Entomo-Bibliophilie

Liebe Leser, wissen Sie, was man unter Bibliophilie versteht? Sie werden es erraten, auch ohne daß Sie das Buch von Nicholas Basbanes gelesen haben, das den Titel trägt „A Gentle Madness. Bibliophiles, Bibliomanes, and the Eternal Passion for Books”.

Ihnen kommt, wenn Sie „Bibliophilie“ hören, Dürers Holzschnitt „Der Büchernarr“ in den Sinn? – Gut.

Es läuft Ihnen kalt über den Rücken, wenn Sie hören, zu welchen Preisen halbgebildete Milliardäre die Manuskripte alter Renaissance-Genies ersteigern? – Sehr gut.

Dann sind Sie prädestiniert, die folgende kleine Erzählung zu verstehen.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Unsere Geschichte beginnt, wie jedes Märchen beginnt: Mit den Worten „Es war einmal …“.

Es war einmal ein Entomologe, der war ein Narr. Ein Büchernarr genau genommen. – Ein Büchernarr ist doch nichts Schlimmes, wenden Sie ein? Es kann nicht schaden, gute Literaturkenntnisse zu haben, sagen Sie? – Ja, im allgemeinen stimmt das. Aber es gibt Situationen, da kann sich zuviel Wissen auch als Fluch erweisen. Von einer solchen Begebenheit soll hier die Rede sein.

An einem sonnigen Oktobernachmittag Mitte der neunziger Jahre befand sich unser bibliophiler Entomologe auf dem Weg vom Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität zur U-Bahn-Station Zinnowitzer Straße. Er war aus der süddeutschen Provinz angereist, um Belegstücke in der Sammlung des Berliner Museums zu studieren. Diese Arbeiten würden noch einige Tage dauern, aber heute hatte er sich schon am Nachmittag vom Binokular losgerissen, um das gute Wetter auszunutzen. Mit einem kleinen Rucksack über der Schulter und einer Liste der Berliner Buchantiquariate in der Tasche begab er sich auf eine entomologisch-bibliophile Exkursion.

Es dämmerte bereits und sein Rucksack war zur Hälfte gefüllt, als unser Büchernarr ein kleines Antiquariat in Schöneberg betrat. Als er die Tür öffnete, drang mit dem Luftzug ein muffig-säuerlicher Geruch aus dem Antiquariatskeller in seine Nase. Er ist das wohlbekannte Anzeichen für Bücher, die zu lange in feuchten Räumen aufbewahrt wurden und von mikroskopischen Pilzen befallen sind. Die weitere Ausbreitung der Pilze kann zwar durch Trocknung gestoppt werden, aber der Geruch und die Pilzhyphen haften dem betreffenden Band meist dauerhaft an. Der Bücherliebhaber meidet im allgemeinen solche Örtlichkeiten, deren Geruch anzeigt, daß man hier mit Büchern nicht sorgsam umzugehen weiß.

So schaute sich unser Büchernarr nur kurz um und wandte sich wieder zum Gehen. Neben der Tür blieb er noch bei der Auslage mit den Druckgrafiken stehen, um kurz die Sparte „Tiere und Pflanzen“ durchzublättern. Da gab es die üblichen Haustiere, Pferde, Orchideen und, siehe da, es gab auch einige Drucke mit Schmetterlingen. Nur halbherzig überflog der Entomologe die in Plastikhüllen eingesteckten Seiten: Einige Drucke aus einer Enzyklopädie des 19. Jahrhunderts, von denen viele im Umlauf waren; ein oder zwei dekorative Blätter aus Reisebeschreibungen. Doch halt, was war das? Eine Tafel mit kleinen Schmetterlingen fiel ihm auf, Zünsler waren es.

Sie waren in Spannstellung abgebildet, aber es war nur eine Flügelhälfte dargestellt, wie es in wissenschaftlichen Werken aus Platz- und Kostengründen nicht nur früher oft unvermeidlich war.

Elektrisiert zog der Entomologe das Blatt aus dem Fach. Es war unterschrieben mit „Horace Knight lith. ad nat.” und “West, Newman imp.” Oh ja, er erkannte dieses Werk. Aber das war doch ein moderner Nachdruck, kein Original. Wie kam es, daß man es hier unter die Originaldrucke gesteckt hatte? Der Entomologe zuckte die Achseln. Manchen Buchhändlern war anscheinend kein Trick zu schmutzig. Dem gewöhnlichen Volk würde der Betrug wahrscheinlich erst zu Hause auffallen, aber jedem Kenner war die Sache bekannt.

