Raben und Elstern (Teil 3)

An einem heißen Herbsttag des Jahres 1888 beugte sich ein durstiger Jäger über die Wasser des Kara-Balta in Kirgistan, trank aus dem Fluß und besiegelte damit ohne es zu ahnen sein Todesurteil. Der Mann war der russische General Nikolai Przewalski [1], ein Forschungsreisender, Entdecker, Geograph und Naturforscher, der sich durch die Erforschung und Kartierung unbekannter Gebiete Zentralasiens einen Namen gemacht hatte. Aber er war auch ein Nationalist, der die Asiaten als führungsbedürftige Unzivilisierte ansah, ein Imperialist, der die Annexion von chinesischen Territorien befürwortete und als solcher einer der Spieler im sogenannten „Great Game“, in den geopolitischen Rivalitäten der Großmächte um die Vorherrschaft in Asien. Naturfreunden und Pferdeliebhabern ist sein Name vor allem durch das von ihm entdeckte Przewalskipferd vertraut.

Nikolai Przewalski (1839-1888)

Nikolai Przewalski (1839-1888)

Im Alter von 49 Jahren befand sich Przewalski auf der Höhe seines Ruhms. Er war mit seiner Mannschaft über Samarkand angereist und bereitete seine fünfte Expedition nach Innerasien vor. Nach dem Jagdausflug im typhus-verseuchten Kara-Balta-Tal zog die Gruppe weiter ostwärts und bald erkrankte Przewalski schwer. Am 1. November 1888 erlag er in Karakol am Ostufer des Issyk-kul dem Typhus. Wegen des harten Bodens benötigten seine Kosaken zwei ganze Tage, um sein Grab auszuheben. Die Stelle am Hang über dem Seeufer, wo er bestattet zu werden wünschte, hatte er noch vor seinem Tod selbst ausgesucht. Ob er auch sein Leben und seine Reisen noch einmal Revue passieren ließ? Ob er bedauert hat, daß er in Tibet nicht bis Lhasa gekommen war? Immerhin gab es vieles, auf das er stolz sein konnte, vor allem seine geographischen und natur-wissenschaftlichen Entdeckungen. Mehr als 80 Pflanzenarten und eine -gattung sind nach ihm benannt. Bei den Tieren sieht es ähnlich aus: Das Przewalskipferd und die Przewalskigazelle waren nur die größten unter vielen neuen Arten. Unbekannte Klein-säuger, Vögel, Reptilien, Fische und zahlreiche Wirbellose waren das Ergebnis seiner Expeditionen. Ob er sich in seinen letzten Tagen auch an eine Apollofalterart erinnert hat, die ein Expeditionsmitglied (oder vielleicht er selbst?) am 2. Juli 1884 im Burchan-Buddha-Gebirge in Tibet in drei Exemplaren gesammelt hatte? Diese Falter waren ans Museum in Sankt Petersburg gelangt und Sergej Alphéraky hatte sie 1887 unter dem Namen Parnassius przewalskii als neue Art beschrieben und in die Wissenschaft eingeführt.

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An einem heißen Herbsttag des Jahres 1981 beugte sich ein Museumskurator über einen Insektenkasten im Museum Alexander Koenig in Bonn und der Schweiß brach ihm aus. Wo war der Parnassius przewalskii geblieben, der hier seit Jahrzehnten residiert hatte? Es war eines von den drei Exemplaren, die weltweit existierten: zwei im Zoologischen Museum in Sankt Petersburg und eines, das in den 1940er Jahren von Hermann Höne [2] von dort erworben worden war und mit der Sammlung Höne ans Museum Koenig kam.

Parnassius acco

Parnassius acco przewalskii Alphéraky, 1887. Das Exemplar im Zoologischen Forschungsinstitut und Museum Alexander Koenig, Bonn.  (© ZFMK Bonn)

Heute gilt Parnassius przewalskii nicht mehr als eigene Art sondern wird von den meisten Spezialisten nur als eine Unterart von Parnassius acco aufgefaßt: Parnassius acco przewalskii Alphéraky, 1887.

