Raben und Elstern (Teil 4)

Es gibt nicht viele Entomologen, bei denen die Anzahl der von ihnen entdeckten oder beschriebenen Taxa und ihr persönlicher Leumund einen so schroffen Gegensatz bilden wie bei A. H. Fassl. Hunderte von neuentdeckten Arten und Unterarten aus Südamerika verdankt ihm die Wissenschaft. Viele davon sind nach ihm benannt; der Artname fassli begegnet uns in Tag- und Nachtfalterfamilien und auch in anderen Insektengruppen. Fassl selbst hat hauptsächlich Tagfalterarten, -unterarten und -formen beschrieben.

Wer war dieser Mann, der in Deutschland zeitweise per Haftbefehl gesucht wurde?

Fassl, Anton Hermann (1876-1922)-m1

Anton Heinrich Hermann Fassl jun. wurde 1876 in Komotau in Böhmen geboren und starb 1922 am Amazonas. Er war der Sohn eines gut bekannten Antiquitäten- und Naturalienhändlers. Abgesehen von diesen nüchternen Daten wußte ich über Fassls Leben und Wirken lange Zeit nichts, weil südamerikanische Tagfalter nicht mein Arbeitsgebiet sind. Irgendwann stieß ich auf zwei Kommentare von Camillo Schaufuss aus dem Jahr 1906, in denen es um eine Gerichtsverhandlung gegen Fassl wegen Diebstahl und Unterschlagung ging. Weitere Recherchen förderten einige Zeitungsberichte zutage – wie schön, daß heute so viel Gedrucktes auch online zu finden ist. Hier sind die Fakten, wie sie die Zeitgenossen im Jahr 1906 lesen konnten.

Teplitz-Schönau, 16. August. (Privat-Telegramm.) Aus Requisition der Berliner Kriminalpolizei wurde bei dem hiesigen Antiquitätensammler F a ß l, dessen Sohn in einem Berliner Naturaliengeschäft von R o l l e seit fünf Jahren angestellt ist, eine  Hausdurchsuchung  vorgenommen,  und  hierbei  wertvolle S c h m e t t e r l i n g e und K ä f e r s a m m l u n g e n im ungefähren W e r t e  v o n  m i n d e s t e n s  70.000  M a r k, welche der Sohn aus dem Geschäfte nach und nach entwendet und seinem Vater hierher gesandt hat, entdeckt. Der Geschäftsinhaber ist heute hier eingetroffen und hat sein Eigentum agnosziert. Der Diebstahl erregt hier mit Rücksicht auf die in Betracht kommende Person riesiges Aufsehen. Der Täter wurde in Berlin verhaftet. (Die bestohlene Berliner Firma ist das Naturhistorische Institut Kosmos, Inhaber Hermann Rolle, in der Königgrätzerstraße 89. Red.)
(Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, 35 (415) vom 17.8.1906, Morgen-Ausgabe)

Die geraubten Schmetterlinge. Zu dem Schmetterlingsdiebstahl, über den wir in der heutigen Morgennummer berichteten, wird uns noch folgendes mitgeteilt: Der verhaftete Anton Faßl, Sohn des Antiquitätenhändlers Faßl, steht im 28. Jahre und erfreute sich wahrend seiner fünfjährigen Tätigkeit bei dem Naturhistorischen Institut K o s m o s (Inhaber Hermann Rolle) in der Königgrätzerstraße 89 des größten Vertrauens seitens seines Chefs, weshalb ihm auch in geschäftlicher Beziehung freie Hand gelassen wurde. Dieses Entgegenkommen ging sogar so weit, daß er sich eigene Sammlungen anlegen und auch verkaufen durfte. Um so unverständlicher erschien es dem Geschäftsinhaber, daß er zum 1. Oktober d. J. seine Stellung kündigte. Irgendeinen stichhaltigen Grund zu dem plötzlichen Austritt vermochte der junge Mann nicht anzugeben. Von da an schöpfte der Inhaber Rolle Verdacht. Er kontrollierte seine Warenbestände und fand nun zu seiner Ueberraschung, daß mehrere Käfer= und Schmetterlingssammlungen im Werte von etwa 70,000 Mark fehlten. Die Folge war die sofortige Benachrichtigung der Kriminalpolizei, die den ungetreuen Angestellten in seiner Wohnung in der Großbeerenstraße verhaftete. Gleichzeitig wurde der Polizeibehörde in Teplitz=Schönau Mitteilung gemacht und ersucht, beim Vater des Verhafteten Haussuchung abzuhalten und die Sammlungen vorläufig zu beschlagnahmen. Gestern begab sich der betrogene Chef dorthin und fand unter den beschlagnahmten Sammlungen sein Eigentum wieder. Der Sohn hatte seinem Vater nach und nach die gestohlenen Sammlungen per Post hingeschickt.
(Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, 35 (416) vom 17.8.1906, Abend-Ausgabe)

Zum Falle selbst wäre noch nachzutragen, daß seitens der hiesigen Polizei noch weitere Haus­durchsuchungen vorgenommen wurden, und zwar bei dem Onkel des Anton Faßl, der als Kammerdiener des Abtes im Stift Offegg in Diensten steht. Auch dort wurden größere Mengen von Schmetterlingen und Käfern vorgefunden, die der Vertreter der geschädigten Firma gleichfalls als deren Eigentum feststellte. In Bilin und Turn vorgenommene Hausdurchsuchungen waren erfolglos.
(Teplitz-Schönauer Anzeiger Nr. 100 vom 20.8.1906)

Die Tagespresse (Frankfurter Generalanzeiger, Teplitz-Schönauer-Anzeiger) meldet, dass beim Antiquitätenhändler A. H. Fassl in Teplitz i. B. auf Ansuchen der Berliner Kriminalpolizei eine Haussuchung vorgenommen wurde, welche Schmetterlinge und Käfer im Katalogwerte von etwa 60 000 M zutage förderte, die der Sohn des Genannten, A. H. Fassl jr., der seit fünf Jahren bei dem Naturhistorischen Institut „Kosmos“ (Herm. Rolle), Berlin, angestellt war, dieser Firma gestohlen hat und seinem Vater zugehen liess. H. Rolle ist der Überzeugung, dass Fassl sich überdies verschiedener Unterschlagungen schuldig gemacht hat, indem er exotische Schmetterlinge auf eigene Rechnung unter eigenem Namen oder unter dem der Firma verkaufte, und bittet alle diejenigen, welche von Fassl Tiere bezogen haben oder von der Firma im letzten Jahre unter Nachnahme des Betrages gekauft haben, um Mitteilung (Datum, Betrag, Inhalt der Sendung), verzichtet aber von vornherein auf Rückgabe der betr. Waren. Fassl jr. befindet sich im Untersuchungsgefängnis Moabit, sein Vater konnte krankheitshalber nicht verhaftet werden.
(Anonymus [= Camillo Schaufuss] 1906a)

