Ungelöste faunistische Rätsel – Menophra nycthemeraria in Deutschland

Manche zweifelhaften älteren Angaben lassen sich leicht widerlegen oder wenigstens mit guten Argumenten als höchstwahrscheinlich falsch ad faunistica acta legen. Schwieriger wird es, wenn sicher bestimmte Belegstücke vorhanden sind, die auch noch von namhaften und seriösen, über allem Zweifel stehenden Fachleuten gesammelt wurden. So ist es im Fall der süd- und südwesteuropäisch verbreiteten Menophra nycthemeraria (Geyer, 1831). Die Nordgrenze ihrer Verbreitung reicht in Frankreich bis Yonne, Côte-d’Or und Saône-et-Loire, aber alte Angaben gibt es bis Loiret, Essonne, Seine-et-Marne und auch im Haut-Rhin.

Menophra nycthemeraria, ein Männchen aus Südfrankreich. In Mitteleuropa ist die Art unverwechselbar.

Aus Deutschland sind drei Nachweise bekannt, die allesamt in Thüringen erbracht wurden.

  • Am 6.7.1912 fing Altmeister Ernst Urbahn höchstpersönlich ein Männchen bei Jena-Ammerbach am Licht. Urbahn war damals 24jähriger Student in Jena und schloß im folgenden Jahr sein Studium mit der Promotion ab – natürlich magna cum laude.
  • Am 18.6.1934 sammelte Zimmermann bei Tautenburg ein Männchen von Menophra nycthemeraria am Licht. Dieser Fund und der ältere von Urbahn wurde von Völker (1935) veröffentlicht und die Art als neu für Deutschland gemeldet.
  • Und schließlich trug Max Nicolaus 1936 bei Berga an der Elster eine Raupe an Ginster ein, die am 29.6.1936 einen weiblichen Falter von Menophra nycthemeraria ergab, den Arno Bergmann überprüft hat (Bergmann 1938, 1955).
    Dieser Fund ist in der Literatur auch mit der Fundortangabe Ronneburg zu finden (so bei Koch in Band 4 unter Nr. 352), weil Bergmann (1938: 97 und 1955: 875) sich etwas ungenau ausgedrückt hat. Ronneburg war Nicolaus‘ Wohnort. Im Spannerband der Mitteldeutschland-Fauna listet Bergmann (1955: 875) zunächst die Menophra-nycthemeraria-Fundorte gemäß seiner Gebietsaufteilung auf. Unter „2b. Jena:“ fallen „bei Ammerbach“ und „in Tautenburg,“ aber unter „5c. Ronneburg:“ wird kein Fundort genannt. Erst zwei Absätze weiter unter „Die Raupe lebt…“ erfährt man: „Nicolaus erhielt sie [nämlich die Raupe] beim Abklopfen von Ginster in den Felsbuschheiden bei Berga an der Elster.“ Berga liegt in Luftlinie etwa 12 Kilometer südlich von Ronneburg.

Aufgrund dieser zwar wenigen, aber gut belegten und vertrauenswürdigen Funde wurde die Art in der faunistischen Literatur des 20. Jahrhunderts für Thüringen angegeben (Bergmann 1955, Forster & Wohlfahrt 1981, Koch 1984 (und frühere Auflagen)).
Bergmann (1955: 875) meinte dazu „Wahrscheinlich handelt es sich um eingeschleppte Einzelweibchen, die hier in Mitteldeutschland Nachkommen erzeugten. Ob die Art nun wirklich bodenständig bei uns geworden ist, müssen weitere Funde erweisen.“ Weitere Funde sind aber nicht bekanntgeworden, so daß wir vor dem Dilemma stehen, wie diese drei Nachweise in Thüringen zu interpretieren sind.

Die drei Fundorte bilden ein Dreieck mit den Seitenlängen 45 km – 40 km – 15 km, umschreiben also ein ziemlich kleines Gebiet. Wie wahrscheinlich ist es, daß eine mediterrane Art innerhalb von 24 Jahren dreimal ausgerechnet in diesem Gebiet in Thüringen einwandert oder dorthin verschleppt wird – und nirgends sonst in Mitteleuropa?
Das alternative Szenario ist in solchen Fällen immer die Vermutung einer zeitweiligen Bodenständigkeit. Demnach müßte ein trächtiges Weibchen – ob nun eingeschleppt oder zugewandert – in diesem Gebiet angekommen, sich fortgepflanzt und damit eine mehr als 2 Jahrzehnte überdauernde Population gegründet haben. Kann die Art so lange die mitteleuropäischen Winter überstehen? Angesichts der recht weit nach Norden reichenden Funde in Frankreich mag man geneigt sein, zu sagen: das könnte heutzutage möglich sein, ob aber auch damals? Leider wissen wir nicht, ob Nicolaus seine Raupe im Spätjahr 1935, also vor der Überwinterung, eingetragen hat oder im Frühjahr 1936, was bedeuten würde, daß die Raupe im Freiland überwintert hätte. Wie dem auch sei: Ungünstige Winter- oder Frühjahrswitterung oder Inzuchtprobleme können eine zeitweilige Population wieder zum Erlöschen bringen.
Es gibt auch noch ein drittes Szenario, das man gern außer Acht läßt: die Einführung und Freilassung durch Schmetterlingszüchter. Meiner Ansicht nach steckt dies hinter mehr faunenfremden Schmetterlingsnachweisen als man glaubt. Nicht alle Schmetterlings-freunde sind faunistisch interessiert; manche möchten einfach nur die Tiere halten und aufziehen und haben dann oft genug keine Skrupel, Falter oder Raupen freizusetzen. Manchen fehlt völlig das faunistische Gewissen. 😉

Letztlich können wir keine dieser möglichen Varianten beweisen oder widerlegen, und damit bleibt es bei der schlichten Feststellung: Menophra nycthemeraria ist in Thüringen dreimal sicher festgestellt worden, aber die Herkunft dieser Tiere ist nach wie vor unklar.

Literatur

Bergmann, A. (1938): Entomologischer Jahresbericht aus einigen Thüringer Landschaftsgebieten für das Jahr 1936. – Entomologische Zeitschrift, 52: 62-64, 85-86, 97-100.
Bergmann, A. (1955): Die Großschmetterlinge Mitteldeutschlands. Band 5/1 und 5/2. Spanner. – Jena (Urania Verlag). XXVI + 1267 S., Farbtaf. 18-29.
Forster, W. & Wohlfahrt, T. A. (1981): Die Schmetterlinge Mitteleuropas. Band 5. Spanner (Geometridae). – Stuttgart (Franckh‘sche Verlagshandlung). 312 S., 26 Farbtaf.
Koch, M. (1984): Wir bestimmen Schmetterlinge. – Leipzig, Radebeul (Neumann Verlag). 792 S., 11 SW-Taf., 84 Farbtaf. (3. Aufl.).
Völker, U. (1935): Hemerophila nychthemeraria H.-G. in Thüringen, eine für Deutschland neue Geometride. – Internationale entomologische Zeitschrift [Guben] 29: 313.
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