Don’t fear the Rippert

Auch wenn Goethes Faust der Ansicht war, Namen seien Schall und Rauch: Wir brauchen sie zur Verständigung und wenn es sich um wissenschaftliche Tier- oder Pflanzennamen handelt, ist es wichtig, daß sie einheitlich und gleichlautend sind. Das wird zum Ärgernis, wenn ein wissenschaftlicher Name falsch gebildet worden ist. Den darf man nämlich nicht so einfach korrigieren, wenn er erst einmal veröffentlicht ist, denn die Internationalen Regeln für die zoologische Nomenklatur besagen, daß nur dann eine nachträgliche Korrektur (im Taxonomen-Jargon: eine Emendation) erlaubt ist, wenn aus der ursprünglichen Publikation selbst hervorgeht, daß eine andere Schreibweise beabsichtigt war (ICZN, Artikel 32.5). Der Code bringt dazu das Beispiel: Wenn ein Autor eine neue Art ninnaei nennt, aber im Text derselben Publikation angibt, die Art sei Linnaeus gewidmet, dann darf dieser offensichtliche Schreibfehler zu linnaei korrigiert werden.

Ripperts brauner Bläuling
Jean François Jules de Rippert (1794-1875) stammte aus einer adeligen Familie in der Provence. Er war Großgrundbesitzer und Kommandant der Nationalgarde in Beaugency (Dept. Loiret) und in Pau (Dept. Pyrénées-Atlantiques) und beschäftigte sich mit Botanik und Entomologie (Luquet & Lévêque 2016).
Mehrere seiner lepidopterologischen Entdeckungen sind nach ihm benannt worden, so etwa die Geometride Digrammia rippertaria (Duponchel, 1830), die Bärenunterart Coscinia cribraria rippertii (Boisduval, 1834) oder der Zünsler Megasis rippertella (Zeller, 1839). Am bekanntesten ist aber wohl der Bläuling Polyommatus (Agrodiaetus) ripartii, der 1830 von Christian Freyer beschrieben und benannt wurde. Leider ist dem Namen des Entdeckers bei der Weitergabe der Belegstücke gleich ein doppelter Schreibfehler zugestoßen. Freyer gibt an, daß er seine Exemplare von Freiherr von Wimmer in Prag erhalten hat. Wimmer hatte sie wahrscheinlich auch nicht direkt von Rippert sondern über eine oder mehrere Zwischenstationen bekommen. Es ging also ein bißchen wie die Stille Post ab, über mehrere Länder und Sprachen, vielleicht noch durch unleserliche Handschrift erschwert. Die übrigen nach Rippert benannten Arten wurden erst in den folgenden Jahren beschrieben, so daß Freyer den Namen noch nicht aus der Literatur kennen konnte. Er nennt den Entdecker auch nicht im Text seiner Beschreibung. Somit besteht keine Möglichkeit der Korrektur des wissenschaftlichen Namens.

Die früheste Abbildung von Polyommatus ripartii in Freyers Werk 1830. Aus Platzgründen hat Freyer links die Oberseite, rechts die Unterseite dargestellt. (Scan von Jürgen Rodeland / Lepiforum)

Zwei Jahre später beschrieb Boisduval denselben Bläuling in der Gattung Argus als neue Art Argus rippertii Boisduval, 1832. „Il se trouve en juin et juillet aux environs de Digne, où il a été découvert en 1829 par M. Rippert de Beaugency, à qui je l’ai dédié.“ (Er [der neue Bläuling] kommt im Juni und Juli in der Umgebung von Digne vor, wo er 1829 von Herrn Rippert de Beaugency entdeckt wurde, dem ich ihn gewidmet habe.) Offensichtlich war ihm die Erstbeschreibung Freyers unbekannt geblieben. Jedenfalls ist rippertii Boisduval, 1832 damit ein Synonm (oder allenfalls eine Unterart) von Polyommatus ripartii. Da es sich um dieselbe Art und denselben Zeitraum handelt, kann es als so gut wie sicher gelten, daß Wimmers Falter ursprünglich ebenfalls von Monsieur Rippert gestammt haben.

Nun gibt es auch noch die landessprachlichen Namen, die keinen wie auch immer gearteten Regeln unterliegen. Das hat Vor- und Nachteile. Einer der Vorteile ist, daß man sie ändern kann[1]. So wissen wir heute beispielsweise, daß der Senfweißling Leptidea sinapis nicht, wie der wissenschaftliche Name suggeriert, am Ackersenf Sinapis arvensis lebt. Dergleichen Fälle gibt es leider in beträchtlicher Menge:  Zygaena filipendulae lebt nicht an Mädesüß (Filipendula ulmaria), Pyrgus malvae nicht an Malven, Thecla betulae nicht an Birken (Betula) und Anarta myrtilli nicht an Heidelbeere (Vaccinium myrtillus). All diese wissenschaftlichen Namen lassen sich nicht mehr ändern, die landessprachlichen Namen aber schon. Anstelle von „Senfweißling“ sind Alternativen wie Tintenfleckweißling oder Leguminosenweißling vorgeschlagen worden (Die zusätzliche Problematik, daß es sich hier um einen Artkomplex handelt, lassen wir mal außen vor). Anstelle von „Erdeichel-Widderchen“ – Erdeichel ist ein anderer Name für Mädesüß – benutzt man heute bevorzugt den Namen „Sechsfleck-Widderchen“ und statt „Malvendickkopf“ lieber „Kleiner Würfel-Dickkopffalter“.

