„Genitalitär“

Gibt es das Wort „genitalitär“? Sie merken wahrscheinlich schon an der Fragestellung und den Anführungszeichen, daß die Antwort „nein“ lautet. Trotzdem liest man dieses Wort immer wieder mal, selbst ab und zu in der Fachliteratur. Und man hört es hier und da gesprochen; mit falscher Betonung, nämlich auf dem ä, wie bei anderen eingedeutschten Worten, die auf -är enden (populär, primär, sekundär, autoritär, regulär, solitär, vulgär usw.).

Und da liegt das Mißverständnis, denn all diese -är-Worte sind Adjektive. Das Nicht-Wort „genitalitär“ ist dagegen ein Adverb. Richtig geschrieben lautet es genitaliter und wird auf dem a betont, mit kurzem zweitem e: genitaliter.

Auch die wenigen anderen  lateinischen Adverbien, die auf -iter enden, werden so betont und geschrieben. Ins Deutsche haben es nur wenige von ihnen geschafft; am ehesten hört man noch realiter (in Wirklichkeit, tatsächlich), verbaliter (wörtlich) oder personaliter (persönlich, selbst).

Vermutlich sind es vor allem Nicht-Lateiner, die die falsche Schreibweise und Aussprache „genitalitär“ benutzen, obwohl sie den Begriff adverbial verwenden (was ihnen eigentlich zu denken geben sollte). Tante Gugel findet die falsche Schreibung 33mal – das ist so gut wie nichts gegenüber der richtigen Schreibweise (knapp 4.200 Treffer).
Das Wort genitaliter führt natürlich ein Nischendasein und wird offenbar vor allem in der Entomologie benutzt. Es kann sehr hilfreich sein, wenn man Konstruktionen wie „anhand der Genitalien“, „mit Hilfe der Genitalmorphologie“ oder „durch Genitaluntersuchung“ kürzer und prägnanter ausdrücken möchte.

Also, liebe Schriftleiter, Editoren und Korrekturleser: Wenn euch das nächste mal in einem Manuskript das Wörtchen „genitalitär“ begegnet: ä → e und alles ist in Ordnung.

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2 Antworten zu „Genitalitär“

  1. Jutta Bastian schreibt:

    Danke für diesen Text – das lag mir auch schon lange wie ein Stein im Magen!!

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    • Uli Bastian schreibt:

      Ich finde, dieser Text hat eine gewisse Genitalität, ähm, sorry, Genialität (Betonung auf der letzten Silbe). Axel, ich liiiiiiiebe deine Sprachabhandlungen, auf die ich von Jutta immer mal wieder hingewiesen werde. Sie sind oft wirklich genial, und immer unterhaltsam.

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