Faunistische Frag(würdigkeit)en – Der Eichenschwärmer Marumba quercus in Deutschland

„Schau mir in die Augen, Kleines…

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… und sag mir, ob du wirklich daran glaubst, daß ich jemals in Deutschland vorgekommen bin.“


Schon bald nachdem Marumba quercus 1775 aus der Gegend von Wien beschrieben worden war – mit farbiger Abbildung von Falter und Raupe – setzten auch Meldungen aus Deutschland ein. Esper besprach den Eichenschwärmer im Jahr 1780. Sein Exemplar stammte aus Wien, und er bemerkte dazu, die Raupen seien auch in Franken gefunden worden, aber zugrunde gegangen.

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Schrank meldete die Art in seiner Bayern-Fauna (Fauna Boica, 1801) aus Weltenburg und Ingolstadt; zumindest in einem Fall war es definitiv ein Raupenfund. „Gesehen“ spricht dafür, daß sie nicht gesammelt und durchgezüchtet wurde.

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Damit waren die Weichen gestellt und im 2. Band der „Schmetterlinge von Europa“ gab Ochsenheimer (1808) als Verbreitungsgebiet an: „in der Gegend von Wien, in Bayern und Ungarn sehr selten.“

Auch Meigen machte in seinem „Handbuch für Schmetterlingsliebhaber“ von 1827 dieselben Angaben.
Und er fügte in der Fußnote einen weiteren Fund hinzu: Eine Raupe bei Elberfeld, die unbemerkt mit Eiche eingetragen wurde und im Wasserbehälter, in dem die Zweige standen, ertrank – weil sie offenbar die Eiche nicht mochte und auf die Suche nach ihrer eigentlichen Nahrung ging.

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1830 wiederholte Meigen diese Angabe und fügte zur Gesamtverbreitung noch hinzu: „In Ungarn, Österreich, Baiern, im südlichen Frankreich – und wahrscheinlich auch in den Rheingegenden.“

Seyffer (1849) meldete einen Fund aus der Umgebung von Stuttgart:

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Es wird langsam ein bekanntes Muster: Eine Jungraupe auf einem Eichenbusch, die kurz darauf einging.

In der Lepidopterenfauna von Baden führte Reutti (1853) Marumba quercus nur in einer Anmerkung.

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Hier scheint erstmals auch ein Falterfund zur Sprache zu kommen. Da Reutti das Tier nicht selbst gesehen hatte, konnte er keine Fehlbestimmung nachweisen, vermutete diese aber (und lag dabei sicher richtig).

In einer Artenliste der Schmetterlinge um Bamberg (Haupt 1854) findet sich – neben Arten wie Erebia melas, Chazara persephone, Pontia callidice und Polyommatus escheri – auch Marumba quercus ohne weiteren Kommentar. Dazu ist unsererseits auch kein Kommentar nötig.

Die Gebrüder Speyer, die 1858-1862 nach mehrjährigen Vorarbeiten ein außerordentlich sorgfältiges und heute noch mit Gewinn zu konsultierendes Werk über die Verbreitung der Schmetterlinge Deutschlands und der Schweiz herausgaben, hatten keine Illusionen über die Leichtgläubigkeit mancher Sammler und bezweifelten die Eichenschwärmer-Angaben aus Deutschland.

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Altum berichtete 1859 über einen 20 Jahre zurückliegenden Fund bei Münster:

Ueber die Schwärmer habe ich nur hinzuzufügen, dass ich im Herbste 1839 (?) auf dem eben abgehauenen starken Zweige einer niedrigen Eiche eine grosse grüne Schwärmerraupe fand, welche ich für die des Smerinth. populi L. hielt und ihr unter der Verwunderung, dass eine Pappelschwärmerraupe auch Eichenblätter frässe, die Freiheit liess. Dass es einen Eichenschwärmer mit ähnlicher Raupe gäbe, war mir damals noch nicht bekannt. Uebrigens waren weder Pappeln noch Weiden (für Ocellata) in der Nähe. Näheres kann ich über die Raupe, welche ich kaum der nähern Besichtigung würdigte, nicht sagen.

Schauen wir uns die Biographie des Herrn an: Im Herbst 1839 ist Bernhard Altum 14 Jahre alt gewesen. Wie zuverlässig mag da seine Erinnerung sein, es seien keine Weiden oder Pappeln am Fundort gewesen? Womöglich stand sogar eine Linde dort.

Mengelbier (1860) glaubte, die Angabe von Altum werde durch die von Stein gestützt – so wird eine Falschmeldung durch eine zweite scheinbar bestätigt.

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Im selben Jahr nannte Kranz in seiner München-Fauna zwei weitere Fundorte, wenn auch ohne jede Details.

