Wovon die Rede ist

Schmetterlings-Geschichte und -Geschichten

Es läßt sich wohl behaupten, daß die Geschichte der Wissenschaft die
Wissenschaft selbst sei. Man kann dasjenige, was man besitzt, nicht rein
erkennen, bis man das, was andere vor uns besessen, zu erkennen weiß.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Viele Entomologen, die das Beobachten oder Sammeln von Insekten als Hobby betreiben, interessieren sich nicht für die Geschichte der Entomologie. Sie finden historische Darstellungen langweilig und beschäftigen sich lieber mit den Tieren selbst als mit der Geschichte ihrer Erforschung oder mit den Menschen, die sie entdeckt und beschrieben haben. Mir ging es früher genauso. Irgendwann merkte ich aber, daß der historische Hintergrund auch nicht uninteressant ist und oft sogar sehr aufschlußreich sein kann. Wenn man taxonomisch oder historisch-faunistisch arbeitet, muß man sich früher oder später mit der älteren Literatur beschäftigen und von dort ist es nur ein Schritt zu den Autoren selbst und ihren Lebensumständen, über die man oft genug herzlich wenig weiß. Als ich mit 14 oder 15 Jahren meine ersten Schmetterlingsnamen lernte, wurde ich auch mit den Autoren und Jahreszahlen konfrontiert. Allmählich kam ich dahinter, daß „Hb.“ oder „Hbn.“ für den Augsburger Textildesigner Jakob Hübner stand, „Esp.“ für den Erlanger Professor Eugen Johann Christoph Esper und „Schiff.“ für die Wiener Jesuiten Ignaz Schiffermüller und Michael Denis. Und langsam erfuhr ich auch – immer ganz nebenbei – das eine oder andere über die Lebensumstände dieser Leute, die entomo-faunistisch gesehen unsere direkten Vorgänger waren.

Die Geschichte der Entdeckung und Erforschung der Organismen kann eine Menge Einblicke in die Biologie und Ökologie der Organismen selbst vermitteln. Ganz besonders wichtig sind historische Informationen, wenn sie die Faunistik betreffen, also den Zweig der Biologie, der sich mit der Verbreitung und dem lokalen und regionalen Vorkommen der Tiere beschäftigt. Wenn wir beispielsweise herausfinden, dass Freiherr Felix von Grabscher und Pfarrer Gotthold Liebmann, die beide im frühen 19. Jahrhundert in der Umgebung von Hintertupfingen Pflanzen und Tiere sammelten und darüber veröffentlichten, beide nur tagaktive Sammelmethoden anwendeten, dann können wir ihre alten Angaben über die Nachtfalterfauna von Hintertupfingen viel besser beurteilen als es ohne dieses Schnipselchen historischer Information möglich wäre. Ebenso wichtig ist es, den Verbleib alter Sammlungen zu recherchieren, um Belegstücke zu überprüfen und damit fragliche alte Angaben zu bestätigen oder als Fehlbestimmungen zu korrigieren. Von ganz besonderer Bedeutung ist dies bei Sammlungen, die Typusexemplare enthalten, also die Referenzexemplare, die als Grundlage von Artbeschreibungen dienten. Typusexemplare bleiben dauerhaft relevant, weil sie untrennbar mit dem ihnen verliehenen Artnamen (oder Unterartnamen) verbunden sind – die angelsächsische Literatur nennt Typusexemplare deshalb sehr anschaulich name-bearer, die Namensträger.

Neben der Geschichte – der tatsächlichen Historie – sind oft auch die Geschichtchen, die Anekdoten und Histörchen, von Interesse. Man findet sie meist nur nebenbei, mehr oder weniger versteckt in faunistischen Veröffentlichungen oder Nekrologen in den älteren Fachzeitschriften. Vieles kann man nur zwischen den Zeilen lesen und manches mag halb und halb erfunden oder teilweise erdichtet sein.

Wir wissen zur Genüge, daß viele angeblich historische Wahrheiten lediglich anekdotischen Charakter haben. Galileo Galilei hat nie – und vor Gericht schon gar nicht – in seinen Bart gemurmelt: „Eppur se muove. / Und sie bewegt sich doch.“ Diese Worte wurden ihm erst 1757, also über 120 Jahre nachdem sie gefallen sein sollen, von Giuseppe Baretti (1719-1789) in den Mund gelegt.