Eine bedenkliche Nachricht kommt aus Berlin. Das Schöffengericht hat Anton Fassl, welcher die Firma Rolle, wie er eingesteht und wie ihm bewiesen ward, um Schmetterlinge im Einkaufswerte von wenigstens etwa 10 000 M bestohlen hat, freigesprochen. Dies beantragte der Staatsanwalt „nicht weil er die volle Überzeugung habe, dass F. unzurechnungsfähig sei, sondern weil der Gerichtshof berechtigte Zweifel an der freien Willensbestimmung des F. habe, sobald für diesen bei seiner leidenschaftlichen Sammelwut Schmetterlinge in Frage kommen.“ Die Geschichte des Sammelwesens ist reich an Diebstahlsepisoden, manche von ihnen ist tatsächlich psychopathisch zu erklären; den vorliegenden Fall beurteilt man in Fachkreisen aber ganz anders, als es das Schöffengericht getan hat und es ist nicht erfindlich, warum dasselbe nicht einen Sachverständigen, d. h. einen erfahrenen Lepidopterologen, etwa den Vorsitzenden des Berliner entomologischen Vereins, zugezogen hat. Die Räubergeschichten, mit denen Fassl’s Frau (die ursprüngliche Anzeigerin des Diebstahls) das Gericht beeinflusst hat, konnten nur bei Laien verfangen.
(Anonymus [= Camillo Schaufuss] 1906b)

Die Oberstaatsanwaltschaft legte gegen das Urteil Berufung ein. Als Fassl zum neuen Gerichtstermin nicht erschien – er war nach Böhmen geflohen – wurde in Deutschland Haftbefehl gegen ihn erlassen. 1907 oder 1908 setzte sich Fassl nach Südamerika ab.

Diese erste Reise unternahm er mit Otto Garlepp; sie führte nach Bolivien und Kolumbien und dauerte bis 1910 (oder 1911). Nach ihrer Heimkehr haben sich beide fotografieren lassen (links Fassl, rechts Garlepp).

1912 schiffte er sich erneut nach Südamerika ein, diesmal mit seinem Bruder Eduard Fassl. Sie bereisten Bolivien, bis Antons Malariainfektion ihn 1913 zur Heimreise zwang. Eduard blieb und sammelte weiter. Nach Ausbruch des 1. Weltkriegs durch die Blockade Mitteleuropas vom Kontakt mit der Heimat abgeschnitten ließ er sich in La Paz nieder und eröffnete ein Geschäft.

Anton nahm am ersten Weltkrieg teil, doch blieb ihm wegen seiner immer wiederkehrenden Malaria ein Fronteinsatz erspart. Gleich nach dem Krieg begann er mit den Vorbereitungen zu einer erneuten Südamerikareise, die er Ende 1919 endlich verwirklichen konnte. Anfang Januar 1920 fuhr er mit zwei Gehilfen in Le Havre ab, um im Amazonasgebiet zu sammeln.

Soweit kann man das in den Nachrufen und biographischen Notizen über Fassl nachlesen. Aber es ist nur die halbe Geschichte.

Schließlich kam mir die Entomologische Zeitschrift von 1922 in die Hände, in der sich zwei nicht-entomologische Aufsätze befinden. (Damals war es noch möglich, private Fehden in Fachzeitschriften auszutragen.) In dem ersten Artikel „In eigener Sache!“ wetterte ein scheinbar entrüsteter Fassl gegen seinen Sammler Hugo Boy, dem er Vertragsbruch und tätliche Angriffe vorwarf – ein Artikel, der Fassl selbst nicht gerade in besonders sympathischem Licht erscheinen läßt. Etwas später im selben Jahr erschien in der gleichen Zeitschrift eine vierseitige Beilage von Gottfried Hagmann, die unter dem Titel „In Sachen der Wahrheit und Gerechtigkeit“ eine abgewogene Darstellung von Fassls Verhältnis zu seinen Sammlern enthält.

Dr. Gottfried Hagmann (1875-1946) war ein seriöser Schweizer Zoologe. Er hatte 1898 über diluviale Wirbeltiere promoviert und war von 1899 bis 1904 Inspektor des Zoologischen Gartens am Goeldi-Museum in Belem gewesen, bevor er sich als Plantagenbesitzer bei Santarem selbstständig machte. Auf seinem Anwesen Taperinha beherbergte er über die Jahre hinweg viele europäische Biologen. 1920 wohnten auch Fassl und seine Sammler mehrere Monate lang bei ihm.

Er war in der Sache unbeteiligt und hatte nichts zu gewinnen, aber er riskierte, sich bei Fassls Freunden und Kunden unbeliebt zu machen. Sein Aufsatz trägt durch und durch den Stempel der Wahrheit. Offensichtlich hat Fassl seine Sammler in übelster Weise ausgenutzt und übervorteilt. Ich stelle diese beiden Aufsätze hier ein, weil sie ein interessantes Licht nicht nur auf Fassls dubiose Praktiken werfen sondern auch auf die harten Bedingungen und die Abhängigkeiten, unter denen angestellte Sammler in den Tropen arbeiteten.

Zunächst Fassls Elaborat:

In eigener Sache!
Vor zwei Jahren trat ich mit zwei Gehilfen, die sich schriftlich und mündlich als Sammler für mich verpflichteten, eine entomologische Forschungsreise nach dem Amazonenstrom an, zu welchem Zwecke ich namhafte Anleihen in fremder Währung zur Bestreitung der ganz enormen Reisespesen für mich und meine Sammler aufnehmen mußte.

Im Mai vorigen Jahres erklärte nun einer der beiden Sammler
        Hugo Carlos Boy
        aus Lodz (Polen)
sich lohnenderer Beschäftigung als Ban- oder-Rossaarbeiter widmen und mein Unternehmen, dem er bis März 1923 verpflichtet ist und wofür er 30 000 Mark als noch unverrechnete Reisevorschüsse empfangen, für die er Insekten-Ausbeuten zu liefern hat, verlassen zu wollen.

