Redensarten und Sprichwörter aus dem entomologischen Wortschatz

(leicht veränderte Fassung eines Kurzvortrags bei der Akademie für Analytische Irrelevanz am 1. April 2015)

Guten Abend, meine Damen und Herren,

Als im 17. und 18. Jahrhundert die Naturwissenschaften einen gewaltigen Aufschwung erlebten, verbreitete sich die Beschäftigung mit Physik, Chemie, Geologie, Mineralogie, Meteorologie, Botanik und Zoologie als Freizeitbetätigung nicht nur unter dem begüterten Adel sondern auch bei der gebildeten Bürgerschaft und war sozial einigermaßen anerkannt – das heißt, wenn man mit einem Schmetterlingsnetz in der Wiese herumlief, wurde man zwar noch belächelt, aber nicht mehr als geisteskrank eingesperrt. Seit dieser Zeit gelangten auch manche Ausdrücke aus dem damaligen entomologischen Fachvokabular in die Alltagssprache. Bisher hat noch niemand den Versuch unternommen, diese Phraseologismen zusammenzustellen. Ich will hiermit einen bescheidenen Anfang machen.

In der Zeit bevor der Köderfang erfunden wurde und der Lichtfang noch nicht so effektiv war wie im Zeitalter der Elektrizität, war die bevorzugte Sammelmethode für Nachtfalter und auch für manche Tagfalter die Raupensuche. Die quantitativ erfolgreichste Technik bestand darin, die an Baumästen, Büschen oder Stauden sitzenden Raupen mit Hilfe eines kräftigen Stockschlags gegen Ast oder Stengel in ein daruntergehaltenes Gefäß, in einen aufgespannten Schirm oder auf ein ausgebreitetes Tuch zu klopfen. Dies war das sogenannte Raupenklopfen, das in derselben Weise heute noch ausgeübt wird und das die Grundlage für den bekannten Ausdruck auf den Busch klopfen gewesen ist. Fiel eine Raupe daneben, dann war sie, besonders in hohem Gras, oft nicht mehr aufzufinden. Handelte es sich dort auch noch um stechende Halme wie etwa die von Binsen (Juncus), war die Nachsuche nicht nur mühsam sondern unangenehm und meist vergeblich. Von daher stammt der Ausdruck in die Binsen gehen für „verlorengehen, verschwinden, mißlingen“.
War es ein Schmetterling, der dem Sammler fliegend entkam, dann nannte man das die Flatter machen, ein Begriff, der sich in der Umgangssprache für „verschwinden, entkommen“ bis heute gehalten hat.

Übrigens scheint der „Klopfschirm“ neuerdings eine Renaissance zu erleben. Früher gab es im entomologischen Fachhandel spezielle Ausführungen mit innenliegender Bespannung (damit die Raupen nicht in die Speichen gerieten) und einem Kniegelenk am Stock zur leichteren Handhabung; heute benutzt man ausrangierte Regenschirme. Immerhin wird das Schirmklopfen wieder öfter angewendet, so daß sich die Redensart etwas auf dem Schirm haben im Sinne von „auf etwas aufmerksam werden“ in letzter Zeit häufiger antreffen läßt.

Wurde eine Raupe gestört und ließ sich fallen, dann hing sie prekär am seidenen Faden. Der erfahrene Entomologe wußte Raupen anhand ihres Spinnfadens zu verfolgen, doch wenn man den Faden verloren hatte, war die Raupe nicht mehr zu finden.

Eine weitere, immer noch gebräuchliche Redewendung geht auf eine nahezu vergessene Sammelmethode zurück. Im kleinräumigen Mitteleuropa ist sie wohl nie ausgeübt worden, weil hier die weiten, offenen Landschaften fehlen. Sie wurde in den südrussischen Steppengebieten entwickelt und beispielsweise von den Entomologen aus der Herrnhuter Brüdergemeinde ausgeübt, die sich 1765 in Sarepta (heute Stadtteil von Wolgograd) angesiedelt hatte. Hugo Christoph (1831-1894), der zahlreiche neue Arten beschrieb, ist der bedeutendste von ihnen gewesen. Die Methode war so einfach wie wirkungsvoll: Die Enden eines langen Seils wurden von zwei Pferden langsam über die endlosen Weiten der Steppe gezogen. Hinter dem Seil gingen die Sammler und fingen mit ihren Netzen die aufgescheuchten Falter, vor allem Eulen, Spanner und diverse Kleinschmetterlinge. Das einfache Volk konnte sich diese Tätigkeit nicht erklären und sah nur, daß die Pferdeführer mit der Leine sich von den Siedlungen entfernten, woraus sich das bekannte Wort Leine ziehen für „weggehen, verschwinden, abhauen“ entwickelt hat.

Wie der Entomologe weiß, gibt es baumbewohnende Raupen, die kaum ihre Position wechseln und im Freiland ihre gesamte Raupenentwicklung auf ein und demselben Ast durchlaufen können, beispielsweise manche Zahnspinner. Unter Zuchtbedingungen ist es oft sehr mühsam, solche Raupen dazu zu bringen, von einem vertrockneten Zweig auf einen frischen mit grünen Blättern überzuwechseln. Manche Raupen sind nur mit geduldiger Nachhilfe seitens des Züchters zu bewegen, auf einen grünen Zweig zu kommen, wo sie neues Futter finden, so daß ihre Entwicklung bis zum fertigen Falter ablaufen kann. Von daher ist die Redensart „auf einen grünen Zweig kommen“ für „Erfolg haben“ in die Alltagssprache gelangt.

