Zu tief ins Ei geschaut … mit tödlichem Ende

Im Internet kursieren allerlei Fotos von Katzen, die ihren Kopf in Flaschen oder andere Behälter gesteckt haben. Daran fühlte ich mich erinnert, als bei uns einige Laothoe populi-Räupchen aus den Eiern schlüpften. Eine von ihnen hat ungünstigerweise ihre Kopfkapsel wieder in die Eihülle gesteckt und bekam sie dann nicht mehr heraus. Weiterlesen

Kurzmitteilung | Veröffentlicht am von | 1 Kommentar

Lepidopterologische Lyrik, 5. Apollofalter-Seelenwanderung, mit Historie dahinter

Christian Wagner (1835-1918) ist ein heute wenig bekannter Dichter, der aber seinerzeit von Hermann Hesse, Kurt Tucholsky, Karl Kraus und vielen anderen hochgeschätzt wurde. Er war der Sohn eines Bauern und literarisch ein Autodidakt. In seiner Jugend hat er Schmetterlinge gesammelt und seine entomologischen Kenntnisse und Vorlieben auch in seinen Werken eingesetzt.

In dem Gedicht Auf der Burgruine verarbeitet Wagner das Schicksal des Nicodemus Frischlin (1547-1590). Frischlin, humanistischer Dichter, Dramatiker und Philologe, Professor der Poetik und Geschichte, war ein sehr begabter Mensch, der teils durch unglückliche Umstände und teils durch sein eigenes undiplomatisches Verhalten ins Unglück geriet. Im März 1590 wurde er auf der Festung Hohenurach bei Urach am Nordrand der Schwäbischen Alb eingekerkert. In der Nacht vom 29. zum 30. November desselben Jahres stürzte er bei einem Fluchtversuch ab und brach sich das Genick. (Wer mehr über ihn erfahren will: Tante Gugel kennt ihn.) Weiterlesen

Veröffentlicht unter Lepidoptera, Lyrik | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

Faunistische Frag(würdigkeit)en – Der Eichenschwärmer Marumba quercus in Deutschland

„Schau mir in die Augen, Kleines…

marumba-quercus-f-8-km-ne-oraison-7483_1_600px

… und sag mir, ob du wirklich daran glaubst, daß ich jemals in Deutschland vorgekommen bin.“


Schon bald nachdem Marumba quercus 1775 aus der Gegend von Wien beschrieben worden war – mit farbiger Abbildung von Falter und Raupe – setzten auch Meldungen aus Deutschland ein. Esper besprach den Eichenschwärmer im Jahr 1780. Sein Exemplar stammte aus Wien, und er bemerkte dazu, die Raupen seien auch in Franken gefunden worden, aber zugrunde gegangen.

esper-ueber-m-quercus-600px

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Faunistik, Lepidoptera | Verschlagwortet mit , , | 3 Kommentare

Mysteriöse Arten – Was ist Neocomia satinea? (Noctuidae)

Viele alte und sehr alte Artbeschreibungen sind nicht sicher identifizierbar, besonders wenn sie mit einem unkenntlichen Bild oder ganz ohne Abbildung veröffentlicht wurden. Wenn ein Belegexemplar existierte, hatten spätere Forscher die Chance, durch Genitaluntersuchung (oder heute durch DNS-Analyse) weitere Bestimmungsversuche zu unternehmen. So konnten viele unsichere Taxa, die im 18. und 19. Jahrhundert unzulänglich beschrieben worden waren, letztendlich identifiziert werden. Gibt es aber kein Belegstück mehr, dann bleibt so ein Taxon rätselhaft oder zumindest fraglich.

Solch ein Rätsel ist Neocomia satinea.

Neocomia satinea Rougemont, 1901 kl
Diese Art – wenn es denn eine Art sein sollte – ist in mehrfacher Hinsicht von Geheimnissen umgeben. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Geschichte der Schmetterlingsforschung, Lepidoptera, Mysteriöse Arten | 1 Kommentar

Eulenraupen contra Wikinger – 1 : 0

Sieht sie nicht harmlos aus, die Raupe von Eurois occulta? Kaum zu glauben, daß diese Tierchen die Wikinger auf Grönland ausgerottet haben. Nein, Sie haben sich nicht verlesen: die Eulenraupen haben die Wikingerkultur vernichtet und nicht umgekehrt.