Meine und meines andern Sammlers Vorstellungen, daß seine Handlungsweise ein grober Kontraktbruch sei, beantwortete er damit, daß er sich am letzten Tage unseres Beisammenseins als „wilder Mann“ gebärdete, mich mit einem Stuhle erschlagen wollte und auch meinen Herrn Strympl tätlich bedrohte, als dieser seinen Aufwiegelungsversuchen gegen mich kein Gehör schenkte und sich seiner Revolte nicht anschloß, — Bei dieser Gelegenheit erklärte er sich ferner als Bolschewik radikalster Richtung. Nur unserer Besonnenheit und Ruhe ist die Vermeidung weiteren Geschehens zu verdanken.

Am Abend wunderte sich dann der junge Mann, daß ich ihn nicht verhaften ließ (woran mir natürlich unter Landsleuten im fremden Lande nichts gelegen war) und verließ mich eigenwillig.

Meine Vermutung, daß die Motivierung mit lohnenderer anderweitiger Beschäftigung als die Entomologie, nur eine feile Ausrede sei, und der ganze Auftritt des letzten Tages nur heraufbeschworen war, um mir geschäftlich meuchlings in den Rücken zu fallen, bestätigten die nur kurze Zeit darauf in den Fachblättern erschienenen Inserate Hugo Boy’s und seines Verwandten
        H. Luhk, Ludwigslust
worin diese sich zur Lieferung von Amazonas-Schmetterlingen und anderer Insekten, allen neubeschriebenen und noch nicht beschriebenen Agrias-Arten zu niedrigsten und billigsten Preisen erbieten.

Wer erfährt, daß in der Zeit unseres gemeinsamen Sammelns von 1½ Jahren von den 12 neubeschriebenen Agrias-Formen 11 von mir persönlich entdeckt wurden und ein ähnliches Verhältnis auch hinsichtlich der ganzen übrigen Ausbeute besteht, der wird das obige Angebot entsprechend ernst nehmen können. Wenn ich weiters erwähne, daß unsere Reise bis zum Abgange Boy’s mehr als 50 000 Frcs. gekostet hat und wer die heutigen, hiesigen Lebensverhältnisse nur einigermaßen kennt, der wird ermessen können, wie „billigst“ und niedrigst man Amazonas-Falter abgeben kann.

Abgesehen von der persönlichen Geldschädigung und der schuftigen Handlungsweise Boy‘s, wäre ich der letzte, der sich gegen eine gesunde Konkurrenz wehrt; ich begrüße jede wirkliche Neuentdeckung auf unserem Gebiete mit Freuden und fast ebenso, als wenn ich sie selbst gefangen hätte. — Aber eine Existenz, die sich auf Betrügereien aufbauen will und eine Reklame, die mit Zukunftsversprechungen arbeitet, die jeder mit hiesigen Verhältnissen Vertraute geradezu lächerlich finden muß, verdient entsprechend niedriger gehängt zu werden, und jeder Leser dieser Inserate möge selbst beurteilen, inwieweit der Mann vertrauenswürdig ist. — Da Boy außerdem die Hälfte des Betrages an eine Bank in Brasilien im Voraus wünscht, dürfte ich wohl bald nicht der allein Geschädigte sein; umsomehr als Boy bei seiner Besitzlosigkeit und hier im brasilianischen Urwald kaum belangt und ersatzpflichtig gemacht werden kann, und persönliche Interventionen mit Lebensgefahr für die Beteiligten verbunden sind; auch mir droht er neuerdings in einem Briefe mit den rüdesten Redewendungen, daß er mir nicht ausweichen wird, wenn er mich treffen sollte.

Abgesehen von einer Konventionalstrafe, die Boy sich seinerzeit bei Abgabe seiner Ausbeute an andere für jeden einzelnen Fall zu zahlen verpflichtete, sind alle bis zum März 1923 von Boy gesammelten Ausbeuten dem Rechtsstandpunkte nach mein Eigentum, also auch jene Insekten, die Boy persönlich oder durch Hintermänner von seinen Ausbeuten abgibt.

Es diene daher zur allgemeinen Kenntnis, daß Material meines Unternehmens stets mit meiner Originalhandschrift versehen ist und an Händler und Wiederverkäufer auch nur unter der Bedingung weitergegeben wird, daß die handschriftlichen Daten bei Weiterverbreitung beigegeben bleiben müssen, ebenso daß der Sammler beim Weiterofferieren genannt sein muß. — Nachdem im Gebiete des Amazonenstromes außer unserem Unternehmen kein anderer Sammler rationell tätig ist, sind Boy‘sche Ausbeuten auch unter Decknamen unschwer zu erkennen.
        Santarèm, im Januar 1922.
        A. H. Fassl.

Ich erkläre hiermit, daß die mich persönlich berührenden, vorstehenden Ausführungen, wie auch die geschilderte Art des Abganges und Kontraktbruches von seiten meines ehemaligen Kollegen Hugo Carlos Boy vollständig der Wahrheit entsprechen.
        Santarèm, im Januar 1922.
        Alois Strympl.

Und hier die ausgewogene Darstellung von Hagmann (1922):

In Sachen der Wahrheit und Gerechtigkeit
Eine Erwiderung an A. H. Fassl aus Teplitz.

In Nummer 26 der Entomologischen Zeitschrift, Frankfurt a. M. vom 25. März 1922 sah sich Fassl veranlaßt, „in eigener Sache“ eine Erklärung über sein Verhältnis zu Hugo Karl Boy zu veröffentlichen.

Da ich zur Genüge Gelegenheit hatte, Einblick in das Verhältnis zwischen Fassl und Boy zu haben, wäre es von meiner Seite eine noch größere Niederträchtigkeit, die Wahrheit in dieser Sache zu verschweigen und ich finde deshalb, daß es meine Pflicht ist, gegen die geradezu empörenden Verleumdungen, zu denen sich Fassl hinreißen läßt, zu protestieren.

Ich möchte vorerst ausdrücklich betont haben, daß ich weder Fassl noch Boy vor dem Februar 1920 gekannt habe. Fassl wurde mir von einem Bekannten in München empfohlen, um ihm bei seiner bevorstehenden Reise nach dem Amazonas mit Rat und Tat behilflich zu sein. Mein Bekannter in München teilte mir damals mit, daß er Fassl persönlich nicht kennt, sondern nur mit ihm in geschäftlicher Verbindung stand.

