Ohrenfalter

Sie kennen das: Manchmal hört man einen Song, eine Melodie, und dann bekommt man sie den ganzen Tag lang nicht mehr aus dem Kopf; sie kommt immer wieder. Wird auch als Ohrwurm bezeichnet, obwohl keine Verwandtschaft mit Dermapteren besteht. Ist aber eine sehr harmlose Sache, verglichen mit einem Insekt im Ohr. Das kann viel unangenehmer sein und sogar einen Arztbesuch nötig machen.

Eine Ohrenfreundin der besonderen Art: die hübsche Lateroligia ophiogramma

Beim Lichtfang, wenn man oft in einer Wolke von Insekten steht, krabbeln die Viecher fast überall hin, wo es zugänglich ist, unters T-Shirt oder die Hosenbeine hoch; das kann Flecken geben, wenn man’s nicht gemerkt hat und sich hinsetzt. Ab und zu fliegt einem mal ein Kleinfalter in den Mund und ich habe gelernt, daß es dann oft genauso gut ist, schnell zu schlucken und mit Wasser nachzuspülen anstatt zu versuchen, den Übeltäter auszuspucken, denn das führt manchmal zu Quetschung und unerwünschten Absonderungen, die man lieber nicht im Mund hat. Rasch heruntergeschluckt bleibt meistens nur ein trocken-staubiger Geschmackseindruck von den Schuppen im Mund. Harmlos. Allerdings habe ich meines Wissens noch keine Arctiide geschluckt und werde in dieser Hinsicht auch keinen Selbstversuch starten. Bei Zygaenen mit ihrer Blausäure könnte es sogar richtig gefährlich werden (Mords-Idee für Krimi-Autoren?).

Auch die Ohren sind gelegentlich das Ziel von Insekten. Sehr kleine Mückchen und ähnlich winzige Tierchen sind zwar unangenehm, wenn sie da drin herumklettern, aber die bekommt man meistens mit einem Wattestäbchen wieder heraus, oder indem man eine Taschenlampe ans Ohr hält, damit sie zum Licht kommen. Schwieriger wird es bei größeren Insekten, die beträchtliche Schmerzen hervorrufen können, wenn sie bis zum Trommelfell gelangen. Sie kennen wahrscheinlich die gruselige Geschichte von Afrikaforscher John Hanning Speke, der 1856-1859 mit Burton auf der Suche nach den Nilquellen war. Auf einer Insel im Tanganjikasee kroch dem Schlafenden, der ohnehin schon erschöpft und teilweise erblindet war, ein Käfer ins Ohr und „began with exceeding vigor, like a rabbit at a hole, to dig violently away at my tympanum.“ Viele Mittel standen Speke nicht zur Verfügung. Nachdem das Spülen mit zerlassener Butter nicht vemocht hatte, das Tier herauszutreiben, veranlaßte ihn der rasende Schmerz, mit einem Messer nach dem Käfer zu stechen, bis er tot war, wobei er sich das Ohr erheblich verletzte und den Käfer noch weiter hineindrückte. Das Ohr entzündete sich und eiterte; eine Gesichtshälfte schwoll an bis zur Schulter. Speke konnte tagelang nicht kauen, dann war er mehrere Monate beinahe taub und brachte seine Leute zum Lachen, weil jedesmal, wenn er sich die Nase putzte, ein Pfeifen aus seinem Ohr ertönte. Das war dann schon die Genesungsphase. „This beetle nearly did for me,“ schrieb er in seinem Expeditionsbericht.

Bei mir war es glücklicherweise nicht so schlimm wie beim armen Speke, allerdings kann ich bestätigen, daß es ein verteufelt unangenehmes Gefühl ist, wenn man ein lebendes, sich bewegendes Tierchen im eigenen Kopf drin hat, das auch noch versucht, weiter vorzudringen. Mir war beim Lichtfang ein Falter ins Ohr geflogen und ließ sich nicht herausziehen. Um zunächst mal die Schmerzen zu bekämpfen, hielt ich mein Tötungsglas so lange gegen das Ohr, bis Ruhe war. Und noch ein wenig länger, um sicherzugehen, daß der Falter auch wirklich im Nirwana war. So weit, so gut. Glücklicherweise war ich nicht allein; wir führten im Rahmen eines Gutachtens Lichtfänge an drei nicht weit voneinander entfernten Standorten durch und waren mit CB-Funkgeräten ausgerüstet – in meiner Situation wirklich hilfreich. Ich rief also die Kollegen herbei und die versuchten sich mit Taschenlampe und Pinzette an meinem Ohr. Zunächst bekamen sie nur einen Teil des Hinterleibs heraus und ein paar unidentifizierbare Flügelfragmente. Mehr ging nicht; der Rest des Tiers war nicht richtig zu fassen und wurde nur weiter hineingedrückt. In den folgenden acht Tagen habe ich morgens und abends geduscht und vorsichtig das Ohr gespült, bis schließlich die restlichen Teile des Falters alle draußen waren. (Bei Speke hatte es länger gedauert: sechs bis sieben Monate nach dem Vorfall kamen Fragmente des Käfers – ein Bein, ein Flügel, Teile des Körpers – mit dem Ohrenschmalz zum Vorschein.)

