Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Namen als Gedächtnisstützen – Oligia strigilis

Die strigilis oder das Schabeisen war ein schmales, gebogenes Gerät, mit dem sich die wohlhabenden Römer von ihren Leibsklaven das Öl vom eingeölten Körper schaben ließen. Die weniger wohlhabenden machten das wohl selber. Die strigilis war im weitesten Sinne ein Körperpflege-Utensil. In diesem Gemälde von Alma-Tadema wird es instrumentalisiert, um im prüden viktorianischen England unter dem Deckmantel eines Historienbildes eine Nacktszene zeigen zu können.

Sir Lawrence Alma-Tadema – Strigils and Sponges (1879)

Sir Lawrence Alma-Tadema – Strigils and Sponges  (1879)

yxzzzzz

Was hat diese strigilis nun mit dem Halmeulchen Oligia strigilis zu tun?

Linné spricht in der Urbeschreibung von der „fascia alba alas terminans latior, intra quam area fusca inserit 5 vel 6 strias nigras fere ad ejus medium“ und in der Kurzdiagnose heißt es „denticulis setaceis intra fasciam albam terminalem“ (Systema Naturae, ed. X: 516).

Oligia strigilis-Falter

Die 5 bis 6 schwarzen Aderstriche, die von der äußeren Querlinie aus ins Saumfeld ragen, haben der Art ihren Namen beschert. Sind sie aber – was zuweilen vorkommt – nur schwach entwickelt, dann sind Verwechslungen mit anderen Oligia-Arten möglich. Ein weiteres Merkmal ist die (meist) starke Biegung der äußeren Querlinie zwischen Ader A und Cu1 (roter Pfeil), die bei den beiden anderen häufigen Oligien nur schwach gebogen ist. Und natürlich die Größe, die ist auch wichtig.

Da die strigilis gekrümmt war (und allenfalls von der Schmalseite aus gerade aussah), paßt sie nicht ideal auf die kurzen, geraden Oligia-strigilis-Zähnchen. Jedenfalls ist dieses römische Schabeisen strigilis in der Vergangenheit öfters als Ursprung des Namens der Oligia-Art interpretiert worden – so etwa von Spuler (1908-1910), der sich darunter vielleicht einen Striegel mit nur ganz wenigen Borsten vorgestellt hat.

Strigilis“ ist nach Emmet (1991: 214) aber auch eine Deminutivform von striga (Strich), ein Wort, das Linné zwar nicht in der Beschreibung benutzt, das aber als synonym mit den striae und denticuli zu verstehen ist. Emmet liegt da wahrscheinlich richtiger als Spuler.

Ich hatte aber unter dem Eindruck der älteren deutschen Namen „Striegel“ (Glaser 1885) und „Striegeleule“ (Eckstein 1920) sowie von Spulers Interpretation die Striegel im Sinne von Strichlein so verinnerlicht, daß wir in der Baden-Württemberg-Fauna den deutschen Namen auch so gebildet haben: „Striegel-Halmeulchen“ (Ebert & Steiner 1998).

Später haben wir die deutsche Bezeichnung „Gezähntes Halmeulchen“ geschaffen (Steiner, Ratzel, Top-Jensen & Fibiger 2014), weil uns dieser Name verständlicher und deshalb passender erscheint[1]. Freilich haben wir damit die schöne etymologische Eselsbrücke Striegel – strigilis ausgehebelt. Sei’s drum; ich glaube einfach nicht mehr, daß Linné das Schabeisen meinte.

Literatur

Ebert, G. & Steiner, A. (1998) in: Ebert, G. (Hrsg.): Die Schmetterlinge Baden-Württembergs. Band 7: Nachtfalter V. – Stuttgart (Ulmer Verlag). 582 S.

Eckstein, K. (1920): Die Schmetterlinge Deutschlands mit besonderer Berücksichtigung ihrer Biologie. 3. Band (= Schriften des Deutschen Lehrervereins für Naturkunde, 35). – Stuttgart (Lutz). 96 S., Taf. 33-48.

Emmet, A. M. (1991): The scientific names of the British Lepidoptera. Their history and meaning. – Colchester (Harley). 288 S.

Glaser, L. (1885): Zur Etymologie und Nomenclatur der Eulen (Noctuae). – Entomologische Nachrichten, 11: 197-203, 209-217, 247-254, 289-302.

Linnaeus, C. (1758): Systema Naturae […], ed. X. Tom. I, Pars II. – Stockholm. S. 533-1327.

Spuler, A. (1908-1910): Die Schmetterlinge Europas. Dritte Auflage von Prof. E. Hofmann’s Werk: Die Groß-Schmetterlinge Europas. I. Band. Allgemeiner Teil – Spezieller Teil […]. – Stuttgart (Schweizerbart). CXXVIII + 385 S.

Steiner, A., Ratzel, U., Top-Jensen, M. & Fibiger, M. (2014): Die Nachtfalter Deutschlands. Ein Feldführer. – BugBook Publishing (Oestermarie, Dänemark). 878 S.



[1]
Über das eigenmächtige Ändern oder Neuerfinden von landessprachlichen Namen werden sehr unterschiedliche Ansichten vertreten; für manche ist es Anathema, andere halten es in bestimmten Fällen für sinnvoll. Man kann sich darüber stundenlang so energisch wie ergebnislos streiten.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Lepidoptera, Nomenklatur abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s