Fröliches Autorenwechseln

Lästigerweise ändern sich gelegentlich wissenschaftliche Namen, etwa wenn eine Art in eine andere Gattung gestellt wird. Dahinter stehen in der Regel handfeste taxonomische Gründe, die auf Verwandtschaftsanalysen basieren. Viel seltener kommt es vor, daß sich der Autorname ändert, der zum wissenschaftlichen Artnamen gehört. Das kann passieren, wenn eine Veröffentlichung von mehreren Autoren stammt, von denen aber nur einer für eine bestimmte Artbeschreibung verantwortlich war. Heute wird so etwas eindeutig gekennzeichnet, aber im 18. und 19. Jahrhundert war das nicht immer der Fall, so daß man den Kontext genau studieren muß und dann manchmal zu einer Neubewertung der Autorschaft kommt.

Ein kurioser Autorenwechsel betrifft eine Reihe von Wicklerarten, die 1828 aus Süddeutschland beschrieben wurden. In diesem Jahr wurde an der Universität Tübingen eine Dissertation eingereicht, die sich mit den Tortriciden des Königreichs Württemberg befaßte: Enumeratio Tortricum Würtembergiae [Aufzählung der Wickler von Württemberg]. Mit dieser Arbeit wurde Franz Anton Gottfried Frölich (1805-1878) aus Ellwangen zum Doktor der Medizin promoviert. (Damals gab es noch keinen Dr. rer. nat.; mit naturwissenschaftlichen Themen wurde man meist Dr. med.).

Josef Aloys von Frölich mit dem württembergischen Zivilverdienstorden. Portrait in Familienbesitz, nach Wolf (2004). (Da Hans Wolf nicht mehr am Leben ist, konnte ich die Rechteinhaber nicht ermitteln und erlaube mir, das Portrait mit Hinweis auf Wolfs Arbeit wiederzugeben.)

Franz Frölich war der Sohn des ungleich bekannteren Dr. Josef Aloys von Frölich (1766-1841). Dieser stammte aus Marktoberdorf im Allgäu, hatte von 1788 bis 1790 in Erlangen und Wien Medizin und Botanik studiert und 1796 mit einer Dissertation über Enziane promoviert. Nach kurzer Tätigkeit in Sonthofen im Allgäu kam er 1797 als Stadt- und Oberamtsarzt nach Ellwangen, wo er sich bei der Bekämpfung einer Typhus-Epidemie solche Verdienste erwarb, daß er 1816 in den persönlichen Adelsstand erhoben wurde. Schließlich wurde er Sanitätsrat und Königlich Württem-bergischer Leibmedicus. Er ist durch seine botanischen Forschungen bekannt, die in neuerer Zeit unter anderem von Lippert (2004) und Wolf (2004) gewürdigt wurden. Neben mehreren Pflanzenarten, die er selbst beschrieben hat, wurden auch einige Arten und die Gattung Froelichia (Amaranthaceae) nach ihm benannt. Seine weitreichenden Interessen fanden ferner Ausdruck in entomologischen Veröffentlichungen über Käfer und – wie wir sehen werden – über Schmetterlinge, die er sehr eifrig gesammelt haben muß, von denen aber nichts erhalten geblieben ist.

Man könnte annehmen, daß die naturwissenschaftlichen Interessen von Josef Aloys auf seinen Sohn Franz abgefärbt haben. Nicht abgefärbt haben aber offenbar der Eifer und die Energie des Vaters. In der Universitätsbibliothek Upsala befindet sich ein Brief, den Josef Aloys von Frölich am 20.4.1828 an seinen Freund, den Arzt und Botaniker Ernst Gottlieb von Steudel (1783-1856) aus Esslingen geschrieben hat. Frölich erzählt Steudel ganz unverblümt:

„Seit ein paar Monaten bin ich gezwungener Weise ganz Lepidopterologe geworden, weil mein Sohn zu faul war, seine inaug. Diss. selbst zu schreiben, und ich fremde Federn nicht theuer bezahlen wollte. Ich habe nemlich eine Enumer. Tortricum Würtemberg. indigenum geschrieben.“

Da Frölich senior diese Sachlage schon im Jahr der Veröffentlichung freizügig mitteilte, ist es wahrscheinlich kein Wunder, daß sie den Zeitgenossen bekannt wurde.

Weil in seiner Heimatstadt ruchbar wurde, daß Franz Frölich eine fremde Arbeit eingereicht hatte, hat man seine Bewerbung um die Stelle des Ellwanger Oberamtsarztes abgelehnt (Akten im Staatsarchiv Ludwigsburg). Er wurde schließlich Oberamtsarzt in Künzelsau und bekleidete diese Stelle bis zu seinem Tode.