Polyommatus (Agrodiaetus) ripartii kommt im deutschsprachigen Raum nicht vor und hat deshalb noch keinen deutschen Namen erhalten. Die Franzosen nennen ihn „Le Sablé provençal“ (Luquet 1986). Der englische Name aber lautet „Ripart’s Anomalous Blue“ und der ist in der Literatur und auch im Internet relativ weit verbreitet (>2.000 Google-Treffer). Hier ist leider die Falschschreibung in den landessprachlichen Namen übernommen worden. Wahrscheinlich hat keiner der englischen Namenserfinder und -benutzer von Monsieur Rippert gewußt; selbst in seinem Heimatland ist er den Entomologen recht wenig bekannt gewesen, bis Gérard Luquet und Antoine Lévêque vor wenigen Jahren eine biographische Arbeit über ihn veröffentlichten.

Jedenfalls spricht nichts dagegen, die Schreibweise des englischen Falternamens zu korrigieren. Man würde ja zum Beispiel auch keine „Darvienfinken“ unberichtigt lassen. All diejenigen, die bisher den Namen „Ripart’s Anomalous Blue“ benutzt haben, kann man in Abwandlung eines Blue-Öyster-Cult-Titels nur ermuntern: Baby, don’t fear the Rippert.

Literatur
Freyer, C. F. (1930): Beiträge zur Geschichte europäischer Schmetterlinge mit Abbildungen nach der Natur. Band 3. – Augsburg (Freyer). 168 S., Taf. 97-144.
Boisduval, J. B. A. (1832): Icones historique des Lépidoptères nouveaux ou peu connus. – Paris (Roret). 251 S., 47 Taf.
Luquet, G. C. (1986): Les noms vernaculaires français des Rhopalocères d’Europe (Lepidoptera Rhopalocera). – Alexanor 14, Suppl.: [ 1]-[ 49].
Luquet, G. C. & Lévêque, A. (2016): Brèves notes biographiques sur le lépidoptériste Jean François Jules de Rippert (°1794 – † 1875) et précisions sur la localisation de ses prospections près de Beaugency. – Alexanor, 27: 197-207.

[1] Naja. Im Grunde kann jeder einen deutschen Namen erfinden und benutzen. Genau das ist in der Schmetterlingsliteratur der letzten 250 Jahre geschehen und deshalb hat jede Art – zumindest bei den sogenannten Großschmetterlingen – ein halbes Dutzend oder mehr verschiedene deutsche Namen erhalten. Das ist der Nachteil. Der Anfänger, der zunächst vielleicht nur ein einziges Schmetterlingsbuch hat, benutzt dann die dort verwendeten Namen, ohne zu ahnen, daß es noch zehn andere für jede Art gibt. Der Fachmann hat verständlicherweise keine Lust, zusätzlich zu mehreren tausend wissenschaftlichen Namen – die er beruflich kennen muß – auch noch zehntausende deutsche Namen zu lernen, die er selten oder nie benutzen wird. Wollen Amateure mit Fachleuten kommunizieren, sollten sie tunlichst die wissenschaftlichen Namen benutzen.
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3 Antworten zu Don’t fear the Rippert

  1. Rolf Hohmann schreibt:

    Die wissenschaftlichen Namen werden doch immer wieder geändert: das Tagpfauenauge hieß früher Vanessa io; dann Inachis io, dann Nymphalis io; nun Aglais io.
    Ehrlich gesagt: ich verstehe den Sinn der ständigen Änderungen nicht…

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    • A.S. schreibt:

      Änderungen der Gattungszuordnung spiegeln normalerweise den fortschreitenden Kenntnisstand der Phylogenie (also der stammesgeschichtlichen Verwandtschaft) – aber manchmal auch unterschiedliche persönliche Meinungen der Biologen.

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      • Rolf Hohmann schreibt:

        Ein weiteres Beispiel: erst Satyrus circe, dann Brintesia circe, nun Aulocera circe für den Weißen Waldportier.
        Die Entomologen hier in meiner Gegend sagen nun nur noch: “ Eine circe“, wenn sie einen gesehen haben.
        Jeder weiß, was gemeint ist.

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