Buchtip: Walpergen

Es gibt Bücher, die muß man einfach kaufen, wenn sie einem zufällig in einer Buchhandlung oder einem Antiquariat über den Weg laufen, Bücher, die einen unmittelbar faszinieren, sei es durch den Text oder, wie hier, durch die fantastischen, naturgetreuen, lebensechten, mit großer Sorgfalt ausgeführten Aquarelle.

Wechssler, S. (1992): Blumen und Schmetterlinge. Studien nach der Natur von Peter Friedrich de Walpergen. Bearbeitung von Karlheinz Senghas, Eva M. Maier, Rainer Drös. – Heidelberg (Guderjahn). 115 S., 50 Farbtafeln. Gebunden, 30 x 22 cm. 9,90 €.

Aus einer protestantischen Antwerpener Familie stammend, die im 16. Jahrhundert nach Deutschland emigrieren mußte, war Walpergens Vater nach Heidelberg gelangt, wo 1730 sein taubstummer Sohn Peter Friedrich geboren wurde. Zwar wird er im Sterberegister als Geometer geführt, hat aber den Beruf eines Landvermessers wegen seiner Behinderung wohl nur in beschränktem Umfang ausüben können. Sein Zeichentalent wurde aber offenbar gefördert und es existiert eine Reihe von Zeichnungen und Aquarellen (vorwiegend Heidelberger Ansichten) von seiner Hand. Wertvoller ist seine entomologische Hinterlassenschaft:
In den Jahren 1778 bis 1807 schuf er eine 82 Oktavblätter umfassende Sammlung von Aquarellen mit 171 blühenden Pflanzen, 412 Insekten und 37 Raupen, die sich im Besitz des Kurpfälzischen Museums der Stadt Heidelberg befinden und aus denen eine Auswahl von 50 Blättern in diesem Buch gezeigt wird. Ein Duodezwerk, umfassend „101 Raupen, 1 Schmetterling und 3 Käfer“, ist noch unveröffentlicht. Die künstlerische Darstellung von einzelnen Faltern und Raupen in Blumenstilleben hatte besonders im niederländisch-flämischen Bereich damals bereits eine lange Tradition. Von dort führt ein Weg zur naturwissenschaftlichen Buchillustration, bei der man sich bemühte, Tiere und Pflanzen so naturgetreu und realistisch wie möglich wiederzugeben. Hier steht Walpergen in der Nachfolge von Maria Sybilla Merian (1647-1717), August Johann Rösel von Rosenhof (1705-1759), Christiaan Sepp (um 1700/1710-1755) oder Jakob Hübner (1761-1826). Die im Buch wiedergegebenen Tafeln enthalten 5 Raupen, 5 Puppen und 73 Falter von der Ober- und meist auch von der Unterseite. Die akribische, äußerst detailgetreue Darstellung und die sichere Beherrschung von Form und Farbe erweisen diese Aquarelle als kleine lepidopterologische Meisterwerke, die den zeitgenössischen Abbildungen von Hübner und Esper gleichwertig und meist sogar überlegen sind.

Neben dem künstlerischen Aspekt liegt der besondere Wert des Werkes in seinem lokalfaunistischen Inhalt. Da Walpergen sein ganzes Leben in Heidelberg und Umgebung verbracht haben dürfte, stammen auch die abgebildeten Arten aus dem weiteren Umkreis der Stadt. Die einzige Ausnahme ist Saturnia pyri, die Walpergen sicherlich aus Österreich oder Südeuropa erhalten hatte. Schon damals nämlich wurden Raupen, Kokons und Falter dieser Art nicht nur unter Entomologen gehandelt, wie eine Bemerkung Schranks belegt: „als ich im Jahr 1784 zu Linz war, bothen mir die herumlaufenden Jungen eine Menge zu Kauf an, das Stück für einen Groschen; aber ich war reisefertig, und es fehlte mir an einer hinreichenden Anzahl zubereiteter Schachteln, in welchen der Schmetterling das Stossen der Reise hätte aushalten können.“ (Schrank 1801: 248). Alle anderen von Walpergen abgebildeten Arten sind einheimisch, darunter auch die seltene Lycaena alciphron, die nach einer alten Angabe (Reutti 1898) bei Heidelberg vorkam und noch 1989 in einem Einzelstück bei Schönau gesehen wurde (Ebert & Rennwald 1991). Walpergens Abbildung ist ein weiteres Indiz dafür, daß in der Tat eine indigene Population im südlichen Odenwald bestanden hat.

