Die Flöhe des Herrn Suteminn

Umfangreiche Nachschlagewerke wie Lexika und Enzyklopädien enthalten gelegentlich den einen oder anderen fiktiven Artikel. In Karten, Atlanten und Stadtplänen finden sich manch­mal nicht existierende Straßen. Grund dafür ist meistens der Schutz vor Plagiarismus: Durch solche Details kann man Urheberrechtsverletzungen leicht nachweisen. Umgekehrt scheint es den Autoren solcher trockenen Nachschlagewerke manchmal Spaß zu machen, Leser und Kollegen durch erfundene Artikel an der Nase herumzuführen.

Eines der populärsten Beispiele ist der Eintrag zur Steinlaus (Petrophaga lorioti) im Pschy­rembel Klinisches Wörterbuch; er geht auf einen Sketch zurück, in dem Loriot als Prof. Grzimek seinem Publikum die „Steinlaus“ vorstellte. Ein unter Altertums-wissenschaftlern gut bekanntes Beispiel ist das Stichwort Apopudobalia in Der neue Pauly, Enzyklopädie der Antike, das mit dem Literaturhinweis auf eine „Festschrift M. Sammer“ einen fiktiven Vorläufer des Fußballspiels im Altertum beschreibt.

Berühmt wurde Horace Miners Aufsatz „Body ritual among the Nacirema“, der 1956 im American Anthropologist erschien und auf den ersten Blick von der merkwürdigen Körper­kultur handelt, die üblich sei bei einem nordamerikanischen Stamm „living in the territory be­tween the Canadian Cree, the Yaqui and Tarahumare of Mexico, and the Carib and Arawak of the Antilles“. Von der privaten Kosmetik und Körperpflege bis zu den Praktiken der Scha­manen und Medizinmänner wurde hier in streng anthropologischem Wissenschaftsjargon be­richtet. Natürlich hielt Miner seinen Landsleuten ironisch einen Spiegel vor (schauen Sie sich das genannte Territorium auf einer Karte an oder lesen Sie „Naci­rema“ rückwärts), aber der Artikel wurde von der Zeitschriftenredaktion ohne Weiteres angenommen, begutachtet und ver­öffentlicht.

Auch in der Entomologie gab es Nonsens-Veröffentlichungen und auch hier nicht ohne Sinn und Zweck. 1969 erschien in der Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft österreichischer Entomologen ein kurzer, nur eineinhalb Seiten langer Aufsatz von einem „Dr. Otto Suteminn, Regionalmuseum Kosiče, ČSSR“ mit dem Titel „Ergebnisse der zoologischen Forschungen von Dr. Z. Loew in Nepal: 17. Zwei neue Siphonaptera (Insecta)“. Darin wurden zwei neue, aller­dings komplett erfundene Floharten aus Nepal beschrieben: Ctenophthalmus nepalensis n. sp. und Amalareus fossoris n. sp. Der erstere soll an der Waldmaus-Art Apodemus roseus Tbl. leben. Die Gattung Apodemus (Waldmäuse) gibt es, die Art roseus ist erfunden. Die zweite Art ist nach ihrem angeblichen Wirt, Canis fossor L., benannt. Auch eine Art fossor existiert in der Gattung Canis (Hunde) nicht – aber darauf werden wir gleich noch zurückkommen.

"Suteminn" (1969)

„Suteminn“ (1969)

Die Zeitschrift hat diesen Aufsatz anstandslos und offenbar ohne Begutachtung (peer review) oder Nachfrage beim Autor veröffentlicht. Wie spätere Nachforschungen von Floh-Experten er­gaben, gibt es in Košice (so lautet die richtige Schreibweise des Orts; die falsche ist der Redaktion offenbar nicht aufgefallen) weder ein Regionalmuseum noch einen Dr. Sute­minn. Otto Suteminn ist eine Figur in einem der weniger bekannten frühen Romane von Karl May. Die Beschreibungen – wenngleich in der Diktion normaler biologischer Artbeschrei­bungen gehalten – sind blanker Unsinn, die im Aufsatz genannten Fundorte, mit Ausnahme von Kat­mandu, existieren nicht, und auch einige der genannten Wirtsarten gibt es nicht. Allerdings lassen sich manche der Ortsnamen ganz gut lesen, wenn man sie als österreichischen Dialekt inter­pretiert:

  • Holotypus: 1♂, Khanshnid Khaib = Kann’s nit gaib(e) = kann es nicht geben
  • Samashtir = samma Stier = sind wir Stier (Dialektausdruck für pleite sein)
  • Bhalari Satep = Bhalar is a Depp

Und natürlich läßt sich der in

  • leg. Z. Minař

steckende Vulgärausdruck unschwer deuten, wenn man weiß, daß das tschechische ř mit dem Hatschek als Kombination aus einem gerollten R mit einem stimmhaften SCH ausgesprochen wird.