EUROISET-occulta-_crop

Weiterlesen

Veröffentlicht unter abstruses Geschreibsel, Allgemein, Geschichte der Schmetterlingsforschung, Lepidoptera | Kommentar hinterlassen

Faunistische Frag(würdigkeit)en – Odontosia sieversii in Niedersachsen

Augustus Radcliffe Grote (1841-1903) war offensichtlich eine schillernde Persönlichkeit. Durch seine Beiträge zur nordamerikanischen Lepidopterologie ist er ebenso bekannt wie durch seine Dauerfehden mit Herman Strecker und C. V. Riley. Tutt bezeichnete ihn in einem Nachruf als “the best loved and best hated lepidopterist in America” (Tutt 1903). Neben mindestens 600 entomologischen Publikationen veröffentlichte er Gedichtbände, komponierte Opern und Musikstücke, schrieb über das Verhältnis von Religion und Wissenschaft und vieles mehr. Die Wechselfälle des Lebens brachten ihn 1886 nach Deutschland (sein Vater stammte aus Danzig) und 1895 wurde er ehrenamtlicher Kurator am Roemer-Museum in Hildesheim, dessen Schmetterlings- und Käfersammlung er aufstellte und dessen entomologische Abteilung er verwaltete. Er publizierte lepidopterologische Arbeiten in den Mitteilungen des Roemer-Museums und hat auch in der Umgebung von Hildesheim Schmetterlinge gesammelt.

1907 erschien Wilhelm Bodes „Schmetterlingsfauna von Hildesheim“. Darin findet sich der Eintrag:

Odontosia sieversi: Mai. Galgenberg (Grote). Sieversi ist in der Jordanschen Fauna noch nicht erwähnt.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Faunistik, Lepidoptera | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Lepidopterologische Lyrik, 4. Äpfellied 1

Gleich zweimal hat Max Fingerling, den ich in einem früheren Beitrag vorgestellt habe, den Köderfang besungen. Er nannte diese Werke „Äpfellied“ 1 und 2. Nach meinem Geschmack seine besten Gedichte überhaupt, und das nicht etwa nur, weil sie vom Köderfang und von Eulen handeln. Das erste ist das heiterere der beiden; es weckt bei mir Erinnerungen an erste Köderfänge im Alter von dreizehn und vierzehn Jahren, und damals habe ich tatsächlich nachts von den Faltern geträumt.


MAX FINGERLING
Äpfellied I

Hier will ich euch die Sprenkel stellen,
Es weht der Wind vom Walde frisch,
Herbei, beflügelte Gesellen,
Hier lad‘ ich gastlich euch zu Tisch!

Fallstricken gleich von Baum zu Baume
Hab‘ ich die Schnuren aufgehängt,
Die ich mit zartem Apfelschaume
Und würz’gem Äther euch getränkt!

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Lepidoptera, Lyrik | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Mit al-Qazwînî zum Lichtfang im 13. Jahrhundert

Nach dem Untergang des Römischen Reichs in den Wirren der Völkerwanderungszeit und dem Aufschwung des Christentums geriet in weiten Teilen Europas das aristotelische Wissen in Vergessenheit. Philosophie und Naturwissenschaft – sofern man überhaupt von einer solchen sprechen kann – wurden stark religiös beeinflußt. Schriftliche Quellen über Insekten fehlen aus dieser Zeit weitgehend, abgesehen von der Erwähnung land- und forstwirtschaftlicher Schäden, zum Beispiel durch die verheerenden Heuschreckenzüge, die immer wieder weite Landstriche nicht nur Afrikas und Vorderasiens sondern auch Süd- und Mitteleuropas verwüsteten. Ohne konkrete naturwissenschaftliche Kenntnisse standen die Menschen solchen Schädlingen meist völlig hilflos gegenüber, was zu allerlei Auswüchsen in Mystik und Aberglauben führte. Die Kirche tat sich durch geistige Kurzschlußhandlungen wie Insektenprozesse und die Exkommunizierung von Maikäfern hervor. Scholastik, Dogmatik und Mystizismus ließen wenig eigenständige Forschungsarbeit zu. Zwar ist der Topos vom „finsteren Mittelalter“ so allgemein gesagt falsch, aber in naturwissenschaftlicher Hinsicht war das christlich geprägte Mittelalter eine ungünstige Zeit für freie Forschung. Nur wenige Menschen vermochten sich aus der sie umgebenden geistigen Umklammerung zu befreien und eigenständige wissenschaftliche Leistungen zu erbringen.

