Ein Prinz und sein Apollofalter

What is history all about if not the exquisite delight of
knowing the details, and not only the abstract patterns.
Stephen Jay Gould

Es ist der 15. August 1897, früh am Morgen. Im Bois de Maréchaux bei Vaucresson hängt der Tau noch an den Gräsern, als mehrere Kutschen aus dem nahen Paris eintreffen. Die förmlich-elegant gekleideten Männer, die ihnen entsteigen, bilden zwei Gruppen. Mehrere von ihnen treffen sich in der Mitte und wechseln gemessene Worte. Währenddessen entledigen sich zwei junge Männer ihrer Fracks und erhalten Degen ausgehändigt. Die Sekundanten beenden die Vorbereitungen und die beiden Männer nehmen Aufstellung. Die ehrwürdigen alten Eichen, die die Lichtung einrahmen, nehmen keine Notiz davon. Sie haben schon viele Duelle erlebt.

Aber dieses ist kein ganz gewöhnliches Duell, denn beide Duellanten sind Prinzen. Der eine ist Franzose und ein Urenkel von König Louis-Philippe I. Der andere, sein Herausforderer, ist Italiener und ein Enkel von König Viktor Emanuel II. Er verschmäht Pistolen, die er gerade mal bei betrogenen Ehemännern für angemessen hält und besteht auf Degen als Waffen der Wahl für Prinzen von königlichem Geblüt. Schließlich geht es um nichts weniger als die Ehre des italienischen Volkes und der italienischen Armee.

Der Illustrator ist sicher nicht dabeigewesen, aber so ähnlich wie hier dargestellt wird man sich das Duell vorstellen dürfen – so wie viele der von Henri ausgefochtenen Ehrenhändel.

Der Anlaß zu diesem Duell sind einige Artikel im Figaro gewesen. Darin hat Prinz Henri Philippe Marie d’Orléans, Urenkel von Louis-Philippe I., sich abfällig über das Verhalten der italienischen Soldaten geäußert, die im Ersten Italienisch-Äthiopischen Krieg in Gefangenschaft geraten sind. Prinz Vittorio Emanuele von Savoyen-Aosta, Graf von Turin, Enkel von Viktor Emanuel II., fordert ihn daraufhin zum Duell. Der Schlagabtausch beginnt pünktlich um 5:00 Uhr und dauert 26 Minuten (faszinierend, wie penibel das damals aufgezeichnet wurde). Beide Kombattanten werden verwundet; Prinz Henri erhält eine ernsthafte Wunde „im rechten Abdominalbereich“ und wird von den Ärzten beider Parteien für unterlegen erklärt. Den Grafen von Turin macht dieses Duell weltberühmt. (Damals war es etwas schwieriger als heute, berühmt zu werden. Es gab weder Dschungelcamp noch Promi Big Brother noch bestand die Möglichkeit, sich als Influencer für Mode, Kosmetik oder Lifestyle zu prostituieren.)

Henri d’Orléans (1867-1901)

Nun ist Prinz Henri d’Orléans einerseits dafür bekannt, mit seinen chauvinistischen Ansichten nicht hinter dem Berg zu halten, andererseits hat die Angelegenheit politische Dimensionen: Frankreich hat nämlich im Ersten Italienisch-Äthiopischen Krieg Kaiser Menelik II. mit Waffenlieferungen unterstützt und Henri ist in Äthiopien gewesen und hat dort die Situation der italienischen Kriegsgefangenen kennengelernt.

Sicher spielt auch eine Rolle, daß Henri d’Orléans ursprünglich selber eine militärische Karriere angestrebt hat. 1886 war er bereits zur Aufnahmeprüfung an der Militärakademie Saint-Cyr zugelassen, als ein Exilgesetz verabschiedet wurde, das den ehemals in Frankreich herrschenden Monarchen und ihren ältesten Söhnen den Zugang nach Frankreich und den übrigen Familienmitgliedern den Dienst in der französischen Armee untersagt. So lebt Henri seine Energien als Forschungsreisender, Jäger, Fotograf und Maler aus.

Mit den Forschungen ist es anfangs nicht so weit her. 1887-1888, im Alter von 21 Jahren, bereist er Indien. Er wird vom Vizekönig Lord Dufferin empfangen, der durch Empfehlungsschreiben von Henris Onkel, dem Comte de Paris, genötigt wird, Jagden zu organisieren. Der erste, wenig ergiebige Jagdausflug in die Sundarbans ergibt in drei Wochen nur einen einzigen Tiger. Dann aber geht es – diesmal mit seinem Cousin Philippe – nach Nepal, mit 40 Wagen, 70 Elefanten und an die 570 Bediensteten. Im Gepäck 13.000 Schuß Munition. In sechs Wochen werden 21 Tiger abgeschlachtet und unzähliges sonstiges Getier. Beide Jäger veröffentlichen Berichte über diese Reise (Orléans, H. 1889, Orléans, P. 1892). Die stolze „Liste des animaux tuès par nous aux Sundarbans et au Népaul“ [Liste der in den Sundarbans und in Nepal von uns getöteten Tiere] umfaßt vier Seiten. Mit Forschung hat das recht wenig zu tun, auch wenn die Felle und Bälge in französischen Museen landen. Das Muséum d’Histoire Naturelle in Paris zeigt noch heute eine Szene dieser Jagd, als der Elefant von Philippe von einem verwundeten Tiger angesprungen wird (hier zu sehen). Der Tiger zog letztlich den Kürzeren.

Neben der Neigung zum Duellieren hat der junge Henri auch eine Schwäche für kostspielige Damenbekanntschaften und für das Glücksspiel, bei dem er enorme Summen verpulvert. Die Energie, die er in diese Freizeitbeschäftigungen steckt, ist zwar seine eigene, aber das verspielte Geld ist das Familienvermögen. Schließlich weiß sein geplagter Vater Robert, der Duc de Chartres, keinen anderen Ausweg, ihn von den Spieltischen loszueisen, als ihn auf eine weitere Abenteuerreise zu schicken: Er finanziert dem angesehenen Forscher Gabriel Bonvalot eine Tibetexpedition, unter der Bedingung, daß sein Sohn Henri als Botaniker und Fotograf mitgenommen wird.

Gabriel Bonvalot (1853-1933)

Zentralasien ist der Schauplatz des später als „great game“ bezeichneten Konkurrenzkampfs der europäischen Kolonialmächte, insbesondere Rußlands und Großbritanniens. Frankreich ist dort eher außen vor; es hat sich in Indochina festgesetzt. Aber in Tibet locken unerforschte Gebiete und Lhasa ist seit einem halben Jahrhundert von keinem Europäer mehr betreten worden. Forschungsreisen sind im 19. Jahrhundert immer en vogue und wenn sich die naturwissenschaftlichen Entdeckungen nicht vermarkten oder ausbeuten lassen, sind die geographischen Erkenntnisse von militärischem und handelspolitischem Interesse.