In dem mit Bedacht gewählten Namen Canis fossor liegt der Schlüssel zum ganzen Scherz. Das lateinische fossor bedeutet Gräber, Bergmann. Somit kann man diese Hundeart als „Grubenhund“ auffassen, und mit diesem wohlbekannten Begriff aus dem österreichischen Zeitungsmilieu klärt sich die Motivation des Stücks: Ein Grubenhund ist ein Leserbeitrag in einer Zeitung oder Zeitschrift, der in anscheinend unverfänglichem Stil Unmöglichkeiten oder Erfundenes darstellt. Der Absender gibt sich als seriöser Fachmann, Kenner oder Insider aus, und der Text ist so geschickt abgefaßt, daß er einer oberflächlichen Prüfung durch Nichtfachleute standhält und veröffentlicht wird. Die Aktion dient dazu, den Journalisten nachlässige Arbeit, mangelnde Recherche und Leichtgläubigkeit gegenüber akademischen Rängen oder Adelstiteln nachzuweisen. In Wirklichkeit ist der Grubenhund ein unter Tage verwendeter Förderwagen im Bergbau. Als Erfinder des journalistischen Grubenhunds gilt der Ingenieur Arthur Schütz, der unter dem Pseudonym Dr. Ing. Erich Ritter von Winkler einen Leserbrief über das Erdbeben vom November 1911 an die Neue Freie Presse schrieb, in dem neben verschiedenen technisch klingenden Fragwürdigkeiten der Satz vorkam: „Völlig unerklärlich ist jedoch die Erscheinung, daß mein im Laboratorium schlafender Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen größter Unruhe gab.“

Grubenhund-m3

Noch ein weiterer Hinweis in dieser Richtung versteckt sich in Suteminns Text. Während einige der erwähnten Flohnamen fiktiv sind, sind andere echt, allerdings mit absichtlichen Schreibfehlern versehen. Eine der erwähnten Arten ist „A. pencilliger“. Richtig geschrieben und mit Autor und Jahr versehen lautet dieser Artname Amalaraeus penicilliger (Grube, 1851). Man kann sich vorstellen, daß dieser Autorenname und die schöne Möglichkeit, einen Canis fossor alias „Grubenhund“ als Wirtsorganismus zu instrumentalisieren, den Ausschlag dafür gegeben hat, die Ordnung Siphonaptera für diesen Scherz zu benutzen. Ein weiterer Grund war sicher der geringe Bekanntheitsgrad der Flöhe: Es gab weltweit nur wenige Bearbeiter der Gruppe und die Kompetenz von Zeitschriftenredaktionen war entsprechend schwach.

Die Ursache für diesen Scherz-Artikel liegt in der Historie der Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft österreichischer Entomologen begründet. Unter Mitgliedern des Vereinsvorstands und der Redaktion herrschten in den 1960er Jahren unterschiedliche Ansichten über den wissenschaftlichen Gehalt und Anspruch des Blattes: Manche hätten gern das Niveau gehoben, scheiterten aber am Widerstand der Mehrheit. Im Zuge dieser Unstimmigkeiten mußte ein Redakteur seinen Posten räumen und hat daraufhin die Kompetenz der neuen Schriftleitung in dieser originellen Weise getestet. Die Einbindung in die kulturhistorische Tradition des Grubenhundes ist späteren Kommentatoren dieses Scherzes offenbar nicht aufgefallen (Schaeflein 1993, Smit 1974).

Smit (1974)

Smit (1974)

Mittlerweile ist die Identität des Verfassers in österreichischen Entomologenkreisen kein Geheimnis mehr. Er hat sich in späteren Jahren indirekt dazu bekannt, indem er eine tropische Art aus seinem eigentlichen Fachbereich augenzwinkernd unter dem Artnamen „suteminn“ beschrieb – natürlich ohne eine derivatio nominis anzugeben. Durch seinen Streich von 1969 hatte der Verfasser den prak­tischen Beweis geführt, daß man den Redakteuren des Blatts damals eine Arbeit unterjubeln konnte, die fiktive Arten – sogar erfundene Säugetiere –, hanebüchene Beschreibungen und nicht existierende Fundorte enthält, und die von einem nicht existierenden Autor an einem nicht existierenden Museum stammt. Vielleicht hat er selber nicht damit gerechnet, daß seine Persiflage anstandslos veröffentlicht werden würde. Wir dagegen dürfen dankbar sein, daß dieses kleine Juwel eines Grubenhundes zum Druck gelangt ist. Wer es bewundern oder sich an weiteren Interpretationen versuchen möchte (vielleicht das Kryptonym Bhalar lösen), findet die Arbeit heute online.

 

Literatur

Autorenkollektiv (1990): Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch mit klinischen Syndromen und Nomina Anatomica. Bearbeitet von der Wörterbuchredaktion des Verlages Walter de Gruyter. 256. Auflage. Berlin / New York (De Gruyter). S. 1583.

Cancik, H. & Schneider, H. (Hrsg.) (1996): Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Altertum Bd. I. Stuttgart (Metzler). Sp. 895.

