Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Schwärmerische Schweinereien

Viele Leute schwärmen für Schwärmer. Verständlich: das sind meist große, oft recht bunte und auffallend schnittige Falter mit interessanten Raupen.

Als Anfänger dachte ich, die Weinschwärmer seien nach ihrer Farbe benannt – sicher nicht nach dem dunklen Rotwein, den ich ab und zu aus dem Weinregal meines Vaters stibitzte und mit Honig, Zucker und zermatschten Bananen zu schmackhaftem Köder verrührte, aber ein Rosé würde farblich schon passen. Stattdessen liegt dem Namen eine – gelegentliche – Nahrungspflanze zugrunde: Die Raupen des Mittleren Weinschwärmers werden ab und zu an Weinrebe gefunden, die des sogenannten „Großen“ Weinschwärmers[1] auch. Wein ist zwar für keine von beiden Arten eine der Haupt-Nahrungspflanzen, aber als Kulturpflanze fiel der Raupenbefall hier wohl besonders auf. Bereits Maria Sibylla Merian hat die Deilephila-elpenor-Raupe auf Vitis abgebildet – und lateinisch kommentiert. Den deutschen Namen prägte wahrscheinlich Johann Leonhard Frisch (1736): Er hatte die D.-elpenor-Raupe ebenfalls „auf dem Weinlaub“ gefunden, bildete Raupe, Puppe und Falter ab und schrieb „von der grünen Weinblat=Raupe und dem Rosenfarbigen Papilion, so daraus wird.“ Rösel, der 1744 gute farbige Abbildungen aller Stadien brachte, nannte die Art aufgrund der Nahrungsangaben von Merian und Frisch „Die grose geschwänzte und gespiegelte Wein=Raupe“, obwohl er selbst die Raupen nur „auf dem grosen, rothen Weiderich, so bey uns in Wäldern wächst“ (Weidenröschen) gefunden hatte.
Der Kleine Weinschwärmer lebt ausschließlich an Labkraut und hat mit Wein nichts zu tun. Der deutsche Gattungsname – so eingängig er klingt – ist also nicht gut begründet.

Der wissenschaftliche Gattungsname Deilephila bedeutet soviel wie abendliebend, wegen der in der Dämmerung beginnenden Aktivitätsperiode der Arten – was allerdings auf praktisch alle der nachtaktiven Schwärmer zutrifft und somit ebenfalls kein besonders treffendes Merkmal bezeichnet.
Früher aber standen die Deilephila-Arten in der Gattung Choerocampa und dieser Name paßt ganz hervorragend zu einem Elpenor und einem porcellus.

Choerocampa ist aus gr. χοῖρος (choiros = Ferkel, Schwein) und κάμπη (kampe = Raupe) gebildet[2], heißt also soviel wie Schweinsraupe.
Porcellus, die Verkleinerungsform von lat. porcus (= Schwein), bedeutet Ferkel oder Schweinchen.
Elpenor ist eine literarische Figur aus der Odyssee. Er war einer von Odysseus‘ Gefährten, die von Kirke (Circe) in Tiere verwandelt wurden. Sie erinnern sich, in welche Tiere? Genau: in Schweine.

Woher kommen all diese schweinischen Namen? Für uns beginnt die zoologische Nomenklatur mit der zehnten Auflage von Linnés Systema naturae im Jahr 1758 und für nomenklatorische Belange reicht es aus, bis 1758 zurückzugehen. Aber Linné stand natürlich in einer damals schon langen naturwissenschaftlichen Tradition, die letztlich bis Aristoteles und Theophrast zurückreicht. Er kannte die Werke seiner Vorläufer gut und hat viel von ihnen übernommen, auch manche Namen, die – damals noch in nicht-binärer Form – in Umlauf waren. Für jede Art zitierte er die Abbildungen und Erwähnungen in älteren Werken. Bei den Schmetterlingen etwa finden sich Literaturhinweise zu Merian, Mouffet, Petiver, Frisch, Ray, Rösel und anderen Werken.

Und es zeigt sich: Den Namen porcellus hat nicht Linné erfunden; er hat ihn aus dem Werk von Mouffet übernommen (ebenso wie den Namen vinula für den Großen Gabelschwanz). Dies sind die dazugehörigen Holzschnitte von anno 1634:

Mouffet 1634 Deilephila 2


Porcellus Eruca dictus
– diese Raupe wird Schweinchen genannt.
Der Name bezieht sich auf die Ähnlichkeit des kleinen Vorderkörpers der Raupen mit einer Schweineschnauze. Wenn die Deilephila-Raupen herumtasten hat das wohl manche Beobachter an einen schnüffelnden Schweinerüssel erinnert. Das gilt für beide Arten. Die größere repräsentierte also für Linné das Schwein und die kleinere Art wurde entsprechend das Ferkel genannt.
Die Analogie zu einem Rüssel findet sich auch in den englischen Namen der  Weinschwärmer: „Large Elephant Hawk-moth“ und „Small Elephant Hawk-moth“.

