Fundorträtsel: Wo liegt Nemora an der Save?

Leider gab es nie eine allgemein anerkannte Etiketten-Etikette. Fundortangaben wurden – nicht nur auf Etiketten sondern auch in der Literatur – so geschrieben, wie es dem Schreiber gerade paßte. Gelegentliche Veröffentlichungen mit Richtlinien für geordnete, verständliche und vollständige Fundortangaben hatten wenig Wirkung, weil – wie immer in vergleichbaren Situationen – Aufrufe zur Besserung nie von den Leuten gelesen oder befolgt werden, die es am nötigsten haben.

Als ich mich für Falter zu interessieren begann, galten die dicken und teuren Wälzer von Forster & Wohlfahrt („Die Schmetterlinge Mitteleuropas“) als Standardwerke. Wie das so ist, schaut man sich mit fortschreitender Kenntnis vor allem die selteneren Arten an. Da Forster & Wohlfahrt sinnvollerweise keine vagen Durchschnittstypen sondern konkrete Belegexemplare mitsamt deren Fundorten abbildeten, konnte man sich über potentielle Fangplätze informieren. Für die östlich-kontinentale Art Plusidia cheiranthi findet man da den Fundort „Krain, Nemora (Save)“.

Forster & Wohlfahrt ()

Forster & Wohlfahrt (1971): Die Schmetterlinge Mitteleuropas. Band 4, Taf. 27

Die Save oder Sava ist ein Fluß in Krain, aber ich habe es damals trotz vieler Bemühungen nicht geschafft, in irgendeinem Atlas oder Lexikon einen Ort namens Nemora zu finden, der an der Save oder in deren Nähe liegt. Es gibt und gab in Krain keinen Ort dieses Namens oder auch nur mit einem ähnlichen Namen, weder heute noch in historischer Zeit.

Jahre später und manche entomo-historische Erfahrung reicher stieß ich in einer Museumssammlung auf Belegstücke, gesammelt in den 1920er Jahren von Ivan Hafner, mit der Etikette „Carniolia, Nemora ad Savum“. Auf ein derartig bezetteltes Tier geht die Angabe bei Forster & Wohlfahrt zurück. Und angesichts des Fundortetiketts klärte sich sofort das Forster-Wohlfahrt’sche Mißverständnis auf: Carniolia ist der lateinische Name für Krain und ad Savum bedeutet an der Save. Diese beiden Angaben hatten Forster & Wohlfahrt ins Deutsche übersetzt, nicht aber das Wort Nemora. Offenbar hatten sie nicht erkannt, daß Hafner das gesamte Fundortetikett in Latein geschrieben hatte. Nemora ist schlicht und einfach der Nominativ Plural von lat. nemus, Genitiv nemoris, n. (von griech. νέμος) = Wald, Gehölz. Die Fundortangabe bedeutet also „Krain, Wälder an der Save“. Durch die unvollständige Übersetzung bin damals wahrscheinlich nicht nur ich irritiert worden.

Einige von Hafners Etiketten tragen den Fundort „Carniolia, Nemora ad Savum, prope Labacum“, was die Sache leichter erkennbar macht: Krain, Wälder an der Save nahe Laibach/Ljubljana. Genau genommen ist das sogar ein vorbildliches Etikett, weil es das Land, den nächstgelegenen Ort und – cum grano salis – die Fundstelle (hier eher den Lebensraum) enthält. Der Museumsentomologe ist weit Schlimmeres gewohnt.

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