Lepidopterologische Lyrik, 6. Köderfang 2

Aus dem Œuvre des Entomo-Lyrikers Max Fingerling (1844-1904) habe ich schon zwei Werke vorgestellt, darunter auch den ersten Teil des „Äpfellieds.“ Der zweite Teil ist nicht weniger attraktiv. Fingerling vergleicht die Falter mit einer Hochzeitsgesellschaft. Sehr passend: Ordensbänder sind die Hochzeiter (lat. sponsa = Braut, Verlobte; lat. nupta = Braut). Wurde das Sammeln im ersten Äpellied nur indirekt angesprochen („Vom schlauen Jäger dargebracht“) so wird es hier konkreter und nach dem hochzeitsfrohen Beginn schlägt die Stimmung am Ende in angemessen tragische und nachdenkliche Töne um.


Äpfellied II

Es ist erfüllt mein stolzes Hoffen,
Es rauschte schon, – da kommen sie,
Schon sind die Kleinen eingetroffen
Und auch die schöne Fraxini, –

Das blaue Ordensband, das breiter
Nie eines Königs Brust geschmückt,
Schon hat die Aspe es aus weiter
Entfernung zu mir abgeschickt!

Die Schlanken, die im Schilf geboren,
Und jene Seglerin der Luft,
Promissa, im Genuß verloren,
Sie alle reizt der süße Duft!

Und Nupta naht mit raschem Wandel,
Der Schönheit liebliches Symbol,
Und deckt mit ihrem grauen Mantel
Das schwarz und rote Kamisol!

Sie sind zum Brautzug aufgefahren:
Sponsa ist Bräutigam und Braut,
Maura in samtenen Talaren,
Das ist der Priester, der sie traut.

Glühwürmer mit geheimem Funkeln
Als Hochzeitsfackelträger nah’n,
Schon hat der Iriskelch im Dunkeln
Sich als ihr Brautbett aufgethan.

Der ganze Hofstaat ist zur Stelle,
Die Plusia trägt das Brautgeschmeid,
Im blauen Stahlhemd die Libelle
Stellt sich zum Heroldsdienst bereit!

Wie sie, in immer engerm Kreise
An mich gebannt, bald nahn, bald fliehn,
Und an die königliche Speise
Mit ausgespreizten Flüglein ziehn!

Ihr dauert mich, ihr armen Näscher –
Hat euch die Mutter nicht gewarnt
Vor jenem, der, gewandter Häscher,
Mit schnöden Netzen euch umgarnt?

Noch nicht gewarnt euch vor dem Jäger?
– In seinen Schlingen wohnt der Tod,
Den euch der list’ge Fallenleger
In seiner würz’gen Lockung bot?

Die Wiese gab euch Tau und Honig,
Ein weiches Bett in stiller Nacht,
Und über euer’n Zügen wonnig
Hielt Stern an Stern für euch die Wacht!

Das Gastmahl, dem ihr heute folget,
Bezahlt ihr früh mit eurem Blut,
Nach kurzer Herrlichkeit erdolchet,
Mit kaltem Stahl euch, der euch lud!

O, warum traut ihr dem Verräter?
– So endet, wer zu rasch begehrt –
Denn er kredenzt euch süßen Äther
– Und Cyankali als Dessert.


Fingerling, M. (1891): Äpfellied II. – Entomologisches Jahrbuch [Krancher], 1892: 120-121.


Siehe auch
Lepidopterologische Lyrik, 1
Lepidopterologische Lyrik, 2
Lepidopterologische Lyrik, 3
Lepidopterologische Lyrik, 4
Lepidopterologische Lyrik, 5

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