Wie sich zeigte war das Verschwinden dieses Falters kein Einzelfall sondern nur die Spitze eines Eisbergs. Ein entomologischer Langfinger – nennen wir ihn mal Dr. Greif – hatte in den Landessammlungen für Naturkunde in Karlsruhe und im Museum Alexander Koenig in Bonn gearbeitet. In beiden Häusern wurde nach seinem Weggang festgestellt, daß seltene Belegstücke fehlten, aber da man ja nicht wöchentlich oder monatlich seine Sammlungsbestände überprüft, fällt so etwas erst nach einiger Zeit auf. Außerdem hatte Herr Greif seine Aktivitäten geschickt verschleiert, indem er Exemplare von ähnlichen, aber häufigeren Arten an die Stelle der entwendeten steckte, so daß es eine Weile dauerte, bis man das Ausmaß seiner Raubzüge überschauen konnte.

Im Museum Koenig vermißte man seit 1981 ungefähr 100 seltene Falter im Verkaufswert von damals etwa 60.000 DM. Begüterte Spezialsammler, die es besonders in Japan gibt, sind bereit, hohe Beträge für seltene oder einzigartige Falter der Gattung Parnassius zu zahlen. Und der Bonner Parnassius przewalskii war praktisch einzigartig, da die beiden Falter im Museum in St. Petersburg damals für westliche Besucher unerreichbar waren.

Die Kuratoren im Museum Koenig waren sich ebenso wie ihre Kollegen in Karlsruhe sicher, daß Herr Greif der Übeltäter war, aber sie hatten nur einen starken Verdacht, keine konkreten Beweise.

1983 berichtete ein Sammler in einer japanischen entomologischen Zeitschrift, er habe einen Parnassius przewalskii in Manila von einem deutschen Händler erworben. Sobald dies in Bonn bekannt geworden war, schaltete das Museum Koenig Interpol ein, jedoch ohne Erfolg.

Man erfuhr immerhin, daß das Tier weiterverkauft wurde. Es gelangte für – je nach Quelle – 2,8 oder 2,5 Millionen Yen (ca. 28.000 DM) in die Sammlung eines reichen Privatmanns, der sich äußerst bedeckt hielt und das Exemplar niemandem zeigte. Und natürlich dachte er gar nicht daran, mit der europäischen Polizei zu kooperieren, denn er fühlte sich als Käufer im Recht.

Dieser Status quo dauerte an und wurde in japanischen Entomologenkreisen allmählich als eine Art nationaler Schande empfunden. Schließlich nahm sich Professor Keiichi Omoto der Angelegenheit an. Omoto ist Genetiker an der Universität Osaka, hat in Heidelberg studiert, pflegt gute Kontakte nach Deutschland und eines seiner Forschungs-gebiete ist die Gattung Parnassius. Er war betrübt über die Verwicklung eines japanischen Sammlers in diesen Kriminalfall und nahm es auf sich, die Bekanntschaft des Mannes zu suchen, der den Parnassius przewalskii besaß. Es dauerte ein Jahr, bis es ihm durch die Vermittlung eines Freundes gelang, mit dem sammelnden Millionär ein Treffen zum Abendessen zu arrangieren. Damit war der Kontakt hergestellt und konnte auch weiter aufrechterhalten werden. Nach einiger Zeit durfte Omoto sogar die Privatsammlung besichtigen und konnte anhand von Fotos, die er aus Bonn erhalten hatte, feststellen, daß es sich zweifelsfrei um das aus dem Museum König verschwundene Stück handelte. Nachdem sich der Sammler zwanzig Jahre lang beharrlich geweigert hatte, den Falter zurückzugeben, gelang es Omotos diplomatischem Geschick endlich doch, ihn umzustimmen. Im April 2003 wurde das Parnassius-przewalskii-Belegstück von Professor Omoto in einer Feierstunde im Museum Koenig übergeben. „Er darf ein gutes Gewissen haben“, sagte Omoto über den Sammler. „Er hat das Geld verloren, aber etwas Gutes getan.“