Der Großfürst Nikolai Romanoff (1859-1919) war nicht nur ein liberaler Reformer, was man im Zarenhaus gar nicht gerne sah, sondern auch ein Historiker und Naturwissenschaftler von Rang. Er schrieb über Schmetterlinge, baute eine wertvolle Sammlung auf und gab das opulent ausgestattete Werk Mémoires sur les Lépidoptères heraus, das zwischen 1884 und 1901 in neun Bänden erschien. In den meisten Bänden wurden neue Arten aus allen Teilen Rußlands, besonders aus Zentralasien, beschrieben und auf handkolorierten Farbtafeln abgebildet. Band 7 und 8 enthielten die Monographie des Phycitinae et des Galleriinae, das Lebenswerk des französischen Lepidopterologen Émile Ragonot. Da Ragonot 1895 starb, zog sich die Herausgabe von Band 8 länger hin und er erschien erst nach Band 9 im Jahr 1901. Ragonots Witwe hatte sich dafür eingesetzt, das letzte Werk ihres Mannes herauszubringen. Sir George F. Hampson vom Britischen Museum schrieb den Text zuende und der Illustrator Horace Knight schuf die letzten 11 Farbtafeln, die noch fehlten. Schließlich waren Text und Tafeln fertig; das Buch wurde gedruckt, gebunden und lag zur Auslieferung bereit. In dieser Nacht brach im Lager der Druckerei ein Feuer aus und vernichtete die gesamte Auflage. Nur eine Handvoll Exemplare, die man schon vorher entnommen hatte, blieb übrig. Das Natural History Museum in London hat eines. Das Muséum National d’Histoire Naturelle in Paris hat eines. Aber in den meisten Bibliotheken finden sich nur die Bände 1 bis 7 und 9. Um diesem Mangel abzuhelfen wurde in den 1970er Jahren ein ­­Nachdruck von Band 8 herausgegeben, der den Bibliotheken und Entomologen ermöglichte, die Buchreihe zu vervollständigen. Und aus diesem Nachdruck mußten die Blätter wohl stammen. Der Entomologe schaute genauer hin – und stutzte.

Das Papier war von anderer Textur als ein moderner Druck. Der Rand erschien vergilbt; die Tafeln machten einen alten Eindruck, deutlich älter als 20 Jahre.

Er trat unter eine der müde von der Decke herabblinzelnden 80-Watt-Leuchten und hielt das Blatt ins Licht.

Keine Spur von einem Druckraster!

MslL 8-46 3

Rasch zog der Entomologe seine Einschlaglupe aus der Tasche und ließ sie aufschnappen. Gleich darauf fiel sie scheppernd zu Boden und auch die Drucke wären ihm beinahe aus den zitternden Fingern geglitten.

Das konnte nicht sein.

„Das … Das sind Lithos!“ stieß er hervor. „Echte! Echte Lithos!“

Der Buchhändler, ein schmächtiges Kerlchen von wenig vertrauenerweckendem Äußeren, näherte sich langsam. „Ja freilich sind das Lithographien,“ ließ er sich vernehmen. „Stehn ja auch bei den Druckgrafiken, nich wahr?“

Mißtrauisch musterte er den Entomologen. „Is Ihnen nich gut, junger Mann? Sie sehn so blaß aus. Gehn Se lieber raus anne frische Luft, wenn Ihnen schlecht is. Fehlt grad noch, daß Se mir hier im Laden ohnmächtig werden.“

Entgeistert hielt ihm der Entomologe zwei der Tafeln entgegen. „Das ist… Das ist ein Romanoff Band acht! Die Ragonot-Monografie!“

Der Buchhändler wiegte nur den Kopf, als ob er verstünde, wovon dieser seltsame Kunde sprach. In Wirklichkeit hatte er keine Ahnung.

„Wo ist der… der Rest?“

„Na, wo wird er sein? Verkauft wird er sein, junger Mann. Was Sie hier sehn, ist alles, was noch übrig ist. Wird ganz gern gekauft, das alte Zeuch. Sehr dekorativ, nich wahr? Nur 12 D-Mark das Blatt.“

Dem Entomologen wurde schwarz vor Augen. Ein Ragonot-Band, ein echter, ein überlebender Ragonot: Zerschnitten? Verramscht? „Aber das Buch?“ stieß er hervor. „Das Gesamtwerk? Der Text…?“

„Die Textseiten? Je nun, die will ja kein Mensch haben. Sowas kann man ja nich loswerden.“

„Wo – ist – der – Text?“ preßte der Entomologe mühsam beherrscht hervor.