Fassl traf mit seinen Begleitern Boy und Strympl Ende Februar 1920 auf meiner Besitzung ein und haben alle drei bei mir gewohnt und gegessen. Am 7. Mai brachte Fassl seinen Begleiter Strympl nach dem Tapajoz, während Boy hier blieb. Fassl kam am 30. Juni wieder zurück und blieb noch mit Boy zusammen bis 20. Juli. Ich hatte also reichlich Gelegenheit, Fassl und seine Begleiter als Menschen kennen zu lernen und es wurde mir auch von Strympl und Boy erschöpfende Auskunft über das Engagement, das Fassl mit ihnen eingegangen ist, gegeben. Fassl selbst hat mir gegenüber daraus kein Geheimnis gemacht.

Fassl hat seinen Begleitern in Aussicht gestellt, daß die Sammelreise für sie recht lohnend wäre, so daß sie am Ende der dreijährigen Reise, abzüglich aller Reise- und Verpflegungsspesen, die jeder selbst zu bestreiten hatte, einen netten Ueberschuß haben würden.

Das möchte ja der Fall gewesen sein, wenn Fassl seinen Begleitern gegenüber ehrlich und rechtschaffen gehandelt hätte. Das war aber absolut nicht der Fall, wie ich im Folgenden zeigen werde.

Die nackte Tats[a]che ist die, daß Boy, außer den Mk. 5000.—, die er persönlich aus eigener Tasche für die Ausrüstung und die Reise ausgelegt hatte, an Fassl die Summe von Mk. 29 982.60 schuldet, nachdem er für ihn 15 Monate hier am Amazonas gesammelt hat. Boy‘s Ausgaben während dieser 15 Monate belaufen sich nach Fassl‘s Abrechnung, die mir in seiner eigenen Handschrift vorliegt: Mk. 39 686.60 und Boy‘s Einnahmen auf Mk. 9704.—.

Fassl hat in seiner Erklärung in der Entomolog. Zeitschrift, die doch alles andere als die Wahrheit enthält, nicht den Mut gehabt, Boy als schlechten oder mittelmäßigen Sammler, der nicht einmal das Brot für seine Suppe verdienen kann, hinzustellen. Das könnten ihm heute, nachdem Boy ein Jahr auf eigene Rechnung sammelt, viele Kunden von Boy schlagend widerlegen. Wenn also Boy so geringe Einnahmen zu verzeichnen hat — die von Strympl waren bis zum August 1920 noch miserabler — so liegt das eben daran, daß Fassl die Ausbeuten seiner Begleiter in einer ganz schamlosen Art und Weise bewertet hat.

In den ersten Monaten, die Fassl mit seinen Begleitern bei mir zubrachte, hat Fassl einen Einheitspreis von 15 österr. Hellern gehabt (österreichische Währung von 1920!), den er dann später großmütig auf 30 österr. Heller erhöhte. Erst als ich gelegentlich bei Tisch die Geschichte erzählte, die ich in einer Prager Zeitung, die Fassl zugeschickt bekam, gelesen hatte, daß einem österr. Abgeordneten an einer schweizerisch-österr. Grenzstation im schweizerischen Bahnhofsbüfett der Kellner für 500 österr. Kronen keine Tasse schwarzen Kaffee heranrücken wollte, sah sich Fassl veranlaßt, beim Einheitspreis tschecho-slowakische Währung einzuführen!, die dann nach der Uebersiedelung nach Santarem in deutsche Währung umgemodelt wurde. Fassl hat selbst 1920 in deutschen Entomologischen Zeitschriften für seine Kunden annonciert, daß er nicht in inländischer Währung liefern kann, da dieselbe zu tief steht. Wenn es sich aber um die Abrechnung mit seinen Sammlern handelt, ist ihm diese inländische Währung noch gut genug!

Ein Beispiel aus der Abrechnung von Fassl mit Boy zeigt deutlich die Art und Weise, wie Fassl seine Begleiter ausgebeutet hat.

Boy war im Jahre 1920 in Olidos vom 16. August bis zum 3. Dezember und zwar mit Fassl zusammen bis zum 8. September. Bis zum 8. September hat Boy in Olidos zirka 3000 Falter gefangen, darunter ungefähr 50 Agrias in 3—4 Arten, darunter 2 sehr seltene Varietäten, gegen 200 Morpho hecuba, eine größere Anzahl von Morpho rhetenor usw. Diese Ausbeute bis zum 8. September hat Fassl mit Mk. 1608.60 bewertet. Vom 8. September bis zum 3. Dezember, bei schon schlechter Flugzeit hat Boy weitere 4500 Insekten zusammengebracht, darunter 52 Agrias in 4 Arten, wovon 10 Stück I. Qualität und 16 Stück II. Qualität (nach Fassl‘s eigenhändiger Schätzung, die mir im Original vorliegt), 20 Morpho hecuba, 15 M. metellus, zirka 25 M. rhetenor, 12 Castnia omissa Fassli, 50 Pap. triopas, 50 Helicon. egerides etc. Diese 2. Ausbeute von Obidos bewertete Fassl mit Mk. 4500. — . Fassl hat also in dieser letzten Ausbeute jeden Falter mit einer Mark bewertet, das war nach dem damaligen Kurs in hiesige Währung umgerechnet 100 reis pro Falter. Hier für uns sind 100 reis ungefähr das gleiche, was in Deutschland 10 Pfennige vor dem Kriege waren. Fassl hat seinen Begleitern Prämien für gute Sachen versprochen. Wenn Fassl diese versprochenen Prämien wirklich in Rechnung gezogen hätte, die Boy schon in Anbetracht der erheblichen Anzahl von Agrias zu beanspruchen das Recht hätte, dann käme noch lange nicht einmal ein Einheitspreis von 100 reis pro Falter zustande.

Boy hat während dieser Zeit in Obidos nach Fassls Abrechnung zirka 720 Milreis verbraucht inklusive Reisespesen, Verpflegung, Aninin, Naphtalin, Wäsche etc.). Diese 720 Milreis hat Fassl mit Mk. 7200. — gebucht. Boy hat seine beiden Obidos-Ausbeuten wie schon oben erwähnt mit Mk. 6108.— gutgeschrieben bekommen, also als Ende vom Lied während dieser Zeit in Obidos Mk. 1100.— Schulden gemacht! Ich muß hier ausdrücklich betonen, daß es zu bewundern ist, wie Boy es überhaupt fertig gebracht, resp. es ausgehalten hat, mit 720 Milreis einschließlich aller Anschaffungen die er noch machen mußte, 3 ½ Monate auszukommen !