Die Enumeratio war übrigens nicht die einzige lepidopterologische Veröffentlichung Josef Aloys Frölichs. Er hat auch in einem von Jakob Hübners monumentalen Werken einen kleineren Beitrag geleistet, nämlich in der Sammlung europäischer Schmetterlinge. Das war 1830, als Hübner (1761-1826) bereits verstorben war und die Bände von seinem Assistenten Carl Geyer fortgesetzt wurden. Bücher mit handkolorierten Farbtafeln, deren Herstellung aufwendig und langwierig war, erschienen damals in Lieferungen (Heften, Teilen), die jeweils einige Seiten Text und einige Tafeln enthielten. Die Subskribenten[1] ließen sich später die abgeschlossenen Bände beim örtlichen Buchbinder ihres Vertrauens binden[2] – falls sie den Abschluß des Werks noch erlebten. So zog sich die Herausgabe der Sammlung europäischer Schmetterlinge von 1796 bis 1838 hin. Für die Wickler gab Geyer zwei Fortsetzungslieferungen heraus. Die erste davon, erschienen 1830, behandelte 26 Arten auf 5 Tafeln und wurde von Texten von Frölich begleitet.

Die Abbildungen der fünf hier folgenden Tafeln […] sind beinahe durchaus nach Original=Exemplaren des Herrn Dr. v. Frölich, Verfassers der „Enumeratio Torticum Würtembergiae. Tubingae, 1828“ verfertigt worden, dessen anerkannten Eifer für die Schmetterlingskunde wir auch nachfolgende Beschreibungen verdanken.

schreibt Geyer im Vorwort. Das Titelbatt enthält die Zeile:

Mit Beschreibungen von Herrn Dr. v. Frölich, Medizinal-Rath und Leibmedikus.

Diese Berufsbezeichnung läßt keinen Zweifel daran, daß es sich natürlich auch hier um Frölich senior gehandelt hat.

In der ersten faunistischen Bearbeitung der Kleinschmetterlinge von Württemberg gaben Steudel[3] & Hofmann 1882 einen kurzen Überblick über die Forschungsgeschichte in Württemberg und bemerkten, daß

„die bisherige einschlägige Literatur fast nur in einem kleinen Hefte vom Jahre 1828 besteht. Letzteres, eine sehr fleissige Arbeit, stammt von einem Herrn Dr. Frölich, geb. zu Oberdorf an der Argen OA. Tettnang am 19. März 1766, gest. zu Ellwangen am 11. März 1841, welcher sowohl in der Gegend von Ellwangen als in der Gegend seines Geburtsortes, namentlich auch in den Allgäuer Bergen viele Jahre emsig gesammelt hat. Seine Beobachtungen beziehen sich aber nur auf einen Theil der Kleinschmetterlinge, nämlich die Wickler oder Tortrices, und sein Werkchen führt den Titel: Enumeratio tortricum Württembergiae, dissert. inaug. zoologica. Franciscus A. G. Frölich. Ellvacensis. Tubingae 1828.“

Wenn man diese Zeilen genau liest, erkennt man, daß Steudel und Hofmann das Autorschaftsproblem kannten und ihren Lesern subtile Hinweise darauf gaben: Während sie den Titel der Dissertation mit der Namensnennung Franz A. G. Frölich wörtlich zitieren, sind die genannten Lebensdaten des fleißigen und emsigen Herrn Dr. Frölich die des tatsächlichen Autors Josef Aloys Frölich[4]. Wer die Frölichs gekannt hatte – Franz war erst vier Jahre zuvor verstorben – konnte diesen Hinweis verstehen und auch für die Nachwelt war die Sachlage dokumentiert.

Nun hatte allerdings Hermann August Hagen in seiner monumentalen Bibliographie Bibliotheca entomologica (1862-1863) Frölich junior als Autor der Enumeratio genannt; Frölich senior war nur mit drei coleopterologischen Veröffentlichungen vertreten. Hagens grundlegendes bibliographisches Werk wurde von vielen Entomologen benutzt, nicht zuletzt deshalb, weil Hagen sich der Mühe unterzogen hatte, neben den Veröffentlichungen auch biographische Daten von vielen Autoren zu recherchieren. Die 20 Jahre später erschienene Arbeit von Steudel & Hofmann ist als spezialisierte Regionalfauna einfach zu wenig bekannt geworden. Darum sind den meisten späteren Autoren die feinen Andeutungen über den Unterschied zwischen Frölich senior und Frölich junior entgangen, selbst dem sonst so genau recherchierenden Francis Hemming (1937) oder in neuerer Zeit Wolfgang Speidel und Leif Aarvik in einer Arbeit über Tortricidensynonymie (2002).

Die Internationalen Regeln für die Zoologische Nomenklatur, der sogenannte Code (das ist eine Verkürzung des englischen Titels International Code of Zoological Nomenclature), empfehlen die Nennung von Autor und Jahreszahl hinter den Gattungs- und Artnamen: Zumindest in taxonomisch orientierten Arbeiten sollten bei der ersten Nennung eines Taxons der besseren Erkennbarkeit wegen Autor und Jahr beigefügt werden.
Früher wurde bei anonym veröffentlichten Werken, deren Autor nur durch externe Quellen erschlossen werden konnte, der Autorenname in eckige Klammern gesetzt. Diese Regelung ist in der aktuellen vierten Auflage des Code von 1999 nicht mehr enthalten. Sie wäre in unserem Fall auch nicht zutreffend, denn die Enumeratio ist nicht anonym sondern unter falschem Namen veröffentlicht worden. Und für solche Fälle bietet der Code keine spezielle Regelung an; wahrscheinlich kommt das einfach zu selten vor. Glücklicherweise sind die formalen Auswirkungen der Änderung der Autorenschaft für die in der Enumeratio und bei Geyer beschriebenen Arten vernachlässigbar, da lediglich der Name Frölich gegen Frölich auszutauschen ist[5].

