verrotteter Baum, wahrscheinlich eine Erle. Er wurde später öfters von Carter, Crozier, Ashworth[1] und anderen aufgesucht, ohne daß es jemandem gelang, weitere Exemplare der Art zu finden. Es kamen Gerüchte auf, daß woodiella vielleicht eine ausländische Art sei, worüber Cribb – der nie im Ausland gewesen war – schließlich so verbitterte, daß er die Entomologie ganz aufgab. Samuel Carter, ein geschäftstüchtiger junger Mann, bemühte sich mehrfach, wenn Cribb nicht mehr ganz nüchtern war, ihm seine Pancalia-woodiella-Serie abzunehmen, doch stets ohne Erfolg. Eines Tages war Cribb wohl besonders knapp bei Kasse und akzeptierte ein Angebot von 10 Shilling für die Schachtel: „Na schön, Sie können die Viecher haben. Ich hab sie für 5 Shilling in einer Kneipe in der Oldham Road verpfändet. Geben Sie mir 5 Shilling, dann löse ich die Schachtel aus, und bei der Übergabe zahlen Sie mir dann die restlichen 5 Shilling.“ Carter zahlte, aber er sah zunächst weder die Schachtel noch seine 5 Shilling wieder, denn Cribb ging ihm wochenlang beständig aus dem Weg. Schließlich trafen sie sich an einer Stelle, wo Cribb nicht ausweichen konnte. Nach einer hitzigen Debatte erklärte sich Carter schließlich bereit, für die Falter 10 Shilling zu zahlen und obendrein noch Cribbs Schulden in der Kneipe zu begleichen. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg in die Oldham Road – Carter wollte Cribb jetzt nicht mehr aus den Augen lassen. Als sie das Lokal betraten, empfing die Wirtin Cribb mit den Worten: „Ach, Sie wollen Ihre Schachtel mit den Motten? Sie sind ja nie gekommen, um Ihre Schulden zu bezahlen, da hab ich die Schachtel im Ofen verfeuert.“

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Cribb hatte vier Exemplare abgegeben. Der Verbleib des an Crozier gegangenen Stücks ist unbekannt. Die Sammlung John Curtis ging 1865 ans National Museum in Melbourne, Australien. Die Sammlung Samuel Carter (mit zwei Exemplaren woodiella) blieb im Lande und kam ans Manchester Museum of Natural History. Eines dieser Exemplare wurde gegen eine Sammlung von 2.000 britischen Kleinschmetterlingen von Lord Walsingham eingetauscht und befindet sich heute mit der Walsingham-Sammlung im Natural History Museum London.

Euclemensia woodiella, wie die Art heute heißt, ist weder in Großbritannien noch in einem anderen Land der Welt jemals wieder gefunden worden. Sie gilt als verschollen. In der letzten Zusammenstellung der Lepidopteren Großbritanniens heißt es lakonisch: „No record since 1829“. Über die Lebensweise der Art ist nichts bekannt. Es wurde vermutet, daß die Raupen, wie die beiden in Nordamerika beheimateten verwandten Arten, an Schildläusen der Gattung Kermes parasitieren. (Koster & Sinev 2003).

Diese ganze Geschichte ist sehr merkwürdig. Da haben wir eine Art, die an ihrem Fundort nur von einem einzigen Sammler gefunden wird, obwohl genügend andere Entomologen dort gezielt nach ihr suchen. Eine Art aus einer Gattung mit amerikanischen Arten, in der sie die einzige europäische Art ist. Das ganze spielt sich im entomologisch gut durch-forschten Großbritannien ab. Ob Cribb nicht doch Kontakte ins Ausland gehabt hat? Oder, wenn wir ihm nicht zu nahe treten wollen, ob die Art vielleicht mit Totholz oder Pflanzenimporten eingeschleppt worden ist? Auf Kersal Moor ist das allerdings höchst unwahrscheinlich. Hat Cribb die Falter vielleicht im Stadtgebiet von Manchester gefunden und seine Kollegen mit einem falschen Fundort abgespeist? Er zeigte Crozier aber den Fundort schon bevor die Art benannt war und sein Zerwürfnis mit Wood und den anderen Entomologen seinen Anfang nahm. Aus biogeographischer Sicht ist eine endemische Art in Mittelengland nicht plausibel. Wenn sie aber weiter verbreitet wäre, warum ist sie sonst nirgendwo gefunden worden, nicht in England, nicht in Skandinavien, nicht in Mitteleuropa? Spricht das nicht für eine nur einmal eingeschleppte tropische oder subtropische Art (die in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet durchaus noch unentdeckt sein könnte)? Aber kann sie dann gleich in einer Anzahl von 60 Tieren aufgetreten sein? … Oder kann es sein, daß die Art sooo heimlich und versteckt lebt, daß nur Cribb die richtige Suchmethode herausfand? …  –  Nein, nein, meine Freunde! Die wahre Erklärung ist, daß ein Fluch auf ihr lastet. Ein Fluch, ausgelöst durch das unkollegiale Verhalten von Wood, zementiert durch die Namensgebung des in dieser Sache ganz arglosen Curtis, aufrechterhalten durch die Verdächtigungen gegenüber Cribb und besiegelt durch die Feuerbestattung der Topotypenserie. Dieser Fluch kann erst aufgehoben werden, wenn die Art ihren gebührenden Namen Euclemensia cribbiella erhält. Und da das nach den Nomenklaturregeln unmöglich ist, wird der Fluch ewig fortdauern und die Art niemals wieder auftauchen …

