Weltrekordler und Strandräuber

Diese Geschichte darf man sich von einem jüngeren Lepidopterologen erzählt denken, der auch – aber nicht nur – taxonomisch gearbeitet und ab und zu einen über den Durst getrunken hat.
Toren und gescheite Leute sind gleich unschädlich;
nur die Halbnarren und Halbweisen, das sind die gefährlichsten.
Johann Wolfgang von Goethe

„Ooouuuuhh!“ stöhnte ich laut.

Hörte das denn gar nicht mehr auf? Ich faßte mir an den Kopf, ohne daß die Schmerzen im geringsten nachließen. Dabei war ich entschieden der Meinung, jetzt genug gelitten zu haben. Ich fühlte mich, als ob ich schwebte. Diese verdammten Daiquiris. Mehr als sechs konnten es doch nicht gewesen sein. Allerdings war mir der Rest des Abends nicht mehr in Erinnerung; ich wußte nur, daß vor meinem Blackout auch noch andere Flaschen auf dem Tisch gestanden hatten. Womöglich hatte ich unvernünftigerweise zwei oder mehr Dinge zusammengemischt, die man besser nicht vermischen sollte. Jedenfalls nicht in meinem Magen.

„Ooouuuuhh!“

Die düstere Ahnung, daß da etwas sehr schief gelaufen war, verstärkte sich, als ich immer mehr an Höhe gewann. Die Wolken, anfangs noch massig und wie graue Watte aussehend, wurden zusehends dünner, der Himmel verdunkelte sich von bläulichgrau zu tief blauschwarz. Im Hinterkopf regte sich eine schwache Besorgnis und sagte mir, daß ich Angst haben sollte, aber ich hatte keine. Eigentlich müßte die Luft hier dünner werden und man müßte erfrieren. Ich fror aber nicht, und zum Atmen hatte ich keinerlei Bedürfnis. Mein Magen und die verdammten Kopfschmerzen machten mir mehr Sorgen als der Anblick dieses riesigen blauweißen Planeten da unter meinen Füßen.

Ich schwebte einem hellen Licht entgegen und hörte sphärische Musik. Soviel zu den bescheuerten Nahtoderfahrungen, die ich immer als Einbildungen belächelt hatte. Und jetzt kam mir auch noch eine weißgekleidete Gestalt entgegen – leider keine weibliche Person, sondern ein korpulenter älterer Herr mit wallendem weißem Haupthaar und einem langen Bart. Ich beschloß, ihn zu ignorieren, aber das Schweben war ungewohnt und die halbe Drehung, die ich machen wollte, geriet zu einer ganzen. Nun schwebte dieser Althippie direkt neben mir her und sah mir besorgt ins Gesicht. „Ist Ihnen nicht gut?“     

Nicht gut ist gar kein Ausdruck, Opa. Ich fühl mich, als wäre ich tot.“

Seine Miene erhellte sich. „Das ist gut; sehr gut ist das. Wissen Sie, viele, die hier ankommen, können sich anfangs gar nicht mit der Realität abfinden. Manche brauchen jahrelang, bis ihnen endlich klar ist, daß es kein Zurück mehr gibt. Da brauche ich bei Ihnen offenbar keine Bedenken zu haben.“ Er strahlte mich geradezu an. Mir dagegen sackte das Herz in die Hose. Wenn es noch geschlagen hätte, wäre es jetzt vor Schreck stehengeblieben, aber mir war schon vor einiger Zeit aufgefallen, daß ich keinen Herzschlag mehr hatte.

Ich seufzte. Was für eine bescheuerte Art, den Löffel abzugeben! Zuviel gesoffen! Und ich wußte nicht mal, wie viel.

„Oh, das kann ich Ihnen sagen,“ sprach Meister Rauschebart. Ich zuckte zusammen. Konnte der Kerl Gedanken lesen?

„Ja, allerdings kann ich das,“ erwiderte er höflich. „Sie werden sich sicher bald daran gewöhnen. Also, wenn es Ihnen hilft: Ihr Ableben wurde nicht von den dreizehn Daiquiris verursacht und auch nicht von dem Wasserglas voll Wodka, das Sie hinterher noch gekippt haben, sondern von dem Sturz in Ihrem Treppenhaus, der Ihrem Kopf den Rest gegeben hat.“

Diese Erklärung klang zwar plausibel, aber ich konnte mich an nichts davon erinnern.

„Glauben Sie mir, das sind Erinnerungen, die Sie nicht vermissen werden. Das geht vielen unserer Kunden so. Auch ihre Kopfschmerzen sind eigentlich nur ein Nachhall, Phantomschmerzen sozusagen. Die werden bald vergehen.“

Unsere Kunden. Das klang, als ob er ein multinationales Unternehmen vertrat – zum Beispiel eine Kirche. Meine Befürchtungen – gespeist von einigen Jahren Schul-Religionsunterricht, den ich so bald wie möglich abgewählt hatte – verstärkten sich. „Hören Sie, Meister Weißbart, das muß ein Irrtum sein. Ich bin fast mein ganzes Leben lang, jedenfalls seit ich kritisch denken konnte, Agnostiker gewesen. Im Himmel habe ich nichts zu suchen, ganz gewiß nicht. Ehrlich gesagt würde ich die Hölle vorziehen. Da ist die Gesellschaft sicher kurzweiliger: Sokrates, Protagoras, Konfuzius, Giordano Bruno, Voltaire, Kant, Nietzsche, Mark Twain, Ambrose Bierce, Darwin, Huxley, Haeckel, Freud, Remarque, Gould, Hitchens …“

„Oh, der Irrtum liegt ganz auf Ihrer Seite,“ lächelte Rauschebart mich an. „Das hier ist nicht der Himmel, oh nein.“

Ich wartete auf weitere Auskunft, aber der Bärtige kultivierte nur sein feines Lächeln und ließ sich zu keiner freiwilligen Information herab, so daß ich gezwungen war, nachzufragen: „Und was bitteschön ist das hier?“

„Es ist eine Zwischenstation – sozusagen eine Wartehalle. Sie sind hier in limbo, solange bis über Ihre Weiterreise entschieden worden ist.“

„Aha. Und dann geht es entweder in die Hölle oder in den Himmel?“

„Nein, nein,“ schüttelte Meister Rauschebart den Kopf. „Ganz so simpel, wie die Christen sich das vorstellen, ist die Sache nun auch wieder nicht.“

