Blakes kranke Rose und die Nachtfalterraupe

William Blake (1757-1827), Dichter, Maler, Grafiker und religiöser Visionär, war zu seinen Lebzeiten wenig bekannt und nach seinem Tod praktisch vergessen, bis ihn die Präraffaeliten im 19. Jahrhundert wiederentdeckten. Heute gilt er als einer der originellsten – und schwierigsten – englischen Dichter und seine Einflüsse reichen bis hin zu Jim Morrison, Allen Ginsberg und Bob Dylan.

Weit bekannt ist sein Tyger, tyger, burning bright. Für die, die ihn noch nicht kennen:

The Tyger

Tyger Tyger, burning bright,
In the forests of the night;
What immortal hand or eye,
Could frame thy fearful symmetry?

In what distant deeps or skies.
Burnt the fire of thine eyes?
On what wings dare he aspire?
What the hand, dare seize the fire?

And what shoulder, & what art,
Could twist the sinews of thy heart?
And when thy heart began to beat,
What dread hand? & what dread feet?

What the hammer? what the chain,
In what furnace was thy brain?
What the anvil? what dread grasp,
Dare its deadly terrors clasp!

When the stars threw down their spears
And water’d heaven with their tears:
Did he smile his work to see?
Did he who made the Lamb make thee?

Tyger Tyger burning bright,
In the forests of the night:
What immortal hand or eye,
Dare frame thy fearful symmetry?

So etwas ist kaum zu übersetzen, auch wenn der Tyger im Vergleich zu anderen Werken Blakes noch relativ zugänglich ist. Hier drei Versuche.

Tiger, Tiger, Flammenpracht
In den Wäldern düstrer Nacht!
Sprich, welch Gottes Aug‘ und Hand
Dich so furchtbar schön verband?
     (Autorschaft der Übersetzung unklar, wohl Nikolaus Heinrich Julius oder
Friedrich Leopold Stolberg)

Tiger! Tiger! grauses Licht,
Das aus Nacht und Wäldern bricht,
Wessen Schöpferdrang gestillt
Hat dein entsetzliches Gebild?
     (Übersetzung von Alexander von Bernus)

Tiger, Tiger, Feuerspracht
in der Dschungeln dunkler Nacht:
Welches Aug‘, welch‘ ew’ge Hand
formten Deiner Schrecken Brand?
     (Übersetzung von Walter A. Aue)

Blake hat seine Dichtungen selbst illustriert, was den Literaturwissenschaftlern willkommene zusätzliche Anhaltspunkte für Interpretationen liefert. Er hat sogar ein eigenes Druckverfahren erfunden – die Reliefradierung – damit er Text und Bild zusammen mit einer Platte drucken konnte. Die Drucke wurden dann von ihm und seiner Frau Catherine koloriert.  Wie unterschiedlich diese Kolorierungen ausgefallen sind, kann man heute an den im Internet kursierenden Versionen seiner Drucke leicht sehen. Da kommt der Tiger mal halbwegs natürlich in Rotbrauntönen daher, mal in Phantasiefarben mit stellenweise gelbem und aquamarinblauem Fell.

Genauso ist es bei dem folgenden bekannten Gedicht mit einem lepidopterologischen Thema. Es geht – oberflächlich betrachtet – um eine Rose, an der ein „Wurm“ (= eine Raupe) frißt.

The Sick Rose
aus den Songs of Innocence and Experience (1794)

O Rose thou art sick.
The invisible worm,
That flies in the night
In the howling storm:

Has found out thy bed
Of crimson joy:
And his dark secret love
Does thy life destroy.

Als ich dies zum ersten Mal las – nur den Text, ohne Blakes Druck, denn das war in der Zeit vor dem Internet – hielt ich den „unsichtbaren Wurm“, der des Nachts im heulenden Sturm fliegt, für ein bedauerliches Zeichen biologischer Ahnungslosigkeit. Später wurde mir klar, daß Blake bei der Kürze des Gedichts nicht die gesamte Metamorphose eines Nachtfalters darstellen konnte und deshalb das fliegende Falterweibchen auf der Suche nach dem Eiablageplatz gleich mit der Raupe (dem „worm“) identifiziert. Er hat gewissermaßen eine Kontraktion der Entwicklungsstadien Imago und Raupe zur Raupe vorgenommen, die als Haupthandlungsträgerin die Rose frißt. Als Naturwissenschaftler sagt man sich in solchen Fällen „Gut, das ist die dichterische Freiheit,“ und innerlich entschuldigte ich mich bei Blake dafür, ihm Ignoranz unterstellt zu haben.