Die damals geistig noch etwas freiere islamische Kultur hatte das Wissen der Antike bewahrt und selbst weiter darauf aufgebaut. Aus diesem Kulturkreis liegen manche Zeugnisse für Aufgeschlossenheit und Beobachtungsfreude vor. So berichtet der arabische Gelehrte Zakariyyâ ibn Muhammad ibn Mahmûd Abu Yahyâ al-Qazwînî (um 1203–1283) in seiner Kosmographie „Adscha’ib al-machluqat wa gara’ib al-maudschudat“ (Die Seltsamkeiten unter den Geschöpfen und die Wunder der Schöpfung) über eine Lichtfangnacht in Bagdad im späten 9. Jahrhundert. Mu’tad’id bi’llah war der 16. Kalif der Abbasiden und regierte von 892 bis 902. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Fundstücke aus der älteren Literatur, Geschichte der Schmetterlingsforschung, Lepidoptera | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Namen als Gedächtnisstützen – Oligia strigilis

Die strigilis oder das Schabeisen war ein schmales, gebogenes Gerät, mit dem sich die wohlhabenden Römer von ihren Leibsklaven das Öl vom eingeölten Körper schaben ließen. Die weniger wohlhabenden machten das wohl selber. Die strigilis war also im weitesten Sinne ein Körperpflege-Utensil. In diesem Gemälde von Alma-Tadema wird es instrumentalisiert, um im prüden viktorianischen England unter dem Deckmantel eines Historienbildes eine Nacktszene zeigen zu können.

Sir Lawrence Alma-Tadema – Strigils and Sponges (1879)

Sir Lawrence Alma-Tadema – Strigils and Sponges  (1879)

yxzzzzz

Was hat diese strigilis nun mit dem Halmeulchen Oligia strigilis zu tun?

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Lepidoptera, Nomenklatur, Sprachliches | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

„Der Philipp, die Loni und die Vicki treffen die Atom-Emma“

Wenn Fachleute mit der Sprache spielen  (Teil 1)

Entomologische Anfänger, die sich in die Schmetterlingskunde einarbeiten, versuchen meistens zuerst, die deutschen Namen der Arten zu lernen. Das geht gut, solange man nur ein einziges Buch benutzt. Sobald man mehr Literatur oder das Internet heranzieht, merkt man, daß es für jede Art mehrere (manchmal eine ganze Menge) deutsche Namen gibt. Wer das Hobby Schmetterlinge intensiver verfolgt, geht irgendwann auf die wissenschaftlichen Namen über, weil die – allen Änderungen aufgrund neuer Forschungs-ergebnisse zum Trotz – auf Dauer einfacher zu lernen und leichter zu merken sind als die deutschen.

Dem Fachentomologen wird es oft langweilig, lange Namen auszusprechen und so läßt er im Gespräch gern die Gattungsnamen weg. Nachdem der Gattungsname einmal gefallen ist und der Gesprächspartner weiß, daß es um – sagen wir – Poecilocampa populi geht, dann kann man im weiteren Gespräch kurz populi sagen. Wenn ein Dritter hinzukommt, muß er eine Weile zuhören oder nachfragen, um zu erfahren, ob da von Limenitis populi oder von Laothoe populi oder eben von Poecilocampa populi geredet wird. Immerhin sind viele Artnamen so eindeutig, daß sie auch ohne den Gattungsnamen verständlich sind.

Der nächste Schritt ist dann die Abkürzung oder Verballhornung der Artnamen wie in der Überschrift dieses Beitrags: Da findet man auf einer Blütenwiese Zygaena filipendulae, Zygaena lonicerae und Zygaena viciae mit Ematurga atomaria: eben den Philipp, die Loni, die Vicki und die Atom-Emma…
Derartiger Privatjargon entwickelt sich nur zwischen Leuten, die eng zusammenarbeiten, kann aber bei Exkursionen oder Tagungen auf andere Kollegen übergreifen, auch wenn die oft erstmal nachgrübeln müssen, was gemeint ist. Anfänger sind mit derartigen Sprachspielereien oft überfordert, machen aber gerne mit, sobald sie erkannt haben, worum es geht. Nur Laien bleiben völlig außen vor.