„Oh.“ Mir fiel das Herz zum zweitenmal in die Hose. „Sie meinen, ich könnte – als Solifuge wiedergeboren werden? Oder als Nacktmull?“

„Oder als Bonobo,“ ergänzte Rauschebart mit einem unverbindlichen Lächeln – und ich hätte schwören können, daß er dieses Lächeln zuhause vor dem Spiegel übte, so harmlos und unverfänglich wirkte es. Aber in seinen Augen lag ein zweideutiges Funkeln, das er nicht unterdrücken konnte.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Das hatte sich vor einer Woche abgespielt und ich begann allmählich, mich in dieser traurigen „Wartehalle“ zurechtzufinden. Nicht daß die Zeit hier dieselbe Qualität hatte wie auf der Erde – es war wie in einem Traum, aber in einem eher langweiligen Traum – keine Hektik, wenig Action, kaum Alkohol, keine Drogen. Die Zeit verging zwar, aber man merkte es kaum. Wenigstens waren die Kopfschmerzen rasch verschwunden.

Immer wieder wurde ich angesprochen und in Gespräche verwickelt. Gesprächsstoff wurde hier sehr geschätzt und Gespräche mit Neuen waren besonders beliebt, weil die den aktuellen Klatsch und Tratsch oft genauer kannten als die Medien, welche man hier empfing. So wurde ich ein wenig herumgereicht – von den Insektenfotografen zu den Diskussionszirkeln über Film und Literatur. Ich erfuhr, daß diese Wartehalle viel größer war, als man sich vorstellen konnte – und daß manche Insassen seit Jahrhunderten oder noch länger hier festsaßen. Das waren ja schöne Aussichten. Zu meiner großen Erleichterung stellte ich fest, daß das Gedankenlesenkönnen nur für Opa Rauschebart galt, sonst hätte ich es sicher nicht ausgehalten.

Irgendwann muß ich mit irgendjemandem auch über entomologische Taxonomie gesprochen haben, denn eines schönen Vormittags, als ich unversehens um eine Wolke bog, begegnete ich drei älteren Herren, die gemächlich, aber etwas gelangweilt daherspaziert kamen und offenbar nach mir gesucht hatten. Ein langer Hagerer mit etwas zerknitterten Gesichtszügen, der leicht vorgebeugt ging, ein Mittelgroßer mit einer gepunkteten Fliege und ein etwas Kleinerer mit Vollbart und einem mächtigen Schnurrbart, der nonchalant einen Spazierstock schwenkte. Dieser Bärtige kam mir sofort bekannt vor, denn ich hatte sein Konterfei in einer ihm gewidmeten Festschrift gesehen: Es war Strand. Der Strand. Embrik Strand. Au weia. Und auch bei den beiden anderen fiel schnell der Groschen. Der Große in den viktorianischen Klamotten – hing da nicht ein Dartboard in der entomologischen Abteilung am Natural History Museum, auf dem man gern eine Kopie seines Portraits aufklebte, bis es zerlöchert war? Und der Dritte – den hatte ich schon bei Parnassius-Sammlern eingerahmt an der Wand hängen sehen.

Ein Trio entomo-infernal:   Francis Walker,   Embrik Strand,   Felix Bryk

Strand blieb direkt vor mir stehen, rückte seinen Kneifer zurecht und musterte mich. „Ich bin Prof. Dr. Dr. h.c. Embrik Strand, M.A.N., F.E.S., F.L.S., F.Z.S. – Und Sie müssen Herr M., der Neue aus Deutschland sein.“ Dabei zeigte er mit seinem Spazierstock auf meinen Bauch.

Ich nickte vorsichtig. Sein verdrießlicher Gesichtsausdruck ließ nichts Gutes ahnen. Ob er meine Blog-Einträge gelesen hatte, in denen ich mich über seine Fehlbestimmungen lustig machte und seine Artbeschreibungen ins Lächerliche zog? So ein Spazierstock war sicher eine nicht zu unterschätzende Angriffswaffe. Jedenfalls trug er ihn nicht, weil er ihn zum Gehen brauchte, denn jegliche Gebrechen waren hier oben bedeutungslos. Also war es entweder Gewohnheit oder Gewalttätigkeit.

Strand deutete auf den hageren Herrn neben sich und sagte: „Darf ich vorstellen: Dies ist – “

„Walker!“ entfuhr es mir unwillkürlich. „Francis Walker! Die Nemesis der englischen Entomologen! Die erste Synonymfabrik!”

Der Langaufgeschossene lachte vergnügt. „Er kennt mich! Ein deutscher Entomologe, und er kennt mich! Sogar meinen Vornamen.“ Er stieß dem Bärtigen lächelnd einen Ellenbogen in die Rippen und plusterte sich auf. „Was sagen Sie dazu, Professor Strand? Er kennt mich.“

Strand würdigte Walker keiner Antwort, sondern blickte mich aus zusammengekniffenen Augen an. „Sie sehen nicht so aus, als ob sie über unser Zusammentreffen erfreut wären.“

Ich zögerte. Was sollte ich ihm sagen? Daß ich ihn aufgrund seiner Werke eigentlich im heißesten Teil des Jenseits vermutet hatte? Daß seine Lebensleistung ein Schandfleck für die Biologie war? Ich schwieg.

Er schnaubte ungeduldig, wendete sich dem dritten Herrn zu und stellte ihn vor: „Und das ist Felix Bryk, der bekannte …“

„… Künstler, Philosoph und Parnassius-Spezialist, ich weiß,“ fiel ich ihm abermals ins Wort. Bryks ernstes Gesicht leuchtete auf, als er mich mit neuem Interesse musterte. „Ich glaube, mit diesem Herrn können wir uns unterhalten,“ meinte er zu den anderen und fuhr, zu mir gewandt, fort: „Man hat uns nämlich gesagt, daß Sie Lepidopterologe sind.“

„Ähm … ja. Das stimmt,“ druckste ich. „Das bin ich. Also … das war ich.“ Wenn man in dieser verfluchten Wartehalle wenigstens Flügel bekommen hätte, dann wäre ich spätestens jetzt davongeflogen. Aber sie umringten mich so, daß ich nicht davonlaufen konnte, ohne sie zur Seite zu drängen – und früher oder später wäre ich ihnen ohnehin wieder begegnet.