Constant De Deken (1852-1898)

Am 6. Juli 1889 verlassen Bonvalot und Henri d’Orléans Paris und reisen über Moskau nach Sibirien. In Turkestan treffen sie als dritten europäischen Teilnehmer den belgischen Missionar Constant De Deken [1], der wegen seiner chinesischen Sprachkenntnisse unentbehrlich ist. Sie durchqueren das Hochland von Tibet im Winter, was allein schon eine gewaltige Leistung ist. In Höhen zwischen 4.000 und über 6.000 Metern und bei Temperaturen bis minus 40°C sterben nacheinander alle Kamele, Pferde und Esel und müssen durch Yaks ersetzt werden. Im Februar sind sie bis auf 60 Kilometer an Lhasa herangekommen, doch die Tibeter lassen sie nicht weiter. Man hält sie für Russen oder Engländer. Henri schlägt einen französisch-tibetischen Bündnisvertrag vor – obwohl er für derartige Verhandlungen in keiner Weise ermächtigt ist. Die Tibeter möchten aber Gewehre haben, um die Briten zu bekämpfen und die kann Henri nicht liefern. Am Ende wird die Karawane höflich aber bestimmt in Richtung China aus Tibet hinauskomplimentiert. Im September 1890 erreichen sie schließlich ihr Ziel Tonkin (heute Nordvietnam, damals Teil von Französisch-Indochina). Als sie in Hanoi eintreffen, haben sie 6.000 km zurückgelegt, von denen 2.500 km noch von keinem Europäer durchreist wurden. Bonvalot veröffentlicht einen Reisebericht unter dem Titel De Paris au Tonkin à travers le Tibet inconnu. Ouvrage contenant une carte en couleurs et cent huit illustrations gravées d’après les photographies prises par le prince Henri d’Orléans. Interessant daß man nicht diese 108 Fotografien im Buch reproduziert hat, sondern daß Stiche danach angefertigt wurden. Ob man mit der Qualität der Fotos nicht zufrieden war? Oder war es billiger, Stiche zu drucken? De Dekens Reisebeschreibung A travers lAsie, die den Bericht von Bonvalot in manchen Punkten aufschlußreich ergänzt, erscheint erst 1902, da ist De Deken schon seit vier Jahren tot.

Die Karawane in der Lop-Noor-Wüste am Fuß des Altun Shan. Der erste Europäer in diesem Gebiet war 14 Jahre zuvor Nikolai Przewalskij gewesen.

Bevor wir auf den Apollofalter zu sprechen kommen, der auf dieser Reise entdeckt wurde, schauen wir uns noch die weitere Karriere des Prinzen an.

Zunächst erhält er nach der Tibetreise gemeinsam mit Bonvalot die Goldmedaille der Société de Géographie. Und es werden einige der neu entdeckten Tiere und Pflanzen nach ihm benannt, darunter die Scheinmohn-Art Meconopsis henrici, Rhododendron principis, Primula henrici, die Läusekraut-Art Pedicularis princeps, Incarvillea principis [2], der Prinzenhäherling Trochalopteron henrici Oustalet, 1892 und eine neue Unterart des Tibet-Königshuhns, Tetraogallus tibetanus henrici Oustalet, 1892. Wie man Großwild erlegt, wußte Henri ja zur Genüge, aber er hat tatsächlich auch mit gutem Erfolg botanisiert.

Die botanischen Aufsammlungen gehen ans Muséum National d’Histoire Naturelle in Paris, wo die Bearbeitung durch Bureau & Franchet 77 neue Arten ergibt, darunter diese Primula henrici („Espèce très remarquable“).

Nun hat der Prinz Geschmack an Entdeckungsreisen gefunden. Im folgenden Jahr erkundet er das Gebiet zwischen Schwarzem Fluß und Mekong. 1892 bereist er Ostafrika (Äthiopien) und 1894 Madagaskar, wo er eine französische Invasion empfiehlt. In der Tat wird Madagaskar 1896 französische Kolonie.

Von seiner fatalen Spiel- und Verschwendungssucht werden ihn seine Reisen nicht heilen. 1895 muß ihn sein Vater per Gerichtsbeschluß für „unverantwortlich und unfähig, seine Angelegenheiten selbst zu regeln“ erklären lassen und es werden Treuhänder ernannt.

Das hält ihn nicht von so manchen Affären ab. Bei adligen Damen der Gesellschaft scheint er ebenso beliebt gewesen zu sein wie bei Titel- und Mitgiftjägerinnen. Floria Comtesse de Martimprey, die als bürgerliche Florence Drouillard in Nashville, Tennessee, geboren wurde, zweimal einen Grafen heiratete und 1921 ihre Lebenserinnerungen veröffentlichte, beschreibt Henri als “one of the most interesting and fascinating men I met in Europe. Strikingly handsome, of superb physique, a master of all sports, as gifted in the drawing-room as in the field, he was the beau ideal of a prince […] how could Prince Henri be anything but a spoiled darling of the women […] perhaps the finest swordsman in France […] he had been victorious in a score of encounters.”

Ja, das Duellieren kann er nicht lassen; sein Temperament veranlaßt ihn immer wieder zu Forderungen aufgrund von oft genug belanglosen oder von ihm selber provozierten Ehrenkränkungen. Diese Karikatur in Vanity Fair zeigt ihn so wie die Öffentlichkeit ihn wahrnahm: mondän, tadellos gekleidet und mit dem Duelldegen stets unter dem Arm.

Eines seiner beständigsten Haßobjekte bleibt zeitlebens Großbritannien. Obwohl er selber in England geboren ist, wo seine Familie nach der Flucht aus Frankreich gastfreundliche Aufnahme gefunden hat, läßt er sich kaum eine Gelegenheit entgehen, gegen Großbritannien und dessen Kolonialpolitik zu polemisieren. “I do not understand why the Prince Henry and the Duke of Orleans who lives in England are always so rude about my country,” klagt der Prince of Wales. Selbst in Frankreich werden Henris unbedachte Äußerungen nicht gern gehört; in Regierungskreisen ist man der Ansicht, er schade dem Ansehen Frankreichs. Dabei ist er bei Teilen der Bevökerung durchaus beliebt, vor allem bei den Monarchisten.

Nach Indochina kehrt er immer wieder zurück. 1895 organisiert er zusammen mit Émile Roux und Pierre Briffaut seine ehrgeizigste Expedition. Sie startet in Hanoi und soll das Mekonggebiet erforschen. Man ist gut ausgerüstet für topographische Vermessungen und naturwissenschaftliche Aufsammlungen. Eigentlich will man durch Yünnan dem Lauf des Mekong folgen, wechselt dann aber westwärts und geht den Salween aufwärts, der nach Meinung einiger Geographen seinen Ursprung im nordwestlichen Yünnan haben soll, wie sich dann aber herausstellt weit nördlicher in Tibet entspringt. Über die tibetische Provinz Chamdo und Zayul geht die mehr als 2.000 Meilen lange Reise ins obere Burma und schließlich nach Indien. Dabei wird der Ursprung des Irrawaddy bei 28°30′ aufgeklärt, den man bislang weiter nördlich vermutet hatte. Die Erforschung des Oberlaufs des Irrawaddy ist Henris wichtigste geographische Entdeckung. Botanische Aufsammlungen sind zwar nur in Yünnan möglich, wo das Wegenetz Maultiertransport ermöglicht, aber es gibt wieder viele neue Arten und auch wieder Benamsungen nach dem Entdecker, so etwa Lilium henrici Franchet, 1898.

Zurück in Frankreich wird Henri 1896 zum Chevalier de la Légion d’honneur – d.h. zum Ritter der Ehrenlegion – ernannt.

