Die Schlange der Versuchung, der heilige Franziskus und Nepticula-Minen am Rosenstrauche

Welche Neptikel miniert im Anio-Tal bei Subiaco an Rosa?

Diese Frage stellte sich selbst und anderen der Entomologe August Hoffmann in einem Artikel in der Stettiner entomologischen Zeitung im Jahr 1893. Hoffmann ist nicht selber dort gewesen sondern war durch einen Reisebericht von Joseph Victor von Scheffel, dem Autor des Ekkehard und des Trompeters von Säckingen, auf das Thema aufmerksam geworden.

Der Überlieferung nach hat der heilige Benedikt[1], wenn er in seiner Einsiedelei bei Subiaco von der fleischlichen Lust allzu sehr geplagt wurde, um selbige zu unterdrücken sich nackt in Dornensträuchern und Nesseln gewälzt. Na ja. Kann man so machen, muß man aber nicht. Immerhin hat es bei Benedikt die erwünschte Wirkung gehabt.

Jahrhunderte später besuchte der heilige Franziskus von Assisi den Ort und soll – je nach Quelle – die Distelstauden in Rosen verwandelt haben oder die Rosensträucher gesegnet haben, worauf sie keine Dornen mehr trugen und ihre Blätter mit dem Zeichen der Schlange der Versuchung geziert waren.

Diese Schlangenlinien interpretiert Hoffmann als Nepticuliden-Minen und zitiert dazu aus Scheffels Bericht. Demnach haben zwei seiner Reisegefährten, Andrée, ein Maler aus Frankfurt, und Dr. Wilhelm Heyd, damals Repetent am Tübinger Evangelischen Stift, später als Wilhelm von Heyd ein namhafter Historiker, am 31. Dezember 1852 einen Ritt nach Subiaco und zu den Klöstern San Benedetto und Santa Scholastica unternommen und Scheffel von dort einen Strauß Rosen mit minierten Blättern mitgebracht. Eins der Blätter sandte Scheffel mit seinem Brief vom 6. Januar 1853 von Rom aus in die Heimat.

Hoffmann fragt sich, welche Nepticulidenart für diese Minen verantwortlich sein mag. Für den Fall, daß es sich um eine noch unbekannte Art handele, versteigt er sich sogar dazu, halb scherzhaft den Namen Nepticula tentationis für sie vorzuschlagen.

Im Katalog der Nepticulidae der Welt führen Erik van Nieukerken und seine Co-Autoren den Namen Nepticula tentationis Hoffmann, 1893 korrekterweise als nomen nudum („nackter Name“; dieser taxonomische Begriff bezeichnet Namen, die ohne gültige Beschreibung – in diesem Fall auch ohne Typenmaterial – veröffentlicht wurden).

Hoffmann hat wohl keine Antwort auf seine Frage erhalten; jedenfalls ist in den folgenden Jahrgängen der Zeitschrift nichts zu diesem Thema erschienen. Wahrscheinlich kommen zu viele Arten in Betracht, als daß man die Frage in dieser taxonomisch schwierigen Gruppe ohne Belegmaterial sinnvoll beantworten könnte. Dazu war die Neptikel-Fauna Mittelitaliens Ende des 19. Jahrhunderts sicher noch nicht gut genug bekannt. Ob seitdem irgendjemand im Anio-Tal Minen an Rosen gesammelt hat? Ob die Minen wirklich von Lepidopteren verursacht werden? Ob es überhaupt den Aufwand lohnt, die franziskanische Legende auf ihre naturwissenschaftliche Grundlage hin zu untersuchen? Für uns Entomologen mag es schon genug sein, zu wissen, daß die Schlangenlinien auf den Rosenblättern von minierenden Insektenlarven verursacht werden. Der Erfinder der Franziskus-Legende hat sich dieses Naturphänomens jedenfalls klug zu bedienen gewußt.

Literatur
Hoffmann, A. (1893): Die Entomologie in der christlichen Legende. – Entomologische Zeitung herausgegeben von dem entomologischen Vereine zu Stettin, 54 (4-6): 214-215.
Nieukerken, E. J. v., Doorenweerd, C., Hoare, R. J. B. & Davis, D. R. (2016): Revised classification and catalogue of global Nepticulidae and Opostegidae (Lepidoptera, Nepticuloidea). – ZooKeys, 628: 65-246.
Scheffel, J. V. v. (1916): Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke. Hrsg. von Johannes Franke. Bd. 7. Episteln und Reisebilder 1. – Leipzig (Hesse & Becker).

[1] Benedikt von Nursia (um 480-547), Verfasser der Regula Benedicti, Gründer der Abtei Montecassino und Begründer des Benediktinerordens.
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