Im Museum Koenig verwahrt man heute den Parnassius acco przewalskii zusammen mit einigen anderen Raritäten in einem wohlverschlossenen Stahlschrank. Es ist zwar unwahrscheinlich, daß ein derartiger Diebstahl ein zweites Mal geschieht, aber man möchte niemanden in Versuchung führen. Wie gesagt gilt das Taxon przewalskii heute „nur noch“ als Unterart von Parnassius acco, aber – die beiden Exemplare im Museum in St. Petersburg sind inzwischen auch gestohlen worden…

Die Identität von „Dr. Greif“ ist natürlich allen Beteiligten bekannt. In der europäischen Entomologen-Community spielte er lange Zeit kaum noch eine Rolle, aber in den letzten Jahren veröffentlichen einige Zeitschriften wieder seine Arbeiten. Ob er seine Erfahrungen einmal unter einem passenden Titel preisgeben wird, etwa Eroberungszüge in tibet…ischem Sammlungsmaterial?  Hmm…  Eher unwahrscheinlich.

Ob das ?

Ob das Dr. Greif ist? Oder vielleicht doch nicht?

Literatur

Alphéraky, S. (1887): Diagnoses de quelques lépidoptères inédits du Thibet. – Mémoires sur les Lépidoptères, 3: 403-406.

Tagespresse und Internet

Agthe, T. (2003): Die späte Heimkehr des Apollofalters. – Kölner Stadt-Anzeiger, 2.4.2003
Heine, S. (2003): Nach 22 Jahren: Rückkehr eines der seltensten Schmetterlinge ans Bonner Museum Koenig. – https://idw-online.de/en/news61427
Pichler, W. (2003): Happy End im Schmetterlings-Krimi. – Bonner General-Anzeiger, 7.4.2003
Für Auskünfte und Hintergrundinformationen bin ich Günter Ebert (ehemals Staatliches Museum für Naturkunde, Karlsruhe) und Dieter Stüning (ehemals Zoologisches Forschungsinstitut und Museum Alexander Koenig, Bonn) sehr zu Dank verpflichtet.

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[1] Die Variationen in der Schreibweise des Namens sind nahezu endlos: Prževal’skij, Prschewalski, Prschewalski, Prževal’skij, Prschewalski, Przevalski, Przewalsky, Przevalsky, Prschewalski, Prejevalsky, Prejevalsky, Przewalsky.
[2] Der Kaufmann und Lepidopterologe Hermann Höne (1883-1963) arbeitete von 1918 bis zum 2. Weltkrieg als technischer Leiter von AGFA in China. In seiner Freizeit bildete er Einheimische zu Schmetterlingssammlern aus und schickte sie in entlegene Gebirge. Ursprünglich hatten er und seine Helfer über eine Million Exemplare gesammelt, doch wurde ein großer Teil davon (Tibet- und Mien-Shan-Ausbeuten!) von chinesischen Soldaten zerstört. 50.000 Falter, die sich zur Bearbeitung bei M. Draudt in Darmstadt befanden, fielen einem alliierten Bombenangriff zum Opfer. Mehrere 10.000 Falter wurden als Dubletten an andere Sammlungen und an die Bearbeiter abgegeben. Heute umfaßt die Sammlung Höne ca. 400.000 Exemplare mit Hunderten von Typusexemplaren neuer Arten und ist noch immer die wichtigste China-Sammlung außerhalb Chinas (wahrscheinlich sogar weltweit einschließlich Chinas).

Siehe auch
Raben und Elstern, Teil 1
Raben und Elstern, Teil 2
Raben und Elstern, Teil 4

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