Leider haben Verlag und Herausgeberin darauf verzichtet, die Abbildungen von Fachleuten kommentieren zu lassen. So ist es zu ein paar falschen Bestimmungen gekommen:

  • Tafel 15, Abb. 6. zeigt keineswegs eine „Assel (Ordnung Isopoda)“. Es handelt sich hier um das bekannte, flügellose Weibchen von Orgyia antiqua L. (Lymantriinae).
  • Tafel 27, Abb. 34. Der als „Kleinschmetterling“ bezeichnete Falter ist eine Art der Unterfamilie Scopariinae aus einer Gattung um Scoparia oder Eudonia, wahrscheinlich die häufige Eudonia lacustrata Panz. (Crambidae).
  • Abb. 37. zeigt nicht „cf. Oporinia autumnata“, sondern gut erkennbar Scotopteryx bipunctaria D. & S.
  • Abb. 184. Der abgebildete „Kleinschmetterling“ gehört nicht zu den „Wicklern“ (Tortricidae), sondern ist der unverwechselbare Euplocamus anthracinalis Scop. (Familie Echte Motten, Tineidae).
  • Tafel 31, Abb. 38 zeigt keine „Gespinstmotte (Yponomeuta sp.)“, sondern eine Ypsolopha-Art (Ypsolophidae).
  • Abb. 39 ist keine „Aphomia sociella“ (Pyralidae), sondern die unverwechselbare Hedya salicella L. (Tortricidae).
  • Abb. 41 zeigt nicht Boloria selene, sondern Boloria euphrosyne L., wie anhand der Silberflecke der Hinterflügel-Unterseite eindeutig festzustellen ist.
  • Tafel 59, Abb. 76 zeigt nicht „cf. Rhyacia xanthographa“, sondern das Weibchen von Orthosia cerasi F., an der typischen Flügelform, Färbung und Zeichnung, insbesondere an den beiden großen, hell umrandeten Makeln, eindeutig zu identifizieren.
  • Tafel 143, Abb. 163 zeigt nicht „Cerura furcula“ (Notodontidae), sondern Lycia hirtaria Cl. (Geometridae).

Es mag vielleicht eine kleine Herausforderung an Entomologen sein, herauszufinden, ob sich unter den dargestellten Insekten anderer Ordnungen (Ephemeroptera, Odonata, Plecoptera, Coleoptera, Diptera, Hymenoptera u.a.) auch noch falsch oder unzureichend bestimmte Arten befinden. Daß Walpergen die Hautflügel vieler dieser Arten nicht gemalt, sondern ihre echten Flügel aufgeklebt hat, ist eine zusätzliche Hilfe, die in manchen Fällen vielleicht auch die genauere Untersuchung der Originale lohnen dürfte.

Das im DIN A4-Format gedruckte Buch ist im Internet-Buchhandel für unter 10 Euro erhältlich.

Literatur
Ebert, G. & Rennwald, E. (Hrsg.) (1991): Die Schmetterlinge Baden-Württembergs. Band 2: Tagfalter II. – Stuttgart (Ulmer Verlag). 535 S.
Reutti, C. (mit Meess, A. & Spuler, A.) (1898): Übersicht der Lepidopteren-Fauna des Grossherzogtums Baden [und der anstossenden Länder]. – Verhandlungen des naturwissenschaftlichen Vereins in Karlsruhe, 12: I-XII, 1-361.
Schrank, F. v. Paula (1801): Fauna Boica. Durchgedachte Geschichte der in Baiern einheimischen und zahmen Thiere. Zweyter Band, erste Abtheilung. – Ingolstadt (J. W. Krüll). [2] + VIII + 274 S.
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