Aus dem französischen entomologischen Sprachgebrauch ist der bekannte Aufruf „Cherchez la femme“ (Sucht das Weibchen) in viele andere Sprachen übergegangen. Er läßt sich schon in vorlinnéischer Zeit bei Réaumur (1683-1757) nachweisen. Zum einen steht er ganz allgemein für den Wunsch des Sammlers, die bei vielen Arten inaktiveren und damit seltener als die Männchen erbeuteten Weibchen zu finden. Gleichzeitig ist es eine Anregung zur Erforschung und besseren Kenntnis der Entwicklungsstadien, denn mit einem Weibchen konnte man eine Eiablage erzielen, die Art züchten und die Raupe und Puppe kennenlernen.

Spannbretter, früher gelegentlich auch als Präparationsbank bezeichnet (Treitschke 1844), waren von jeher aus Holz, mit einer Rinne in der Mitte, in die Körper und Nadel eingesteckt wurden. Zum Fixieren der Flügel verwendete man im 18./19. Jahrhundert Pappstücke oder festes Papier; die mehr oder weniger durchsichtigen Spannstreifen aus Pergamin kamen erst später auf. Befanden sich die Falter auf dem Spannbrett, dann waren sie damit dem Blick und der Begutachtung entzogen, sie waren also auf die lange Bank geschoben, solange der Trocknungsprozeß dauerte.

Die Anziehungskraft des Lichts auf nachtaktive Insekten war allen Kulturen, die das Feuer kannten, geläufig. Schon in der Antike hat man erste einfache Konstruktionen entwickelt, die man nach heutigen Maßstäben als Lichtfallen bezeichnen muß. Mehrere der römischen Schriftsteller, darunter Plinius der Ältere (23/24 – 79 n. Chr.) und Columella († um 70 n. Chr.) beschreiben diese Geräte, die allerdings nur zur Schädlingsbekämpfung in der Bienenzucht eingesetzt wurden. Man hatte den Entwicklungszyklus der Wachsmotten vom Ei zum Falter beobachtet und man wußte um die Anlockungswirkung des Lichts. Also stellte man zur Flugzeit der Wachsmotten nachts eherne Gefäße mit einem Licht (Öllampe, Kerze) darin zwischen die Bienenstöcke. Die dort hineinfliegenden Falter wurden entweder durch die Flamme oder die sich entwickelnde Hitze getötet. Es handelte sich also um automatische Tötungsfallen (Details siehe Bodenheimer 1928, Morge 1973). Aus dieser Frühzeit des „Lichtfangs“, aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., stammt das biblische Wort, man solle sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Jesus hat es in der Bergpredigt in übertragenem Sinne verwendet (Mt. 5, 15). [„Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter“ (Lutherbibel 1984). „Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter“ (Einheitsübersetzung).] Die ursprüngliche Bedeutung ist natürlich die, daß eine Lichtfalle, die von einem darübergestülpten, umgedrehten Gefäß (ein Scheffel ist ein Hohlmaß) bedeckt ist, zwar vor Wind und Regen geschützt wird, aber nicht effektiv funktionieren kann, weil nicht mehr genügend Licht nach außen dringt.

Literatur

Bodenheimer, F. S. (1928): Materialien zur Geschichte der Entomologie bis Linné. Band 1. – Berlin, Junk, 498 S.
Morge, G. (1973): Entomology in the western world in antiquity and in medieval times. In: Smith, R.F., Mittler, T.E. & Smith, C.N. (Hrsg.): History of entomology: 37-80. – Palo Alto, Annual Reviews Inc.
Réaumur, R. A. F. de (1734-1742): Mémoires pour servir à l’histoire des insectes. Band 1-6. – Paris (Imprimerie Royale).
Steiner, A. (1991): Der Einsatz von Lichtfallen bei der Schädlingsbekämpfung in der römischen Kaiserzeit, 1. Jahrhundert v. Chr. – 4. Jahrhundert n. Chr. (Insecta, Lepidoptera, Pyralidae). – Beiträge zur Entomologie, 41: 405-410.
Treitschke, F. (1844): Hülfsbuch für Schmetterlingssammler. Systematische Stellung, Naturgeschichte, Jagd, künstliche Zucht und Aufbewahrung der Schmetterlinge, Beschreibendes Verzeichnis der meisten deutschen, und kürzere Erwähnung der fremden Arten. – Wien. (J. B. Wallishausser). Neue, wohlfeilere Ausgabe. XVI, 412 S., 4 kolorierte Kupfertafeln.

————————————————————-

Und nun, nachdem Sie meinen Ausführungen bis hierher so geduldig gefolgt sind, darf ich Ihnen gestehen, daß ich Ihnen nicht nur einen oder zwei Diacrisia metelkana, sondern einen ganzen Kasten voller Arctiiden aufgebunden habe: Sämtliche erklärten Wortherkünfte sind natürlich frei erfunden und haben mit entomologischen Aktivitäten nichts zu tun. Dagegen sind alle anderen entomologischen Details wahr, der Falterfang mit Seilen in der südrussischen Steppe ebenso wie die Wachsmottenbekämpfung mit „Lichtfallen“ bei den alten Römern. Alle Literaturangaben stimmen und alle genannten Personen sind historisch. Die Zeit, die ich Ihnen mit diesen Geschichten gestohlen habe, war also nicht vollständig vergeudet …

Dieser Beitrag wurde unter abstruses Geschreibsel, Allgemein, Geschichte der Schmetterlingsforschung, Lepidoptera, Satirisches, Sprachliches veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.