Fassl erwähnte ja selbst, daß das Leben hier teuer ist. Daß ein Fremder, der die Landessprache nicht völlig beherrscht, teurer wegkommt, als ein alter Eingesessener, das kommt in jedem Lande vor. Die Behauptung jedoch von Fassl, daß ihn die Reise bis zum Abgange von Boy Frs. 50 000. — gekostet hat, ist einfach erlogen! Es läßt sich leicht nachrechnen, daß Fassl kaum die Hälfte gebraucht hat. Diese Behauptung dient nur, um den Leuten Sand in die Augen zu streuen, um seine horrenden Preise, die er von seinen Kunden fordert, einigermaßen zu rechtfertigen! Den gleichen Zweck verfolgen auch seine Reisebeschreibungen, nach welchen er täglich dutzendmal in direkter Lebensgefahr steht! Das ist einfach lächerlich, aber für Fassl gilt auch der alte Spruch: das Klappern gehört zum Geschäft!

Daß das Leben hier in gewisser Hinsicht teuer ist und daß in den Tropen Gefahren und Entbehrungen häufiger sind als in Europa, weiß jedermann, aber das gilt für uns alle hier im gleichen Maße, jedenfalls ebenso für die Begleiter von Fassl als wie für ihn selbst. Es wäre also jedenfalls nur recht und billig, wenn Fassl seinen Begleitern mindestens so viel zukommen lassen würde, daß sie auch bei einer menschenwürdigen Verpflegung, die sie sich selbst bestreiten müssen, ihr Auskommen finden würden und nicht, trotz aller Aufopferung tagtäglich mit Leib und Seele weiter an Fassl sich verschreiben müssen.

Diese Art und Weise von Fassl mit seinen Sammlern umzugehen, hat, wie es scheint, seinen wohlberechneten Zweck, wie ich noch näher zeigen werde.

Boy hatte schon im Juli 1920!, also hier in meinem Hause, von Fassl eine Abrechnung verlangt, um zu wissen, was er verdient und was er schuldet. Diese Abrechnung wußte Fassl stets hinauszuschieben und schob sie hinaus bis zum 31. Mai 1921!!

Schon Wochen vor der Uebersiedlung von Santarem nach dem oberen Amazonas drängte Boy beinahe täglich nach einer Abrechnung. Erst am 31. Mai, am Tage der Abfahrt nach Manáos, rückte Fassl einige Stunden vor Abgang des Dampfers mit der Abrechnung heraus, da sich Boy entschieden weigerte, ohne eine vorherige Abrechnung sich nach Manáos einzuschiffen. Daß Boy über sein Debit- Saldo von nahezu Mk. 30 000.— sehr aufgebracht war, dürfte wohl jedermann begreifen. Empörend ist jedoch der Zynismus von Fassl, mit dem er in seiner Erklärung berichtet, Boy hätte sich als „wilder Mann“ gebärdet. Daß sich Fassl als Schurke gezeigt hat, der auch den ruhigsten Menschen aus dem Gleichgewicht bringen könnte, verschweigt er wohlweislich. Nur der tadellosen Erziehung von Boy hat Fassl es zu verdanken, daß er für seine niederträchtige Abgreiferei nicht eine wohlverdiente Tracht Prügel bekommen hat. Nicht die „Besonnenheit“ und „Ruhe“ von Fassl — denn die war nicht weit her, da er sich hinter Weiberröcke verkroch — hat ein weiteres Geschehen vermieden, sondern seine bodenlose Feigheit, indem Fassl trotz allem, auf den Knieen bittend Boy noch zu veranlassen suchte, die Reise weiter mit ihm zu machen!

Hätte Fassl nur im allergeringsten Maße ehrliche Absichten vorgehabt, so hätte er ohne jede Anstrengung vierteljährlich mit seinen Begleitern abrechnen können, aber das lag ja gar nicht in seinem Interesse.

Boy hat dann in der Nacht einen in Santarem ansässigen Deutschen um Unterkunft gebeten, und wie er nach der Wohnung von Fassl zurückkam, um seine Sachen abholen zu lassen, an Fassl den Vorschlag gemacht, daß er weiter mit ihm sammeln wolle, wenn er ihm nach Ablauf der drei Jahre schuldenfreie Rückreise zusichere. Fassl, um keine festen Zusicherungen abgeben zu müssen, brauchte Ausflüchte, und Boy blieb in Santarem zurück, ohne einen baren Pfennig Geld in der Tasche zu haben. Deutsche und wir Schweizer in Santarem, die wir alle Boy als sehr ehrenhaften Menschen schätzen und als äußerst eifrigen Sammler kennen gelernt haben, nahmen, wie das unsere Pflicht als Mensch es verlangte, [uns] seiner an. Die Absicht von Boy, sich als Landarbeiter zu verdingen, die er auch Fassl gegenüber kund tat, als ihn dieser hänselte, wie er denn sein Brot hier verdienen wolle, haben wir nicht zugegeben, sondern ihn finanziell unterstützt, damit er weiter für eigene Rechnung sammeln konnte.

Es ist also keine feile Ausrede von Boy gewesen, wie Fassl es nun hinstellt, denn wenn wir Boy nicht finanziell unterstützt hätten, wäre ihm wahrhaftig nicht viel anders übrig geblieben, wie als Landarbeiter sich sein kärgliches Brot zu suchen. Daß der ganze Auftritt des letzten Tages nur heraufbeschworen war, um Fassl geschäftlich meuchlings in den Rücken zu fallen, wie Fassl in seiner Erklärung zu behaupten geruht, ist eine gemeine Lüge! Wenn Fassl als Bestätigung seiner Behauptung ,,die kurze Zeit darauf in den Fachblättern erschienenen Inserate Boys“ anführen will, dann hat er sich eben sehr geirrt. — Da wir nämlich gar nicht der Meinung sind, daß Fassl das Monopol hat, allein am Amazonas Schmetterlinge sammeln zu dürfen, um seine unverschämten Preise hoch halten zu können, haben wir eben dafür gesorgt, daß Boy weiter sammeln konnte. Zwei hochangesehene Deutsche in Süd-Brasilien, die eigene entomologische Sammlungen haben, haben auf meine Veranlassung hin Boy sofort finanziell unterstützt, und ich habe die Genugtuung, aus Briefen zu ersehen, wie sehr beide Herren mit den Sendungen von Boy zufrieden sind!