Walker ergriff das Wort und gleichzeitig meinen Arm: „Wir möchten Sie gern zu einem Cappuccino einladen, Herr M.“

Soso, selbst meine Kaffeevorlieben hatten sich schon herumgesprochen. Mir fiel kein guter Grund ein, um abzulehnen, also ging ich mit.

Eine Viertelstunde später saßen wir im wärmenden Sonnenschein auf der Terrasse eines der angesagtesten Cafés dieser Gegend (was nicht viel heißen will; in bella Italia habe ich besseren Cappuccino getrunken) und bewunderten die Aussicht auf den Südpazifik, der tief unter uns vorbeizog. Das heißt, ich bewunderte sie; die anderen Herren waren dergleichen Anblicke inzwischen wohl gewöhnt.

Walker begann das Gespräch mit einer harmlos klingenden Bemerkung: „Wissen Sie, ich bedaure ja manchmal, daß es zu meiner Zeit das Guiness-Buch der Rekorde noch nicht gegeben hat.“

Ich ahnte nicht, worauf er hinauswollte und meinte: „Da steht eigentlich nicht viel Sinnvolles drin. Gut, wenn man sich für Sport interessiert, dann findet man wohl das eine oder andere Lesenswerte…“

„Ich denke da vor allem an unseren Sport, die Zoologie,“ warf Walker ein.

Noch immer merkte ich nichts und sah ihn nur fragend an.

„Als Weltrekordhalter sollte ich eigentlich im Guiness-Buch der Rekorde vertreten sein,“ erläuterte er. „Ich bin nämlich der Mensch, der die meisten Arten beschrieben hat – über dreiundzwanzigtausend werden es sein.“ Er lächelte verhalten. „Jetzt, da ich die Zeit dafür habe, sollte ich sie eigentlich mal genau durchzählen.“

Mir blieb der Mund offen stehen. Ich wußte natürlich, daß er sehr produktiv gewesen war, aber genaue Zahlen oder auch nur Größenordnungen hatte ich noch nicht gekannt. Aber ich zweifelte nicht daran, daß er die Wahrheit sprach.

„Natürlich wäre mir das nie gelungen ohne die Hilfe meiner Familie,“ fuhr Walker fort.

„Die haben Ihnen geholfen?“

„In gewisser Weise, ja. Sehen Sie, ich hatte vier unverheiratete Töchter. Und die Lebenshaltungskosten in London waren damals wie heute enorm. Mein eigentliches Gehalt war recht bescheiden. Aber –“ sein bisher etwas stumpfer Blick begann einen leicht fanatischen Ausdruck anzunehmen „– aber ich erhielt für jede neubeschriebene Art einen Shilling und für jede neue Gattung ein Pfund. Das spornte mich an.“

Ja, das hatte ihn in der Tat angespornt. Ich erinnerte mich an die Synonymieliste des indoaustralischen Eulenfalters Agrotis porphyricollis, die ich kürzlich studiert hatte, eine variable und im 19. Jahrhundert im Britischen Museum schon gut vertretene Art:

     Agrotis porphyricollis Guenée, 1852
            Agrotis porphyricollis Guenée, 1852
            Perigea albinasus Walker, 1857
            Graphiphora reclusa Walker, 1857
            Agrotis recondita Walker, 1857
            Agrotis rubrilinea Walker, 1857
            Agrotis dorsicinis Walker, 1858
            Graphiphora lapidosa Walker, 1858
            Hadena albipalpis Walker, 1865
            Tetrapyrgia graphiphorides Walker, 1865
            Elegarda orthosioides Walker, 1865
            Spaelotis pectinata Walker, 1865
            Elegarda summa Walker, 1865
            Agrotis transversa Walker, 1869
            Agrotis baueri Felder & Rogenhofer, 1874
            Graphiphora ctenota Turner, 1939

Von diesen fünfzehn Synonymen gingen die meisten auf Walkers Konto. Er hatte die Art im Verlauf von zwölf Jahren zwölfmal neu beschrieben und dabei in sieben verschiedene Gattungen gestellt. Zwölf Synonyme, die von nachfolgenden Entomologen in mühsamer Detailarbeit geklärt werden mußten. Nun wäre es aber unfair, nur dieses eine Beispiel zu betrachten. Die Bestände des Britischen Museums boten damals so viele neue, noch unbeschriebene Arten, daß Walker gar nicht vermeiden konnte, auch zahlreiche echte Neubeschreibungen zustande zu bringen.

Seine nächste Bemerkung riß mich aus diesen Gedankengängen. „Ich war übrigens auch einer der ersten, der frei assoziativ gebildete Gattungsnamen verwendete.“

Was er damit meinte war: Seine Griechisch- und Lateinkenntnisse hätten ihm zwar erlaubt, sinnvolle und aussagefähige Gattungsnamen zu bilden, aber er hatte aus Zeitersparnis darauf verzichtet. Sich zu überlegen, welche charakterischen Merkmale eine Gattung auszeichnen und daraus eine entsprechende Wortzusammensetzung grammatikalisch korrekt zu bilden, vielleicht sicherheitshalber noch im Wörterbuch nachzuschlagen, kostet doch immer einige Zeit. Die hatte sich Walker gespart. Stattdessen hatte er bedeutungslose Buchstabenkombinationen erfunden, die man innerhalb von wenigen Sekunden aus der Luft greifen konnte: Maroga, Peliala, Dudua, Edosa, Lazanda, Maguda, Penza, Eragisa, Minnagara, Zagira, Abacena und dergleichen mehr. Ein paarmal war er unachtsam gewesen und hatte bereits verwendete Namen ein zweitesmal benutzt, zum Beispiel Marisba Walker, 1863 und Marisba Walker, 1864, Tirasia Walker, 1863 und Tirasia Walker, 1864. Da die Namen keinen Sinn hatten, waren sie beliebig einsetzbar, aber es konnte niemand etwas damit anfangen, weil sie keine Merkmale der Gattungen enthielten. Walkers Vorgehensweise ist folgendermaßen beschrieben worden:

„Beim Arbeiten hatte er neben sich, wie man sich erzählt, damit es recht schnell ging, je einen Beutel stehen, den einen mit fertigen Art-, den anderen mit fertigen Gattungs-Namen. Für jede Neubeschreibung griff er hinein und zog einen Namen.“ (Horn 1927).

„Damit haben Sie immerhin … äh … eine gewisse … ähm … Tradition begründet,“ stotterte ich.

