Die Sage von der verwechselten Gammaeule und der Nomenklatur

Es war eine laue Maiennacht und schon lange war Stille eingekehrt in den engen Gassen von Salon-de-Provence. Nur in einer kleinen Kammer im Obergeschoß eines Bürgerhauses brannte ein einsames Licht. Im Kerzenschein saß da ein hagerer, bärtiger Mann und schrieb. Vierzeiler um Vierzeiler brachte seine emsige Feder zu Papier. Ganz entrückt schien er der Welt zu sein und immer wieder hielt er sinnend inne, als ob die Finsternis geheime Stimmen barg, die nur ihm verständlich waren und die es zu enträtseln galt.

Da erschien ein kleiner Nachtfalter in seiner Kammer und begann, um die Kerze seine Kreise zu ziehen. Zunächst beachtete Michel ihn nicht weiter, doch dann schwirrte ihm das Tierchen um Tintenfaß und Feder, um sich schließlich auf seinem Manuskript niederzulassen. Goldbraun und samtgrau schimmerten seine Flügel und der Kerzenschein spiegelte sich in einem silbrigweißen, tropfenförmigen Fleck auf den Vorderflügeln.

„Sieh da, der kleine Gamma-Vogel,“ murmelte Michel. „Erst gestern sah ich einen solchen im Garten des alten Jean-François.“

Sachte wollte er das Tier von seinem Tisch scheuchen, da stieß es einen leisen Seufzer aus.

„Was seufzt du, kleine Gamma-Phalaene? Du solltest dich des Lebens freuen: Du bist nicht in der Flamme verdorben, sondern hast der Verlockung des Lichts widerstanden. Nun suche das Weite und geh im Schutze der Nacht deinen Beschäftigungen nach.“

Erneut schluchzte das Tierchen auf: „Oh Meister, mein Dasein erscheint mir so sinnlos. Wo immer ich auftauche, werde ich für meinen großen Vetter, die Gamma-Phalaene, gehalten. Selbst Ihr habt mich verwechselt. Dabei bin ich kleiner und zierlicher, nicht so unruhig gezeichnet und von ebenmäßigerer Gestalt. Und mein Silberfleck ist um Vieles wunderbarer als das verrenkte Gamma des Cousins.“

Michel sah genauer hin und er stellte fest, daß die Phalaene recht hatte.

„Ihr habt die Gabe, großer Meister. Sagt mir … sagt mir: Wird es irgendwann eine Zeit geben, die mir Gerechtigkeit widerfahren läßt? Die mich nicht mit meinem Gamma-Vetter in ein und denselben Topf wirft? Eine Zeit, in der ich endlich ich selbst sein darf in den Augen der Welt?“

Erstaunt über soviel Selbstbewußtsein in einer so unbedeutenden Kreatur öffnete Michel seinen Geist und ließ sein Bewußtsein in die Ferne schweifen. Er schloß die Augen und lehnte sich auf seinem schmalen Schemel zurück. Die letzten im Kamin noch glühenden Hölzer warfen flackernde rote Lichter und schwarze Schatten über sein Gesicht. Eine Weile rührte er sich nicht. Der Silberfleckfalter wartete indessen reglos, auf Michels letztem Vierzeiler sitzend.

Schließlich öffnete der Seher die Augen. „Tja, meine kleine Phalaene,“ sagte er sanft. „Es wird dein Schicksal sein, noch lange mit deinem profanen Vetter verwechselt zu werden. Erst in ferner Zukunft werden Menschen mit scharfem Blick und klarem Verstande kommen und das Organismenreich klassifizieren. Dann wird auch dir, kleine Tropfen-trägerin, endlich Gerechtigkeit werden.“ Michel schüttelte den Kopf. „Aber es wird dir nicht gefallen, wie sie dich nennen. – Zuerst, ja zuerst wirst du den Reichtum und den Silbertropfen im Namen führen. In drei Jahrhunderten, von heute an gerechnet, wirst du als Plusia gutta bekannt sein. Wohlklingend und bezeichnend ist dieser Name, doch er wird dir kaum ein Menschenalter lang bleiben, denn bald werden spitzfindige Forscher etwas erfinden, was sie die Prioritätsregel nennen.“ Ominös knackten die verlöschenden Scheite im Kamin.

„Der Advokat, der Advokat…“ seufzte Michel. „Zwei Jahre, nur zwei kurze Jahre zu spät… Ein anderer ist schneller … Und so werden sie dich hinfort confusa, die Verwechselte, nennen, und diesen Namen wirst du nimmermehr loswerden. Dazu kommt ein unaussprechlicher Gattungsname nach einem altkaledonischen Geschlechte …“ Seine provençalische Seele sträubte sich, den fremdartigen Namen in den Mund zu nehmen.

„So muß jeder, der dich beim Namen nennen will, sich zunächst fragen, wie er überhaupt auszusprechen sei. Die Verwechselte James-McDunnough-Phalaene wirst du bleiben, solange die Menschen Tiere und Pflanzen mit Namen belegen. Ich bedaure, daß ich dir keine bessere Auskunft geben kann. Aber dies wird dein Schicksal sein.“ Stirnrunzelnd blickte Michel die kleine Silbertropfenphalaene an. Ihr Haarschopf schien sich zu sträuben und ein rotes Glühen erschien in ihren unergründlichen Augen. Die Flügel zitterten wie unter einer schweren Last. Dann erhob sie sich unvermittelt in die Luft und schwang sich in raschem, zielsicherem Flug durchs Fenster hinaus und in die Dunkelheit der Nacht hinein.

Ein paar Tage später hatte Michel die nächtliche Begegnung mit der Phalaene schon fast vergessen. Auf jeden Fall war die prophecie, die er ihr hatte zuteil werden lassen, nicht niedergeschrieben worden – natürlich nicht: Wen würde eine Weissagung für einen papillon nocturne interessieren?

Und so kam es, daß diese Prophezeiung, diese ganz besondere Prophezeiung, die einzige seiner Prophezeiungen, die tatsächlich eintreffen sollte, nie überliefert wurde.

Und die Verwechselte Gammaeulenphalaene Macdunnoughia confusa hadert noch immer mit ihrem Schicksal.

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1550: Der Apotheker und Okkultist Michel de Nostredame, genannt Nostradamus (1503-1566), beginnt mit jährlichen Veröffentlichungen seiner Prophezeihungen.
1850: James Francis Stephens beschreibt Plusia confusa. Außerhalb Englands bleibt der Name lange Zeit wenig bekannt.
1852: Der Rechtsanwalt Achille Guenée beschreibt Plusia gutta. Dieser Name wird im 19. Jahrhundert vielfach benutzt und erst allmählich durch den älteren und prioritätsberechtigten Namen confusa ersetzt.
1961: Kostrowicki stellt die Gattung Macdunnoughia auf, zu Ehren des amerikanischen Noctuiden- und Geometriden­spezialisten Dr. James Halliday McDunnough (1877-1962).
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