Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Namen als Gedächtnisstützen – Damon

Den Dolch im Gewande -m1_900x600-4

Man kann wohl kaum behaupten, daß Schwalbenschwanz und Segelfalter viel mit Machaon und Podaleirios zu tun haben, den Söhnen des Asklepios, die beide als Ärzte im Trojanischen Krieg wirkten. Und das gleiche gilt für die allermeisten der Schmetterlings-arten, die nach mythologischen oder historischen Personen benannt sind. Umso schöner ist es, wenn man in dieser großen Schar auf einen Namen stößt, der tatsächlich mnemotechnische Funktionen erfüllt.

Damon ist so ein Name.

Der Bläuling Polyommatus damon oder Agrodiaetus damon wird in der deutsch-sprachigen Literatur gern als „Weißdolchbläuling“ bezeichnet. Wer Schillers Bürgschaft kennt, kann sofort den Grund ersehen und wird den Namen nie wieder vergessen oder verwechseln.

Die Bürgschaft – heute zunehmend weniger bekannt, aber früher von Generationen von Schülern auswendig gelernt und wie die Glocke und der Taucher zum Bildungskanon des deutschen Großbürgertums zählend – beginnt so:

Zu Dionys dem Tyrannen schlich
Damon, den Dolch im Gewande,
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
„Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!“
Entgegnet ihm finster der Wüterich
„Die Stadt vom Tyrannen befreien!“
„Das sollst du am Kreuze bereuen.“

Jeder Schüler kannte diese Worte.[1] So wirkte der deutsche Name „Weißdolchbläuling“ nicht so sehr wie eine Erläuterung sondern vermittelte nur die Assoziation, die jedem Gebildeten ohnehin schon beim Lesen des Namens klar geworden war: Der Möchtegern-Tyrannenmörder Damon, „den Dolch im Gewande“ – das ist der Bläuling mit dem dolchähnlichen oder stichartigen weißen Streif auf den Flügeln.

Man möchte Denis und Schiffermüller gratulieren, denen wir diese schöne bildliche Eselsbrücke verdanken. Aber – war es wirklich so gemeint? In der Urbeschreibung findet sich kein Bezug zwischen dem Streifen und einem Dolch. Da heißt es:

D&S Urbeschr damon 1_640px_kontr6. Hahnenkopff-R.[aupe] (Hedysari Onobrychis.) Hahnenkopff.[alter] (**) – P.[apilio] Damon.

Und in der zugehörigen Fußnote:

D&S Urbeschr damon 2_640px_kontr(**) […] Die sechste Art oder der Hahnenkopffalter unterscheidet sich von andern vorzüglich durch einen langen weißen Geradstreif auf der Unterseite der Unterflügel, oder auch durch des Männchens silberblaue Oberseite; […]
([Denis & Schiffermüller] 1775: 182-183).

Denis und Schiffermüller glaubten, daß die meisten Raupen eine Haupt- oder Vorzugs-Nahrungspflanze hätten und benannten ihre Arten oft danach. Hier drückt sich das im deutschen Namen aus: „Hahnenkopff“ ist Esparsette, damals Hedysarum onobrychis, heute Onobrychis viciifolia. Die wissenschaftlichen Namen allerdings entlehnten sie bei allen Bläulingen aus der Mythologie.

Nun müssen wir uns die Chronologie der Ereignisse genauer anschauen. In der antiken Überlieferung der Geschichte von Damon und Phintias – in der Version von Aristoxenos ebenso wie in der Version von Diodor und in allen späteren Abänderungen – ist nicht Damon sondern Phintias der Attentäter. Schiller kannte die Geschichte nur aus den Fabeln des Hyginus (Goethe hatte ihm das Buch ausgeliehen), wo die beiden Protagonisten Moeros und Selinuntius hießen. Die Urfassung der Bürgschaft, die Schiller 1798 niederschrieb und 1799 erstmals veröffentlichte, begann so:

Zu Dionys dem Tirannen schlich
Möros, den Dolch im Gewande,

Offenbar hat Schiller dann recht bald von den tatsächlichen Namen Damon und Phintias erfahren, die beiden Figuren aber verwechselt – oder den Namen Damon aus Gründen der Metrik vorgezogen. In der Ausgabe von 1804 änderte er den Namen Möros jedenfalls zu Damon, und dies blieb in allen folgenden Editionen bis zum heutigen Tage so.