Das schien er als Kompliment aufzufassen. „Ja, das wird heute noch gern nachgeahmt.“

Strand, der längst seine Kaffeetasse abgestellt hatte, schien ungeduldig auf eine Gelegenheit zu warten, ins Gespräch einzugreifen. Jetzt nutzte er die Gesprächspause und hakte ein. „Selbstverständlich, mein junger Freund, kann die bloße Anzahl neubeschriebener Arten noch kein Maßstab für entomologische Genialität sein, das wissen Sie ja genau. So sehr ich die Schaffenskraft von Kollege Walker schätze,“ – er nickte dem Genannten huldvoll zu – „so muß man doch berücksichtigen, wie leicht er es hatte, da ihm die Bestände des Britischen Museums zur Verfügung standen. Für mich war es nicht so einfach, weil ich in Europa von Museum zu Museum reiste und dabei immer im Kopf behalten mußte, was ich in den besuchten Sammlungen schon gesehen und beschrieben hatte, und das nicht nur bei den Lepidopteren und Hymenopteren sondern auch bei den Arachniden. Mein phänomenales Gedächtnis und meine überragende Literaturkenntnis waren mir dabei eine unschätzbare Hilfe.“ Er zwirbelte vergnügt seine Schnurrbartspitzen. „Darüber hinaus war ich sicher der erfolgreichste Homonymjäger der Taxonomiegeschichte.“

Ich überlegte, was ich darauf antworten sollte. Literaturkenntnisse und Recherchefähigkeit, Fleiß und Motivation hatte Strand zweifellos gehabt. Nur leider hatte er das falsche Fach gewählt, denn für die Entomologie und Arachnologie fehlte ihm jedes Talent, jegliches Fingerspitzengefühl, jegliche Intuition. Genau wie bei Walker mußten Spezialisten der betreffenden Gruppen in jahrzehntelanger Arbeit alle seine Typen untersuchen, um Klarheit über die von ihm beschriebenen Taxa zu gewinnen. Die meisten waren in der Tat Synonyme, wobei sich herausstellte, daß manchmal die Typenserie eines Strand’schen Taxons sogar mehrere Arten enthielt. Diese Revisionen geschahen zum Teil schon zu seinen Lebzeiten. Strand zeigte sich dabei wie jeder Egomane völlig uneinsichtig. Er veröffentlichte sogar einen bizarren Aufsatz mit dem Titel „Schach dem Typenkult“, in dem er sich dafür aussprach, daß allein die Beschreibungen und nicht die Typusexemplare selbst taxonomisch relevant sein sollten.

Ich hatte mal im Internet über ihn geschrieben:

Abgesehen von seinen fachlichen Mängeln besaß Strand einige charakterliche Defizite, die ihn weit und breit unbeliebt machten. Um Taxa zu benennen, schreckte er vor dubiosen Praktiken nicht zurück. Viele Autoren, die nichts von einer unsinnigen Vermehrung der Namensflut hielten, haben Variationen, Aberrationen sowie Formen, über deren Natur noch keine Klarheit bestand, nicht formal benannt, sondern nur mit Bezeichnungen wie Form A, B, C oder α, β, γ oder 1, 2, 3 etc. gekennzeichnet, die keine Namen im Sinne der zoologischen Nomenklatur sind. Für Strand eine leichte Beute: Er benannte sie nachträglich alle, auch Formen, die von ihren Entdeckern als nicht namensberechtigt bezeichnet worden waren. Da die ursprünglichen Autoren schon Beschreibungen geliefert hatten, brauchte Strand nur die Literaturstelle dieser Beschreibungen zu zitieren und einen Namen dazu zu schreiben. Es war nicht nötig, daß er die betreffenden Tiere auch nur gesehen hatte, ja er benötigte keinerlei Fachkenntnis über die behandelte Tiergruppe.
Strand betätigte sich auch gern als „Usurpatorentomologe“ (sensu Stritt 1952), indem er Jagd auf frisch veröffentlichte Homonyme machte und sie selbst neu benannte. Seine gute Kenntnis der Literatur und der relevanten Nachschlagewerke kam ihm dabei zugute. Rein formal waren die von ihm vorgeschlagenen Ersatznamen zwar gültig und vermehrten die Liste der von ihm benannten Taxa, brachten aber die Autoren solcher Homonyme mit Recht gegen ihn auf. Schon damals bestand der „Code of Ethics“, ein leider unverbindlicher Zusatz zu den Internationalen Regeln für Zoologische Nomenklatur. Er besagt unter anderem, daß ein Biologe, der ein Homonym entdeckt, den Autor dieses Homonyms davon verständigen und ihm Gelegenheit geben soll, einen Ersatznamen zu publizieren. Strand hielt diesen Ehrenkodex nach eigener Aussage für eine „Mißgeburt“, für „töricht“, für ein „Produkt der Heuchelei in Reinkultur“. Als Begründung führte er an, daß nicht alle Autoren Gentlemen seien (was ihn selber anbelangt, war dies zweifellos richtig), daß der Ehrenkodex nur „oberflächliche und gedankenlose Menschen, zumal wenn sie feminin veranlagt sind“ anspreche und daß es eine „verdiente Strafe“ für den Autor eines Homonyms sei, wenn ein anderer einen Ersatznamen dafür publiziere.
1935 veröffentlichte die Schweizerische Entomologische Gesellschaft einen Protest gegen Strands Praktiken, der auf folgendem Fall beruhte: Johann Müller-Rutz, der bekannte „Klein“schmetterlingsspezialist, beschrieb in den Mitteilungen der Schweizerischen Entomologischen Gesellschaft vom 15.6.1934 eine neue Gattung Weberia, benannt nach ihrem Entdecker Weber. Wie ihm sein britischer Kollege Bainbrigge Fletcher daraufhin mitteilte, war der Name Weberia bereits für eine Dipterengattung vergeben. Müller-Rutz änderte den Namen nun in Weberina (publiziert im nächsten Heft der genannten Zeitschrift vom 15.9.1934), mußte aber feststellen, daß ihm ein gewisser Embrik Strand zuvorgekommen war, der in aller Eile – und natürlich ohne Müller-Rutz zu benachrichtigen – in der Internationalen Entomologischen Zeitschrift vom 24.8.1934 den Ersatznamen Niepeltia für Weberia veröffentlicht hatte. Der Vorstand der Schweizerischen Entomologischen Gesellschaft war wütend und gleichzeitig machtlos: „Obwohl Strand nach den Prioritätsgesetzen rein formal im Rechte sein mag, protestieren wir aufs energischste gegen diese Art von geistiger Strandräuberei, welche jeder Kollegialität entbehrt! Solange der Name Niepeltia gilt, soll ihn und seinen Autor dieser Protest begleiten und kennzeichnen!“ Der Verein Entomologia in Zürich faßte den Beschluß, bei der Internationalen Kommission für zoologische Nomenklatur derartige Neubenennungen unter Verletzung des Code of Ethics für ungültig erklären zu lassen. Die Nomenklaturkommission erklärte sich jedoch für nicht zuständig und die Situation hat sich bis heute nicht geändert. Ein weiterer schweizerischer Vorschlag – aber letztlich auch nur ein Dokument der Hilflosigkeit – war, eine besondere Zitierweise für solche Namen einzuführen: „Als Zitierweise wird in Vorschlag gebracht: Niepeltia Strand, n. c. b. m.“, was heißen sollte: nomen contra bonos mores (Name gegen die guten Sitten). Eine hübsche Idee, aber wie viele Namen müßten bei genauer Betrachtung diesen Zusatz führen! Was den Namen Niepeltia betrifft, so wurde er (ausnahmsweise) vom Schicksal eingeholt: erst wurde Niepeltia zur Untergattung der ehrwürdigen Gattung Trifurcula Zeller, 1848 degradiert, heute wird sie wieder als eigene Gattung geführt, jedoch unter dem älteren Namen Acalyptris Meyrick, 1921, unter dem sich nun Weberia, Niepeltia und Weberina als Synonyme ein Stelldichein geben.

