Faunistische Frag(würdigkeit)en – Odontosia sieversii in Niedersachsen

Augustus Radcliffe Grote (1841-1903) war offensichtlich eine schillernde Persönlichkeit. Durch seine Beiträge zur nordamerikanischen Lepidopterologie ist er ebenso bekannt wie durch seine Dauerfehden mit Herman Strecker und C. V. Riley. Tutt bezeichnete ihn in einem Nachruf als “the best loved and best hated lepidopterist in America” (Tutt 1903). Neben mindestens 600 entomologischen Publikationen veröffentlichte er Gedichtbände, komponierte Opern und Musikstücke, schrieb über das Verhältnis von Religion und Wissenschaft und vieles mehr. Die Wechselfälle des Lebens brachten ihn 1886 nach Deutschland (sein Vater stammte aus Danzig) und 1895 wurde er ehrenamtlicher Kurator am Roemer-Museum in Hildesheim, dessen Schmetterlings- und Käfersammlung er aufstellte und dessen entomologische Abteilung er verwaltete. Er publizierte lepidopterologische Arbeiten in den Mitteilungen des Roemer-Museums und hat auch in der Umgebung von Hildesheim Schmetterlinge gesammelt.

1907 erschien Wilhelm Bodes „Schmetterlingsfauna von Hildesheim“. Darin findet sich der Eintrag:

Odontosia sieversi: Mai. Galgenberg (Grote). Sieversi ist in der Jordanschen Fauna noch nicht erwähnt.

Bode bezieht sich hier auf die Dissertation von Karl Jordan (1886) über die Schmetterlingsfauna Nordwestdeutschlands. Darin hatte Jordan viele Lokalfaunen – zum Teil sehr unkritisch – ausgewertet. Was Bode damit wohl vor allem ausdrücken wollte: die Art war neu für Norddeutschland.

Zehn Jahre hörte man nichts mehr darüber, aber dann ging es Schlag auf Schlag. Zuerst erschien ein kleiner Artikel des Sammlers Heckel, der Details über den Hildesheimer Fund enthielt:

heckel-1917-5772-m4

Ende 1917 besprach L. Seifers auf einer Sitzung des Berliner Entomologen-Bundes ein Belegstück von Odontosia sieversii aus Ostpreußen und äußerte dazu unter anderem Folgendes:

Herr Seifers bemerkt, daß sieversi wohl eine größere Verbreitung hat, als bis jetzt angenommen wird. Dieser Falter soll auch bei Hildesheim gefangen worden sein. Hierfür hat er allerdings keinen sicheren Beweis. Jedoch hat er ein von Herrn Kreye, Hannover, in der dortigen Gegend gefangenes ♂ gesehen.
(Seifers 1919)     

Also ein weiteres Exemplar an einem weiteren Fundort, etwa 30 Kilometer Luftlinie vom ersten entfernt. Das scheint den ersten Fund ja zu bestätigen. Oder?

1918 veröffentlichte Stichel eine Monographie von Odontosia sieversii und darin sind beide norddeutschen Belegstücke abgebildet. An der Bestimmung bestehen damit keine Zweifel. Zudem gibt es mehr Details zu dem Hannover-Fund.

stichel-1918-exzerpt-1

Bemerkenswert ist die zeitliche Koinzidenz: Das Weibchen aus Hildesheim wurde „1895 oder 1896“ gefangen, das Männchen aus Hannover 1896. Das Männchen war in der Sammlung Seifers gelandet – das war dem Seifers-Vortrag so ausdrücklich nicht zu entnehmen gewesen (aber die Sitzungsberichte wurden sicher nicht von den Vortragenden selbst verfaßt).

Franz Daniel veröffentlichte 1964 einen Aufsatz über Odontosia sieversii und die von Stichel beschriebene Odontosia patricia, vermerkte die Besonderheit eines isolierten westlichen Vorpostens der Art bei Hildesheim und Hannover, akzeptierte dies aber, ohne Zweifel zu äußern.

In der neueren faunistischen Literatur Niedersachsens – und Deutschlands – taucht die Art, soweit mir bekannt ist, nicht auf. Das dürfte dafür sprechen, daß die Funde von den heutigen Faunisten für dubios gehalten werden.

