Synonyme, die die Welt nicht braucht: Phlogophora lamii

“What a good thing it would be if every scientific man was to die when sixty years old, as afterwards he would be sure to oppose all new doctrines” [Was wäre es für eine gute Sache, wenn jeder Wissenschaftler mit sechzig Jahren sterben würde, denn danach wird er sich mit Sicherheit allen neuen Lehrmeinungen widersetzen] hat Charles Darwin, nur teilweise scherzhaft gemeint, in seiner Autobiographie vermerkt. Man mag ihm zustimmen oder nicht; wir alle kennen wohl Fälle von Fehleinschätzungen und Realitätsverweigerungen bei älteren Herrschaften. Erinnern Sie sich nur an Fred Hoyles peinlichen Ausflug in die Paläontologie mit der absurden These, die Archaeopteryx-Fossilien seien allesamt gefälscht.

Es ist bedauerlich, wenn solche Alterstorheiten zu übereilten Publikationen führen, die das ansonsten wertvolle Lebenswerk eines Autors verdunkeln. Gerhard Schadewald (1917-1992) war ein sehr verdienstvoller und von allen Kollegen hochgeschätzter Lepidopterologe, aber im Alter hat er sich in einige fixe Ideen verrannt. Er spaltete Phlogophora meticulosa in zwei Arten auf und Autographa gamma sogar in drei. Die sehr kurz gefaßten Beschreibungen erschienen kurz nach seinem Tode; man hat sie – vielleicht aus Pietät gegenüber dem Verstorbenen – offensichtlich keinem peer review unterzogen sondern sofort zum Druck gebracht. Es dauerte nur wenige Monate, bis die vermeintlichen neuen Arten allesamt und völlig zu Recht in die Synonymie verwiesen wurden.

Schauen wir uns mal den Fall von Phlogophora lamii an. Diese angebliche neue Art wurde 1992 in der Zeitschrift Atalanta beschrieben, und zwar unter dem Titel „Eine zweite Art der Gattung Phlogophora Treitschke, 1825: Phlogophora lamii spec. nov.“ (Sie können den Aufsatz hier lesen).

Der Text dieses Artikels umfaßt ohne die Abbildungen gerade mal eine Seite im DIN A5-Format. Schon der Titel der Arbeit enthält einen merkwürdigen Fauxpas: Phlogophora ist keine monotypische Gattung sondern enthält zahlreiche Arten, besonders in den Tropen und Subtropen. Für die Paläarktis werden immerhin 30 Arten angenommen und selbst in Mitteleuropa fliegt ja noch Phlogophora scita. Wenn hier von einer „zweiten“ Art der Gattung Phlogophora gesprochen wird, dann ist das schon peinlich.

Die Beschreibung besteht eigentlich nur aus zwei Sätzen:

„Die Grundfarbe und Zeichnung ist bei lamii spec. nov. kräftiger gegenüber der blassen von meticulosa. Der Ausschnitt des Außenrandes über dem Innenwinkel ist tiefer als der flache bei meticulosa. Weitere sicher verwertbare Merkmale ließen sich bisher nicht finden. Auch Raupe, Puppe und das Genital weisen keine brauchbaren Unterschiede auf.“  (Schadewald 1992)

Es ist schon mal ein Alarmsignal, wenn es keine strukturellen Unterschiede gibt. Gerade dann sollte man diejenigen Merkmale, die einem diagnostisch erscheinen, besonders genau prüfen. Schadewald fährt fort:

„Entscheidend für die Abtrennung ist die Biologie. Die ♀♀ von meticulosa legen die Eier einzeln ab, die von lamii spec. nov. in kleinen Gruppen.“

Sowohl Schadewalds Aufsatz als auch der unmittelbar folgende Artikel von Eitschberger (den Sie hier finden können) enthalten Makrofotos vom Außenrand der Vorderflügel beider „Arten“, bei Schadewald in Schwarzweiß, bei Eitschberger in Farbe. Sofort fällt auf, daß in beiden Fällen ein abgeflogenes, verblasstes Exemplar ohne Fransen bzw. mit nur noch wenigen Fransenresten als Phlogophora meticulosa abgebildet ist und als Phlogophora „lamii“ ein frisches Exemplar mit vollständigem Fransensaum.

Schadewalds leider nicht sehr gute Abbildungen von Phlogophora meticulosa (1b) und einem Paratypus von „Phlogophora lamii“ (2b).