Danksagung
Mein Dank gebührt dem verstorbenen Frölich-Kenner Dr. Hans Wolf (1946-2013), der auf die Akten im Staatsarchiv Ludwigsburg hinwies und die Auszüge aus der Frölich-Steudel-Korrespondenz in der Universitätsbibliothek Upsala übermittelte. Seine Webseite mit biographischen Informationen zu Josef Aloys Frölich ist über die Internet Archive Wayback Machine noch aufzufinden[6].
Literatur
Frölich, F. A. G. v. [recte: Frölich, J. A. v.] (1828): Enumeratio Tortricum Würtembergiae. Dissertatio inauguralis zoologica quam consentiente facultate gratiosa medica praeside G. Schübler med. doct. et prof. ord. publ. pro gradu doctoris medicinae publico examini submittit Die Mai MDCCCXXVIII auctor Francisc. A. G. Frölich Ellvacensis. [Dissertation, Universität Tübingen.] – Tübingen (Schoenhardt). VIII + 102 S. [Digitale Version]
Geyer, C. (1830): Sammlung europäischer Schmetterlinge. Errichtet von Jacob Hübner. VII. Horde. Die Wickler. Tortrices Linn. Fortgesetzt von C. Geyer. Mit Beschreibungen von Herrn Dr. von Frölich, Medizinal-Rath und Leobmedikus. – Augsburg (Geyer). IV + 16 S., Taf. 48-52.
Hagen, H. A. (1862-1863): Bibliotheca Entomologica. Die Litteratur über das ganze Gebiet der Entomologie bis zum Jahre 1862. Bd. 1-2. – Leipzig (Engelmann). XII + 566 S. und II + 512 S. [Digitale Version, Band 1]
Hemming, F. (1937): Hübner. A bibliographical and systematic account of the entomological works of Jacob Hübner and of the supplements thereto by Carl Geyer[,] Gottfried Franz von [sic] Frölich and Gottlieb August Wilhelm Herrich-Schäffer. – London (Royal entomological Society). XXXIV + 605 S., XII + 274 S.
Lippert, W. (2004): Josef Aloys Frölich und die Flora des Allgäus. – In: Restaurierung und Katalogisierung des Herbariums Leiner in Konstanz. – Berichte der Botanischen Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutschland, Beiheft 1: 149-159.
Speidel, W. & Aarvik, L. (2002): Synonyms of European Tortricidae and Noctuidae, with special reference to the publications of Hübner, Geyer and Frölich. – Nota lepidopterogica, 25: 17-22. [Digitale Version]
Steudel, W. & Hofmann, E. (1882): Verzeichniss württembergischer Kleinschmetterlinge. – Jahreshefte des Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg, 38: 143–262. [Digitale Version]
Wolf, H. (2004): Josef Aloys Frölich (1766–1841) und die Flora von Ostwürttemberg. – In: Restaurierung und Katalogisierung des Herbariums Leiner in Konstanz. – Berichte der Botanischen Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutschland, Beiheft 1: 81–148.
Wolf, H. (2013): https://web.archive.org/web/20070927183436/http://www.natur-ostwuerttemberg.de/froelich.html [biographische Webseite über Josef Aloys Frölich. Besucht am 22.1.2021]

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[1] Eine Subskription auf ein Buch, das in Lieferungen erschien, war so etwas Ähnliches wie ein Abonnement einer Zeitschrift.
[2] Deshalb gleicht keines dieser alten Bücher im äußeren Aussehen dem anderen. Je nach Geschmack und Geldbeutel des Besitzers wurden sie mehr oder weniger opulent ausgestattet. Manchmal blieben sie auch ungebunden, was für die Bibliographen von Vorteil sein kann, weil die originalen Papierumschläge der Lieferungen oft Rückschlüsse auf das Publikationsdatum erlauben. Und das ist wichtig, wenn es darum geht, den gültigen (= ältesten) Namen einer Art zu ermitteln.
[3] Dr. med. Wilhelm Steudel (1829-1903), nicht verwandt mit Ernst Gottlieb v. Steudel.
[4] Mit kleineren Fehlern: der Geburtsort ist nicht Oberdorf an der Argen sondern das heutige Marktoberdorf und das Geburtsdatum ist der 10. und nicht der 19.3.1766; aber es ist klar, daß der Vater und nicht der Sohn gemeint ist.
[5] Nur wer die Autornamen hinter den wissenschaftlichen Artnamen mit abgekürzten Vornamen schreibt – manche Biologen finden das schick – muß hier aufpassen.
[6] Auf seiner Webseite über Josef Aloys Frölich merkt Hans Wolf übrigens an: „Wikipedia ist nicht herangezogen worden; in der dortigen Frölich-Biografie sind mehrere, auch grobe Fehler.“
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