Seine Anglophobie hält ihn übrigens nicht davon ab, englische Ehrungen anzunehmen:

„[…] his diatribes against Great Britain contrasted rather curiously with the cordial reception which his position as a traveller obtained for him in London, where he was given the gold medal of the Royal Geographical Society.“
[Seine Hetzreden gegen Großbritannien standen im einem merkwürdigen Gegensatz zu dem herzlichen Empfang, den ihm sein Rang als Reisender in London bescherte, wo ihm die Goldmedaille der Royal Geographical Society verliehen wurde.] [3]

Nach dem Italienisch-Äthiopischen Krieg 1897 bereist er mit dem russischen Grafen Nicolai Leontiev (1862-1910), den der Negus als Bezirksgouverneur eingesetzt hat, Äthiopien und seine Rückkehr wirft ihre Schatten voraus:

schreibt die New York Times in prophetischer Weise am 8. August 1897. Man weiß, was von ihm zu erwarten ist. Nur eine Woche später kommt es zu dem eingangs erwähnten Duell. Übrigens ist Henri ursprünglich vom General Matteo Albertone zum Duell gefordert worden, dem einzigen überlebenden General der desaströsen Schlacht von Adua. Der aber tritt zurück und läßt dem Grafen von Turin den Vorrang, als dieser ebenfalls Henri herausfordert. Wahrscheinlich wäre der 57jährige Albertone nach seiner 14monatigen Kriegsgefangenschaft in Äthiopien ein leichterer Gegner für Henri gewesen.

Bei den Vorbereitungen zu einer weiteren Indochina-Expedition erkrankt Henri und stirbt 1901 in Saigon im Alter von nur 33 Jahren an einem Nierenleiden, nach der Wikipedia an „paludisme“ (Malaria), nach anderen Quellen an Dysenterie oder einem Leberabszess. Es hat sich wohl nie ganz klären lassen. Jedenfalls war es nicht bei einem Duell.

Heute würde man eine Persönlichkeit wie ihn wohl als arroganten Chauvinisten bezeichnen. Im Élysée-Palast dürfte man die Nachricht von seinem Dahinscheiden nicht ohne eine gewisse Erleichterung zur Kenntnis genommen haben. Aber die französische Öffentlichkeit trauert um ihn. Sein Leichnam wird in einem doppelten Sarg aus Blei und Teakholz nach Europa überführt und unter großer Teilnahme der Öffentlichkeit in der Familiengruft des Hauses Orléans in Saint-Louis de Dreux beigesetzt. Sein Sarkophag ist ungewöhnlich theatralisch gestaltet, in starkem Kontrast zu den üblichen Grabskulpturen: Henri liegt auf dem Rücken, aber sein Oberkörper bäumt sich auf, so als ob er sich in Krämpfen windet – der Bildhauer Antonin Mercié hat ihn im Moment seines Todeskampfes dargestellt. Er trägt Stiefel und Geländekluft und über seinen Hüften liegt eine auseinandergefaltete Landkarte; die rechte Hand schwebt über Frankreich. Hier wird seine Rolle als furchtloser Entdecker zelebriert.

Sie warten wahrscheinlich schon darauf, daß ich endlich zu seinem Apollofalter komme. „Seiner“ war es zweifellos, denn er hat ihn entdeckt und wohl eigenhändig gesammelt, auf der Tibetreise 1890, zwischen Litang und Tatsienlu.

Das Tal von Tatsienlu von Norden, nach einem Foto von Henri d’Orléans (Bonvalot 1892, S. 451)

Tatsienlu (auch Ta-tsien-lou; heute Kangding oder Dartsedo) ist ein regionales Zentrum in der chinesischen Provinz Sichuan in der Grenzregion zum östlichen Tibet, in 2.800 m Höhe gelegen und von Fünftausendern umgeben. Im Ausland kaum bekannt. Aber alle Biologen, die sich einmal mit der zentralasiatischen Fauna und Flora beschäftigt haben, bekommen leuchtende Augen, weil sie diesen Ort als Typenfundort zahlreicher Tier- und Pflanzenarten kennen. Denn in Tatsienlu befand sich eine französische Missionsstation und viele dieser Missionare waren botanisch und zoologisch interessiert. Sie sammelten selbst und leiteten Einheimische zum Sammeln an. Damit standen sie in der Tradition des bekannten Lazaristenpaters Armand David, der eine Generation zuvor die ersten Exemplare des Großen Pandas, des Davidshirsches und des Schmetterlingsflieders Buddleia davidii entdeckt oder vielmehr der europäischen Wissenschaft zur Kenntnis gebracht hatte.

Tatsienlu von Süden, fotografiert von A. E. Pratt 1889 oder 1890 (Pratt 1892, Taf. zw. S. 134/135)

Auf diesem Bild, das Dieter E. Zimmer 2005 aufgenommen hat, erhalten Sie einen Eindruck von den Farben und der Atmosphäre der Gebirgsregion um Kangding. Auch die Wikipedia zeigt einen sehr eindrucksvollen Blick von oben auf das wolkenverhangene Tal von Kangding.

Wie stark der Artenreichtum Tibets und der chinesischen Hochgebirge und der – vermeintliche – Zauber dieser schwer erreichbaren Gegenden auf westliche Entomologen eingewirkt hat, kann man der 1930 entstandenen Kurzgeschichte Pilgram (engl. The Aurelian) von Vladimir Nabokov entnehmen. Sie handelt von einem Schmetterlingssammler und -händler namens Pilgram, der zeitlebens nicht aus dem heimatlichen Berlin hinausgekommen ist und dem beim Betrachten eines von Pater Dejean in Tatsienlu gesammelten Parnassiers der Seufzer entfährt:

Pater Dejean, unerschrockener Missionar hoch zwischen den Rhododendronbüschen und im Schnee, wie beneidenswert war dein Los!
Father Dejean, stout-hearted missionary climbing among the rhododendrons and snows, how enviable was thy lot! [4]

Ganz so beneidenswert war es in Wirklichkeit nicht, denn die französischen Missionare in Zentralasien befanden sich in einer sehr prekären Lage: Sie wurden im Land bestenfalls geduldet, waren den Anfeindungen fremdenfeindlicher Lamas und der Willkür der örtlichen Mandarine ausgesetzt und nicht wenige von ihnen haben den Missionseifer mit dem Leben bezahlt.

Zentralasiatische Falter mit solchen Etiketten dürfte Vladimir Nabokov im Berliner Naturkundemuseum gesehen und den Sehnsüchten seines Pilgram zugrunde gelegt haben.

In Lhasa hatte von 1707 bis 1745, mit zwei Unterbrechungen, eine Missionsstation der Kapuziner existiert. Dann war die Stadt lange Zeit westlichen Besuchern verschlossen geblieben. Die Lazaristen der Société des Missions étrangères de Paris durften sich 1854 in Bonga (Bang ga) im östlichen Tibet niederlassen, wurden aber 1865 vertrieben und wichen nach Yerkalo aus, wo sie Ländereien urbar machten und Gebäude errichteten, darunter eine Apotheke und sogar eine Leihbücherei. Bei dem von den Lamas angestachelten Aufstand im Jahr 1887 wurden die Gebäude niedergebrannt und die Missionare nicht nur aus Yerkalo sondern aus ganz Tibet vertrieben. In Batang exhumierten die Lamas die Gebeine des 1881 ermordeten Paters Brieux und fertigten aus seinem Schädel eine Trinkschale.

Bischof Félix Biet und seine Patres fanden in Tatsienlu, knapp jenseits des tibetischen Gebiets in China ein Unterkommen, hatten aber auch hier einen schweren Stand, denn die Haltung der chinesischen Mandarine schwankte zwischen Duldung und Behinderung. Chinas Einfluß in Tibet war abhängig von seiner Anerkennung des Dalai Lama als geistigem Oberhaupt und um die eigene Autorität nicht zu beeinträchtigen, durfte China das Christentum nicht allzu offensichtlich unterstützen. Die größeren tibetischen Aufstände beantwortete China zwar jedesmal mit Strafexpeditionen, aber im täglichen Leben der Missionare gab es oft Anfeindungen durch Teile der Bevölkerung und Behinderungen durch die örtlichen Mandarine.

