„Der Philipp, die Loni und die Vicki treffen die Atom-Emma“

Wenn Fachleute mit der Sprache spielen  (Teil 1)

Entomologische Anfänger, die sich in die Schmetterlingskunde einarbeiten, versuchen meistens zuerst, die deutschen Namen der Arten zu lernen. Das geht gut, solange man nur ein einziges Buch benutzt. Sobald man mehr Literatur oder das Internet heranzieht, merkt man, daß es für jede Art mehrere (manchmal eine ganze Menge) deutsche Namen gibt. Wer das Hobby Schmetterlinge intensiver verfolgt, geht irgendwann auf die wissenschaftlichen Namen über, weil die – allen Änderungen aufgrund neuer Forschungs-ergebnisse zum Trotz – auf Dauer einfacher zu lernen und leichter zu merken sind als die deutschen.

Dem Fachentomologen wird es oft langweilig, lange Namen auszusprechen und so läßt er im Gespräch gern die Gattungsnamen weg. Nachdem der Gattungsname einmal gefallen ist und der Gesprächspartner weiß, daß es um – sagen wir – Poecilocampa populi geht, dann kann man im weiteren Gespräch kurz populi sagen. Wenn ein Dritter hinzukommt, muß er eine Weile zuhören oder nachfragen, um zu erfahren, ob da von Limenitis populi oder von Laothoe populi oder eben von Poecilocampa populi geredet wird. Immerhin sind viele Artnamen so eindeutig, daß sie auch ohne den Gattungsnamen verständlich sind.

Der nächste Schritt ist dann die Abkürzung oder Verballhornung der Artnamen wie in der Überschrift dieses Beitrags: Da findet man auf einer Blütenwiese Zygaena filipendulae, Zygaena lonicerae und Zygaena viciae mit Ematurga atomaria: eben den Philipp, die Loni, die Vicki und die Atom-Emma…
Derartiger Privatjargon entwickelt sich nur zwischen Leuten, die eng zusammenarbeiten, kann aber bei Exkursionen oder Tagungen auf andere Kollegen übergreifen, auch wenn die oft erstmal nachgrübeln müssen, was gemeint ist. Anfänger sind mit derartigen Sprachspielereien oft überfordert, machen aber gerne mit, sobald sie erkannt haben, worum es geht. Nur Laien bleiben völlig außen vor.

Man kann sich die seltsamen Blicke der vorübergehenden Spaziergänger vorstellen, als zwei Entomologen an einer Stelle sammelten, wo Zygaena filipendulae und Zygaena transalpina flogen und der eine dem anderen quer über den Hang zurief, er sei sich nicht sicher, ob er eben „’nen Philipp oder ’ne Transe“ erwischt habe.

Und nächstesmal erzähle ich Ihnen von der Effi, der Angie und der Lotti, vom RO 80 oder vom Osterhasenfalter.
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