Daß Fassl Boy seine Besitzlosigkeit vorwirft, ist eine Schnödigkeit und Taktlosigkeit ohne Gleichen, denn Fassl weiß so gut wie wir alle, daß Boy als Reichsdeutscher in Lodz durch den Krieg sein ganzes Vermögen verloren hat, daß derselbe vom ersten Tage des Krieges in russischer Gefangenschaft war, und daß er gegen Schluß des Krieges, nachdem es ihm möglich war, nach Deutschland durchzukommen, sofort nach seiner Rückkehr in die alte Heimat als deutscher Soldat zum Schutze seines Vaterlandes ehrlich und redlich bis November 1919 seinen Mann gestellt hat.

Fassl sucht Boy als Pole hinzustellen, während er persönlich die Taktik führt, bei Deutschen als Deutscher zu gelten, bei den Alliierten jedoch sich als Tschecho-Slowake aufzuspielen. Deshalb ist es Fassl und Strympl auch gelungen, als Tschecho-Slowaken mit einem englischen Dampfer die Reise direkt nach Pará machen zu können, während der waschechte Deutsche Boy mit einem holländischen Schiff via Pernambuco nach Pará kommen mußte, notabene selbst auf dem brasilianischen Küstendampfer als Zwischendeck-Passagier!

Fassl hat sich überhaupt im allgemeinen seinen Sammlern gegenüber sehr schmutzig benommen. Fassl hat seine persönlichen Ausbeuten immer in den höchsten Himmel gehoben, während an den Ausbeuten seiner Sammler immer etwas zu stänkern war. Hat Fassl irgend einen Falter gefangen, dann war es immer eine hervorragende Seltenheit, wenn aber z. B. am nächsten Tage Boy denselben Falter dutzendweise in prima Qualität nach Hause brachte, dann war er schon nichts mehr wert. Das war ja für Fassl eine recht billige Ausrede, denn so konnte Boy keine Prämie dafür beanspruchen und mußte sich mit dem lumpigen Einheitspreise begnügen.

Fassl hat seine Begleiter stets persönlich an neue Fangorte „eingeführt“, als ob er überhaupt je schon in seinem Leben dortgewesen wäre. Dort hat er dann die beste Fangstelle für sich reserviert und seinen Begleitern das andere übrig gelassen. Fassl blieb mit seinem Begleiter zusammen so lange die Flugzeit gut war, verzog sich dann und ließ seinen Begleiter noch den Rest abfangen. So hat es Fassl mit Boy in Obidos gemacht, vom 16. August bis zum 8. September. Was Boy dort während dieser kurzen Zeit alles zusammengebracht hat, habe ich schon erwähnt und ich möchte noch einmal hervorheben, daß Fassl die Ausbeute von ca. 3000 Faltern (mit ca. 50 Agrias und 200 Morpho hecuba) mit Mk. 1608.60 bewertet hat.

Die Unverfrorenheit Fassl‘s, Boy einen Kontraktbruch vorzuwerfen, ist wirklich bewundernswert. Boy hätte Fassl wegen Betrug verklagen sollen, denn die Bewertung von Boy‘s Ausbeuten durch Fassl können nur als Betrug bezeichnet werden! Fassl‘s Kunden werden ja am besten wissen, wieviel engllche Pfund ihnen ihr Lieferant für jeden Agrias abnimmt und können nun auch selbst die Rechnung aufstellen, was Fassl seinen Sammlern dafür gutgeschrieben hat.

Tatsächlich liegt Kontraktbruch von Seiten Fassl‘s vor, denn er hat seinen Begleitern einen anständigen Verdienst vorgespiegelt und hat nun seine Schätzungen der Ausbeuten so gedeichselt, daß ein horrentes Defizit für seine Begleiter herauskommt. Wenn Boy mindestens nach 15 monatl. Sammeln Fassl gegenüber schuldenfrei gewesen wäre — ohne die Mark 5000.— zu erwähnen, die er aus eigener Tasche hineingesteckt hat — dann hätte Boy ohne weiteres die Sammelreise weiter mitgemacht. Fassl hat seine Begleiter, die über ihre miserablen finanziellen Resultate ihrer Ausbeuten oft aufgebracht waren, immer mit den Ausbeuten am oberen Amazonas vertröstet, wo die seltensten Sachen scheffelweise eingeheimst werden! Daß aber das Leben am oberen Amazonas mindestens doppelt so teuer ist, wie am unteren Amazonas, hat natürlich Fassl verschwiegen.

Der einzige Zweck dieser Machenschaften von Fassl liegt klar auf der Hand. Er hat nämlich seinen Begleitern, Strympl wie Boy versprochen, falls sie ein Jahr länger noch für ihn sammeln, d. h. nachdem er, Fassl, bereits wieder in Europa ist, ihnen die gesamten Schulden zu streichen! Also gibt Fassl selbst zu, daß es evtl. mit dem anständigen Verdienst eo ipso Essig sein könnte!

Wie es scheint rechnete Fassl bereits damit, daß nach Ablauf der 3 Jahre gemeinsamen Sammeins auf seine Rechnung, der eine oder andere evtl. auf eigene Rechnung für sich weitersammelt. Hat Fassl seine Leute noch ein Jahr länger in seinen Krallen, so hat er genügend Zeit seine Ausbeute zu sehr guten Preisen an seine Kunden zu bringen, sodaß später eine evtl. Konkurrenz seiner ehemaligen Gehülfen ihm nicht mehr viel schaden wird. Um das zu erreichen, betrügt man seine Sammler durch miserable Bewertungen der Ausbeuten, damit sie nach Ablauf der drei Jahre so in den Schulden stecken, daß sie froh sind, wenn sie am Schluß eines vierten Jahres sich die Sache von den Schultern wälzen können.