Félix Biet (1838-1901)

Félix Biet wird der Einfachheit halber meistens als Bischof bezeichnet; genaugenommen war er Apostolischer Vikar von Tibet. 1846 hatte der Papst das Apostolische Vikariat Tibet (nominell) für die Lazaristen der Missions Étrangères in Paris geschaffen und 1878 ging dieses Amt auf Biet über.

Wenn Ihnen sein Name vertraut vorkommt, haben Sie vielleicht einmal mit einer der von ihm und seinen Sammlern entdeckten Arten zu tun gehabt: Anthocharis bieti Oberthür, 1884, Pantoporia bieti (Oberthür, 1894) oder Esakiozephyrus bieti (Oberthür, 1886) – das ist der aktuelle Name des als Thecla bieti beschriebenen Zipfelfalters, der auch in Nabokovs Werk vorkommt (in Die Gabe, Kapitel 2). Unter den Großtieren sind die Graukatze (Felis bieti) und der Perlenhäherling (Garrulax bieti) nach ihm benannt. Insgesamt soll er rund 2.000 Tierarten nach Frankreich geschickt haben.

Esakiozephyrus bieti

Der englische Naturforscher A. E. Pratt bereist 1889 und 1890 China und besucht in beiden Jahren Tatsienlu: „Bishop Biet, a man with a highly cultivated mind and refined taste, has been here, or rather in the district, for twenty-five years […] His brother, also a missionary, was murdered in Manchuria, and here both he and the Fathers have to be extremely cautious even now, for the lamas bear them no goodwill […] All the Roman Catholic missionaries had a very hard life […] Their food is coarse and often scanty, and their lives are frequently in danger.” (Pratt 1892: 135-136) [Bischof Biet, ein hoch gebildeter Mann von kultiviertem Geschmack, lebt hier oder vielmehr in diesem Distrikt seit 25 Jahren. […] Sein Bruder, ebenfalls ein Missionar, wurde in der Mandschurei ermordet und er selbst und die Pater müssen sich auch heute noch sehr vorsichtig verhalten, denn die Lamas wollen ihnen nichts Gutes. […] Alle römisch-katholischen Missionare hatten ein sehr hartes Leben. […] Ihre Nahrung ist grob und oft kärglich und ihr Leben ist oft in Gefahr.]

Pantoporia bieti

In dieser Zeit ist Biets Gesundheit bereits so angegriffen, daß er selten das Haus verläßt und alle wichtigen Gänge von den Patern und den christ-lichen Konvertiten erle-digt werden. Die Winter verbringt er in Cha-pa, unterhalb von Lu-ting-chiao, wo das Klima milder ist als in Tatsienlu. 1892 wird er nach Frankreich zurückge-rufen, wo er 1901 stirbt.

Antwerp Edgar Pratt (1852-1924), der seine Vornamen gewöhnlich mit A. E. abkürzt, ist ein erfahrener Reisender, der bereits Syrien, die Rocky Mountains und das Amazonasgebiet durchstreift und besammelt hat. In den Folgejahren besucht er Papua-Neu-Guinea und wie nach seiner Chinareise verfaßt er ein Buch darüber (Pratt 1906). Daß im Buchtitel der Chinareise eine stärkere Betonung auf Tibet liegt als auf China, ist ein wenig übertrieben, denn weiter als in das chinesische Grenzgebiet rund um Tatsienlu ist Pratt nicht vorgestoßen. Den größten Teil des Weges hat er mit einem eigens für ihn gebauten Boot den Yangtse aufwärts fahrend zurückgelegt. Anfangs begleiten ihn sogar seine Frau und die Kinder, aber als Mrs. Pratt erkrankt, läßt er sie nach Shanghai zurückfahren. Als Gehilfe steht ihm der deutsche Sammler Franz Kricheldorff (1854-1924) zur Seite. Finanziert wird diese Reise von dem begüterten John Henry Leech (1862-1900), der selber in China, Korea und Japan gesammelt hat und Pratts Schmetterlings-Ausbeuten bearbeitet und veröffentlicht (Leech 1892-1894). Wie viele andere biologische Forschungsreisende sammelt Pratt neben Schmetterlingen auch Käfer, sonstige Insekten, Säuger, Vögel und Reptilien.

1889 hält sich Pratt vom 4. Juli bis 15. August in Tatsienlu auf, wo er neben Biet die Patres Dejean, Soulié und Mussot trifft. Sein Aufenthalt überschneidet sich mit dem des renommierten amerikanischen Tibetologen William Woodville Rockhill (1854-1914), der später amerikanischer Botschafter in China wird. Er hat von Peking kommend versucht, Lhasa zu erreichen, ist wie viele andere vor ihm von den Tibetern aufgehalten worden und macht auf der Rückreise vom 24. Juni bis 11. Juli in Tatsienlu Halt. Pratt und er sind die ersten Europäer, die seit 1879 dort eintreffen.

Im folgenden Jahr, 1890, kommt Pratt wieder nach Tatsienlu, wo er sich von Ende April bis Ende Juli aufhält und längere Exkursionen in die Umgebung unternimmt. Eine davon läuft so ab:

It was the beginning of June, but the temperature was like that of a Canadian winter. It was impossible to do any collecting. I had meant to spend a great part of the summer on the mountain, but the superstition of the natives prematurely ended my stay. The unusual severity of the weather was attributed to the fact that a stranger was living in the forest, and a paper signed by all the inhabitants of the village, lying two days below me, was sent by the native chief of Mou-si-mien to the civil mandarin of Ta-tsien-lu, declaring that I had caused the snow and blocked the road, and the hail was destroying their crops; and threatening all sorts of disturbances if I remained. Under these circumstances there was nothing for it but to go. Collecting in this country is not an easy matter. (Pratt 1891: 341)
[Es war Anfang Juni, aber die Temperaturen waren wie in einem kanadischen Winter. Jegliches Sammeln war unmöglich. Ich hatte vorgehabt, einen großen Teil des Sommers auf dem Berg zu verbringen, doch der Aberglaube der einheimischen Bevölkerung machte meinem Aufenthalt ein vorzeitiges Ende. Man führte die ungewöhnliche Strenge des Wetters darauf zurück, daß sich ein Fremder im Walde aufhielt. Der einheimische Ortsvorsteher von Mou-si-mien sandte dem zivilen Mandarin von Ta-tsien-lu ein Dokument, das von allen Einwohnern des zwei Tagereisen unter mir liegenden Dorfes unterzeichnet war und in dem erklärt wurde, daß ich für den Schneefall verantwortlich war und die Straße blockiert hatte und daß der Hagel ihre Ernte zerstörte; und daß alle möglichen Störungen zu befürchten seien, falls ich bliebe. Unter diesen Umständen blieb mir nichts anderes übrig, als abzureisen. Das Sammeln ist in diesem Land keine einfache Angelegenheit.]