Nur am Rande sei bemerkt, daß die Interpretation des Poems die Literaturwissenschaftler vor beträchtliche Probleme stellt – wie bei vielen Werken von Blake. Nathan Cervo nannte das Gedicht sogar „one of the most baffling and enigmatic in the English language“.
Hier ein Ausschnitt aus seinem Interpretationsansatz, nur als ein Beispiel von vielen:

The Rose […] signifies not Beauty, or Love, or life’s vulnerability, but the social crown of life, gallantly achieved by the blessed. Together, the saved constitute the Rose.
In Blake’s conception, salvation and predestination are antithetical ideas. The Rose does not appear before us as a supernal entity, magically immune to the ravages of the „worm.“ The worm is the Other and serves to existentialize the Rose, that is, to bring the Rose into real and significant danger. Blake thus fulfills Dante’s meaning that the Rose depicted in the Paradiso is neither a transcendental assembly nor a fully complemented one. More of the Rose still remains on earth as the Pilgrim Church.
Just as predestination is ruled out by Blake’s poem, so is the idea of justification by faith alone, for the Rose is open to the fatal incursions of sin. In Blake’s poem, sin (Satan) attacks the Rose in the figure of a fly-by-night, „invisible worm.“

Und so weiter. Das alles braucht uns hier glücklicherweise nicht zu interessieren, weil es uns um die entomologische Seite der Angelegenheit geht.

Wie berechtigt meine innerliche Entschuldigung an Blake gewesen war, konnte ich feststellen, als das Internet kam und mit der Zeit die Werke Blakes in digitaler Form zugänglich wurden. Von dem „Sick Rose“-Blatt sind verschiedene Versionen im Internet zu finden, die alle auf derselben Druckplatte basieren, aber unterschiedlich koloriert sind.

Man sieht, die Raupe (oben links) ist offenbar eine Nachtfalterraupe. Blake muß so ein Tier nach der Natur gezeichnet haben. Auf die Farben sollte man sich angesichts der verschiedenen Kolorierungen nicht verlassen; eine dokumentarische Darstellung war ohnehin nicht Blakes Intention, siehe auch den Tyger. Die reduzierte Anzahl der Bauchbeine spricht für eine Geometriden-, Erebiden- oder Noctuidenraupe. Es ist nicht ganz klar erkennbar, ob Bauchbeine am achten und neunten oder nur am neunten Segment vorhanden sind. Ich tippe auf zwei Bauchbeinpaare. Eine der klassischen Rosenspanner-Raupen Cidaria fulvata und Earophila badiata ist jedenfalls unwahrscheinlich, denn die sind schlanker. Ich vermute, Blake hat eine Eulenraupe (Erebidae oder Plusiinae) beobachtet, skizziert und für dieses Blatt verwendet. Wir wissen auch nicht, ob er die Raupe tatsächlich auf einer Rose gefunden hat oder auf irgendeiner anderen Pflanze. Wie gesagt ging es ihm nicht um biologische Exaktheit. Es ist schon viel, daß seine Darstellung überhaupt so genau ist, daß die Einordnung bis fast zur Familie möglich ist.

Der „Wurm“, der sich aus der am Boden liegenden Rose herausschlängelt, ist offenbar keine Lepidopterenraupe sondern eben ein verallgemeinerter Wurm. Er gehört übrigens nicht zur Druckplatte; er ist eine zeichnerische Ergänzung und fehlt deshalb auch in manchen Versionen.

Literatur
Blake, W. (1794): Songs of Innocence and Experience. Facsimile edition 2007. – London (Tate). 54 S.
Cervo, N. (1990): Blake’s The Sick Rose. – The explicator, 48: 253-254.

 

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