Wie unverschämt Fassl die Wahrheit zu entstellen weiß, zeugt auch die Behauptung von Fassl in seiner Erklärung, daß Boy ihm neuerdings in einem Briefe gedroht hätte, daß er ihm nicht ausweichen werde, wenn er ihn treffen sollte. Das bezieht sich auf eine Antwort von Boy auf einen Brief von Fassl, den ich vor seinem Abgange gelesen habe und auch eine Kopie desselben besitze. Boy schrieb an Fassl: „Ich bin Ihnen nicht flüchtig geworden und werde mich niemals vor Ihnen verstecken, da ich überzeugt bin, keinen Grund dazu zu haben. Im Gegenteil, ziehen Sie ruhig Ihre Consequenzen und behalten Sie sich Ihre weiteren Schritte vor. Ich bin jederzeit bereit mich an richtiger Instanz zu verantworten.“ Ich glaube, jedermann wird verstehen, was Boy damit sagen will; nur Fassl konnte daraus eine „Drohung“ und „Lebensgefahr“ herausdeichseln, da es bei ihm ja nicht auf die Wahrheit ankommt. Boy hat sich niemals geweigert, falls es sich bei einer ehrlichen und rechtschaffenen Abrechnung herausstellen sollte, daß er an Fassl noch schuldet, dies zu bezahlen. Boy hat aber jedenfalls keine Veranlassung und auch kein Gericht wird ihn dazu zwingen können, sich von Fassl buchstäblich auf die schamloseste Art und Weise abseifen zu lassen. Das ganze Gefasel von „Konventionalstrafe“ und „ersatzpflichtig gemacht werden“ hätte sich Fassl sparen können, denn er, Fassl, hat sich eines gemeinen Betruges schuldig gemacht und in seiner ganzen Erklärung „In eigener Sache“ die Wahrheit mit Füßen getreten.

Fassl scheint überhaupt ein sehr „gutes“ Gewissen zu haben. Boy sammelte dieses Frühjahr in Itaituba am Rio Tapajoz und Fassl mit Strympl kamen einige Tage später von Santarem aus ebenfalls dorthin. Dort sammelte Fassl in Begleitung von drei mit Gewehren bewaffneten schwarzen Kerlen und ließ von Zeit zu Zeit, wie ein Verrückter im Walde herumknallen! Fassl scheint nicht einzusehen, was für eine lächerliche Figur er spielt und nur zum Gespött der Brasilianer wird, die mir natürlich das ganze Benehmen von Fassl brühwarm wieder erzählten!

Zur Charakterisierung von Fassl möchte ich noch folgendes, das mich persönlich berührt, erwähnen. Fassl scheint überhaupt eine wahnsinnige Angst vor der Konkurrenz zu haben und scheut dabei vor keiner Gemeinheit zurück. Das habe ich an mir persönlich erfahren müssen, obwohl ich von meinem Münchener Bekannten einen Brief vom 16. September 1920 erhielt, worin es heißt: „Inzwischen wird nun wohl auch Herr Fassl, dessen Sie sich, wie ich höre, in ebenso liebenswürdiger, wie großzügiger Weise angenommen, bei Ihnen Schätze gesammelt haben.“ Ich bin Zoologe von Fach, habe mich aber niemals system. mit Insektenfang abgegeben. Daß ich, was mir sozusagen durch Zufall in die Hände kommt, aufhebe, liegt auf der Hand und was darunter zu gebrauchen war, habe ich auch Fassl geschenkt.

Fassl hat zur Genüge gesehen, daß ich meine wenigen freien Stunden, die mir heute als Pflanzer übrig bleiben, meiner Skelettsammlung widme, und daß meine landwirtschaftliche Tätigkeit mir keine Zeit übrig läßt, um systematisch Schmetterlinge zu fangen, um Fassl event. Konkurrenz machen zu können. Getrieben von seiner maßlosen Furcht vor etwelcher Konkurrenz ist Fassl hingegangen, seinen Begleitern zu verbieten, daß sie mir Seltenheiten, die auf meiner eigenen Besitzung, über die sie ja niemals herauskommen konnten, gesammelt wurden, nicht mehr gezeigt werden durften! Daß ich als Fachzoologe natürlich auch Interesse zeigte, die Schmetterlingsfauna unseres Gebietes kennen zu lernen, wird mir doch niemand verübeln wollen, aber der Gedanke lag mir fern, Fassl irgendwie in‘s Handwerk zu pfuschen. Ich habe bis heute niemals irgend welche Naturobjekte gesammelt, um damit Handel zu treiben. Von mir hat noch niemand ein diesbezügliches Inserat gesehen. Ich hätte jedenfalls seit den 23 Jahren, die ich hier am Amazonas ansässig bin, schon genügend Gelegenheit gehabt, mich auf den Handel mit Naturalien zu verlegen, wenn ich gewollt hätte.

Fassl hat sich auch seinen Begleitern gegenüber dahin ausgedrückt, daß er auf der Post in Santarem schon dafür gesorgt hätte, daß es mir nicht gelingen sollte, auch nur eine „Tüte“ weg zu schicken! Fassl ist ja von zu Hause aus gewöhnt, wie man bestechliche Staatsangestellte kapert, aber dieses Benehmen charakterisiert Fassl vollkommen.

Selbst in der Abhandlung von Fassl : „Neue und wenig bekannte Agrias-Faunen [recte: Formen] des unteren Amazonas“ Entomol. Rundschau Nr. 5 vom 17. Mai 1921, vermeidet er die Fundstelle seines neuen Agrias phalcidon rubrobasalis. Fassl hätte an Stelle von „50 km östlich von Santarem“ ruhig „Taperinha“ setzen können, ein Name der in der zoolog. Fachliteratur bereits figuriert und noch oft figurieren wird. Aber es hätte sich ja evtl. jemand wegen diesem Agrias direkt nach Taperinha wenden können, da im Mitgliederverzeichnis der deutschen zoolog. Gesellschaft meine Adresse mit Taperinha angegeben ist und das hätte natürlich Fassl gar nicht gepaßt. Deshalb ist in einer Abhandlung, der man einen wissenschaftlichen Wert beilegen will, der Name eines Fundortes, der beinahe im ganzen Staate Pará bekannt ist, weggelassen!

Wie weit die Wahrheitsliebe von Fassl geht, zeigt er auch am Schlusse seines Artikels „Agrias– Formen vom Rio Manés“ Entomologische Rundschau Nr. 10 vom 15. Oktober 1921. Dort erwähnt Fassl, daß „der so lange verschollen gewesene Papilio hahneli, nun endlich in meinen Besitz kam“. Daraus schließt doch unwillkürlich jedermann, daß Fassl ihn doch selbst wieder entdeckt und gefangen hat! Das ist aber gar nicht der Fall und ich finde, daß es schon der Mühe wert ist, daß der Wieder-Entdecker von einem Falter, der seit Dr. Hahnel im Jahre . . . in einem einzigen Pärchen bekannt war, mit vollem Namen genannt wird und das war A. Ernst Garbe, der alte und wohlbekannte Sammler der Museums in Saõ Paulo, von dem auch Fassl seine Exemplare erhielt.