Also: Die Bestimmung der Belege an sich steht außer Zweifel. Grote ist sicher über jeden Fälschungsverdacht erhaben, aber könnte er vielleicht ein Belegstück versehentlich fehletikettiert haben? Besonders detailliert kann das Fundortetikett ohnehin nicht gewesen sein, wenn nicht einmal das Jahr angegeben war (Heckel schreibt, vermutlich aus dem Gedächtnis, „1895 oder 1896“). Wie steht es mit Steuerinspektor Heckel? Er hat das Tier nachbestimmt – oder könnte er eine einheimische O. carmelita gegen eine fremde O. sieversii ausgetauscht haben? Das halte ich für unwahrscheinlich, denn dann wäre es ihm sicher gelungen, die Art in den Folgejahren wieder „aufzufinden“ und zu verhökern. Andererseits findet sich bei Bode zu Psyche viadrina die Angabe: „Die Art ist von Heckel hier mit Erfolg am Dammtor-Kirchhof akklimatisiert worden. Die Stammraupen stammen aus Oberschlesien.“ Und in Schlesien kommt O. sieversii vor… Über Hermann Kreye (1857-1940) weiß ich nur, daß er Inhaber einer Naturalienhandlung war. Manchen Insektenhändlern wurde nachgesagt, daß sie Fundortangaben fälschten, um Belegstücke teurer verkaufen zu können (z.B. als Neufunde für bestimmte Gebiete) oder daß sie in dieser Hinsicht zumindest wenig Sorgfalt walten ließen, aber über Kreyes Leumund ist mir nichts bekannt.

Es bleiben also die zwei offenen Fragen: Stammen die beiden vorhandenen Belege wirklich aus Niedersachsen und falls ja, wie sind sie dahin gekommen? – Kann es sich um eine alteingesessene Reliktpopulation gehandelt haben, die um die Jahrhundertwende ausstarb? Wohl unwahrscheinlich. – Könnte ein trächtiges Weibchen verschleppt oder verdriftet worden sein, das dort eine kurzlebige Population begründete, die dann wieder ausstarb, weil die Umweltverhältnisse eben doch nicht so gut paßten? Das vielleicht noch am ehesten. – Das identische Nachweisjahr könnte auf eine einmalige Einwanderungswelle deuten, wie es von anderen Arten bekannt ist (z.B. Cucullia boryphora und Agrotis desertorum), aber dann würde man keine so nahe benachbarten Fundorte erwarten. – Und wie wahrscheinlich ist es, daß zwei Fundortfälscher in geringer Entfernung voneinander dieselbe Art im selben Jahr erscheinen lassen? Sehr unwahrscheinlich.

Sicher ist nur eines: Heute kommt Odontosia sieversii in Deutschland nicht vor.

 

Literatur

Bode, W. (1907): Die Schmetterlingsfauna von Hildesheim. – Mitteilungen aus dem Roemer-Museum, Hildesheim, 22: 1-65.

Daniel, F. (1964): Odontosia sieversi Mén. und patricia Stich. (Lep.-Notodontidae). – Zeitschrift der Wiener entomologischen Gesellschaft, 49: 37-47, Taf. 6-7.

Heckel (1917): Zum Vorkommen von Odontosia sieversi Mén. – Internationale entomologische Zeitschrift [Guben], 11: 52-53.

Jordan, K. (1886): Die Schmetterlingsfauna Nordwest-Deutschlands, insbesondere die lepidopterologischen Verhältnisse der Umgebung von Göttingen. – Zoologische Jahrbücher, Suppl. 1: I-XVIII, 1-164.

Seifers, L. in Autorenkollektiv (1919): Aus den entomologischen Vereinen. Berliner Entomologen-Bund. Sitzung am 11. Dezember 1917. – Internationale entomologische Zeitschrift [Guben], 12: 187-190.

Stichel, H. (1918): Zur Monographie von Odontosia sieversii (Men.) (Lep., Het., Not.), sowie Beschreibung einer neuen, verwandten Art. – Zeitschrift für wissenschaftliche Insektenbiologie, 14: 25-39, Taf. 1.

Tutt, J. W. (1903): Current notes. – Entomologist’s record and journal of variation, 15: 272.

 

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