Über den Tagfalterfang berichtet er:

This district is rich in Thecla, and I have taken as many as 300 T. Bieti in one morning with my forceps off the droppings of the baggage animals on the Lhassa road.
On the 29th [July 1889] I returned to Ta-tsien-lu, having made a good collection. I had now a good series of Parnassius Imperator and of many other species, the best hours for collecting being between eight and eleven in the forenoon, for afterwards a strong breeze sprung up usually, and lasted till nearly five. (Pratt 1892: 145)
[Diese Gegend ist reich an Zipfelfaltern. An einem einzigen Vormittag habe ich bis zu 300 Thecla bieti [=Esakiozephyrus bieti (Oberthür, 1886)] mit meiner Pinzette vom Kot der Lasttiere auf der Straße nach Lhasa aufgesammelt.
Am 29. [Juli 1889] kehrte ich mit guter Ausbeute nach Ta-tsien-lu zurück. Ich hatte nun schöne Serien von Parnassius imperator und vielen anderen Arten. Die beste Zeit fürs Sammeln ist zwischen acht und elf Uhr vormittags, denn danach kam gewöhnlich starker Wind auf, der bis fast fünf Uhr dauerte.]

Mitte Mai 1890 gelingt es Pratt, auch die Raupen von Parnassius imperator „on a species of umbelliferous plant“ (in Wirklichkeit Corydalis) zu finden. Seinen Sammler Kricheldorff hat er Anfang Mai nach Moupin/Muping (heute Baoxing) geschickt, einem weiteren Biodiversitäts-Hotspot im östlichen China. Darum ist Kricheldorff auch nicht anwesend, als am 24. Juni die Bonvalot-Expedition in Tatsienlu eintrifft und im selben Gasthof wie Pratt einquartiert wird.

A Ta-tsien-lou nous sommes accueillis à bras ouverts par nos compatriots de la mission, Mgr Biet, les Pères Dejean, Giraudot [sic], Soulié, et par M. Pratt, un naturaliste anglais. (Bonvalot 1892: 446)
[In Ta-tsien-lou werden wir von unseren Landsleuten von der Mission, Mgr. Biet, den Patres Dejean, Giraudot [sic] und Soulié, sowie von Herrn Pratt, einem englischen Naturforscher, mit offenen Armen empfangen.]

Pratt scheint Henri für den Anführer der Gruppe zu halten; Bonvalot und De Deken werden als seine „Begleiter“ bezeichnet: „Prince Henri of Orleans arrived from Litang […]. He had travelled right across Tibet […]. He was accompanied by two Europeans, Messrs. Bonvalot and De Deken, […].“ Vielleicht hat ihn der Prinzentitel beeindruckt, vielleicht konnte er sich mit Henri, der in England geboren war, am leichtesten in seiner Muttersprache verständigen, vielleicht lag es einfach daran, daß beide biologische Aufsammlungen gemacht und verglichen haben, oder vielleicht hat sich Henri ihm gegenüber auch ein bißchen aufgespielt.

„The next day [25.6.1890] Mgr. Biet had a dinner party, to which I was invited. I found Père Jeridot [sic] and Fathers Dejean and Soulié, Prince Henri, Messrs. Bonvalot and De‘ Deken, a party of eight Europeans, certainly the largest number ever assembled before at Ta-tsien-lu.“ (Pratt 1892: 198-199)
[Am nächsten Tag hielt Mgr. Biet ein Abendessen ab, zu dem ich eingeladen wurde. Ich traf Père Jeridot [sic] und die Pater Dejean und Soulié, Prinz Henri, Messrs. Bonvalot und De Deken, eine Gruppe von acht Europäern und damit sicher die größte Zahl, die bisher in Tatsienlu versammelt war.]

Offensichtlich haben weder Pratt noch Bonvalot den Namen von Pater Giraudeau je geschrieben gesehen und deshalb mehr oder weniger falsch buchstabiert. Pratts Schreibung „Jeridot“ ist noch in mindestens ein anderes Werk übergegangen (Cox 1945).

Vier Missionare in Tatsienlu, aufgenommen von Henri d’Orléans (Bonvalot 1892, S. 455)

Dieses Foto ist in Bonvalots Buch nur mit „Missionaires français“ untertitelt. Zusätzlich ist es stark retuschiert, was die Identifizierung der Dargestellten eher erschwert als erleichtert. Gut erkennbar ist nur Bischof Biet, sitzend links. Die übrigen drei sind im Internet häufig falsch bezeichnet. Grundlage für diesen Irrtum könnte die Beschriftung des Fotos auf Dieter E. Zimmers Nabokov-Homepage sein:

Jean-André Soulié (1858-1905) als junger Mann in Frankreich (vor 1886)

Hier irrt Dieter Zimmer ausnahmsweise, denn Rockhill ist 1889, ein Jahr zuvor, in Tatsienlu gewesen. Er kam auch noch einmal auf seiner zweiten langen Reise in Tatsienlu vorbei, das war im Oktober 1891, aber gleichzeitig mit der Bonvalot-Gruppe war er nicht dort.
Ich vermute, der hinten rechts Stehende ist der damals 32jährige Soulié [5]. Zum Vergleich sehen wir hier ein Bild von Soulié zur Zeit seiner Ausbildung in Frankreich und unten ein weiteres Foto, das ihn mit Pratt zeigt.

A. E. Pratt (links, mit seinen tibetanischen Hunden) war am 10.8.1889 in die Berge nördlich von Tatsienlu aufgestiegen und zeltete in 3.350 m Höhe. Dort erhielt er am 12. oder 13.8. Besuch von Pater Soulié (rechts). Auf manchen Internetseiten wird behauptet, das Foto zeige Pratt mit Franz Kricheldorff, aber das ist falsch (Pratt 1892, Taf. zw. S. 146/147).

Von Pater Léonard-Louis Marie Dejean [6] (1846-1906), Nabokovs „unerschrockenem Missionar hoch zwischen den Rhododendronbüschen und im Schnee“, habe ich kein Vergleichsbild auftreiben können. Er dürfte der hinten links Stehende sein, so wie Dieter Zimmer es angibt.
Dann wäre der vorne rechts Sitzende Pater Pierre-Philippe Giraudeau [7] (1850-1941). Auf ihn paßt Pratts Beschreibung: „[…] Pere Jeridot, who seemed from his emaciated appearance to have led a life of great privation.“ [Père Giraudeau, der seiner ausgemergelten Erscheinung nach ein Leben großer Entbehrungen geführt zu haben schien.]

Seit zwei Jahren hat man den Missionaren zugesagt, ihnen Pässe auszustellen, die ihnen die Rückkehr nach Batang ermöglichen würden, aber es hat sich nichts getan. Biet möchte die Anwesenheit der Bonvalot-Gruppe nutzen, um erneut mit Fou Tchao Kong, dem Mandarin von Tatsienlu, zu verhandeln. Es trifft sich, daß Ouang Kia Yong, der neue Mandarin von Batang, der den alten ersetzen soll, gerade auf dem Weg dorthin ist und in Tatsienlu Halt macht. Man wird also bei den Mandarinen vorstellig und bittet um die Einhaltung der Verträge, die vor Jahren zwischen Frankreich und China geschlossen wurden. Der Mandarin von Tatsienlu gibt sich scheinbar kooperativ und verspricht den Missionaren die Pässe. Der neue Mandarin von Batang bittet um einen Revolver als Geschenk, damit er sich gegenüber den Tibetern Respekt verschaffen könne, und Bonvalot sagt ihm die Waffe zu. Die Missionare sollen am 16. des chinesischen Monats (4. Juli) zusammen mit dem Mandarin nach Batang reisen.