Hat Friedrich II. wirklich jene Einladung an Voltaire geschickt, auf der zu lesen stand

 p                     6
——–      à     ——-
venez               100

 was Voltaire ganz richtig als „Venez sous p à cent sous six –> Venez souper à Sanssouci“ (Kommen Sie zum Abendessen nach Sanssouci) erkannte. Er soll geantwortet haben: „G a“, was Friedrich als „G grand, a petit –> J’ai grand appetit“ lesen konnte.

Die Geschichte von dem heute sprichwörtlichen Ei des Kolumbus wurde 1565 von Girolamo Benzoni veröffentlicht. Benzoni wurde 13 Jahre nach Kolumbus‘ Tod geboren und hat selbst zugegeben, daß er die Anekdote nur vom Hörensagen kannte. Schon Vasari hatte diese Begebenheit über den Architekten Filippo Brunelleschi (1377–1446) erzählt, der dadurch den Auftrag für die Kuppel des Doms in Florenz erhalten haben soll. Aber vielleicht ist die Geschichte noch älter.

Luthers angebliche Worte „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ sind so nie gefallen; sie wurden ihm zehn Jahre nach seinem Tod zugeschrieben.

Die berühmte Ein-Wort-Depesche „Peccavi“, die General Napier angeblich abgeschickt haben soll, nachdem er 1843 die Provinz Sindh erobert hatte, ist in vielen englischen Geschichtsbüchern zu lesen, aber trotzdem rein erfunden. Napier hatte durch die Einnahme von Sindh seine Kompetenzen massiv überschritten und war sich dessen auch bewußt. So war das lateinische peccavi (ich habe gesündigt) gleichermaßen als Ergebnis seiner militärischen Kampagne und als Ausdruck seines Gewissens zu verstehen (I have sinned –> I have Sindh). Es wäre eine perfekt auf die Situation und auf den Protagonisten passende Begebenheit gewesen, die sich aber nie ereignet hat. Es war im Nachhinein die Idee einer Schülerin, daß Napiers Botschaft „peccavi“ hätte lauten sollen. Sie schickte ihren Einfall an den Punch, der ihn 1844 als Tatsache veröffentlichte. Von da ab trat das Bonmot seinen Siegeszug in die Geschichtsbücher an. Selbst Stephen Jay Gould, der sonst so akribisch recherchierte, ist noch darauf hereingefallen.

Und diese Beispiele könnte man noch beliebig vermehren.

Dennoch steckt in jeder geschichtlichen Anekdote und in jeder noch so falschen wissenschaftshistorischen Überlieferung insofern ein Stückchen Authentizität (nicht Wahrheit), als sie stattgefunden haben könnte. Die Anekdote paßt in der Regel zu der Person, der man sie zuschreibt, paßt in die Situation und paßt in ihre Zeit. Wir erkennen – auch wenn wir die Anekdote nicht glauben – die inhärente Möglichkeit und die Gültigkeit der knapp, aber treffend dargestellten Aussage.

So ist es auch mit entomologischen Anekdoten. Nehmen wir folgende Bemerkung über den Charakterdarsteller Ferdinand Ochsenheimer (1767-1822), der – als Schauspieler heute vergessen – zu Lebzeiten berühmt war, mit Iffland verglichen und von Schiller gelobt wurde:

Ferdinand Ochsenheimer

Ferdinand Ochsenheimer

Nach der Probe begab er sich sofort in die Umgegend der Stadt um zu sammeln, und kehrte erst kurz vor Beginn der Vorstellung zurück. Hatte er einen glücklichen Tag, so spielte er unübertrefflich und riss das Publikum zu frenetischem Beifalle hin. An Tagen aber, wo er wenig oder gar nichts erbeutet hatte, war er übelgelaunt und erhob sich nicht über die Mittelmässigkeit. „Heute,“ hiess es dann im Parterre, „hat Ochsenheimer bestimmt nichts gefangen.“  (Kuhn 1893)

Eine klassische Anekdote, wie man sie aus mittelmäßigen Biographien kennt. In besseren Werken erwartet man dazu mindestens einen Kommentar, der auf den möglicherweise anekdotischen Charakter des Texts hinweist. Aber es paßt hier alles zusammen. Jeder Biologe kennt die Enttäuschung, wenn man auf einer Exkursion nichts Besonderes gefunden hat, und Ochsenheimer hatte ohnehin den Ruf, im privaten Umgang trocken und langweilig, ja mißgelaunt zu erscheinen.