Rekapitulieren wir:

  • Der mit dem Dolch war eigentlich Phintias.
  • Der Name Damon für den Bläuling mit dem weißen Streifen wurde 1775 veröffentlicht (und lag in Manuskriptform vermutlich schon länger vor, denn das Vorwort des Werks von Denis und Schiffermüller datiert vom März 1771).
  • Schillers Ballade Die Bürgschaft erschien 1799, aber erst ab 1804 war Damon der mit dem „Dolch im Gewande“.

Also kann es gar nicht die Absicht von Denis und Schiffermüller gewesen sein, den weißen Streifen des Bläulings mit einem Dolch(stich) in Verbindung zu bringen. So schön das auch gewesen wäre; es ist einfach Zufall. Aber diesen Zufall machte sich später der Schöpfer des deutschen Namens zunutze; seiner Kreativität verdanken wir diese schöne Gedächtnisstütze.

Wer nun aber dieser Namenserfinder war, habe ich noch nicht herausgefunden. Der Name „Weißdolchbläuling“ wurde im Kapitel über die deutschen Namen gelistet – und als passendster Name verwendet – von Ebert & Rennwald (1991) in „Die Schmetterlinge Baden-Württembergs“, Band 1. Die dort aufgeführten Namen sind aus 15 Schmetterlings-werken des 20. Jahrhunderts entnommen, aber leider wird nicht zugeordnet, welcher Name aus welchem Werk stammt. Ich habe bereits überprüft: Lampert 1907, Spuler 1908-1910, Rebel 1910, Eckstein 1913, Bergmann 1952, Koch 1954/1984, Forster & Wohlfahrt 1955/1976, Pretscher RL BRD 1977, Ebert & Falkner RL BW 1978, Novak & Severa 1980. Es stehen noch aus zu überprüfen: Hering 1932 (Die Schmetterlinge, in Brohmer, Ehrmann & Ulmer: Die Tierwelt Mitteleuropas. Ergänzungsband 1), Stresemann 1969 (Exkursionsfauna von Deutschland. Insekten. Zweiter Halbband. Wirbellose II/2), Schwenke 1978, Pretscher 1984 (Großschmetterlinge, in Blab et al.: Rote Liste der gefährdeten Tiere und Pflanzen in der BRD).

Ergänzung 2016: Wie mir Herbert Fuchs mitteilt, wird der Name „Weißdolch“ neben „Esparsettenbläuling“ in der Exkursionsfauna von Stresemann benutzt (2. Aufl. 1974). Hier dürften wir dem Ursprung des Namens schon erheblich nähergekommen sein. Kennt jemand eine Literaturstelle, wo er in der Form „Weißdolchbläuling“ auftaucht?

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Als Anhang hier die – sicher noch unvollständige – Liste der deutschen Namen von Polyommatus damon.
Namen nach der Raupennahrungspflanze:
Hahnenkopffalter (Denis & Schiffermüller 1775, Hübner, Vogel 1837)
Hahnenkopf Schildfalter (Schrank 1801)
Hanenkopffalter (Meigen 1827)
Esparsettenrasenbläuling (Bergmann 1952)
Esparsettebläuling (Quelle?, zitiert bei Ebert & Rennwald 1991)
Esparsettenbläuling (Stresemann 1969, 19742, Stettmer, Bräu, Gros & Wanninger 2007)
Großer Esparsettenbläuling (Pretscher RL ?1997? [Stand 1995/96])
Namen nach dem Aussehen des Falters:
Glänzend Grünblauer Bläuling (Bau 1886)
Grünblauer Bläuling (Lampert 1907, Pretscher 1977, Ebert & Falkner 1978, Novak & Severa 1980, Blab & Kudrna 1982, Reichholf-Riehm 1983)
Weißgestreifter Bläuling (Hofmann & Fleischer 1919)
Streifen-Bläuling (Weidemann 1986, Settele, Feldmann & Reinhardt 2000, Stettmer, Bräu, Gros & Wanninger 2007, Settele, Steiner, Reinhardt, Feldmann & Hermann 2015)
Weißdolch (Stresemann 1969, 19742)
Weißdolchbläuling (Ebert & Rennwald 1991, Settele, Feldmann & Reinhardt 2000)

[1]  Und genauso gut bekannt waren parodistische Versionen, wie ich sie noch von meinen Großeltern gehört habe. Eine Variante lautete: „Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!“ – „Kartoffeln schälen, störe mich nich.“


Herzlichen Dank an Herbert Fuchs für die ergänzende Literaturrecherche.


 

Siehe auch
Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Die Kleineulen: eine Räuberbande
Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Beziehungen, die verlorengingen: Phlogophora

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