Aber am Morgen des 2. Juli erfahren die Franzosen, daß Tchao Kong an diesem Tag ein Abschiedsessen für seinen Kollegen gibt, der in der folgenden Nacht – also einen Tag früher als abgesprochen – ohne großes Aufsehen abreisen wird. Von den Pässen ist keine Rede mehr. Man berät sich und am Nachmittag geht De Deken – in Zivilkleidung, nicht im Missionarshabit – zum Iamen, dem Gerichtsgebäude und Amtssitz des Mandarins. Er wird eingelassen und während die Mandarine ihr Gelage feiern, wird er fünf Stunden lang im Nebenraum, nur durch eine dünne Wand getrennt, warten gelassen. Als bewußte Provokation muß er mit anhören, was die Speisenden reden, hauptsächlich Beleidigungen der Franzosen und der anderen Europäer. Sie verfluchen die westlichen Teufel und wünschen sich, daß auch der letzte von ihnen abgeschlachtet wird, denn sie seien nur gekommen, um den Schatz der Stadt zu plündern. So absurd diese Anschuldigung wirkt, so ernst ist sie zu nehmen, denn derartige Unterstellungen haben oft als Anlaß für Massaker hergehalten.

Der Mandarin schickt eine Nachricht an den chinesischen General, dessen Kaserne sich außerhalb der Stadt befindet, mit der Bitte um 200 Soldaten. Der General, ein Muslim, der auf gutem Fuß mit den Missionaren steht, läßt antworten, daß seine Soldaten an diesem Abend fast alle im Theater seien; er selbst könne nicht kommen, weil er an Koliken leide.

Gegen Abend läßt der Mandarin seine Beamten mit Trommeln durch die Stadt gehen: Sie sollen von jeder Familie einen Mann anfordern, um den Schatz der Stadt zu verteidigen. Als die Franzosen davon hören, schicken sie zwei Diener zu De Deken, um ihn zu warnen. Der Belgier ruft den Mandarinen laut zu, daß er vom Prinzen zurückgerufen wird und anderntags wiederkommen wird. Als er in den Hof des Gebäudes tritt, „je la vois bondée de Chinois, de Thibétains, de lamas, tous armés de bâtons, roulant des yeux féroces et poussant des cris menaçants.“ [„sehe ich ihn überfüllt mit Chinesen, Tibetern und Lamas, alle mit Stöcken bewaffnet, wild die Augen verdrehend und bedrohliche Schreie ausstoßend.“] Er tritt ihnen entschlossen entgegen und die Menge teilt sich und läßt ihn durch; sie haben keinen einzelnen, unbewaffneten Mann erwartet, sondern eine ganze Gruppe von Europäern. Aber sie folgen ihm dicht gedrängt, eine kompakte, brüllende Masse. Als De Deken eine Brücke erreicht, spürt er, daß dies die kritische Stelle ist: Allzu leicht könnte man ihn über die niedrige Brüstung stoßen und das ließe sich später leicht als Unfall hinstellen. Geistesgegenwärtig dreht er sich lächelnd um und ruft auf Chinesisch: „Ältere Brüder, ich danke euch sehr für die Ehre, die ihr mir erweist, indem ihr mich auf diese Weise nach Hause begleitet. Aber nun ist es Abend geworden und es regnet. Ihr habt die Gesetze der Höflichkeit hinreichend erfüllt, also geht bitte nach Hause. Ich werde dem Prinzen mitteilen, welche Rücksicht ihr auf seinen Gesandten genommen habt, und ich spreche euch von meiner Seite aus seinen Dank aus.“

Die Menge verstummt, aber nur die Chinesen haben ihn verstanden. Glücklicherweise übernimmt es ein Angestellter des Gerichts, De Dekens Worte ins Tibetische zu übersetzen. Sie erregen Heiterkeit und De Deken nutzt die Gelegenheit, die Brücke zu überqueren und so schnell wie möglich zu seiner Unterkunft zu laufen, wo er außer Atem ankommt. „Je tombe dans les bras de mes compagnons qui n’espéraient plus me revoir vivant.“ [„Ich falle meinen Kameraden in die Arme, die schon nicht mehr gehofft hatten, mich lebend wiederzusehen.“]

Die Taktik des Mandarins hat versagt, weil die Einwohnerschaft von Tatsienlu zum großen Teil aus Händlern besteht und daher friedlicher eingestellt ist als die Landbevölkerung, weil der General seine Unterstützung verweigert hat, weil Abend und Regen die Stimmung der Menge gedämpft haben und die meisten deswegen neben ihren Knüppeln auch Laternen und Schirme tragen.

Am nächsten Tag ist die Lage im Ort noch angespannt, beruhigt sich dann aber wieder. Ein enger Berater des Mandarins wird einige Tage danach bei den Franzosen vorstellig: Der Mandarin übernehme die alleinige Verantwortung für den Vorfall, obwohl sich die Situation irrtümlich und ohne sein Wissen entwickelt habe. Das ist noch nicht das Ende des Konflikts. In der Nacht zum 16. Juli wird im Gasthof eingebrochen – Bonvalot unterstellt, daß dies auf Geheiß oder zumindest mit Wissen der Behörden geschah – und Henri werden Silber im Wert von 300 Taels und verschiedene andere Gegenstände gestohlen. Der Mandarin gibt vor, den Diebstahl zu verfolgen, nutzt aber die Gelegenheit, um vor versammelter Menge Stimmung gegen die Ausländer zu machen und sie mit falschen Zeugenaussagen zu diskreditieren. Von dem Diebesgut wird nichts wiedergefunden.

Bonvalot berichtet abschließend über den Mandarin: „Nous envoyons un petit mot à son chef, qui habite Tcheng-tou-fou. Nous nous plaignons pour la forme, et notre plainte porte ses fruits: le coupable recoit de l’avancement après notre départ.“ [„Wir beschwerten uns bei seinem Vorgesetzten in Tcheng-tou-fou, aber nur der Form halber, und unsere Beschwerde zeigte Wirkung: Nach unserer Abreise wurde der Missetäter befördert.“]

Aber nun zu dem Apollofalter: Henri hat zwischen Litang und Tatsienlu einen Parnassius gefangen, den er im Verdacht hat, zu einer neuen Art zu gehören. Vielleicht wird er sogar erst durch Pratt darauf gebracht, daß es sich um eine neue Art handelt, als Pratt diese Art am 11. Juli ebenfalls erbeutet und sie Henri offensichtlich zeigt. Daraufhin schreibt Henri noch am selben Tag einen Brief an Charles Oberthür und legt den Falter dem Brief bei.

Der Holotypus von Parnassius orleans Oberthür, 1890 im Muséum Nationale d’Histoire Naturelle in Paris, erbeutet von Henri d’Orléans (links: Oberseite; rechts: Unterseite).