„Homonymjäger… hm… soweit ich weiß ist das aber nicht überall gewürdigt worden…“ wagte ich einzuwenden.

„Ich wollte ja keine Beliebtheitswettbewerbe gewinnen,“ verkündete Strand und griff wieder nach seiner Kaffeetasse. Bryk dagegen hatte bereits ausgetrunken. Jetzt lehnte er sich zurück und zog eine Zigarre aus der Westentasche. Während er sorgfältig die Cellophanhülle entfernte und mit einem kleinen Metallgerät die Spitzen abknipste, bedachte er seine Nachbarn mit abwägenden Blicken und wandte sich dann zu mir.

„Nun, ich kann vielleicht nicht wie meine geschätzten Kollegen auf mehrere Zehntausend neue Taxa zurückblicken, sondern nur auf einige Tausend. Aber das ist meiner Vielseitigkeit geschuldet. Habe ich mich doch nicht auf die Lepidopterologie beschränkt, sondern auch auf anderen Gebieten erfolgreich geforscht –“ Hier hielt Strand, der diese Liste wohl schon öfter gehört hatte, zu Walker gewandt fünf Finger hoch. Bryk bemerkte es nicht und fuhr fort: „– zum Beispiel in der Philosophie, in der Ethnologie, in der Sexualkunde, in der Kunstgeschichte und in der Linné-Forschung,“ während Strand still an den Fingern mitzählte und befriedigt nickte. – „Hätte ich meine gesamte Arbeitszeit der Taxonomie widmen können, dann gäbe es gewiß noch einige Tausend Parnassius-Formen, -Varietäten, -Aberrationen und -Subspezies mehr, die meinen Namen trügen. Immerhin“ – ein schalkhaftes Lächeln flog über seine Züge – „verdankt mir die Lepidopterologie eine neue, monotypische Familie, die Futuronervidae.“

Ich zuckte zusammen. Richtig, das war Bryks Werk gewesen. Beim Blättern in alten Zeitschriften war ich einmal auf diesen Aufsatz gestoßen und hatte ihn mit wachsendem Entsetzen gelesen. Es war gegen Ende der Ära, als man Schmetterlingsfamilien vor allem durch Geädermerkmale definierte. Bryk stellte einen Baumweißling (Aporia crataegi) vor, der eine auffallende Geäderanomalie aufwies: nur drei bis vier Hauptadern waren pro Flügel noch vorhanden. Dennoch war der Falter anhand seines Habitus – Körper, Fühler, Farbe, die schüttere Beschuppung – eindeutig als weiblicher Baumweißling zu erkennen. Was Bryk selbstverständlich genau wußte, denn er zog entsprechende Vergleiche („Beschuppung wie bei Aporia crataegi.“). Und was kam dann? Bryk beschrieb das Tier nicht nur als neue Art und neue Gattung („Futuronerva absurda Bryk, 1928“), sondern stellte dafür auch eine neue Familie, die Futuronervidae, auf.

Wie es seine Art war, sah er die zu erwartende Kritik schon kommen und kommentierte sie im voraus. „Seltenheit schützt vor Benennung nicht“ erklärte er, offenbar in Erwartung des Einwands, es sei unsinnig, Unikate mit Namen zu belegen. Der ganze Ton seines Aufsatzes verrät, was für eine diebische Freude er daran gehabt hatte, die Entomologen zu verulken. Traurig ist lediglich, daß eine bekannte entomologische Zeitschrift diesen Scherz-Artikel tatsächlich veröffentlichte. Dem Redaktionskomitee der Zeitschrift hätte man das Manuskript um die Ohren hauen müssen, dafür daß sie einen Nonsensartikel mit drei neuen Synonymen im Art-, Gattungs- und Familienrang zum Druck gebracht hatte.

Der aufdringliche Geruch von Bryks Zigarre, der mir jetzt um die Nase waberte, verleitete mich zu der unvorsichtigen Bemerkung: „Soweit ich mich erinnere wurden diese Benennungen doch von mehreren Entomologen als überflüssig kritisiert und sind noch im selben Jahr mit Aporia crataegi und der Familie Pieridae synonymisiert worden.“

Bryk zog die Augenbrauen zusammen. „Nun, das kann man so oder so sehen. Synonyme liegen immer im Auge des Betrachters. Es gibt schon so viele davon – ein paar mehr oder weniger machen nichts aus.“

Strand, der Bryk immer wieder spöttisch von der Seite angesehen hatte, murmelte etwas in seinen Bart, das wie „Amateur“ klang. Walker gönnte sich ein herablassendes Grinsen. „Ach, Herr Bryk, gegen uns sind Sie doch ein synonymogener Waisenknabe. Da habe ich mir ganz andere Entgleisungen geleistet. – Und wer außer mir ist mit einem derartig vernichtenden Nachruf bedacht worden?“ Er hob die Augen zum schwarzen Weltall und zitierte aus dem Gedächtnis:
[Mehr als zwanzig Jahre zu spät für seinen wissenschaftlichen Ruf und nachdem er der Entomologie einen Schaden von fast unermeßlichem Ausmaß zugefügt hat, ist Francis Walker von uns gegangen.] [1]

„Amen,“ entfuhr es mir unwillkürlich. Walker blickte mich scharf von der Seite an. Hatte ich zu laut gesprochen?