Miner, H. (1956): Body ritual among the Nacirema. – American Anthropologist, 58: 503-507.

Schaeflein, H. (1993): Entomologische Detektivarbeit. Gravierende Fehler in der entomologischen Literatur. – Nachrichtenblatt der bayerischen Entomologen, 42: 86-89. (http://www.landesmuseum.at/pdf_frei_remote/NachBlBayEnt_042_0086-0089.pdf)

Schütz, A. (1931): Der Grubenhund. Eine Kultursatire. – Wien (Jahoda & Siegel). 76 + [4] S., 2 Taf.

Schütz, A. (1953): Der Grubenhund. 2. Auflage. Mit einer Einführung von Friedrich Torberg. – Wien (Frick). 95 S.

Schütz, A. (1996): Der Grubenhund. Experimente mit der Wahrheit. 3. Auflage. Herausgegegeben von W. Hömberg, mit Beitrag von H. Wagner. – München (Reinhard Fischer). 192 + [4] S.

Smit, F. G. A. M. (1974): Notes on two fictitious fleas from Nepal. – Entomologisches Nachrichtenblatt, 19: 130. (http://www.landesmuseum.at/pdf_frei_remote/ZAOE_24_0130.pdf)

„Suteminn, O.“ (1969): Ergebnisse der zoologischen Forschungen von Dr. Z. Loew in Nepal: 17. Zwei neue Siphonaptera (Insecta). – Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft österreichischer Entomologen, 21: 75-76. (http://www.landesmuseum.at/pdf_frei_remote/ZAOE_21_0075-0076.pdf)


Die Entstehungsgeschichte des ersten journalistischen Grubenhunds:
„Der Grubenhund ist das Kind einer Wette. Am 17. November 1911 saß ich mit einigen befreundeten Ingenieuren in einem Wiener Hotel beim Mittagessen. Wir besprachen die unerhörte Schmockerei der Erdbeben-Zeitungsberichte im allgemeinen und die der „Neuen Freien Presse“ im besonderen. Ein wilder Wunsch trieb mich plötzlich in das Schreibzimmer des Hotels. Dort schrieb ich unter dem Zwange eines mir selbst unbegreiflichen Impulses in einem Zuge, wie im Fieber, den haarsträubendsten technischen Unsinn, der mir gerade einfiel, in der Form eines Erdbebenberichtes an die ‚Neue Freie Presse‘ nieder. Alles an diesem Berichte war Spott und Hohn, und nichts als ein Höllenwirbel hirnrissiger Verkupplung aller technischen Begriffe. Es war der Angsttraum eines schlafenden Grubenhundes! Dann las ich meinen Freunden diese wilde Ausgeburt lachender Empörung vor…
Der Oberkellner bat diskret, uns entweder gesitteter zu betragen oder das Lokal zu verlassen. Zwei meiner Freunde, reife Ingenieure, wanden sich in Lachkrämpfen. Ein anderer, der Klügste, blieb ernst. Er sagte, das sei gar kein Witz, denn so einen idiotischen Stumpfsinn könne kein Blatt bringen und nur der Absender sei der Blamierte. Voll Gottvertrauen und voll Zuversicht in die „Neue Freie Presse“ erwiderte ich, daß der Inhalt der Notiz gleichgültig sei. Auf den Ton käme es an! Sobald ein Bericht im Gewande der Wissenschaft schillere und von einem gut klingenden Namen gezeichnet sei, so wie er den ausgefahrenen Gedankenbahnen des Publikums und der Mentalität des Blattes entspreche, werde er aufgenommen und Dr. Erich Ritter von Winkler ist ein guter, sogar ein sehr gut klingender Name. Nach den damaligen Denkgesetzen der Fichtegasse (Redaktion der „Neuen Freien Presse“) war die Wahrscheinlichkeit für die Aufnahme eines Berichtes direkt proportional der Bedeutung der wahren oder vorgetäuschten Stellung des Einsenders, wobei der Wert des Inhaltes als praktisch belanglos außer acht blieb.
Ich wettete, daß der Grubenhund erscheinen werde, und gewann die Wette.“
(Schütz 1931: 11; Schütz 1996: 38)

Nachbemerkung: Hier ging es zwar nicht um Lepidopteren sondern um vermeintliche Siphonapteren, aber ich finde die Geschichte so bemerkenswert, daß sie auch für Schmetterlingsleute interessant sein und überhaupt weitere Verbreitung verdienen dürfte.

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Eine Antwort zu Die Flöhe des Herrn Suteminn

  1. J. Breitenbach schreibt:

    Ein interessantes Thema, und unterhaltsam aufbereitet. Der „Grubenhund“ von Schütz steht bei mir auch im Bücherschrank. Übrigens: Der Paratypenfundort „Kathaiwi“ dürfte „ka Teifi – kein Teufel“ bedeuten. Grüße an H. M. und weiter so! -Ihr J. Breitenbach

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