Man kann sich die seltsamen Blicke der vorübergehenden Spaziergänger vorstellen, als zwei Entomologen an einer Stelle sammelten, wo Zygaena filipendulae und Zygaena transalpina flogen und der eine dem anderen quer über den Hang zurief, er sei sich nicht sicher, ob er eben „’nen Philipp oder ’ne Transe“ erwischt habe.

Und nächstesmal erzähle ich Ihnen von der Effi, der Angie und der Lotti, vom RO 80 oder vom Osterhasenfalter.
Veröffentlicht unter abstruses Geschreibsel, Lepidoptera, Nomenklatur, Sprachliches | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Entomo-Bibliophilie

Liebe Leser, wissen Sie, was man unter Bibliophilie versteht? Sie werden es erraten, auch ohne daß Sie das Buch von Nicholas Basbanes gelesen haben, das den Titel trägt „A Gentle Madness. Bibliophiles, Bibliomanes, and the Eternal Passion for Books”.

Ihnen kommt, wenn Sie „Bibliophilie“ hören, Dürers Holzschnitt „Der Büchernarr“ in den Sinn? – Gut.

Es läuft Ihnen kalt über den Rücken, wenn Sie hören, zu welchen Preisen halbgebildete Milliardäre die Manuskripte alter Renaissance-Genies ersteigern? – Sehr gut.

Dann sind Sie prädestiniert, die folgende kleine Erzählung zu verstehen.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Unsere Geschichte beginnt, wie jedes Märchen beginnt: Mit den Worten „Es war einmal …“.

Es war einmal ein Entomologe, der war ein Narr. Ein Büchernarr genau genommen. – Ein Büchernarr ist doch nichts Schlimmes, wenden Sie ein? Es kann nicht schaden, gute Literaturkenntnisse zu haben, sagen Sie? – Ja, im allgemeinen stimmt das. Aber es gibt Situationen, da kann sich zuviel Wissen auch als Fluch erweisen. Von einer solchen Begebenheit soll hier die Rede sein.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter abstruses Geschreibsel, Lepidoptera, Satirisches | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Die Flöhe des Herrn Suteminn

Umfangreiche Nachschlagewerke wie Lexika und Enzyklopädien enthalten gelegentlich den einen oder anderen fiktiven Artikel. In Karten, Atlanten und Stadtplänen finden sich manch­mal nicht existierende Straßen. Grund dafür ist meistens der Schutz vor Plagiarismus: Durch solche Details kann man Urheberrechtsverletzungen leicht nachweisen. Umgekehrt scheint es den Autoren solcher trockenen Nachschlagewerke manchmal Spaß zu machen, Leser und Kollegen durch erfundene Artikel an der Nase herumzuführen.

Eines der populärsten Beispiele ist der Eintrag zur Steinlaus (Petrophaga lorioti) im Pschy­rembel Klinisches Wörterbuch; er geht auf einen Sketch zurück, in dem Loriot als Prof. Grzimek seinem Publikum die „Steinlaus“ vorstellte. Ein unter Altertums-wissenschaftlern gut bekanntes Beispiel ist das Stichwort Apopudobalia in Der neue Pauly, Enzyklopädie der Antike, das mit dem Literaturhinweis auf eine „Festschrift M. Sammer“ einen fiktiven Vorläufer des Fußballspiels im Altertum beschreibt.

Berühmt wurde Horace Miners Aufsatz „Body ritual among the Nacirema“, der 1956 im American Anthropologist erschien und auf den ersten Blick von der merkwürdigen Körper­kultur handelt, die üblich sei bei einem nordamerikanischen Stamm „living in the territory be­tween the Canadian Cree, the Yaqui and Tarahumare of Mexico, and the Carib and Arawak of the Antilles“. Von der privaten Kosmetik und Körperpflege bis zu den Praktiken der Scha­manen und Medizinmänner wurde hier in streng anthropologischem Wissenschaftsjargon be­richtet. Natürlich hielt Miner seinen Landsleuten ironisch einen Spiegel vor (schauen Sie sich das genannte Territorium auf einer Karte an oder lesen Sie „Naci­rema“ rückwärts), aber der Artikel wurde von der Zeitschriftenredaktion ohne Weiteres angenommen, begutachtet und ver­öffentlicht.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter fiktive Arten | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 1 Kommentar

Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Schwärmerische Schweinereien

Viele Leute schwärmen für Schwärmer. Verständlich: das sind meist große, oft recht bunte und auffallend schnittige Falter mit interessanten Raupen.