Ich hatte vor etlichen Jahren zusammen mit Joachim Holstein im Rahmen von Christoph Häusers Projekt „Globales Artregister Tagfalter“ diesen Falter im Museum Paris fotografiert. Dabei staunten wir nicht schlecht, weil sich der „Fundortzettel“ als der mehrfach gefaltete, originale Brief von Henri erwies:

Tatsienlou    11 Juillet [18]90 –
Monsieur Oberthür,
Monseigneur Biet vient de me prêter les intéressantes publications que vous avez faites sur les Lépidoptères du Thibet. Il me dit être en correspondance avec vous sur ce sujet. Ce serait donc une double raison pour moi de vous envoyer des échantillons récoltés sur notre route à travers le Thibet. La rapidité de notre voyage ne nous a malheureusement guères permis de faire des collections de ce genre. Je n’ai pu que recueillir par hasard quelques exemplaires le long du chemin. Nous allons essayer de nous diriger vers le Tonking. Les oiseaux devant nous donner peu d’occupations de ce côté nous comptons nous occuper plus spécialement des papillons et des insectes et à notre retour peutêtre pourrons nous vous envoyer une petite collection. Je me permets seulement de vous expédier maintenant par la poste un Parnassius que j’ai ramassé entre Litang et Tatsienlou. Il me parait appartenir à une espèce nouvelle – Un anglais chercheur de papillons qui est ici depuis un an, a pu seulement aujourdhui pour la première fois capturer un échantillon de cette espèce. Je désire que vous puissez donner un nom à l’espèce, s’il y a lieu, avant les anglais qui ne l’ont trouvé qu’au second lieu.
Veuillez croire à l’assurance de mes sentiments distingués
Henri d’Orléans
[Monseigneur Biet hat mir gerade Ihre interessanten Veröffentlichungen über die Schmetterlinge von Tibet ausgeliehen. Er berichtet mir, daß er mit Ihnen über dieses Thema korrespondiert. Es wäre daher ein doppelter Grund für mich, Ihnen Material zu schicken, das wir auf unserem Weg durch Tibet gesammelt haben. Die Geschwindigkeit unserer Reise hat es uns leider kaum erlaubt, Sammlungen dieser Art zu machen. Ich konnte unterwegs nur zufällig ein paar Exemplare sammeln. Wir werden versuchen, in Richtung Tonking zu reisen. Vögel sollten uns auf dieser Seite [des Gebirges] wenig beschäftigen; wir haben vor, uns vor allem um Schmetterlinge und [andere] Insekten zu kümmern und können Ihnen vielleicht nach unserer Rückkehr eine kleine Sammlung schicken. Ich erlaube mir nur, Ihnen jetzt per Post einen Parnassius zu senden, den ich zwischen Litang und Tatsienlou gesammelt habe. Er scheint mir zu einer neuen Art zu gehören. – Ein englischer Schmetterlingssammler, der seit einem Jahr hier ist, konnte erst heute zum ersten Mal ein Exemplar dieser Art fangen. Ich möchte, dass Sie die Art, wenn das angebracht ist, vor den Engländern benennen können, die sie erst als zweite gefunden haben.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Henri d‘Orléans]

Es kommt, wie es kommen mußte. Charles Oberthür ist ein französischer Patriot [9]. Drei Jahrzehnte später wird er die neu entdeckten französischen Populationen des Isabellaspinners Actias/Graellsia isabellae als Subspezies galliaegloria in die Literatur einführen. Bei den Parnassiern gibt es bereits einige recht großspurig klingende Namen wie Parnassius imperator, P. autocrator, P. patricius, P. cardinal, P. maharaja und dergleichen. Und so verewigt Oberthür das französische Königshaus in Parnassius orleans Oberthür, 1890. In gewisser Weise ist es eine geschickte Wahl, weil der Name nicht so eindeutig mit der Person des Entdeckers verknüpft ist wie die Benennungen henrici oder principis, sondern weil er auf die gesamte Familie bezogen werden kann, umso mehr da er nicht im Genitiv steht (orleansi) sondern als Substantiv in Apposition verwendet wird.

Der Zustand des Falters läßt erkennen, daß er einem Brief beigelegt worden ist. Aber der Brief war offenbar das schnellste Beförderungsmittel und tatsächlich gelingt es Oberthür, die Beschreibung des Falters bereits am 23. September im selben Jahr zu veröffentlichen. Als Besitzer einer Druckerei, der seine entomologischen Werke in einer eigens dafür geschaffenen Buchreihe herausgibt ist es ihm ein Leichtes, eine schnelle Sonderveröffentlichung zu drucken (Oberthür 1890). Die übrigen Ausbeuten der Expedition haben länger gebraucht als der Parnassius-Brief. Und hier wird es interessant. Nachdem Henri am 11. Juli den Brief an Oberthür geschrieben und vermutlich auch so schnell wie möglich abgeschickt hat, bittet er am 18. Juli den gutherzigen Pratt, seine naturwissenschaftlichen Ausbeuten mitzunehmen und dem französischen Konsul in Hankou (Hankow; heute Teil von Wuhan) zu übergeben. Die Bonvalot-Gruppe schlägt nämlich einen Weg ein, der für den Materialtransport weniger geeignet ist als der Flußweg, den Pratt – zumindest für den größeren Teil der Strecke – nehmen wird und Henris Ausbeute besteht immerhin aus achtzehn Kuli-Lasten, fast noch einmal so viel wie Pratts eigenes Gepäck (20 Kuli-Lasten). Der hilfsbereite Engländer geht darauf ein und transportiert Henris Sammlungen zunächst einen Monat auf dem Landweg und dann per Schiff nach Hankou. Da der französische Konsul gerade abwesend ist, muß er sie weiter mitnehmen bis nach Shanghai, wo sich der dortige Konsul weigert, sie zu übernehmen, weil er die Verantwortung für so wertvolle Sachen nicht tragen will. Schließlich kann Pratt sie französischen Missionaren übergeben, die für den Weitertransport nach Europa sorgen.

Ein sehr charakteristisches Verhalten von Henri (diese Chuzpe möchte ich auch haben): Er hat den Falter zuerst gefunden – wenn auch nur ein paar Tage vor dem Engländer – also soll er auch von einem französischen Entomologen erstbeschrieben werden. Von dem Brief hat er Pratt sicher nichts erzählt, dafür bürdet er ihm seine gesamte naturwissenschaftliche Ausbeute auf: die Felle, die Bälge, die Gehörne, das Herbar.

Man kann diese kleine Episode als Weiterführung des great game auf dem Fachgebiet der biologischen Exploration auffassen. Das soll keineswegs die Verdienste Henris um die geographische und biologische Erforschung Zentralasiens schmälern, aber es wirft ein Schlaglicht auf den Zeitgeist und die Einstellung der europäischen Kolonialmächte. Leech beschäftigt zwar neben Pratt auch den Deutschen Kricheldorff; die französischen Missionare nehmen jeden Europäer – und Amerikaner – gastfreundlich auf, ohne nach dessen Religion zu fragen; gegen Gefahren aus dem Umfeld halten die Europäer zusammen, aber manchmal macht sich selbst auf naturwissenschaftlichem Gebiet der Konkurrenzkampf bemerkbar.

Dazu muß gesagt werden, daß die zoologischen und botanischen Entdeckungen, gerade bei kleinen und unscheinbaren Tieren und Pflanzen, meistens auf dem persönlichen Interesse der Entdecker beruhten, die sich unter oft genug primitiven Bedingungen und neben ihrer eigentlichen Arbeit dieser Erforschung widmeten, so wie die Missionare. Ihr Beitrag war ein sehr bedeutender. Sie wußten es und sie haben hoffentlich keinen geringen Trost daraus gezogen, Pater Mussot, als er am 6. April 1905 bei Batang von aufständischen Lamas auf der Flucht gefangen, ausgepeitscht und erschossen wurde, Pater Soulié, als er am 14. April 1905 in seiner Missionsstation in Yaregong nach zweiwöchiger Folter vor den Gewehrmündungen der Aufständischen stand, Pater Dubernard [10], der am 26. Juli 1905 bei Yerkalo enthauptet wurde und Pater Dejean, als er 1906 mit Typhus auf dem Todeslager lag.

Und letztlich gilt das auch für Henri d’Orléans.