Natürlich hatte ich den Hinterleib aufgehoben, weil ich wissen wollte, wer mir da ins Ohr geflogen war. Die Genitaluntersuchung ergab: ein Männchen von Lateroligia ophiogramma. Das ist die Größenordnung, vor der ich künftig beim Nachtfang Respekt hatte. Aber ich bin nie dazu übergegangen, mir nachts Watte in die Ohren zu stopfen, wie es andere Lepidopterologen nach solch einer Erfahrung oft getan haben (Nippel 1968).

Sich in die Ohren bohren, das versucht auch Noctua pronuba gerne

Noctua pronuba ist so ein Spaltenschlüpfer, der gern überall hineinkriecht. So kommt sie ja auch in die Wohnungen – oder kam zumindest in früheren Zeiten so hinein; bei unseren modernen, fast hermetisch abgedichteten Türen und Fenstern, hat sie nur eine Chance, wenn ein Fenster offensteht. Bei Noctua-Arten mit ihrer glatten Beschuppung und den nach hinten gerichteten Spornen an den Beinen ist es schwer, sie aus Öffnungen wieder herauszuziehen. Glücklicherweise sind sie zu groß für unsere Ohren, jedenfalls zu groß für meine. Versucht haben es im Lauf der Jahre schon mehrere Noctua pronuba–Falter. Meistens sind sie erstaunlich zielgerichtet direkt ins Ohr hineingeflogen, wo sich dann gezeigt hat, daß sie nicht in den Gehörgang hineinpassen. Bei Friedhelm Nippel war es ein Xestia c-nigrum-Weibchen gewesen, das seiner Aussage nach normale Größe hatte, also geringfügig größer als meine Lateroligia ophiogramma. Sonst sind mir  keine Artbestimmungen von Ohrenfaltern bekannt geworden.

Literatur
Nippel, F. (1968): Zwei Lepidopterologische Exkursionen in den Kaiserstuhl. – Mitteilungsblatt des internationalen entomologischen Vereins e.V. Frankfurt a.M., 10: 2-14.
Speke, J. H. (1864): What led to the discovery of the source of the Nile. – Edinburgh, London (Blackwood and Sons). XII + 357 S.  (Hier können Sie das Buch lesen und herunterladen; die Episode mit dem Käfer finden Sie auf S. 223-225.)
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2 Antworten zu Ohrenfalter

  1. Udo Theiss schreibt:

    Lieber Axel Steiner,
    großartig, endlich weiß ich es. Warum mir immer mehr Menschen mit Ohrenmasken begegnen. In meinem Arbeitsalltag ist mir der Ohrenschutz geläufig, da macht er mitunter Sinn. Aber freiwillig im Alltag seine Sinne einschränken? Jetzt verstehe ich es, die Angst vor den Ohrenfaltern geht um. Nun, dann ist der Schritt zu Kopfriechern nicht mehr weit.

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  2. Armin Dahl schreibt:

    ooh, ich erinnere mich genau an meinen ersten Ohrenfalter, In der Sandgrube Hassler in Oerlinghausen. eine Noctua pronuba war beim Abbau von Leuchttuch zielsicher in mein Ohr geflogen und komplett darin verschwunden. Ja, die passt da rein! Und das Herumgehampel des Falters auf meinem Trommelfell war äußerst unangenehm. Hubertus Trilling hat eine Weile versucht den Falter zu erwischen, ohne Erfolg. Dann kam mir die zündende Idee: Das Betäubungsglässchen wurde mit Essigäther aufgefüllt, und dann das offene Glas so lange aufs Ohr gedrückt bis innen keine Bewegung mehr war. Dieter Robrecht stand ein paar hundert Meter weiter und hatte dann glücklicherweise noch eine Pinzette im Auto, so dass ich um die Notaufnahme des Krankenhauses herumkam.

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