Mit al-Qazwînî zum Lichtfang im 13. Jahrhundert

Nach dem Untergang des Römischen Reichs in den Wirren der Völkerwanderungszeit und dem Aufschwung des Christentums geriet in weiten Teilen Europas das aristotelische Wissen in Vergessenheit. Philosophie und Naturwissenschaft – sofern man überhaupt von einer solchen sprechen kann – wurden stark von der Theologie beeinflußt. Schriftliche Quellen über Insekten fehlen aus dieser Zeit weitgehend, abgesehen von der Erwähnung land- und forstwirtschaftlicher Schäden, zum Beispiel durch die verheerenden Heuschreckenzüge, die immer wieder weite Landstriche nicht nur Afrikas und Vorderasiens sondern auch Süd- und Mitteleuropas verwüsteten. Ohne konkrete naturwissenschaftliche Kenntnisse standen die Menschen solchen Schädlingen meist völlig hilflos gegenüber, was zu allerlei Auswüchsen in Mystik und Aberglauben führte. Die Kirche tat sich durch geistige Kurzschlußhandlungen wie Insektenprozesse und die Exkommunizierung von Maikäfern hervor. Scholastik, Dogmatik und Mystizismus ließen wenig eigenständige Forschungsarbeit zu. Zwar ist der Topos vom „finsteren Mittelalter“ so allgemein gesagt falsch, aber in naturwissenschaftlicher Hinsicht war das christlich geprägte Mittelalter eine ungünstige Zeit für freie Forschung. Nur wenige Menschen vermochten sich aus der sie umgebenden geistigen Umklammerung zu befreien und eigenständige wissenschaftliche Leistungen zu erbringen.

Die damals geistig noch etwas freiere islamische Kultur hatte das Wissen der Antike bewahrt und selbst weiter darauf aufgebaut. Aus diesem Kulturkreis liegen manche Zeugnisse für Aufgeschlossenheit und Beobachtungsfreude vor. So berichtet der arabische Gelehrte Zakariyyâ ibn Muhammad ibn Mahmûd Abu Yahyâ al-Qazwînî (um 1203–1283) in seiner Kosmographie „Adscha’ib al-machluqat wa gara’ib al-maudschudat“ (Die Seltsamkeiten unter den Geschöpfen und die Wunder der Schöpfung) über eine Lichtfangnacht in Bagdad im späten 9. Jahrhundert. Mu’tad’id bi’llah war der 16. Kalif der Abbasiden und regierte von 892 bis 902.

„Kalif aus Samarkand, der Kämmerer des Kalifen Mu’tad’id bi’llah erzählt, daß in einer Nacht zahlreiche Schmetterlinge um die brennende Kerze, die vor dem Kalifen stand, saßen. Wir sammelten sie, sie füllten ein Makkuk [arab. Hohlmaß]; dann sonderten wir sie voneinander und es waren 72 verschiedene Formen.“ (Übersetzung nach Wiedemann).

72 für den Laien unterscheidbare Arten, das ist wahrlich kein schlechtes Ergebnis für Kerzenlicht.

An anderer Stelle erwähnt al-Qazwînî, daß das Artenspektrum der nachtaktiven Insektenfauna je nach Biotop unterschiedlich zusammengesetzt ist – eine bemerkenswerte Erkenntnis, wie sie zur gleichen Zeit in Europa wohl undenkbar gewesen wäre. Es klingt, als ob diese Beobachtungen seine eigenen gewesen sind:

„Wer die Richtigkeit des Wortes Gottes erkennen will: „er erschafft, was ihr nicht kennt“ (Koran, XVI, 8), der möge nachts ein Feuer in der Mitte eines Dickichtes anzünden und dann all das, was an Insekten usw. zu dem Feuer herankommt, beobachten. Er sieht dann solche wunderbaren Formen und eigenartigen Gestalten, wie er nie gedacht hätte, daß Gott etwas derartiges geschaffen hätte. Denn die Geschöpfe, die zu seinem Feuer herankommen, unterscheiden sich je nach den Stellen der Dickichte, der Berge, der Ebenen und der Wüsten. An jedem Orte kommen andere Geschöpfe vor als an jedem anderen.“ (Übersetzung nach Wiedemann).

Faszinierend. Ob Wiltshire, Ellison und andere, die im 20. Jahrhundert die Lepidopterenfauna Mesopotamiens erforschten, al-Qazwînîs Werke kannten? Ob sie sich bewußt waren, daß sie auf seinen Spuren wandelten?

 

Literatur

al-Qazwînî, Zakariyyâ ibn Muhammad ibn Mahmûd Abu Yahyâ (1986): Die Wunder des Himmels und der Erde. Aus dem Arabischen übertragen von Alma Giese. – Stuttgart, Wien (Thienemann, Edition Erdmann).

Wiedemann, E. (1916): Beiträge zur Geschichte der Naturwissenschaften LIII. Über die Kriechtiere nach Al-Qazwini nebst einigen Bemerkungen über die zoologischen Kenntnisse der Araber. – Sitzungsberichte der physikalisch-medizinischen Sozietät in Erlangen, 48: 228-285.

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