Bryk fuhr unterdessen fort: „Neuerdings enthalten die Nomenklaturregeln einen Passus, der Namen für Individualformen, Varietäten und Aberrationen aus der Nomenklatur ausschließt.“ Schwermütig schüttelte er den Kopf. „Eine bedauerlich kurzsichtige Entscheidung der Nomenklaturkommission. Damit sind die Tausende von Parnassierformen und -aberrationen, die ich aufgestellt habe, mit einem Schlag gewissermaßen heimatlos geworden. Das gleiche gilt für die vom Kollegen Strand beschriebenen Aberrationen.“

Ich hatte diese Regelung eigentlich als einen lange überfälligen Befreiungsschlag für die Nomenklatur empfunden, hütete mich aber, das in dieser Runde zu äußern.

„Das wird sich nicht halten,“ beschied Strand apodiktisch. „Das ist nur eine vorübergehende Mode, der gegenwärtige Zeitgeist. Die Änderung einer Regel kann auch wieder rückgängig gemacht werden. Und natürlich können meine Formen, Förmchen und Aberrationen nicht in Vergessenheit geraten; ich habe dafür gesorgt, daß sie dem entomologischen Publikum gegenwärtig bleiben.“ So war es. Damit niemand übersehen sollte, was er leistete, hatte Strand in regelmäßigen Abständen Artikel veröffentlicht, die keinem anderen Zweck dienten, als seine Publikationen und die von ihm beschriebenen Taxa aufzulisten.

Bryk schmunzelte. „Kollege Walker und ich hatten unsere Kataloge, in denen jeder vierte oder fünfte Name von uns geprägt worden war. Aber bei Ihrer sehr weit gestreuten Publikationstätigkeit, Herr Professor Strand, waren solche Zusammenstellungen für die Leserschaft bestimmt sinnvoll.“

Strand hob oberlehrerhaft den Zeigefinger. „Und dann meine Festschrift. Denken Sie doch nur an die Festschrift zu meinem 60. Geburtstag!“

Ich seufzte. Ja, diese Festschrift hatte es in sich gehabt. Es ist üblich, daß verdiente Wissenschaftler bei einem runden Geburtstag mit einer Veröffentlichung geehrt werden, zu der Kollegen und Freunde Artikel beitragen, die dem Jubilar gewidmet sind und in denen beispielsweise neue Arten nach ihm benannt werden. Der Geehrte soll natürlich von der Festschrift überrascht werden, weshalb man gewöhnlich alle Vorbereitungen dazu im Geheimen trifft. Strand entschied sich charakteristischerweise zu einem anderen Vorgehen: Schon Jahre vorher lud er persönlich jedermann ein, Manuskripte einzureichen, die ihn feiern sollten, mit vielen Abbildungen und Tafeln, was in einer Zeit, als der Druckraum in wissenschaftlichen Zeitschriften knapp wurde, nicht ohne Reiz war.

„Meine Festschrift hat fünf Bände gefüllt,“ begeisterte sich Strand „und ist auf 3.400 Seiten angewachsen.“

Ich hatte diese fünfbändige Strand-Beweihräucherung einmal in der Hand gehabt. Der erste Band war 1936 erschienen, der letzte 1939 (Strands sechzigster Geburtstag war 1937). Es hatten sich 126 Autoren aus 25 Ländern beteiligt und das Werk enthielt 98 Tafeln, drei davon mit Portraits von Strand. Von der Einladung bis zur Veröffentlichung war so viel Zeit verstrichen, daß einer der letzten Bände bereits Nekrologe auf fünf inzwischen verstorbene Autoren des Werks enthielt. Und natürlich wurden darin jede Menge Arten und Gattungen nach Strand benannt, so viele, daß auch sein Vorname in verschiedensten Variationen zur Namensbildung herhalten mußte. Allein Jan Obenbergers Artikel über Buprestiden enthielt an die 50 Namen, die von „Strand“ oder „Embrik“ oder einer Kombination von beiden abgeleitet waren.

„Da wir von Dedikationsnamen sprechen: Ich erinnere mich an Erebia ligea var. bryki Strand, 1915 und an Papilio birchalli bryki Strand, 1930,“ überlegte Bryk. „Und natürlich Ihre zahlreichen Widmungen an Kollege Walker: Tyana walkeri Strand, 1917, Epicoma walkeri Strand, 1929 und so weiter.“

„Ja natürlich,“ ließ Strand sich vernehmen, „und ich bin Ihnen sehr verbunden für Epicampoptera strandi Bryk, 1913, Tolna strandi (Bryk, 1915) und Pachliopta strandi (Bryk, 1930). Schade, daß sich unsere Schaffensperiode nicht mit der von Kollege Walker überschnitten hat…“ Der unausgesprochene Schluß seines Satzes meinte offenbar: Dann gäbe es noch mehr derartige Widmungsnamen.

„Wie meine Festschrift zeigt,“ fuhr Strand fort, „bin ich wahrscheinlich der am häufigsten durch Widmungen geehrte Zoologe der Welt. Das paßt gut zu meinem Status als größter Arten- und Synonymbeschreiber in der Entomologie und Arachnologie.“

Bryk schaute ihn zweifelnd an. „Meinen Sie nicht, daß Herr Walker in diesem letzten Punkt ein ernsthafter Konkurrent für Sie ist?“

„Wie bitte?“ Strands Schnurrbartspitzen zitterten und seine Augenbrauen sträubten sich. „Ich war der Prototyp des Usurpatorentomologen sensu Stritt. Meine Synonymproduktion übertraf alles bisher Dagewesene.“

„Oh nein!“ rief Walker energisch dazwischen. „Der Ehrenplatz des größten Synonymfabrikanten gebührt mir, meine Herren, mir ganz allein! Schauen Sie sich mal um in der Welt da unten –“ Er fuchtelte in der Wolke herum, die ihm als Sitzplatz diente und den Blick auf die Erde versperrte, „– und Sie werden sehen, daß keiner von Ihnen auch nur annähernd so viele Feinde hat wie ich. Gehen Sie online und googeln Sie mich und Sie werden Dutzende, ja Hunderte von Einträgen finden, die meine Tätigkeit in Grund und Boden verdammen. Ich darf Sie daran erinnern, daß der große Walther Horn mich zu den „infernalen Entomologen“ gezählt hat.“