Davon ließen sich schließlich sogar die Gebrüder Speyer überzeugen:

Und dann – dann rissen die Funde angeblicher Eichenschwärmer in Deutschland ab. Eine der letzten Wortmeldungen dazu stammt von Reutti, der 1898 in der zweiten Auflage seiner Baden-Fauna die südwestdeutschen Meldungen so kompetent wie nüchtern rekapitulierte:

Wir halten fest: Die wenigen Meldungen von Marumba quercus aus Deutschland beziehen sich – soweit Details angegeben wurden – auf Funde von Raupen an Eiche, deren Weiterzucht misslang. Nun weiß jeder erfahrene Feldentomologe, daß man nach Stürmen und Gewittern oft Raupen an niedrigen Ästen oder in der Bodenvegetation findet, die von höheren Ästen heruntergeweht worden sind. Auch Angriffe von Feinden oder Parasitoiden können Raupen zum Abseilen veranlassen. Wer auf einem niedrigen Eichenbusch eine Raupe findet, die keine Eiche fressen mag, tut gut daran, sich zu fragen, wie das Wetter war und welche Bäume in der unmittelbaren Umgebung stehen.

Wunschdenken und Leichtgläubigkeit gehörten damals wie heute zu den verbreitetsten „Berufskrankheiten“ der Schmetterlingssammler. Seriöse Entomologen wie die Gebrüder Speyer, Carl Reutti oder Otto Staudinger waren sich darüber im Klaren. Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert kennen wir heute die Verbreitung von Marumba quercus recht genau und wissen, daß Deutschland nicht zum Artareal gehört. Wir wissen auch, daß die Raupen von Eichen-, Pappel-, Lindenschwärmer und Abendpfauenauge sich sehr ähnlich sehen. So lautet das Fazit aus den zitierten Eichenschwärmer-Meldungen, daß es sich in sämtlichen Fällen um Fehlbestimmungen gehandelt haben muß, die dadurch zustande kamen, daß andere Schwärmerraupen auf Eichenzweige verschlagen worden waren. Daß diese Raupen Eiche als Futter verschmähten und stattdessen verhungerten, unterstreicht diese Deutung.

Literatur

Altum, J. B. T. (1859): Lepidopterologisches aus dem Münsterlande. – Entomologische Zeitung [Stettin], 20: 383-387.
Haupt, L. (1854): Verzeichniss der um Bamberg bis jetzt aufgefundenen Schmetterlinge. – Ueber das Bestehen und Wirken des naturforschenden Vereins zu Bamberg, 2: 80-87.
Kranz, J. B. (1860): Schmetterlinge um München. Enthaltend: Tagfalter, Schwärmer, Spinner und Eulen in systematischer Reihenfolge nebst Angabe des Fundortes, der Erschelnungszeit, der Zeit des Sammelns der Raupen, der Nahrungspflanzen und vielen andern praktischen Bemerkungen. – München (Georg Franz). VIII + 115 S.
Meigen, J. W. (1827): Handbuch für Schmetterlingsliebhaber besonders für Anfänger im Sammeln. – Aachen (LaRuelle & Destez). [2] + IV + 258 S., 1 Frontispiz, 15 Taf.
Meigen, J. W. (1830): Systematische Beschreibung des Europäischen Schmetterlinge mit Abbildungen auf Steintafeln. Zweiter Band. – Aachen, Leipzig (J. A. Mayer). 38 Taf.
Reutti, C. (1853): Uebersicht der Lepidopteren-Fauna des Grossher­zogthum’s Baden. – Beiträge zur rheinischen Naturgeschichte, 3: I-VIII, 1-216.
Reutti, C. (1898): Übersicht der Lepidopteren-Fauna des Grossherzogtums Baden [und der anstossenden Länder]. – Verhandlungen des naturwissenschaftlichen Vereins in Karlsruhe, 12: I-XII, 1-361.
Schrank, F. v. Paula (1801): Fauna Boica. Durchgedachte Geschichte der in Baiern einheimischen und zahmen Thiere. Zweyter Band, erste Abtheilung. – Ingolstadt (J. W. Krüll). [2] + VIII + 274 S.
Seyffer, O. E. J. (1850): Verzeichniss und Beobachtungen über die in Württemberg vorkommenden Lepidopteren. – Jahreshefte des Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg, 5: 76-123.
Speyer, A. & Speyer, A. (1858): Die geographische Verbreitung der Schmetterlinge Deutschlands und der Schweiz. Nebst Untersuchungen über die geographischen Verhältnisse der Lepidopterenfauna dieser Länder überhaupt. Erster Theil. Die Tagfalter, Schwärmer und Spinner. (Papilio, Sphinx et Bombyx s.l.). – Leipzig (Engelmann). XVI + 478 S.
Speyer, A. & Speyer, A. (1862): Die geographische Verbreitung der Schmetterlinge Deutschlands und der Schweiz. Nebst Untersuchungen über die geographischen Verhältnisse der Lepidopterenfauna dieser Länder überhaupt. Zweiter Theil. Die Noctuinen im weitern Sinne. – Leipzig (Engelmann). VIII + 320 S.
Traub, B. (1994): Sphingidae. – S. 118-209. – In: Ebert, G. (Hrsg.): Die Schmetterlinge Baden-Württembergs. Band 4: Nachtfalter II. – Stuttgart (Ulmer Verlag). 535 S.
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