Literatur
Belaigues, B. (2016): Henri d’Orléans, le prince explorateur. – Lascelles (Éditions de La Flandonnière). 262 S.
Bonvalot, G. (1892): De Paris au Tonkin à travers le Tibet inconnu. Ouvrage contenant une carte en couleurs et cent huit illustrations gravées d’après les photographies prises par le prince Henri d’Orléans. – Paris (Hachette). 510 S., 1 Taf., 1 Karte. [Eine englische Übersetzung erschien bei Cassell in London unter dem Titel Across Thibet. Online: https://archive.org/details/acrossthibetbein01bonv/page/n9/mode/2up?view=theater ]
Bray, J. (1997): French Catholic missions and the politics of China and Tibet 1846-1865. S. 83-96. In: Steinkellner, E. (Hrsg.): Tibetan Studies. Proceedings of the 7th Seminar of the International Association for Tibetan Studies, Graz 1995. Volume 1. – Wien (Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften).
Bureau, É. & Franchet, A. (1891): Plantes nouvelles du Thibet at de la Chine occidentale recueillies pendant le voyage de M. Bonvalot et du Prince Henri d’Orléans en 1890. – Journal de botanique, 5: 17-25, 45-51, 69-77, 93-99, 103-109, 128-130, 136-142, 149-161, pl. 1-2. [online: https://www.biodiversitylibrary.org/item/22090#page/9/mode/1up ]
Cox, E. H. M. (1945): Plant-Hunting in China. A History of Botanical Exploration in China and the Tibetan Marches. – London (Collins). 320 S.
De Deken, C. (1902): A travers l’Asie. – Anvers (Clément Thibaut). 399 S. [online: https://archive.org/details/ATraversLAsie ]
Leech, J. H. (1892-1894): Butterflies from China, Japan and Corea. – London (R. H. Porter). 681 S., 1 Karte, 43 Taf.
Martimprey, F. de (1920-1921): My Life with Europe’s Royal Spendthrifts – Surprising Revelations of the Extravagances and Dissipations of Kings, Princes and Titled Scapegraces Many of Whom the World War Wiped Out, Ruined or Sent into Exile – Told by an American Girl Who Married into the Highest Aristocracy. – The Washington Times.
Nabokov, V. (2014): Gesammelte Werke, Band 13. Erzählungen 1921-1934. – Reinbek (Rowohlt Verlag). 800 S.
Oberthür, C. (1890): Description d’une espèce nouvelle de lépidoptère appartenant au genre Parnassius. – Rennes. 3 S.
Orléans, H. d‘ (1889): Six mois aux Indes – chasses aux tigres. – Paris (Calmann Lévy). [2] + II + 388 S. [PDF: https://books.google.de/books/about/Six_mois_aux_Indes_chasses_aux_tigres.html?id=Nlli90qb06gC&redir_esc=y ]
Orléans, Ph. d‘ (1892): Une expédition de chasse au Népaul. – Paris (Calmann Lévy). [4] + II + 237 S. [Text: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6231689n/f13.item ]
Pratt, A. E. (1891): Two Journeys to Ta-tsien-lu on the Eastern Borders of Tibet. – Proceedings of the Royal Geographical Society and Monthly Record of Geography, 13(6): 329-343. [PDF: https://ia803200.us.archive.org/31/items/twoyearsamongnew00prat_1/twoyearsamongnew00prat_1.pdf ]
Pratt, A. E. (1892): To the Snows of Tibet through China. – London (Longmans, Green and Co.). XVIII + 268 S., Frontispiz, 30 SW-Tafeln, 1 Karte. – Reprints Taipei (Ch’eng Wen, 1971) und New Delhi (AES, 2001). [PDF: https://archive.org/details/tosnowsoftibetth00pratrich ]
Pratt, A. E. (1906): Two Years among New Guinea Cannibals, a Naturalist’s Sojourn among the Aborigines of Unexplored New Guinea. – London (G. Bell). 359 S., 49 Taf, 1 Karte.
Rockhill, W. W. (1891): The Land of the Lamas. Notes of a Journey through China[,] Mongolia and Tibet. – New York (The Century Co.). VIII + [6] + 399 S., ill., maps.
Rockhill, W. W. (1894): Diary of a Journey through Mongolia and Tibet in 1891 and 1892. – Washington (Smithsonian Institution). XX + 413 S. [online: https://archive.org/details/diaryofjourneyth00rock/mode/2up?view=theater%5D

[1]  De Deken (1852-1898) wirkte später im belgischen Kongo, wo er auch starb. Hier sieht man sein umstrittenes Standbild in Wilrijk, wo er sein Knie auf den Rücken eines halbnackten Kongolesen stützt, der vor ihm kniet. Soll diese Geste beschützend sein oder wirkt sie doch mehr unterjochend? Läßt sie mehr von der rassistischen Gesinnung der ehemaligen Kolonialmächte erkennen als man heute wahrhaben will? Und darf man das De Deken anlasten oder geht das auf den Schöpfer der Statue zurück?
[2]  Ein Synonym von Incarvillea lutea.
[3]  Encyclopedia Britannica, Ausgabe von 1911.
[4]  Englische Übersetzung des ursprünglich russischen Texts von Nabokov selbst, deutsche Version von Dieter E. Zimmer.
[5]  Jean-André Soulié (1858-1905) war Botaniker und hat zahlreiche Pflanzen entdeckt, darunter das nach ihm benannte Chinesische Edelweiß Leontopodium souliei. Ferner ist sein Name in Rhododendron souliei, Rosa soulieana, Lilium souliei, Gentiana souliei, Parasyncalathium souliei und Dolomiaea souliei verewigt. Über 7.000 Pflanzenarten sandte er im Lauf der Jahre an das Muséum d’Histore Naturelle in Paris. Eine Bärenspinnerart, Platarctia souliei (Oberthür, 1903), und ein Vogel, die Tonkinsibia Actinodura souliei (Oustalet, 1897), tragen seinen Namen und auch die Schwarze Stumpfnase, Rhinopithecus bieti (Milne-Edwards, 1897), ein kältetoleranter Hochgebirgsaffe, ist zwar nach Biet benannt, war aber eine Entdeckung von Soulié. Im tibetischen Aufstand von 1905 wurde Soulié von rebellischen Tibetern gefangengenommen und nach zweiwöchiger Folter am 14. April 1905 erschossen.
[6]  Léonard-Louis Marie Dejean (1846-1906) wurde 1869 zum Priester geweiht und 1870 nach Tibet gesandt. Oberthür hat eine ganze Reihe von Tag- und Nachtfaltern nach ihm benannt, darunter Nymphalis déjeani Oberthür, 1894 und Arthona déjeani Oberthür, 1894 (Zygaenidae). Er starb 1906 an Typhus.
[7]  Pierre-Philippe Giraudeau hatte als junger Mann mit den päpstlichen Zouaven im deutsch-französischen Krieg 1870/71 gekämpft, bevor er Priester wurde. 1878 kam er als Missionar nach Tibet. 1897 wurde er Biets Koadjutor und 1901 sein Nachfolger als Apostolischer Vikar. Das entbehrungsreiche Leben scheint er gut vertragen zu haben, denn er wurde 91 Jahre alt.
[9]  Trotz seiner elsässischen Abstammung und seines deutschen Nachnamens war Oberthür ein glühender Deutschenhasser, besonders nach dem Krieg von 1870-1871. Mehrere Arten hat er nach im Krieg gefallenen oder von den Deutschen als Partisanen hingerichteten Entomologen benannt.
[10] Jules Étienne Dubernard (1840-1905) wurde 1864 zum Priester geweiht und reiste im selben Jahr nach Tibet. Er ist der Entdecker der spektakulären Saturniide Actias dubernardi (Oberthür, 1897) und von anderen Arten.
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