Horn (1927) hatte beschrieben, wie Walkers Artenkenntnis an seiner ehemaligen Wirkungsstätte beurteilt wurde:

Zu mir gewandt meinte Walker: „Natürlich war nicht alles, was wir geleistet haben, wertlos. Überlegen Sie nur mal: Wir haben Generationen von Entomologen mit Arbeit versorgt, weil die unsere Synonymien aufklären mußten.“

„Und meine Fehlbestimmungen,“ ergänzte Strand verschmitzt. „Was hätten denn die echten Spezialisten wie Blüthgen, Alfken oder Hedicke publizieren sollen, wenn sie nicht meine Typen zu revidieren gehabt hätten? In gewisser Weise habe ich solchen Leuten zu Reisen verholfen, denn sie mußten verschiedene Museen aufsuchen, um mir nachzuarbeiten. Und für Abwechslung habe ich auch gesorgt: Ich habe nicht nur häufig Männchen und Weibchen verwechselt, meine Typenserien bestehen oft aus zwei oder drei verschiedenen Arten. Manchmal habe ich eine bereits bekannte Art erneut benannt, weil ich eine neue Art mit einer bekannten verwechselt hatte. So konnten auch meine Korrektoren dank meiner Schludrigkeit ab und zu eine neue Art beschreiben.“

„Die wurden aber nie strandi genannt,“ bemerkte Bryk trocken.

„Nein, natürlich nicht.“ Strand lächelte verhalten. „Dafür hatte ich ja meine Epigonen.“

Hier lächelte auch Walker, ein klein wenig beschämt vielleicht, aber auch mit einer Portion Selbstbewußtsein und vor allem – wie es mir schien – selbstironisch. Ich starrte ihn an. Was war mit ihm geschehen? Er hatte sich anscheinend total von seiner früheren Persönlichkeit gelöst. Er bemerkte meinen Blick und schien meine Gedanken zu erraten. „Nun glotzen Sie doch nicht so, junger Mann. Nach dem Erdenleben, wenn man alles ganz ruhig und leidenschaftslos betrachten kann, kommt so mancher zu einer Neubewertung seiner irdischen Karriere. Außerdem,“ ergänzte er augenzwinkernd, „muß man auch das eigene Leben mir Humor nehmen können. Hier gibt es sonst nicht viel zu lachen.“

Ich war verblüfft. Was war aus diesen Leuten geworden? Wo war ihre päpstliche Arroganz geblieben? Ihre Rechthaberei und Besserwisserei?

„Lassen wir doch unseren neuen Freund hier entscheiden,“ befand Bryk, indem er sich mit einem fast väterlichen Ausdruck zu mir wandte. „Er ist ein ganz annehmbarer Entomologe und, wenn auch kein eigentlicher Systematiker, hat er sich zu Lebzeiten mit Taxonomie befaßt und gelegentlich neue Taxa beschrieben. Er dürfte also so weit mit unserem Fach vertraut sein, um ein Urteil sprechen zu können – jedenfalls besser als der letzte Gast, den wir in unserer Runde hatten.“ Er gluckste leise und hing versonnen irgendeiner heiteren Erinnerung nach.

Die beiden anderen Herren hatten sich lächelnd vorgebeugt. Aus ihren gütigen alten Augen strahlte mir erwartungsvolles Wohlwollen entgegen. Ich schluckte. Machten sie das mit jedem Neuankömmling, der unvorsichtig genug war, sich als Entomologe zu outen?

„Nun, was meinen Sie, Herr M.?“ drängte Strand in säuselndem Tonfall. „Wem von uns würden Sie den Ehrenpreis zugestehen?“

Den Preis des größten Synonymfabrikanten! Es war unfaßbar.

„Was ich meine? Sie fragen mich, was ich meine? Also –,“ Ich erhob mich und holte tief Luft. „Ich meine, daß Sie alle miteinander einen an der Waffel haben! Tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Sie gehören in eine geschlossene Anstalt, und zwar alle! Einer wie der andere!“ Ich war ein paar Schritte zurückgewichen, damit ich sie im Auge hatte, falls einer von ihnen handgreiflich werden sollte. Bei solchen Typen mußte man mit allem rechnen.

Strand warf Walker einen fragenden Blick zu, dieser zwinkerte ihn an, dann blickten sie beide zu Bryk und grinsten. „Unentschieden!“ verkündete Strand temperamentvoll, zog ein Notizbuch hervor und vermerkte: „Testperson M.: Je 100 Punkte für jeden von uns.“

Ich starrte ihn an. „Jetzt machen Sie aber mal halblang! Punkte hat keiner von Ihnen verdient. Jedenfalls nicht bei so einem blöden Spiel wie diesem hier.“

„Oh, Sie müssen es schon uns überlassen, wie wir unsere Punktezählung definieren,“ belehrte mich Strand mit süffisantem Lächeln. Der Typ wurde mir immer unsympathischer. Kein Wunder, daß Karl Jordan ihn nicht gemocht hatte.

Langsam sank ich in meinen Stuhl zurück. Mein Magen schien schon wieder revoltieren zu wollen und daß mich drei ausgeflippte Synonymproduzenten irr angrinsten, trug nicht zu meinem Wohlbefinden bei. Nun faßte mich Strand auch noch am Arm und schüttelte mich. „So ein Gespräch müssen wir öfters führen, lieber Freund. Nächstes Mal laden wir noch Herrn Verity und Herrn Fruhstorfer dazu ein.“

Das waren ja schöne Aussichten. Resigniert schloß ich die Augen und wünschte, er würde mich loslassen. Meine Kopfschmerzen waren auf einmal auch wieder da.

„Ooooouuuuhh!“ entfuhr es mir.

Nun ließ das Schütteln nach. „Bist du endlich wach?“ fragte eine vertraute, aber ungeduldige weibliche Stimme. Ich blinzelte und versuchte, mich im Bett aufzusetzen. Wie durch Nebelschwaden hindurch erkannte ich meine Freundin, die mich skeptisch anblickte. „Steh lieber ganz langsam auf. Ich nehme an, du weißt wie üblich von nichts, aber gestern Abend hast du reihenweise Daiquiris getrunken. Daß du heil im Bett gelandet bist, verdankst du nur mir. Sonst wärst du wahrscheinlich im Treppenhaus eingeschlafen.“ Sie musterte mich genauer. „Du hast wohl wieder einen bösen Traum gehabt?“

„Oh ja,“ flüsterte ich heiser.