Pikanter ist es, wenn die Anekdote einen ehrenrührigen Inhalt hat und dazu auch noch wahr zu sein scheint, so etwa der zuverlässige Bericht über einen entomologischen Vierfachdiebstahl, der keinem Geringeren zur Last gelegt wird als dem großen Fabricius. Der Vorfall wird in keiner der Fabricius-Biographien erwähnt, ist aber durch den Bestohlenen glaubwürdig überliefert worden. Näheres dazu in diesem Beitrag.

Und da entomologische Diebstähle gern verharmlost oder gleich ganz totgeschwiegen werden, habe ich weitere Vorfälle dieser Art aufgewärmt – einige historische und auch einen neueren Datums, der in Entomologenkreisen einiges Aufsehen erregt hat (hier allerdings ohne den Dieb beim Namen zu nennen, denn er weilt noch unter uns und könnte sich – da er nie rechtskräftig verurteilt wurde – zu juristischen Gegenmaßnahmen hinreißen lassen).

Einen „Diebstahl“ hat auch Otto Staudinger einmal begangen, nämlich eine Art Namensdiebstahl. Er beschrieb eine neue Art, von der ihm Pagenstecher ein Bild vorgelegt hatte und die Pagenstecher selber beschreiben wollte. Wie Staudinger diese Usurpation eines Paradiesflüglers rechtfertigte, erfahren Sie im Beitrag über Ornithoptera paradisea.

Mögen Sie fiktive Lexikonartikel und ähnliche wissenschaftlich angehauchte Späße? Kennen Sie Loriots Steinlaus, den Körperkult der Nacirema, die Apopudobalia oder P. D. Q. Bach, den jüngsten Sohn von Johann Sebastian? Dann sollten Sie sich die Flöhe des Herrn Suteminn nicht entgehen lassen. Eine abgründige Geschichte.

In einem weiteren Abschnitt werden mysteriöse Arten vorgestellt: solche, die man nur einmal und dann nie wieder gefunden hat; solche, die sich keiner bekannten Art zuordnen ließen und an denen man herumgerätselt hat und zum Teil noch immer herumrätselt; solche, die einen unrechten Namen erhalten haben, worauf die Topotypenserie im Feuer unterging.

Ab und zu werde ich faunistische Angaben kommentieren, die uns Probleme bereiten. Gab es früher wirklich Eichenschwärmer in Deutschland? Kam Odontosia sieversii im 19. Jahrhundert tatsächlich bei Hildesheim vor? Was hat es mit den 9 Faltern von Vanessa vulcania auf sich, die zwischen 1900 und 1953 in Sachsen gefangen wurden? Und ähnliche Problemfälle.

Schmetterlinge kommen oft in Literatur und in Lyrik vor, aber meistens irgendwo am Rande, als hübsche bunte Flatterer in irgendeinem positiven Kontext und häufig ohne jegliche Fachkenntnis beschrieben. So banal wie belanglos. Aber es gibt auch lepidopterologische Lyrik, die von Fachleuten verfaßt wurde und das ist die, die mich interessiert. Dem fachlich nicht vorgebildeten Laien bleibt sie oft teilweise unverständlich und deshalb finden solche Werke keine weite Verbreitung. Man findet sie in alten Jahrgängen entomologischer Zeitschriften und an ähnlich schwer zugänglichen Stellen im Schrifttum, neuerdings auch im Internet. Und nicht immer sind diese Werkchen von besonderer literarischer Qualität. Wenn ich in irgendwelchen staubigen Bänden vergangener Zeiten über lepidopterologische Lyrik stolpere, notiere ich sie mir jedenfalls und ab und zu werde ich einige der lesenswerteren oder humorvolleren Beispiele hier vorstellen.

Und falls dieser Blog weiter wachsen sollte und über die drei oder vier Lepidopterologen hinaus, die gelegentlich hier vorbeischauen, ein paar Leser findet, greife ich vielleicht auch allgemeinere lepidopterologische Themen auf. Das wird sich finden.

Axel Steiner

Literatur
Kuhn, R. (1893): Aus dem Leben eines berühmten Entomologen. – Entomologische Zeitschrift, 7: 97-100.
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