Als Anfänger dachte ich, die Weinschwärmer seien nach ihrer Farbe benannt – sicher nicht nach dem dunklen Rotwein, den ich ab und zu aus dem Weinregal meines Vaters stibitzte und mit Honig, Zucker und zermatschten Bananen zu schmackhaftem Köder verrührte, aber ein Rosé würde farblich schon passen. Stattdessen liegt dem Namen eine – gelegentliche – Nahrungspflanze zugrunde: Die Raupen des Mittleren Weinschwärmers werden ab und zu an Weinrebe gefunden, die des sogenannten „Großen“ Weinschwärmers[1] auch. Wein ist zwar für keine von beiden Arten eine der Haupt-Nahrungspflanzen, aber als Kulturpflanze fiel der Raupenbefall hier wohl besonders auf. Bereits Maria Sibylla Merian hat die Deilephila-elpenor-Raupe auf Vitis abgebildet – und lateinisch kommentiert. Den deutschen Namen prägte wahrscheinlich Johann Leonhard Frisch (1736): Er hatte die D.-elpenor-Raupe ebenfalls „auf dem Weinlaub“ gefunden, bildete Raupe, Puppe und Falter ab und schrieb „von der grünen Weinblat=Raupe und dem Rosenfarbigen Papilion, so daraus wird.“ Rösel, der 1744 gute farbige Abbildungen aller Stadien brachte, nannte die Art aufgrund der Nahrungsangaben von Merian und Frisch „Die grose geschwänzte und gespiegelte Wein=Raupe“, obwohl er selbst die Raupen nur „auf dem grosen, rothen Weiderich, so bey uns in Wäldern wächst“ (Weidenröschen) gefunden hatte.
Der Kleine Weinschwärmer lebt ausschließlich an Labkraut und hat mit Wein nichts zu tun. Der deutsche Gattungsname – so eingängig er klingt – ist also nicht gut begründet.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter abstruses Geschreibsel, Allgemein, Geschichte der Schmetterlingsforschung, Lepidoptera, Nomenklatur, Sprachliches | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Fundorträtsel: Wo liegt Nemora an der Save?

Leider gab es nie eine allgemein anerkannte Etiketten-Etikette. Fundortangaben wurden – nicht nur auf Etiketten sondern auch in der Literatur – so geschrieben, wie es dem Schreiber gerade paßte. Gelegentliche Veröffentlichungen mit Richtlinien für geordnete, verständliche und vollständige Fundortangaben hatten wenig Wirkung, weil – wie immer in vergleichbaren Situationen – Aufrufe zur Besserung nie von den Leuten gelesen oder befolgt werden, die es am nötigsten haben.

Als ich mich für Falter zu interessieren begann, galten die dicken und teuren Wälzer von Forster & Wohlfahrt („Die Schmetterlinge Mitteleuropas“) als Standardwerke. Wie das so ist, schaut man sich mit fortschreitender Kenntnis vor allem die selteneren Arten an. Da Forster & Wohlfahrt sinnvollerweise keine vagen Durchschnittstypen sondern konkrete Belegexemplare mitsamt deren Fundorten abbildeten, konnte man sich über potentielle Fangplätze informieren. Für die östlich-kontinentale Art Plusidia cheiranthi findet man da den Fundort „Krain, Nemora (Save)“.

Forster & Wohlfahrt ()

Forster & Wohlfahrt (1971): Die Schmetterlinge Mitteleuropas. Band 4, Taf. 27

Die Save oder Sava ist ein Fluß in Krain, aber ich habe es damals trotz vieler Bemühungen nicht geschafft, in irgendeinem Atlas oder Lexikon einen Ort namens Nemora zu finden, der an der Save oder in deren Nähe liegt. Es gibt und gab in Krain keinen Ort dieses Namens oder auch nur mit einem ähnlichen Namen, weder heute noch in historischer Zeit.