Aber ich behielt ihn für mich. Es gibt Träume, die sind so absurd, daß man sie wirklich niemandem erzählen kann.

Außer den Leserinnen und Lesern des Lepiblogs.

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Literatur
Anonymus [Carrington, J. T.] (1874): Obituary. Francis Walker. – Entomologist’s monthly magazine, 11: 140-141.
Autorenkollektiv (1936-1939): Festschrift zum 60. Geburtstage von Professor Dr. Embrik Strand. Enthaltend dem Jubilar gewidmete Arbeiten ausländischer Zoologen und Palaeontologen. – Riga (Strand) und London (H. E. Knowles). – Band 1: II + 644 S., 14 Tf. Band 2: II + 652 S., 37 Taf. Band 3: II + 608 S., 20 Taf. Band 4: II + 784 S., 16 Taf. Band 5: II + 750 S., 11 Taf.
Baker, D. B. (1996): Two little-known nineteenth century collectors: Dr Thomas Dowler and John Keast Lord, Esq., F. Z. S. – Archives of natural history, 23: 385-398.
Bryk, F. (1928): Der radikalste Schmetterling der Erde. – Entomologische Zeitschrift, 42: 49-50.
Burkhardt, F. & Smith, S. (Hrsg.) (1987): The correspondence of Charles Darwin. Volume 2, 1837–1843. – Cambridge (Cambridge University Press). 646 S.
Evenhuis, N. L. (2011): Francis Walker: taxonomic mercenary or taxonomic narcissist? – Fly times, 46: 33-41.
Evenhuis, N. L. (2018): The life and work of Francis Walker (1809-1874) – Fly times, supplement 2: 1-101.
Graham, M. W. R. de V. (1979): “Ambulator”: Francis Walker, English entomologist (1809–1874). – Entomologist’s gazette, 30: 7-20.
Horn, W. H. R. (1927): Et Meminisse et vaticinari liceat. No. 28. Ueber infernale Entomologen I. – Entomologische Mitteilungen, 16: 1-6.
Jordan, K. (1939): Zoological Miscellany [Rezension von Strands Festschrift]. – Nature, 1939 (3630): 871-872.
Lautner, J. G. (1936): Nomenklaturregeln und Ehrenkodex. Zum Fall Embrik Strands. – Mitteilungen der schweizerischen entomologischen Gesellschaft, 16: 447-450, 615-619.
Lindroth, C. H. (1973): Systematics specializes between Fabricius and Darwin: 1800-1859. S. 119-154. – In: Smith, R. F., Mittler, T. E. & Smith, C. N. (Hrsg.): History of Entomology. – Palo Alto, Ca. (Annual Reviews Inc.). VIII + 517 S.
Strand, E. (1928): Schach dem Typenkult! – Entomologisches Nachrichtenblatt, 2: 61-63.
Stritt, W. (1952): Zur Systematik der Systematiker, insbesondere der entomologischen (Hom. Ent.), nebst einer Bestimmungstabelle. – Entomologische Zeitschrift, 62: 49-53.

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Die biographischen Angaben über Bryk, Strand und Walker sowie die Zitate aus der Literatur sind allesamt authentisch, entsprechen aber in einem Fall nicht den Tatsachen: Es wird zwar oft erzählt (z.B. Horn 1927, Lindroth 1973, Graham 1979), aber es stimmt nicht, daß Walker für jede neubeschriebene Art einen Shilling und für jede neue Gattung ein Pfund erhielt. Das wurde ihm nur angedichtet, weil es die ungeheure Zahl seiner neuen Arten bei überaus oberflächlicher und flüchtiger Arbeitsweise so gut erklärt hätte.
Tatsächlich waren Geldnöte nicht der Grund für seine Arbeitsweise. Einige seiner Saläre sind überliefert: Für den Katalog der Dipteren des Britischen Museums erhielt er £ 150; die einzelnen Lieferungen der folgenden Kataloge wurden anfangs mit £ 37, später mit £ 40 honoriert (Baker 1996, Evenhuis 2011). Zeitlebens hatte Walker versucht, eine feste Anstellung am British Museum zu erreichen, aber er erhielt immer nur Aufträge, das allerdings auch dann noch, als seine Arbeitsweise und die mangelnde Qualität seiner Artbeschreibungen zu Beschwerden namhafter Biologen bei Dr. Gray und den Trustees des Museums geführt hatten.
In einem verblüffenden Ausbruch aus Ehrlichkeit und Selbstkritik hatte Walker bereits mit 27 Jahren geschrieben: „It has often occurred to me that I am unequal to the task of describing these minute insects (Chalcidites & Oxyuri) with sufficient clearness, but from vanity & the pleasure of examining them I have been unable to desist.“ [Mir ist oft klar geworden, daß ich der Aufgabe, diese winzigen Insekten zu beschreiben, nicht gewachsen bin, aber aus Eitelkeit und dem Vergnügen, sie zu untersuchen, konnte ich nicht widerstehen.] (Brief an A. H. Haliday vom 13.1.1837; zitiert bei Graham 1979)
Ein Schlaglicht auf die Flüchtigkeit seiner Artbeschreibungen wirft eine Bemerkung in einem Brief an Charles Darwin, von dem Walker Chalcidoidea-Material zur Beschreibung erhalten hatte. „I am glad that your Chalcidites are safely deposited in the British Museum, & I hope soon to be able to examine their structure more closely than I did when I described the species.” [Ich bin froh, daß Ihre Chalcidites sicher im Britischen Museum deponiert sind und ich hoffe, daß ich ihre Strukturmerkmale bald genauer untersuchen kann als zu dem Zeitpunkt, als ich die Arten beschrieben habe.] (Brief an Charles Darwin vom 10.12.1843; zitiert bei Burkhardt & Smith 1987 und im Online-Darwinprojekt)

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[1] Aus dem anonym veröffentlichten Nachruf, der wie heute angenommen wird, von John T. Carrington stammte und der offensichtlich vom Redaktionskomitee des Entomologist’s monthly magazine gebilligt wurde (das waren damals John W. Douglas, Edward C. Rye, Robert McLachlan und Henry T. Stainton).
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