Literatur

Koster, J. C. & Sinev, S. Yu (2003): Momphidae, Batrachedridae, Stathmopodidae, Agonoxenidae, Cosmopterigidae, Chrysopeleiidae. – In: Huemer, P., Karsholt, O., & Lyneborg, L. (Hrsg.): Microlepidoptera of Europe. Band 5. – Stenstrup (Apollo Books).

Sidebotham, J. (1884): The story of Oecophora woodiella. – Entomologist, 17: 52-54.

UPDATE 2016
Die entomologische Forschung scheint meinen letzten Satz nun überholt zu haben, aber lange, lange hat’s gedauert. Um 1910 wurde woodiella in die 1878 von A. R. Grote beschriebene Gattung Euclemensia gestellt, die vier nordamerikanische Arten enthält. Diese Arten sind sich äußerlich ähnlich, aber auch variabel. Nicht alle lassen sich anhand der Genitalien sicher trennen. Die eigentümliche Lebensweise der Raupen ist von zwei Arten bekannt: Sie ernähren sich von Schildläusen der Gattung Kermes (Coccoidea, Kermesidae), in deren hart gepanzerten Körper, der wie eine Galle auf der Rinde der Nahrungspflanze sitzt, sich die Raupen einfressen und in denen sie sich letztlich auch verpuppen. Eine der aus Nordamerika beschriebenen Arten, Euclemensia schwarziella Busck, 1900 aus den Santa Rita Mountains in Arizona ähnelt E. woodiella sehr.

2013 fotografierte die Entomologin Valerie Bugh eine Euclemensia in Austin, Texas, die, wie Ridout (2016) zeigen konnte, sowohl Ähnlichkeiten mit Euclemensia woodiella als auch Unterschiede zu Euclemensia schwarziella aufweist. Offensichtlich sind weitere Untersuchungen nötig, aber es besteht die Möglichkeit, daß entweder schwarziella und woodiella zu ein und derselben Art gehören oder daß es sich um zwei sehr ähnliche Arten handelt, die beide in den südwestlichen USA vorkommen. Wie nun kamen Falter einer dieser Arten nach England? Ridout hat anhand historischer Quellen nachgewiesen, daß in der Periode des Bevölkerungswachstums und der Industrialisierung im 19. Jahrhundert – Manchester war eines der Zentren der Industrialisierung – Rinde für die Lederindustrie (Gerberei) in großen Mengen nicht nur aus mitteleuropäischen Ländern sondern auch aus Norwegen, Rußland und aus den USA nach Großbritannien eingeführt wurde. London und Liverpool gehörten zu den Haupt-Umschlagplätzen, und von Liverpool nach Manchester wurden Waren auf dem Mersey und dem Irwell verschifft. Kersal Moor liegt in einer Flußschleife des Irwell River. Ridout zeigt in seinem Aufsatz ein aufschlußreiches Bild aus dem 19. Jahrhundert: Kersal Moor mit Blick auf Manchester: Eine Skyline von rauchenden Schornsteinen. Der Fundort von Euclemensia woodiella war damals umgeben von Industrie, in viel extremerem Ausmaß als heute. Eine Einschleppung der Art mit amerikanischer Eichenrinde liegt also im Bereich des Möglichen. Dann könnte ein befruchtetes Weibchen für eine Nachkommensgeneration gesorgt haben, die sich an britischen Kermes-Arten entwickelte.

Ridout, B. V. (1916): The ‚Manchester Tinea‘, Euclemensia woodiella (Curtis, 1830) (Lepidoptera, Cosmopterigidae), an entomological mystery unravelled. – Entomologist’s gazette, 67: 257-265. [dort weitere Literaturangaben]


[1] Das war jener Joseph Ashworth, der in Nordwales die Noctuide Xestia ashworthii entdeckt hat.

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