Bei dem ganzen Verhalten von Fassl muß man sich unwillkürlich fragen, ob, wie beim Prozesse, den die Firma Hermann Rolle in Berlin seinerzeit gegen Fassl führte, auch heute noch wegen Unzurechnungsfähigkeit mildernde Umstände obzuwalten haben.

Ueber die Behauptung von Strympl, daß Fassls Ausführungen „vollständig der Wahrheit entsprechen“, will ich mich gar nicht einlassen. Ich weiß ja zur Genüge, daß Strympl darauf angewiesen war, Fassl aus der Hand fressen zu müssen. Hätte sich Strympl weigern wollen, seine Unterschrift herzugeben, dann hätte Fassl Mittel und Wege gekannt, ihn dazu zu zwingen. Ich erinnere mich noch eines Falles, der zeigt, wie weit Fassl eventuell geht. Strympl hat den ersten Schmetterling in seinem Leben hier am Amazonas gefangen! Seine Ausbeuten in der ersten Zeit waren sehr minderwertig, so minderwertig, wie sein guter Wille, etwas zu leisten. Daß Fassl darüber öfters sehr erbost war, will ich ihm in keiner Weise übelnehmen. Wie Fassl mit Strympl nach dem Tapajoz fuhr, äußerte sich Fassl mir und meiner Frau gegenüber, daß er Strympl noch 300 Milreis vorstrecken wird und „wenn er mir nichts leistet, dann lasse ich ihn einfach ‚verrecken‘!“ Noch am 20. September 1920 schrieb Fassl in einem Brief an Boy nach Obidos: „Von Strympl erhielt ich Sendung, die mich außer den Eryciniden gar nicht befriedigt, denn er hat in der langen Zeit von 6 Wochen nur 2 Agrias-Fetzen gefangen; in diesem ganz ausgezeichneten Fangterrain.“ —

Ich bin jederzeit bereit für meine obigen Auseinandersetzungen vor jedem Gerichte die Wahrheitsbeweise darzubringen und habe auch Herrn Boy veranlaßt, seine gesamte Korrespondenz mit Herrn Fassl, sowie dessen Abrechnung und sämtliche Grundlagen zu einer Beweisführung bei dem deutschen Konsulat in Pará deponieren zu lassen.

Taperinha, Santarem, Perá [recte Pará], im Juni 1922.

Dr. Gottfried Hagmann.

Hätte Fassl länger gelebt, dann wäre dieser Bericht wohl von weiteren Erwiderungen und Gegendarstellungen gefolgt worden und hätte sicher auch in der Heimat zu Kommentaren von berufener und unberufener Seite geführt. Aber Hagmanns Beitrag war kaum erschienen (entweder Ende August oder Anfang September 1922; siehe Literaturverzeichnis), da starb Fassl am 4. Oktober 1922 und über die ganze Angelegenheit wurde der Mantel des Schweigens gebreitet.

Über Fassls Tod berichtete Alois Strympl (nach Taut 1923):

Die Ursache war eine Magenverstimmung mit anschließendem Fieber. Trotz der von 2 Ärzten verordneten Diät und Ruhe schonte sich Fassl ganz und gar nicht sondern erhitzte sich, trank kaltes Bier und aß schwer verdauliche Kost. — Es war schlecht um ihn bestellt, als er sich entschloß, mit dem Dampfer nach Manaos zu fahren, um sich dort auszuheilen. — Nach 2tägigem Aufenthalt am Schiff [gemeint ist: auf dem Schiff] verbesserte sich sein Befinden in ausgezeichneter Weise und trotz allem Abratens ließ er sich wieder zum Genuß unzweckmäßiger Kost hinreißen. — Starkes Fieber stellte sich ein, das ihn am 4. Oktober 1922 am Dampfer ,,Manauense“ unterhalb Teffé am Amazonenstrom dahinraffte.

Ein großer Entomologe, der die Tropen aus eigener Anschauung gut kannte, schrieb in einem Nachruf die versöhnlichen Worte:

„Die Gräber am Amazonenstrom werden vielleicht wenig geschmückt. Aber zu unvergänglichem Ehrenkranz reihen sich die neuentdeckten Arten, die Agrias und Morpho: das Schönste, was der Erdball hervorgebracht. In allen großen Sammlungen glänzen sie zum Andenken an die Rastlosigkeit und Todesverachtung ihres Entdeckers; Zeugnisse, in den blendendsten Farben geschrieben überstrahlen sie alles, was die kühnen Reisenden vielleicht im Uebereifer und einem Drange, den andere nicht kennen, gefehlt haben mögen.“ (Adalbert Seitz 1922).

Vielleicht etwas zu versöhnlich und beschönigend. Denn Fassl hatte über viele Jahre hinweg zu den regelmäßigen Autoren der von Seitz herausgegebenen Entomologischen Rundschau gehört und mit seinen zahlreichen Artbeschreibungen und ausführlichen Reiseberichten aus Südamerika ganz beträchtlich zur Popularität der Zeitschrift beigetragen. So ist es verständlich, daß Seitz und auch andere Autoren vor allem die Verdienste des Verstorbenen herausstellten. De mortuo nil nisi bonum.

 

Literatur
Anonymus [Schaufuss, C.] (1906a): Rundschau. – Insekten-Börse, 23: 137-138.

Anonymus [Schaufuss, C.] (1906b): Rundschau. – Insekten-Börse, 23: 157-158.

Fassl, A. H. (1922): In eigener Sache! – Entomologische Zeitschrift, 35: 106.

Hagmann, G. (1922): In Sachen der Wahrheit und Gerechtigkeit. – Entomologische Zeitschrift, 36: [4 unnumerierte Seiten zwischen S. 40 und 41]. [Beilage zu Nr. 10 vom 26. August 1922 oder Nr. 11 vom 9. September 1922]

Seitz, A. (1922): A. H. Fassl †. – Entomologische Rundschau, 39: 45. [15.12.1922]

Taut, K. (1923): A. H. Fassl †. – Entomologische Zeitschrift, 36: 59-60.

 

Siehe auch
Raben und Elstern, Teil 1
Raben und Elstern, Teil 2
Raben und Elstern, Teil 3

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