Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Beziehungen, die verlorengingen: Melitaea parthenoides

Die Endungen –ides, -odes und -oides bezeichnen Ähnlichkeit und können, wenn man sie im Deutschen wiedergeben möchte, etwa mit den Endungen -ähnlich oder -artig ausgedrückt werden. Solche Namen beziehen sich also auf ähnlich aussehende Arten

  • Pyrgus malvoides ähnelt Pyrgus malvae
  • Phalera bucephaloides ähnelt Phalera bucephala
  • Orgyia antiquoides ähnelt Orgyia antiqua

oder auf ähnliche Gattungen:

  • Rhyparioides ähnelt Rhyparia
  • Chilodes ähnelt Chilo
  • Cleorodes ähnelt Cleora
  • Hypenodes ähnelt Hypena

Schwer zu deuten sind heute Namen, die sich auf eine Vergleichsart beziehen, die mittlerweile einen anderen Namen trägt als damals. So ein Name läßt sich nur interpretieren, wenn man über die historischen Namensänderungen Bescheid weiß.

Melitaea parthenoides Keferstein, 1851 bezieht sich auf die Ähnlichkeit zu Melitaea parthenie. Heute gibt es aber keine Melitaea mehr, die parthenie heißt. Früher gab es gleich zwei davon. Wie kam das?

Die eine von ihnen, parthenie Bergsträsser, 1780 bezeichnete Brenthis ino und die andere, parthenie Borkhausen, 1788, bezeichnete Melitaea aurelia. Da sie damals alle in der Gattung Papilio standen, ist Papilio parthenie Borkhausen, 1788 als jüngeres Homonym ungültig; dafür trat das Synonym aurelia Nickerl, 1850 als gültiger Name für die Art ein. Und Papilio parthenie Bergsträsser, 1780 ist zwar ein verfügbarer Name, aber für diese Art gab es bereits den älteren Namen ino Rottemburg, 1775. Als Keferstein seine Melitaea parthenoides beschrieb, war für Melitaea aurelia noch die Bezeichnung Melitaea parthenie Borkhausen üblich und auf die Ähnlichkeit mit dieser Art bezieht sich der von Keferstein eingeführte Name.

(Synonyme sind unterschiedliche Namen für ein und dieselbe Art; Homonyme sind gleichlautende Namen für verschiedene Arten.)

Hier nochmal die drei Arten mit den zugehörigen Synonymien (In Wirklichkeit sind die Synonymielisten natürlich bedeutend länger, aber der Einfachheit halber lasse ich alle Namen weg, die uns hier nicht interessieren):

  • Brenthis ino (Rottemburg, 1775)
    parthenie Bergsträsser, 1780

 

  • Melitaea aurelia Nickerl, 1850
    parthenie Borkhausen, 1788 [jüngeres Homonym]

 

  • Melitaea parthenoides Keferstein, 1851

 

Kompliziert? Und ob.
Sie merken: Ohne genaue Kenntnis der historischen Entwicklung von Taxonomie und Nomenklatur der Schmetterlinge bleiben einem viele Namen unklar. Und nicht nur das: Bei der Interpretation der älteren Literatur muß man sehr genau überlegen, welche Art ein Autor des 19. Jahrhunderts mit dem Namen parthenie gemeint hat. Hat er ihn im Sinne von Bergsträsser oder im Sinne von Borkhausen gebraucht? Das kann so weit gehen, daß man recherchieren muß, welche Bücher ein Autor besessen und als Grundlage seiner eigenen Arbeiten benutzt hat. Hatte er das bekannte mehrbändige Werk von Borkhausen („Naturgeschichte der europäischen Schmetterlinge nach systematischer Ordnung“) im Bücherschrank stehen oder kannte er vielleicht die seltenere Abhandlung von Bergsträsser („Nomenclatur und Beschreibung der Insecten der Grafschaft Hanau-Münzenberg wie auch der Wetterau und der angränzenden Nachbarschaft dies und jenseits des Mains“)? Grandiose Titel hatten diese alten Werke.

Dabei haben wir uns bisher nur den reinen Formalismus angeschaut, der die Namensgebung regelt, nicht die Wortbedeutung der Namen. Die kommen, wie  viele der alten Tagfalternamen, aus der antiken Mythologie. Bei den Scheckenfaltern haben sich die Entomologen des 18. und teils noch des 19. Jahrhunderts besonders oft bei den zahlreichen Beinamen der Artemis (römisch: Diana) bedient:

Athalia
Britomartis
Cynthia
Dictynna
Didyma
Issoria
Melitaea
Parthenie
Phoebe
Trivia

Andere Namen weisen zumindest Beziehungen zu Artemis/Diana auf:

Daphne, eine die Diana begleitende Nymphe
Hekate, wird in verschiedenen Quellen in Verwandtschaft mit Artemis gebracht
Latonia, Mutter der Artemis
Selene, Mondgöttin, wurde auch mit Artemis gleichgesetzt

Namenstraditionen dieser Art finden sich in der Nomenklatur der Schmetterlinge – und nicht nur bei diesen – immer wieder, nur sind sie heute nicht mehr gut zu erkennen, da die so benannten Arten mittlerweile oft auf verschiedene Gattungen verteilt sind.

Ironischerweise ist gerade der Artname artemis, der früher Euphydryas aurinia bezeichnete, nicht erhalten geblieben, weil er ein jüngeres Synonym ist. Allerdings nur gaaanz knapp: Beide Namen, aurinia Rottemburg und artemis Denis & Schiffermüller, wurden 1775 veröffentlicht und im selben Jahr erschienen auch Werke von Fabricius, Cramer und Fuessly. Da manche Arten von mehreren dieser Autoren erstbeschrieben wurden und die Entomologen des 19. Jahrhunderts je nach Belieben das eine oder andere dieser Werke bevorzugten, mußten klare Verhältnisse geschaffen werden. Darum hat die Internationale Kommission für zoologische Nomenklatur die Priorität dieser Werke in folgender Reihenfolge festgelegt: Fabricius – Rottemburg – Fuessly – Denis & Schiffermüller – Cramer. So kam es, daß der eigentlich bekanntere Name artemis Denis & Schiffermüller dem weniger bekannten, aber nun als früher veröffentlicht anzusehenden Namen aurinia Rottemburg weichen mußte.

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Siehe auch

Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Beziehungen, die verlorengingen: Phlogophora

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Eine Antwort zu Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Beziehungen, die verlorengingen: Melitaea parthenoides

  1. Udo Theiss schreibt:

    Jahrzehntelang habe ich es nicht für möglich gehalten, lese ich das Namenskürzel A. S., nicht reflexartig Arno Schmidt zu denken. Bis ich über diesen Lepiblog gestolpert bin. Grandios.

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