Falterbeobachtung beim Ballonflug, 2

Zum Thema Schmetterlingsbeobachtungen vom Ballon aus bin ich auf zwei weitere Berichte gestoßen. Johannes Poeschel (1855–1943) war nicht nur Philologe und Schuldirektor sondern auch ein Luftfahrtpionier. In dem Buch Luftreisen berichtete er 1907 von einer seiner Ballonfahrten über dem damaligen Russisch-Polen:

Rypin liegt um 100 m hoch, die Falter befanden sich demnach 1900-2150 m über dem Erdboden.

Mehrere Beobachtungen hat Walther Rosenbaum aus Halle als militärischer Beobachter im 1. Weltkrieg 1917 im Entomologischen Jahrbuch bekanntgegeben:

Insekten in höheren Luftschichten.
Von Walther Rosenbaum, Halle a. S., zurzeit im Felde.

Über Insekten in höheren Luftschichten liegen bisher nur wenige Angaben vor; einige Male sind Schmetterlinge und Fliegen von Freiballonfahrern gesehen worden. Im vergangenen Jahre war ich als Feldluftschiffer in Littauen und hatte bei meinen Aufstiegen im Fesselballon Gelegenheit, einige Beobachtungen zu machen, über die ich kurz berichten will.
Ein absichtliches Hochfliegen der Insekten halte ich für ausgeschlossen, abgesehen von Hochzeitsflügen der Hymenopteren. Die oberste Grenze des Insektenfluges liegt etwa 30 bis 50 m über dem Erdboden resp. der ihn bedeckenden Formation. Diese Höhe wird auch bei Wanderzügen nicht überschritten. Es hängt dies mit der großen Empfindlichkeit der Insekten gegen Luftdruckschwankungen zusammen, denn bei einer Erhebung um 10 m fällt das Barometer um 1 mm; außerdem verlieren sie infolge ihrer geringen Sehschärfe bald jede Orientierungsmöglichkeit. Alle Insekten, welche über der angegebenen Höhe angetroffen werden, sind unfreiwillig dorthin gelangt. Sie werden durch die aufsteigenden Böen emporgetragen, d. h. von Luftströmungen, die sich über stärker erwärmten Stellen der Erdoberfläche bilden und oft erhebliche Geschwindigkeit erreichen, bei Gewitterbildung sind z.B. 15 bis 30 sec. m. beobachtet worden. Diese Böen treten jedoch nicht nur bei Gewitterneigung auf, sondern den ganzen Tag lang bei Sonnenschein, besonders stark in der Mittagszeit von 11 bis 2 Uhr. Die oberste Grenze dieser Böen bilden dann die bekannten weißen, gebirgsähnlichen Wolken, die zwar schön anzusehen, aber für den Ballonbeobachter nichts weniger als erfreulich sind.
Der Einfluß dieser aufsteigenden Winde läßt sich am besten an Gegenständen zeigen, welche kein eigenes Flugvermögen haben. Wir stiegen im Mai 1916 hinter einem Walde mit starken Pappelbeständen auf. Am 24. 5. war die Luft bis zu 120 m Höhe voller Samenflöckchen, einige traf ich noch in 520 m Höhe an. Zwei Tage später herrschten leichte, aufsteigende Böen, in 420 m trieben die Samenflocken fast so dicht wie unten am Boden; während der Ballon am Spätnachmittag aufstieg, kamen in etwa 300 m Höhe drei Trichopteren angeflogen, 60 m höher kam die vierte, sie setzte sich auf den Korb und wurde von mir gefangen. Alle Tiere sah ich schon aus größerer Entfernung herankommen.
Am 5. 9. 16 war bei leichten, aufsteigenden Böen die Luft bis über 500 m Höhe dicht mit Spinnweben angefüllt. Binnen einer Stunde hingen nachmittags an Drahtseil, Fernsprechkabel und Halteleinen des Ballons alle 1 bis 2 m ein Faden.