Hier zeigt sich nun: Bei diesem einzigen äußeren Unterschied wurden Äpfel mit Birnen verglichen. Bei Schadewalds „Ph. meticulosa“ wurde der Rand der Flügelmembran (ohne die Fransen bzw. mit einigen kurzen Stummeln der Fransenreste) betrachtet, bei Schadewalds „Ph. lamii“ der Rand des Fransensaums. Und da die Fransen bei Phlogophora meticulosa nun mal in den Einbuchtungen kürzer sind als an den Vorsprüngen (wo die Adern münden), hat ein frischer Falter weitaus tiefere Einbuchtungen im Flügelprofil als ein abgeflogener.
Zeichnet man die Flügelprofile aus Schadewalds Fotos nach (unten links) und überlagert sie (unten rechts), dann sieht man, daß die Ränder der Flügelmembranen so ziemlich deckungsgleich sind. Den Unterschied macht das Vorhandensein oder das Fehlen der Fransenschuppen.

Genau das Gleiche sieht man bei den von Eitschberger publizierten Vergleichsbildern von Phlogophora meticulosa und „Phlogophora lamii“ (unten). Da sich die längeren Fransen an den vorspringenden Adermündungen zuerst abnützen und in den Einbuchtungen kürzere Fransen/Fransenstummel noch teilweise erhalten sind, ergibt sich – aber nur bei ganz oberflächlicher Betrachtung! – der vermeintliche Unterschied.

Eitschbergers Bilder von Phlogophora meticulosa (links) und „Phlogophora lamii“ (rechts)

Nun zum zweiten Merkmal, dem Eiablagemodus. Wir haben gleich in der folgenden Saison ein Phlogophora-meticulosa-Weibchen ablegen lassen, aber wir hätten uns die Mühe sparen können; es war so offensichtlich: Wenn die Weibchen frisch sind und den Hinterleib voller Eier haben, legen sie die Eier gern grüppchenweise ab. Sind sie älter (abgeflogen, fransenlos und verblasst) und haben nur noch wenige Eier, dann legen sie die einzeln ab.

In Eitschbergers Artikel ist zu lesen, daß Phlogophora lamii „zumindest in Mitteleuropa, sehr viel häufiger aufzutreten scheint als Ph. meticulosa,“ was anhand von Sammlungsmaterial bewiesen wird. In der Literatur ergibt sich Ähnliches:

„Ein oberflächlicher Blick in die Bestimmungsbücher von Mitteleuropa und Europa von den Anfängen bis zur Gegenwart belegt, daß überwiegend Exemplare von Phlogophora lamii Schadewald, 1992 als „Ph. meticulosa (Linnaeus, 1758)“ abgebildet worden sind.“  (Eitschberger 1992)

Tja. Es ist ja kein Wunder, daß Sammler bevorzugt gut erhaltene Falter mitnehmen und daß man in Bestimmungsbüchern vorzugsweise frische Falter abbildet.

Unerklärlich bleibt, warum zwei erfahrene Lepidopterologen wie Schadewald und Eitschberger den simplen Zusammenhang zwischen frischen, fransenreinen und abgeflogenen, fransenlosen Faltern nicht erkannt haben.

Ich fürchte, wir haben uns damals im Kollegenkreis über diesen Fall gern lustig gemacht – was der arme Gerhard Schadewald angesichts seiner Lebensleistung eigentlich nicht verdient hat.
Oh, wir hatten damals wirklich üble Scherze drauf. Zum Beispiel: Man fängt eine frische Achateule und sagt: „Hier, eine Phlogophora lamii. Jetzt zeige ich euch mal, wie schnell Evolution ablaufen kann.“ – Das Glas mit der Phlogophora wird ein paarmal kräftig geschüttelt (nicht gerührt), bis die Schuppen stieben. – „… und schon ist sie zu Phlogophora meticulosa geworden! Darwin würde Bauklötze staunen. … Aber jetzt kommt das Erstaunliche: Wir können die Evolution sogar rückwärts laufen lassen: Das dauert ein paar Wochen länger. Wir lassen dieses Weibchen Eier ablegen, und die Nachkommen werden alle lupenreine Phlogophora lamii sein.“
(Wenn wir sie nicht zu lange im Puppenkasten umherfliegen lassen.)

Literatur

Eitschberger, U. (1992): Phlogophora lamii Schadewald, 1992 – Zur Verbreitung dieser Art (Lepidoptera, Noctuidae). – Atalanta, 23: 593-597.
Schadewald, G. (1992): Eine zweite Art der Gattung Phlogophora Treitschke, 1825: Phlogophora lamii spec. nov. (Lepidoptera, Noctuidae). – Atalanta, 23: 589-591.
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