Jahre später und manche entomo-historische Erfahrung reicher stieß ich in einer Museumssammlung auf Belegstücke, gesammelt in den 1920er Jahren von Ivan Hafner, mit der Etikette „Carniolia, Nemora ad Savum“. Auf ein derartig bezetteltes Tier geht die Angabe bei Forster & Wohlfahrt zurück. Und angesichts des Fundortetiketts klärte sich sofort das Forster-Wohlfahrt’sche Mißverständnis auf: Carniolia ist der lateinische Name für Krain und ad Savum bedeutet an der Save. Diese beiden Angaben hatten Forster & Wohlfahrt ins Deutsche übersetzt, nicht aber das Wort Nemora. Offenbar hatten sie nicht erkannt, daß Hafner das gesamte Fundortetikett in Latein geschrieben hatte. Nemora ist schlicht und einfach der Nominativ Plural von lat. nemus, Genitiv nemoris, n. (von griech. νέμος) = Wald, Gehölz. Die Fundortangabe bedeutet also „Krain, Wälder an der Save“. Durch die unvollständige Übersetzung bin damals wahrscheinlich nicht nur ich irritiert worden.

Einige von Hafners Etiketten tragen den Fundort „Carniolia, Nemora ad Savum, prope Labacum“, was die Sache leichter erkennbar macht: Krain, Wälder an der Save nahe Laibach/Ljubljana. Genau genommen ist das sogar ein vorbildliches Etikett, weil es das Land, den nächstgelegenen Ort und – cum grano salis – die Fundstelle (hier eher den Lebensraum) enthält. Der Museumsentomologe ist weit Schlimmeres gewohnt.

Veröffentlicht unter Allgemein, Lepidoptera | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Redensarten und Sprichwörter aus dem entomologischen Wortschatz

(leicht veränderte Fassung eines Kurzvortrags bei der Akademie für Analytische Irrelevanz am 1. April 2015)

Guten Abend, meine Damen und Herren,

Als im 17. und 18. Jahrhundert die Naturwissenschaften einen gewaltigen Aufschwung erlebten, verbreitete sich die Beschäftigung mit Physik, Chemie, Geologie, Mineralogie, Meteorologie, Botanik und Zoologie als Freizeitbetätigung nicht nur unter dem begüterten Adel sondern auch bei der gebildeten Bürgerschaft und war sozial einigermaßen anerkannt – das heißt, wenn man mit einem Schmetterlingsnetz in der Wiese herumlief, wurde man zwar noch belächelt, aber nicht mehr als geisteskrank eingesperrt. Seit dieser Zeit gelangten auch manche Ausdrücke aus dem damaligen entomologischen Fachvokabular in die Alltagssprache. Bisher hat noch niemand den Versuch unternommen, diese Phraseologismen zusammenzustellen. Ich will hiermit einen bescheidenen Anfang machen.

In der Zeit bevor der Köderfang erfunden wurde und der Lichtfang noch nicht so effektiv war wie im Zeitalter der Elektrizität, war die bevorzugte Sammelmethode für Nachtfalter und auch für manche Tagfalter die Raupensuche. Die quantitativ erfolgreichste Technik bestand darin, die an Baumästen, Büschen oder Stauden sitzenden Raupen mit Hilfe eines kräftigen Stockschlags gegen Ast oder Stengel in ein daruntergehaltenes Gefäß, in einen aufgespannten Schirm oder auf ein ausgebreitetes Tuch zu klopfen. Dies war das sogenannte Raupenklopfen, das in derselben Weise heute noch ausgeübt wird und das die Grundlage für den bekannten Ausdruck auf den Busch klopfen gewesen ist. Fiel eine Raupe daneben, dann war sie, besonders in hohem Gras, oft nicht mehr aufzufinden. Handelte es sich dort auch noch um stechende Halme wie etwa die von Binsen (Juncus), war die Nachsuche nicht nur mühsam sondern unangenehm und meist vergeblich. Von daher stammt der Ausdruck in die Binsen gehen für „verlorengehen, verschwinden, mißlingen“.
War es ein Schmetterling, der dem Sammler fliegend entkam, dann nannte man das die Flatter machen, ein Begriff, der sich in der Umgangssprache für „verschwinden, entkommen“ bis heute gehalten hat. Weiterlesen

Veröffentlicht unter abstruses Geschreibsel, Allgemein, Geschichte der Schmetterlingsforschung, Lepidoptera, Satirisches, Sprachliches | Kommentar hinterlassen