Am 7. 9. 16 nachmittags 1240 flog ein Kohlweißling 2 m vom Korbe des 550 m hohen Ballons vorbei; er war offenbar matt und konnte nicht gegen den schwachen, aufsteigenden Wind ankämpfen. 1248 kam ein Käfer, wahrscheinlich eine Elatere. Er flog mir beinahe an den Kopf, leider wurde er von mir nicht eher bemerkt. Um 4 Uhr flog ein Schmetterling am 500 m hohen Ballon vorbei, die Art war dem Beobachter nicht bekannt.
Am 8. 9. 16 wurde vormittags 1020 ein Trauermantel dicht am 300 m hohen Ballon vorbeigetrieben und noch 50 m höher getragen. In dieser Höhe flog er mit dem Wind weiter, bis er mit dem Glase nicht mehr zu beobachten war.
Auch bessere Flieger sind vor den aufsteigenden Böen nicht sicher. Am 15. 7. 16 sah ich eine Libelle, Sympetrum spec., weit vom Ballon in 250 m Höhe, sie ließ sich vom Winde tragen und machte nur wenige ruckweise Flügelschläge.
Mehrfach wurden Fliegen, die sich vor dem Aufsteigen an den Korb gesetzt hatten, mit hochgenommen. Ihr Benehmen war sehr auffallend. Sie saßen still am Korbe, weggescheucht flogen sie in kurzem Bogen sofort zurück.
Seit Dezember 1916 bin ich im Westen in den Argonnen tätig. An heißen Tagen sind aufsteigende Böen häufig, doch konnte ich nur wenig auf Insekten achten.
Am 25. 5. 17 herrschten bei Gewitterneigung starke, aufsteigende Böen, sonst fast windstill, Ballonhöhe 515 m. Insekten wurden in großer Menge hochgerissen; notiert habe ich nur folgende: 140 nachmittags ein Kohlweißling; 210 wird ein Käfer senkrecht hochgetrieben, desgleichen 215 eine Elatere; schmale braune Fliegen in Menge, auf etwa 5 m bemerken sie den Ballon und fliegen ihn an. Gleichzeitig fliegen Schwalben in Ballonhöhe, sie machen offenbar Jagd auf die emporgetriebenen Insekten.
Am 29. 5. 17 meldete mir ein anderer Beobachter, daß in der Mittagszeit zwei Kohlweißlinge und ein brauner Schmetterling (vielleicht Melitaea, im Walde sehr häufig) am 465 m hohen Ballon mit großer Geschwindigkeit vorbeigeflogen seien.
Alle diese Beobachtungen beweisen die Richtigkeit meiner oben dargelegten Ansicht über das Hochfliegen der Insekten, daß ich wohl von weiteren Veröffentlichungen absehen kann. Trotz ihres ausgezeichneten Flugvermögens sind die Insekten an die untersten Luftschichten gebunden, sie gehören zur Bodenfauna des Luftmeeres.

Rosenbaum vertritt hier noch die irrige Ansicht, daß Insekten nicht in größere Höhen aufsteigen. Das wurde erst später – bezeichnenderweise auch unter Kriegsbedingungen – bekannt, als britische Radarstationen im 2. Weltkrieg nächtliche Signale auffingen, die wie sich herausstellte von wandernden Nachtfaltern stammten. Inzwischen ist die aktive Nutzung von Luftströmungen nicht nur bei Faltern sondern auch bei anderen Insekten belegt (siehe z.B. Drake & Reynolds 2012). Die Sehfähigkeit spielt für die Orientierung wohl keine wesentliche Rolle, denn man weiß heute, daß Insekten das Erdmagnetfeld wahrnehmen können.

Literatur

Drake, V. A. & Reynolds, D. R. (2012): Radar Entomology. Observing Insect Flight and Migration. – Wallingford, Boston (CABI). 489 S.
Poeschel, J. (1907): Luftreisen. – Leipzig (F. W. Grunow). 237 S.
Rosenbaum, W. (1917): Insekten in höheren Luftschichten. – Entomologisches Jahrbuch [Krancher], 27 (1918): 80-82.

Siehe auch:
Falterbeobachtung beim Ballonflug

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