Auch Otto Staudinger war für Ferkeleien zu haben: Die blassere vorderasiatische Form des Kleinen Weinschwärmers hat er suellus genannt. Das ist die Verkleinerungsform von lat. sus (Schwein, Sau, Eber). Unser Wildschwein heißt wissenschaftlich Sus scrofa.

Sein Enkel Otto Bang-Haas leistete sich ein halbes Jahrhundert später noch einmal einen Ausflug in die Ursprünge der Weinschwärmernamen. 1927 beschrieb er zwei Unterarten, eine von porcellus und eine von der zweitweise als eigene Art angesehenen suellus: Pergesa porcellus porca und Pergesa suellus sus. Er führte damit sozusagen beide Arten von der Verkleinerungsform wieder zu den erwachsenen Sauen bzw. Schweinen zurück.

In Zukunft können Sie also, wenn Sie eine Weinschwärmerraupe gefunden oder einen -falter gesehen haben, mit einer gewissen Berechtigung sagen: „Schwein gehabt.“

 

Literatur
Frisch, J. L. (1736): Beschreibung von allerley Insecten in Teutschland, nebst nützlichen Anmerckungen und nöthigen Abbildungen von diesem kriechenden und fliegenden inländischen Gewürme, zur Bestätigung und Fortsetzung der gründlichen Entdeckung, so einige von der Natur dieser Creaturen heraus gegeben, und zur Ergäntzung und Verbesserung der andern. Zwölfter Theil. Samt einer Nachricht in der Vorrede von Thomas Moufets Schrift, die er von den Insecten heraus gegeben. – Berlin (Nicolai). [7] + 44, 3 Taf.
Homer: Odyssee, X: 552.
Merian, M. S. [1717]: Erucarum ortus, alimentum et paradoxa metamorphosis, in qua origo, pabulum, transformatio, nec non tempus, locus & proprietates erucarum, vermium, papilionum, phalænarum, muscarum, aliorumque hujusmodi exsanguium animalculorum exhibentur in favorem, ataque insectorum, herbarum, florum, & plantarum amatorum, tùm etiam pictorum, limbolariorum, aliorumque commodum exactè inquisita, ad vivam delineata, typis excusa, compendiosèque descripta. – Amstelædami (Oosterwyk). [9] + 64 S., Taf. [A], 1-50, I-L, 1-50.
Mouffet, T. (1634): Insectorvm sive minimorum animalium theatrvm: Olim ab Edoardo Wottono. Conrado Gesnero. Thomaque Pennio. Et ad vivum expressis iconibus suprà quingentis illustratum. – Londini (T. Cotes). [19] + 326 S., 4 Taf.
Rösel, A. J. (1744-1746): Der monatlich-herausgegebenen Insecten-Belustigung erster Theil, die in sechs Classen eingetheilte Papilionen mit ihrem Ursprung, Verwandlung und allen wunderbaren Eigenschafften, aus eigener Erfahrung beschrieben, und in sauber illuminirten Kupfern, nach dem Leben abgebildet, vorgestellet werden. Nebst einer Vorrede, in welcher von dem Nutzen der Insecten gehandelt, was sie seyen gezeiget, und von der Eintheilung dererselben Nachricht gegeben wird. Theil 1. – Nürnberg (Fleischmann). [51] + 64 + [11] + 60 + [7] + 64 + [7] + 312 + [7] + 48 + 48 + [24] S., Taf. [1], I-X, I-X, I-VIII, I-LXIII, I-XIII, I-XVII.

 

[1] Das „groß“ im Namen des Großen Weinschwärmers sollte man in Anführungszeichen setzen, denn die Falter sind meistens kleiner als die des Mittleren Weinschwärmers; sie sind auch schmalflügeliger und haben einen schlankeren Körper. Eigentlich sollten die beiden Arten ihre deutschen Namen tauschen. Überdies gehört der „Große“ Weinschwärmer Hippotion celerio zu einer anderen Gattung als der Kleine und der Mittlere.
[2] Gelegentlich wurde die falsche Schreibweise Chaerocampa verwendet. Der Name ist aber nicht von gr. χαίρωο (sich freuen, froh sein) abgeleitet.
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