Der Buchhändler kratzte sich am Kopf. „Der Text, tja, der liecht wohl noch im Keller. In der Altpapiertonne neben der Treppe.“

Altpapier! Dem Entomologen schwindelte. Mit einem Satz war er an der Kellertreppe und stieg hastig die Stufen hinab. Das schwächlich beleuchtete Untergeschoß offenbarte engstehende Reihen von Bücherregalen. In der düsteren Ecke neben der Treppe stieg ein unerträglicher Modergeruch aus einer gut meterhohen Tonne auf. Der Entomologe griff hinein – und zuckte zurück. An seinen Fingern hafteten halbverfaulte Papierfetzen. Feuchtigkeit und Vernachlässigung hatten ihr zerstörerisches Werk getan.

„Sagen Se mal, was machen Se denn da?“ Der Buchhändler war ihm in den Keller gefolgt und beäugte ihn von der Seite.

In diesem Moment brannte eine kleine, aber entscheidende Sicherung im Kopf des Entomologen durch. Er fühlte sich zurückversetzt in die Studentenzeit, als er jede Woche zum Rugbyspielen gegangen war. Langsam, ganz langsam, richtete er sich zu seiner vollen Größe auf. Seine Augen funkelten und die Mundwinkel zogen sich verächtlich nach unten. Der Buchhändler sah diese Veränderungen mit Bangen. Zitternd wich er an die Wand zurück und schob sich an ihr entlang, bis die Tonne ihm den Weg versperrte. „Büchermörder“ glaubte er jemanden leise aber nachdrücklich sagen zu hören – war es der Kunde oder war es eine innere Stimme in seinem Kopf?

Der ehemals rugbyspielende Entomologe packte den Buchhändler an den Hüften, riß ihn von den Beinen und stemmte ihn hoch. Gleichzeitig kniete er sich hin, denn der Keller war zu niedrig, um diese Übung im Stehen auszuführen. Der Buchhändler zappelte schwach mit Armen und Beinen, doch er blieb still: Der Schreck hatte ihm die Stimme geraubt. Langsam, fast wie in einem Ritual, fühlte er sich nun mit dem Kopf zuunterst in die Tonne gesteckt, und als er wieder in der Lage gewesen wäre, zu schreien, war er schon in der Brühe aus verrottendem Papierbrei untergetaucht. Schwer atmend trat der Entomologe zurück, um dem gedämpften Geblubber zu lauschen, das hohl aus der Tonne hallte und zu lautem Gegurgel wurde, als es dem Buchhändler allmählich gelang, sich aus seiner mißlichen Lage zu befreien. Nach und nach schob er sich mit den Beinen zuerst aus der Tonne, bis er wieder festen Boden unter sich fühlte. Schließlich kniete er zitternd neben der Tonne und spuckte eine zeitlang Moder und Papierfetzen. Als er sich den Unrat aus den Augen gewischt hatte und wieder sehen konnte, war er allein im Keller.

Der Entomologe hatte nicht gewartet, sondern war gegangen. Später war ihm kaum mehr erinnerlich, wie er den Rückweg zu seiner Pension gefunden hatte. Die beiden Ragonot-Tafeln fand er in seinem Rucksack. Er beschloß, sie nicht zurückzugeben.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Eine Woche nach diesen Ereignissen befand sich unser Büchernarr wieder auf der Heimfahrt. Die Arbeiten am Museum waren abgeschlossen und nach den Tagen in der Großstadt freute er sich auf sein kleines Heimatdörfchen. Die Wartezeit am Bahnhof war kurz gewesen, denn die Durchsage, daß der Zug 20 Minuten Verspätung haben würde, kam nur 15 Minuten nach der planmäßigen Abfahrtszeit, so daß man sich für Deutsche-Bahn-Verhältnisse gut informiert fühlen konnte. Im Zug hatte er dann eine Sitzbank für sich allein. Eine Berliner Tageszeitung lag auf dem Nebensitz. Gelangweilt schlug er das Blatt auf und überflog die Meldungen. Im Lokalteil auf einer Seite mit Kleinanzeigen blieb sein Blick an einem Straßennamen und einer Hausnummer in Schöneberg hängen, an einer Adresse, die er kannte; eine Adresse, die sich vergangene Woche in sein Gedächtnis eingeprägt hatte.

„60 m2 Ladenräume wegen Geschäftsaufgabe zu verkaufen.“

Der Entomologe ließ die Zeitung sinken und blickte sinnend nach draußen, wo die Sonne begann, durch die Wolken zu brechen. Auf seinem Gesicht zeichnete sich der Ansatz eines grimmigen Lächelns ab.

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